Die Revolution wird beerdigt: Nachruf auf Ernesto Cardenal

03.04.2020 - Amelie Lanier - Untergrund-Blättle

Die Revolution wird beerdigt: Nachruf auf Ernesto Cardenal
Ernesto Cardenal, Kulturminister von Nicaragua, September 1983.

Ernesto Cardenal verband mit der Revolution eine spirituelle Erneuerung, die sich in Kunst, Literatur und Wissenschaft niederschlagen sollte.

Die meisten Anhänger von Revolution und Umsturz in unseren Breiten orientieren sich an der russischen Oktoberrevolution. Andere Revolutionen sind unter ferner liefen: Die mexikanische von 1910 ff., , die portugiesische Nelkenrevolution, die russische Februarrevolution, usw. Entweder man schweigt darüber, oder tut sie als Fake-Revolutionen, halbe Sachen ab.

Zu Revolutionen überhaupt

Das Wort „Revolution“ kommt eigentlich aus der Astronomie. Das im 17. Jahrhundert erschienene Werk von Kopernikus hiess „De revolutionibus orbium coelestium“ (Über die Umschwünge der Himmelskörper). Erst im 18. Jahrhundert wurde es auf gesellschaftliche Veränderungen, Umstürze angewendet. Seither hat der Begriff eine sehr turbulente Karriere gemacht, mit der die Gewalt oftmals verklärt und gerechtfertigt wird.

Man stellt sich dabei vor, die alte Ordnung würde zerschlagen und eine neue errichtet. Abgesehen davon, dass die neue nicht umbedingt besser sein muss, wird auch meistens jede Menge alter Mist mitgeschleppt und mit einem neuen Anstrich versehen. Das war auch bei der russischen Revolution so.

Heute ist der Begriff endgültig auf den Hund gekommen und bezeichnet mit den „Farbrevolutionen“ vom Ausland angezettelte Umstürze zum Austausch von Marionetten.

Die nicaraguanische Revolution

zählt für Revolutions-Puristen zu den nichtswürdigen Revolutionen. Die Frente Sandinista einte nur ein Wunsch: Weg mit Somoza! Ähnlich wie heute bei Farbrevolutionen, wo ein Präsident schuld an allem sein soll, sahen viele in der Person des Diktators den Grund für alle Übel, die Nicaragua plagten. Über das, was nachher kommen sollte, hatten sie sehr unterschiedliche Vorstellungen.

Nach dem Sturz Somozas dividierten sich die Sandinistas deshalb schnell auseinander, und bekämpften einander gegenseitig. Es war Pragmatikern wie Daniel Ortega zu verdanken, dass überhaupt so etwas wie ein sandinistischer Staatsapparat zustandekam. Dabei konnte er auf seinen Bruder Humberto zählen, der das Militär reorganisierte und zu einer Stütze der aus der Guerilla hervorgegangenen Partei FSLN machte.

Ortega arrangierte sich mit den alten Eliten, tastete die Eigentumsverhältnisse nicht an und schuf durch enen rudimentären Sozialstaat so etwas wie sozialen Frieden. Ausserdem machte er sich Liebkind bei der Amtskirche, unter anderem mit einem absoluten Abtreibungsverbot. Er legt Wert darauf, dass die sandinistische Revolution christlich ist, und zwar in sehr konservativer Auslegung. Das steht auch auf allen Schildern, Mauern und in den Schulen Nicaraguas. Auch das widerspricht dem von Cardenal gepredigten – und gelebten! – Christentum.

Das Intermezzo der bourgeoisen Regierungen unter Chamorro und Alemán tat das ihrige, um Ortega und die FSLN als kleineres Übel wieder an die Macht zu bringen. Auch heute, nach Niederschlagung von Demonstrationen mit einer beträchtlichen Anzahl von Toten sehen Ortega & Co. in den Umfragen immer noch besser aus als die Oligarchen-Opposition.

Um das gegenüber den ursprünglichen hochgesteckten Erwartungen recht bescheidene Ergebnis der sandinistischen Revolution irgendwie als Erfolg zu verkaufen, bedurfte es der Propaganda. Und da geriet Daniel Ortega mit Ernesto Cardenal aneinander. Die Propagandachefin von Nicaragua ist nämlich Ortegas Frau, die First Lady Rosario Murillo.

