Interview mit Mimmo (Domenico) Lucano in Riace: Solidarisch wirtschaften in Riace

30.11.2019 - Elisabeth Voß - Pressenza Berlin

Interview mit Mimmo (Domenico) Lucano in Riace: Solidarisch wirtschaften in Riace
Riace, eine italienische Gemeinde in Kalabrien. (Bild von Elisabeth Voß)

Am 30.10.2019 hat Elisabeth Voss Domenico (Mimmo) Lucano zur solidarischen Ökonomie und zu den Perspektiven der Aufnahme von Menschen auf der Flucht in Riace interviewt. 

Das Interview wurde von Valentina Malli durchgeführt, transkribiert und aus dem Italienischen von Carla Kirsten Müller-von der Heyden mit Betty Pusceddu übersetzt.

Valentina Malli: Im Oktober begann Città Futura mit der Olivenernte und der Produktion von Olivenöl. Elisabeth möchte gerne wissen, wie lange die zwanzig Menschen arbeiten werden, wie lange und wie viel sie bezahlt bekommen und ob es nach der Olivenernte weitere Projekte geben wird.

Mimmo Lucano: Also gut. Die Zeit, die sie arbeiten werden, hängt davon ab, wie viele und wie lange es Oliven gibt. Dieses Jahr war eine ziemlich gute Saison, es gibt viele Oliven. Und ich denke, es geht darum, diese Saison so lange wie möglich bis Dezember, Januar – ich weiß nicht – aufrechtzuerhalten, und alle, die auf den Feldern bei der Ernte arbeiten, alle haben einen festen Arbeitsvertrag mit einem gewerkschaftlichen Lohn. Sie erhalten 45,00 bis 46,00 Euro pro Tag. Und viele von ihnen sind Zugereiste. Und sie sind alle aus Riace, sie blieben als ehemalige Empfänger von Hilfen aus verschiedenen Aufnahmeprogrammen.

Und die Ölmühle, das muss man noch hinzufügen, um sie in der jetzigen Weise instand zu setzen, hat es viele Jahre gedauert … viele Jahre, und es ist wahr, dass jeder dazu beigetragen hat. Denn als wir das erste Mal diesen Ort betreten haben, das war bei der Landung der Kurden. Denn dieser Herbst damals war eine Saison wie jetzt, voller Oliven. Und der Herr, dem diese Mühle gehörte, hatte sie vor vielen Jahren geschlossen. Niemand hat sie mehr benutzt. Und dann fast instinktiv auf der Suche nach Möglichkeiten, nach Lösungen für viele. Die Idee war, die Ressourcen des Territoriums aufzuwerten. Und diese Olivenhaine sind eine der wichtigsten Ressourcen, die von unseren Hügeln stammt.

Und so haben wir sofort angefangen, diese Ölmühle wieder in Betrieb zu nehmen, indem wir versucht haben, eine Reinigung durchzuführen. Aber sie entsprach natürlich nicht den Normen in Bezug auf die Erfordernisse der verschiedenen Stellen, die für den Betrieb einer Ölmühle zuständig sind. Wir haben sehr schnell gehandelt, wir haben alles selbst gemacht. Und dann haben in diesem Jahr sehr viele Kurden in dieser Mühle gearbeitet. Dann wurde uns jedenfalls dadurch bewusst, dass die Aufnahme von Menschen etwas ist, das die Menschen in die Lage versetzen muss, nicht passive Subjekte, damit sie nicht nur so abwarten… dass sie nichts zu tun haben. Sondern sie müssen – auch in der Region – eine gewisse Staatsbürgerschaft haben, teilhaben und aktiv sein und vor allem eine Präsenz zeigen können.

