COVID-19: Der Zorn der Götter?

16.04.2020 - Antonio Carvallo

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Griechisch verfügbar.

COVID-19: Der Zorn der Götter?
(Bild von Pintarest)

Mythologische Geschichten sind reich an Erzählungen, die sich auf die schweren Sünden der Menschen beziehen und den Zorn der Götter in Form von Überschwemmungen, Seuchen, Feuer und Hungersnot über sie bringen. Manchmal wurden diese Verbrechen gegen die natürliche Ordnung der Welt begangen, ein anderes Mal gegen die göttliche Autorität der Götter selbst.

Diese Erzählungen können unabhängig von religiösen Überzeugungen als äußere Phänomene betrachtet werden, die von der normalen menschlichen Erfahrung losgelöst sind und aus einem größeren System stammen. Diese Phänomene erzeugen einen solchen Schock, dass sie Verhaltensweisen berichtigen können. In vielen dieser Geschichten korrigierten die reuigen Völker ihr Verhalten oder waren erst nach einem Prozess schmerzhafter Bestrafung rehabilitiert.

Der Lehre Silos folgend, ist es möglich, eine strukturelle Vision der sozialen Welt, der Natur und des Bewusstseins des Individuums zu sehen. Betrachtet man das noch nie dagewesene Phänomen, in das wir gerade eingetaucht sind, ist es unmöglich, Analogien zu diesen Mythen zu übersehen, die auf das frühgeschichtliche Gedächtnis der menschlichen Spezies zurückgehen.

Aus dieser Perspektive kann man die Wirkung von Viren, die zwar außerhalb der normalen Ebene des biologischen Lebens liegen, aber die Fähigkeit besitzen, diese zu modifizieren oder zu zerstören, als die Art von korrigierendem Schock interpretieren, wie er in diesen Mythen beschrieben wird, und zwar von einem beispiellosen Ausmaß.

COVID-19 hat nicht nur Zehntausenden von Menschen Leid und Tod gebracht, sondern auch Millionen Arbeitsplätze von Familien vernichtet. Ganze Industriezweige wie das Hotel- und Gaststättengewerbe, die Produktionsbasis, Lieferketten und Dienstleistungen aller Art sind betroffen… ein beispielloser Vorschlaghammer in der Geschichte der Menschheit. Das Virus SARS-CoV-2 hat sich innerhalb weniger Wochen wie ein Lauffeuer über die ganze Welt ausgebreitet und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lahmgelegt und in Quarantäne gezwungen.

Es erscheint dann unpräzise, diese Pandemie mit früheren Pandemien in der neueren Geschichte zu vergleichen, wie z.B. der Spanischen Grippe 1918. Der Versuch, enge Parallelen zwischen den Auswirkungen von COVID-19 und anderen schlecht dokumentierten Episoden der Vergangenheit zu ziehen, als handele es sich um ein identisches Phänomen, verfehlt das Ausmaß dessen, was uns heute bevorsteht. Er hilft uns auch nicht dabei, uns angemessen auf das, was auf uns zukommt, vorzubereiten.

Eine Welt, die so komplex und verflochten ist wie die heutige, hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben und stellt daher eine völlig einzigartige Situation dar.

Ob es uns gefällt oder nicht, wir sind bereits eine junge universelle menschliche Nation. Wenn der Körper der Gesellschaft gleichzeitig betroffen ist, mit den gleichen Symptomen und den gleichen Hilfs- und Heilungsstrategien. Wenn sich das Virus aus allen Breitengraden in unvorhersehbare Richtungen und mit nicht vorhersehbarer Geschwindigkeit bewegt. Wenn wir voranschreiten und in Echtzeit die Statistiken über Fortschritt, Stillstand und Rückzug der Seuche vergleichen. Wenn Produkte und medizinische Expertenteams innerhalb weniger Stunden von den verschiedenen Produktionsstätten von Medikamenten, persönlicher Schutzausrüstung sowie Hilfs- und Kontrollausrüstung zur Virusbekämpfung an die dringendsten Orte geschickt werden. Wenn Gegenmittel und Impfstoffe in den besten Laboratorien der Welt mit Hochdruck gesucht werden, ist es klar, dass wir es mit einem neuen Phänomen zu tun haben, das in der heutigen Welt Vorrang vor allen anderen Prioritäten hat. In dieser kollektiven sozialen Erfahrung werden wir Zeuge der schmerzhaften Geburt dieser universellen menschlichen Nation.

Menschen in allen Breitengraden erkennen durch Erfahrung, dass wir Protagonisten eines neuen Phänomens sind und nehmen unsere Verantwortung ohne Zwang oder Androhungen wahr, um unnötigen Schaden von anderen Menschen abzuwenden.

Die derzeitigen Regierungen in den verschiedenen Staaten und Regionen nehmen unterschiedliche Positionen ein und legen ein ethisches Verhalten an den Tag, das ihren jeweiligen Ideologien entspricht. In vielen Fällen versuchen sie, aus dem Phänomen politisch Kapital zu schlagen, aber kurz nachdem sie dies versucht haben, korrigieren sie ihre Entscheidungen angesichts des überwältigenden Aufschreis der Völker dieser Welt, die die Basis dieser neuen Nation sind.