„Revolution“ bei Ernesto Cardenal und daraus resultierende Konflikte

Cardenal verband mit der Revolution eine spirituelle Erneuerung, die sich in Kunst, Literatur und Wissenschaft niederschlagen sollte. Ähnlich der bäuerlichen Künstlerkolonie auf der Inselgruppe von Solentiname im Nicaragua-See, die er organisiert und für die er ein „Evangelium“ geschrieben hatte, sollten in ganz Nicaragua Künstler und Dichter entstehen. Als Kulturminister veranstaltete er deswegen grosse Künstler- und Dichter-Lehrwerkstätten.

Das brachte ihn, der nebenbei auch noch Priester und Angehöriger des Trappisten-Ordens war, beim Pontifex Maximus in Misskredit. Karol Wojtyla hielt nämlich nichts von kommunistischen Experimenten, unter die er sowohl die sandinistische Revolution als auch die Theologie der Befreiung einreihte, deren Vertreter und Verkünder Cardenal war.

Es war zusätzlich sicher die spirituelle Konkurrenz zu Wojtyla, das „diesseitige“ und kreative Element von Cardenals Wirken, das den antikommunistischen Kreuzzügler aus Polen störte. Cardenal hielt auch nichts vom Zölibat und war den körperlichen Freuden der Liebe sehr zugetan.

Der Papst verbot ihm Anfang der 90-er Jahre die Ausübung seines Priesteramtes und die Stiftung der Sakramente. Solche Behandlung war im 20. Jahrhundert selten. Cardenal konnte sich geehrt fühlen, von dem polnischen Exorzisten aus der Kirche ausgeschlossen worden zu sein. Erst der jetzige Papst aus Argentinien nahm ihn voriges Jahr wieder in den Schoss der Kirche auf. Wirklich beeilt hat er sich damit auch nicht, um ein Haar wäre Cardenal als Amtsenthobener gestorben.

Seine Meinung von Johannes Paul II. war dementsprechend: „Dieser Papst war eine Katastrophe für Lateinamerika und ein Unheil für die ganze Welt“, so drückte er vor einigen Jahren bei einem Interview seine Meinung zu seinem verstorbenen Widersacher aus.

Der Mann, der niemand etwas wegnehmen und allen etwas geben wollte, geriet auch mit der weltlichen Macht Nicaraguas aneinander. Schon in seiner Zeit als Kulturminister in den 80-er Jahren stiess er sich an der primitiven Kunstauffassung der sandinistischen Propagandaabteilung. Damals entstand die Feindschaft mit der First Lady, die seither Managua mit hässlichen bunten und beleuchteten Metallgestellen, genannt „Lebensbäume“, und den Rest des Landes mit kitschigen Eventparks vollgespflastert hat. Das missfiel dem Mann, der von kosmischer Harmonie träumte.

Der Gegensatz kam in den letzten Jahren auf seine Spitze, als ausgerechnet Cardenal, der materiell in mönchischer Enthaltsamkeit lebte, der Korruption und Unterschlagung bezichtigt wurde. Wegen eines Gebäudes auf der Inselgruppe Solentiname – wirklich am Arsch der Welt und schwer erreichbar – behelligte ihn die Justiz: Er solle sich unrechtmässig bereichert und aus der Immobilie irgendwie Profit geschlagen haben. Das war die Retourkutsche, weil er dem Ortega-Clan – mit weitaus mehr Berechtigung – Bereicherung und Nepotismus vorgeworfen hatte.

Sogar bei seinem – von Bereitschaftspolizei überwachtem – Begräbnis kam es zu Tumulten mit Ortega-Anhängern, die ihn als Verräter an der Revolution bezeichneten und die Trauernden beschimpften.

Als ich dich verloren habe

Als ich dich verloren habe, haben du und ich etwas verloren:
Ich deshalb, weil du dasjenige warst, was ich am meisten geliebt habe
und du, weil ich derjenige war, der dich am meisten geliebt hat.
Aber von uns beiden hast du mehr verloren als ich:
denn ich kann andere Frauen genauso lieben wie dich
aber dich wird niemand mehr so lieben, wie ich dich geliebt habe.
(Poemas de Ernesto Cardenal)

Kategorien: Politik, Südamerika
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