Im folgenden Jahr haben wir sie wieder eröffnet und hatten bereits einige Änderungen vorgenommen. Denn eine Dame, die von der Côte d’Azur kam… sie kam ursprünglich aus Neapel und unsere Initiative, dass wir Dinge in Riace tun wollten – an einem Ort, an dem ein Flüchtlingsboot ankam, an dem es eine Geschichte von Auswanderung, von Aufgabe gab – um zu einer Idee von Wiedergeburt beizutragen. Wiedergeburt eines alten ländlichen Dorfes, in dem es die Erfahrung von weide- und landwirtschaftlichen Gemeinschaften gegeben hatte. Und wir hatten verstanden, dass es auch eine Idee von Kooperation geben musste, um in einem Netzwerk zu sein, das einen viel breiteren Blickwinkel hatte, viel weiter, das sich nicht nur auf Riace beschränkte. Diese Frau kam, weil diese Geschichte in einer Zeitung namens Famiglia Cristiana berichtet wurde. Sie kontaktierte uns und gab uns Geld, und einen guten Teil dieses Geldes haben wir dafür verwendet, die Teile, die vom Rost zerfressen waren, durch Edelstahlteile zu ersetzen. Wir haben in diesem Jahr viel Geld dafür ausgegeben. Und so, über viele Jahre hat diese Ölmühle jedes Mal, wenn Olivensaison war … Und mit den Kooperativen von Longo Mai haben wir eine Kooperation entwickelt, sie kamen mit dem LKW, mit den Maschinen und den Schüttlern und vor allem mit den Menschen. Viele Menschen kamen und blieben über die ganze Olivensaison.

Es war auch ein Weg, um sich zu vernetzen, auch eine Idee von einer Kooperation, die über gewisse Aspekte hinausgeht, sowie auch eine menschliche Zusammenarbeit, die eines kulturellen Austausches, eines anderen Ortes in Südfrankreich, wo sich die Kooperativen von Longo Mai befinden, um sehr viele Menschen zu kennen. Jeder von ihnen gibt uns immer einen Anreiz, da ja auch wir uns in einer Realität des tiefen Südens Italiens befinden, wo wir oft diese Bedingungen von Marginalität erleben.

Und dann, viele Jahre lang war diese Ölmühle geschlossen, weil man sich in der Zwischenzeit ständig viel strengere Vorschriften ausgedacht hatte. Und was uns in den folgenden Jahren in ernsthafte Schwierigkeiten hinsichtlich des Betriebs der Ölmühle brachte, war, dass ich Bürgermeister von Riace war. Ich war Bürgermeister geworden, und diese Rolle zwang mich praktisch, sehr vorsichtig zu sein hinsichtlich der Entsorgung von Abwasser, weil ich für Hygiene und öffentliche Gesundheit verantwortlich war. Ich konnte keine Ausnahme machen. Und dort war das Problem die Entsorgung des Abwassers, das beim Pressen der Oliven entstand. Also haben wir den Betrieb eingestellt.

Und dann an einem gewissen Punkt, als die Aktivitäten hinsichtlich weiterer Aufnahmen, vor allem der Integration, vorangingen, und wiederum dieser Ort, haben wir versucht, ihn aufzuwerten. Es gab eine Investition des Geldes, das übriggeblieben war, von der Aufnahme, vom System der Integration. Und so dachten wir an den Kauf einer Ölmühle mit neuen Standards, die die Vorschriften, die Hygiene- und Gesundheitsvorschriften einhält, aber auch eine fortschrittlichere Technologie zur Ölgewinnung und insbesondere zur Entsorgung des Abwassers in Tanks aufweist. Die Fertigstellung dieser Ölmühle ist dann das Werk der Stiftung gewesen. Denn sie bezahlten das, was noch zu zahlen war, und glichen den gesamten Kaufpreis aus. Dann sorgten sie auch für die Tanks und dafür, dieses Abwasser aufzufangen, um das zu überwinden, was das größte Hindernis gewesen war, nämlich die Abwasserentsorgung. Und jetzt entspricht diese Ölmühle den Kriterien einer Sozialwirtschaft, sie ist also eine solidarwirtschaftliche Ölmühle.