Diejenigen, die das Geld über das Leben stellen, diejenigen, die den Staat den Menschen vorziehen, die Oligarchen, Spekulanten und Unterdrücker aller Art, sind jetzt machtlos und schaudern angesichts des nahenden Wandels.

Währenddessen denken wir, die absolute Mehrheit der Menschen, in Quarantäne, frei von dem täglichen Hamsterrad, das unser Leben erfüllt, über die Gestaltung unserer neuen Zukunft nach.

Da das neue Zeitalter der sofortigen globalen Kommunikation immer offensichtlicher wird, beobachten wir, dass, wenn unsere fieberhafte Aktivität aufhört, das System gelähmt wird, die Aktienmärkte abstürzen und Produktion und Dienstleistungen langsam zum Stillstand kommen. Dies bietet eine seltene Einsicht; dass die Produzenten des Reichtums in Wirklichkeit die Menschen sind und dass es die Menschen sind, die die Energie liefern, die dem System Leben einhauchen. Ohne sie stirbt es.

Es sind die Krankenschwestern, Ärzte, Sanitäter und das Pflegepersonal, die ungeschützt ihr Leben riskieren, bis zur Erschöpfung kämpfen, um andere Menschenleben zu retten.

Sie sind „die Menschen“, „die Völker der Erde“.

Wir fangen gerade erst an, unsere Interdependenz als einen Organismus zu verstehen, bei dem ein Einfluss auf ein Gebiet unmittelbare Auswirkungen auf alle anderen Teile hat. Wir sind ein Organismus; das menschliche Leben und seine verschiedenen Nationen von Menschen. Wir fühlen auf dieselbe Weise, wir werden auf dieselbe Weise geboren und sterben auf dieselbe Weise. Unsere Sehnsüchte sind ähnlich, unsere Träume, Ängste und Leiden sind die gleichen.

Die Widersprüchlichkeit und Vergänglichkeit der alten Welt, aus der wir kommen, ist deutlich zu erkennen. Wir haben unser soziales Milieu gespalten und die große Mehrheit der Menschheit verarmt. Wir haben die Umwelt, die uns täglich ernährt, verwüstet. Wir haben die Luft, die wir atmen, vergiftet und die Ökosysteme zerstört. Wir haben das Verschwinden von Tausenden lebender Arten verursacht, die für das Leben unerlässlich sind.

All diese Ungleichgewichte sind zu einem mikroskopisch kleinen Virus mutiert, das ohne Voreingenommenheit angreift und unser Atmungssystem zerstört. Niemand kann vorhersagen, ob es weiter mutiert, schwerer wird und eine Spezies dezimiert, die ihren Weg und den Sinn ihrer Existenz verloren hat.

Das Leben hat einen Plan, eine evolutionäre Richtung des Bewusstseins, des Lichts. Was von dieser Richtung abweicht, ist schlecht, es widersetzt sich dem Plan des Lebens selbst. Das, was in diese Richtung geht, ist gut und trägt zum Leben und zur Evolution bei.

Trotz dieses kollektiven Leidens ist es schwer, am Zorn der Götter für den Schaden, der dem Leben auf diesem Planeten bereits zugefügt wurde, nicht teilzuhaben. Vielleicht ist das der Grund, warum Mythen auch sagen, dass wir Menschen eine Rasse von Halbgöttern sind.

Die Aneignung des sozialen Ganzen, des wirtschaftlichen Ganzen, des politischen Ganzen durch absurde Minderheiten, die auf diese Weise den Rest des sozialen Körpers verleugnen und dessen Erstickung und Zerstörung bewirken, ist nicht durchführbar.

Unsere andauernde Isolation und Reflexion bieten Gelegenheit zu der Überlegung, dass das globale Finanzsystem und das System der Vermögensverteilung radikale Veränderungen benötigen. Die Aneignung des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Körpers durch absurde Minderheiten, die den Rest der Erstickung und Zerstörung ausliefern, ist unhaltbar. Wir müssen sie daher ändern.

Der Schutz unserer ökologischen Umwelt sowie jeder lebenden Spezies ist unerlässlich und dringend, wenn wir als menschliche Nation Bestand haben wollen.

Das Sozialsystem muss durch die sorgfältige Anwendung der universellen Menschenrechte, wie sie vor mehr als 70 Jahren definiert wurden, geheilt werden.

Kriege müssen beendet und Konflikte im Rahmen einer reformierten, erneuerten UNO gelöst werden.

Als einzelne Menschen müssen wir alle Verantwortung für unsere eigene Entwicklung übernehmen. Nur dann werden wir zu weiter fortgeschrittenen Bewusstseinsebenen voranschreiten und als Gebot und moralische Richtschnur das höchste Prinzip annehmen, dass wir uns selbst befreien, wenn wir andere so behandeln, wie wir von ihnen behandelt werden wollen.

Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde von Anne Schillinger aus dem ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

Kategorien: Gesundheit, International, Meinungen, Wirtschaft
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