Denn die Menschen, die dort arbeiten, nur sie allein ziehen einen Nutzen daraus, also vor allem diejenigen, die dort arbeiten. Es gibt keinen Arbeitgeber. Denn das Ziel war es, dafür zu sorgen, dass Bedingungen geschaffen werden, damit die Menschen, die arbeiten, integriert werden und die Menschen, die dort arbeiten, werten diese Ressourcen des Territoriums auf. Dann die Oliven kaufen, das Personal bezahlen, den Stromverbrauch zahlen und dann im Endeffekt die Entsorgung des Abwassers bezahlen – sie kommen mit den Tankwagen, um dieses Abwasser zu entnehmen. Und das, was sich durch den Verkauf von Öl trägt, damit schaffen wir eine ausgeglichene Bilanz. Es gibt also keine… es war nie als eine unternehmerische Tätigkeit konzipiert, bei der man notwendigerweise einen maximalen Gewinn erzielen muss, wie ich erklärt habe. Dies ist die Geschichte der Ölmühle.

Valentina Malli: Wird es weitere Projekte nach der Olivenernte geben?

Mimmo Lucano: Aber sicher … Ich denke, dass die Gemeinschaft der Zugereisten, die in Riace geblieben sind, aber auch jemand anderes, der ankommen möchte, denn es gibt auch andere Fälle, zwangsläufig, dieses Konzept im Kopf haben muss, dass alles nur dann weitergehen kann, wenn es Gelegenheiten gibt, eine zukünftige Möglichkeit, die von der Arbeit ausgeht, aufzubauen. Denn anderenfalls wird es zu einer Gemeinschaft werden, die von Zuwendungen abhängig, passiv bleibt, die somit keine Bedeutung hat. Die Erfahrungen, auch soziale Erfahrungen in der Region, bauen sich auf diese Weise auf. Und darin liegt der Sinn einer Bevölkerung. Um zu verstehen, um Gelegenheiten zu finden, eine Idee, um das aufzuwerten, wofür das Territorium hier steht.

Ich glaube, dass ein solidarischer Tourismus das Wichtigste dabei sein kann, ein Motor. Denn wir haben hier ein günstiges Klima, das von April bis November anhält. Wir haben bereits Ende Oktober, und die Leute gehen an den Strand. Dann ist dieser Landstrich hier schön, sogar die Landschaft des Dorfes, auch mit gesunder Luft, und auch das Essen ist naturbelassen. Und dann wollen wir einige Initiativen ergreifen, um dieses kleine Dorf, das ein solidarisches Dorf ist, zu vervollständigen, wo es Multiethnizität von Menschen gibt, die aus vielen Orten kommen. Dies ist eine Dimension, eine Mikrodimension, eine kleine. Es gibt eine Idee von einem globalen Dorf, in dem Menschen aus Somalia, Afghanistan, Pakistan, Palästina, Äthiopien, Eritrea, Somalia leben. Es gibt viele Nationalitäten. Am Nachmittag machen wir Schule, was ein sehr integrierender Moment ist, der allen Menschen gehört, den Kindern, die die Pflichtschule besuchen. Am Morgen gibt es einen Kindergarten. Habt ihr den Kindergarten für die Kinder gesehen? Haben Sie ihn gesehen?

Valentina Malli: Hast Du ihn gesehen?

Elisabeth Voß: Ja, ja.

Mimmo Lucano: Dann haben wir diese Werkstätten. Und sicher wird es noch andere Ideen geben, wie wir hoffen, über den Tourismus und die Werkstätten hinaus … andere Ideen, die sicherstellen müssen, dass diese Erfahrung, die beweist, wie das Miteinander in Multiethnizität in einer Gesellschaft … während auf globaler Ebene fast jeder versucht, uns zu sagen, dass wir Mauern, Stacheldraht, Internierungslager, Lager und eine Menschheit brauchen, die mit Füßen getreten, gedemütigt werden muss … Wir wollen, dass diese Botschaft, die von Riace ausgeht, weitergeht und wie eine kleine Flamme – eine kleine, die diesen Stürmen widersteht, die es dort gibt, wo eine Haltung von Unmenschlichkeit überwiegt und wo Unmenschlichkeit oft Norm wird, Legalität wird, Regierung wird. Und das ist die tragische Realität der Welt.

Valentina Malli: Kannst du uns etwas über die Werkstätten erzählen, die jetzt wieder geöffnet sind? Wer arbeitet dort? Es gibt immer zwei Personen, die für jede Werkstatt … wo jeweils ein Zugereister …

Mimmo Lucano: … ein Einheimischer …

Valentina Malli: … und ein Riaceser sein sollte.

Mimmo Lucano: Ja, sieh mal, darüber sind wir mit der Stiftung übereingekommen, nicht wahr? 18 Menschen sind es genau, neun und neun. Neun sind Einheimische und neun sind Zugereiste, die in Riace geblieben sind. Und dann kümmern wir uns natürlich um die Mieten, die Häuser, um alles, um die Bezahlung von Strom und um die Versorgungsanbieter. Und dann sind ebenso instinktiv die Werkstätten entstanden in diesem ländlichen Dorf, in diesen alten Räumen, die zu nichts mehr taugten. Oder handwerkliche Tätigkeiten wie die Schuhmacher, die die Schuhe reparierten und herstellten, zu diesem Weg der Werkstätten geworden sind, die Weberei, das Glas, die Keramik, die Stickerei, die Schokolade, viele Werkstätten. Und es gab Jahre, in denen… vielleicht hängt das von den Menschen ab, die ankommen.

Ein Jahr lang lebte hier eine iranische Frau, die… dann mit Pine freundschaftlich verbunden war, die mit einer bäuerlichen Welt vertraut war, und was dabei herauskam, war etwas Wunderschönes. Diese Verflechtung von Kulturen, die so weit entfernt sind, die sich jedoch in der Verflechtung der Fäden beim Weben wieder annähern und die Qualität… Es hängt jedoch von den Menschen ab, die ankommen, ob sie hier erst lernen müssen, ob sie etwas von sich mitbringen, die Farben ihrer Welt, ihre Kultur. Es war eine wichtige Sache, die Werkstätten. Denn die Menschen, die ankommen, bringen diesen Rucksack mit sich, voller Leid und Traumata. Es sind Menschen, die auf der Flucht vor Kriegen und Opfer von Folter sind, Frauen, die auf der Straße sind… Und so waren die Werkstätten auch eine Möglichkeit, diesen menschlichen Kontakt herzustellen, um das Vertrauen in andere Menschen wiederzugewinnen.

Es gibt so viele Menschen, die hier angekommen sind und die kein Vertrauen mehr in die Menschen haben, weil sie Opfer einer dermaßen grausamen Ausbeutung geworden sind, dass sie quasi immer auf der Hut sind, wirklich in der Angst, dass sie denken, dass alle Menschen instinktiv dazu bereit sind, ihnen Gewalt anzutun. Und so hatten die Werkstätten auch eine Funktion, eine sehr rehabilitative Funktion für die Menschen und deren soziale Integration. Und darüber hinaus gab es eine wirtschaftliche Komponente, weil sie den Verdienst nahmen und das Geld nach Afrika schickten. Also eine Überweisung nach Afrika, wie es unsere Auswanderer taten, als bei der Emigration des Ortes die Auswanderer aus Argentinien Geld für ihre Verwandten schickten, das im bäuerlichen Riace eine wichtige Bedeutung hatte …

Valentina Malli: Absolut. Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt.

Mimmo Lucano: Die Werkstätten waren so. Wir wollen diese Erfahrung fortsetzen und dann meiner Meinung nach auch die Geschichte erzählen. In jeder Werkstatt beschreiben, wie sie entstanden ist, wer dort gearbeitet hat. Dies ist meiner Meinung nach das Schönste. Denn die Werkstätten erzählen eine Geschichte. Im Miteinander liegt ein Weg, ein ethno-anthropologischer Weg, der die Geschichte von Issa, dem Töpfer aus Kabul, erzählt. Oder es erzählt die Stickerin aus Erat, sie heißt Taira und kommt aus Afghanistan. Sie erzählte uns, wie sie auf den Markt ging, um das zu verkaufen, was sie zu Hause in Afghanistan hergestellt hatten. Das heißt, praktisch hat dieser Ort einen Synergie-Effekt zwischen sehr fernen Welten gehabt. Afghanistan, Kabul, Pakistan, Islamabad… Dann gibt es eine Frau, die Drachen gebaut hat, die aus Islamabad kommt. Dann gibt es Menschen aus Kaschmir, aus Pakistan, aus der Region Kaschmir, dann aus Äthiopien, aus Subsahara-Afrika. Riace hatte diese Funktion, die Entfernungen zu verkürzen, es wird zu einem Punkt, zu einer Mikrorealität, aber dass es diese gegenseitige Beeinflussung gibt. Dieser Ort in einem Dorf der Auswanderung in Kalabrien.

Und so wollen wir diese Geschichten in den Werkstätten erzählen, indem wir sie an die Wände schreiben, diese Botschaften sichtbar machen, sie erzählen. Die Glaswerkstatt… es gab den Einfluss von einem Jungen aus Bulgarien, er heißt Dimitri. Dann kam ein anderer aus dem französischsprachigen Afrika, der ein Geschäft in Venedig eröffnet hatte und Muranero heißt. Muranero, das Murano-Glas. Dieser Junge kam, um einen Kurs für Glasblasen abzuhalten. Muranero. Dann hatten wir in der Stickerei-Werkstatt – ich erinnere mich nicht – eine unendliche Anzahl von Menschen ging hier ein und aus, viele, viele Menschen, sehr viele Menschen.

Dann wollen wir auch mit dem Restaurant diesen Versuch machen, einmal in der Woche… diesen Ort zunächst in einer multifunktionalen Weise zu nutzen: Er ist ein Büro und steht direkt mit der Straße in Kontakt, es scheint, dass es auf der Straße ist. Dieses Gebäude war schön, weil… aber ich habe in letzter Zeit auch andere Geschichten erzählt… Und dass sie dann einmal die Küche Ägyptens kochen – hier lebt ein Koch aus Ägypten, der Khalil heißt, er will Brot backen – er gab uns die Idee: einmal die Küche Pakistans, einmal die Küche Eritreas, einmal Somalias.

Valentina Malli: Eine multi-ethnische Küche anbieten …

Mimmo Lucano: Es gibt einen großen Unterschied im Essen. Es scheint, dass die Produkte immer gleich sind, aber dann, wenn du sie unterschiedlich zubereitest… Und dann die solidarwirtschaftliche Bäckerei – es wäre schön, wenn hier jeder kommen könnte und hier sein Brot backen kann. Und dann auch die Wäscherei …

Valentina Malli: Also denkst du, dass zukünftig möglich wäre, dass Riace weitere Migranten aufnimmt?

Mimmo Lucano: Ja, ja!

Valentina Malli: Und dass, zum Beispiel, die Schule wieder öffnen könnte?

Mimmo Lucano: Das hängt nicht mehr von mir ab, denn vorher hatte ich eine Rolle in der Kommune. Also die Schule… in gewisser Weise gehört die Schule in der Tat zur Gemeinde, strukturell. Denn es liegt immer im Interesse der Gemeinschaft, dass es eine Schule gibt. Es ist eine Realität, eine Gemeinschaft, in der es keine Schule gibt, bedeutet, dass es keine Zukunft gibt. Und die Botschaft, die mir diese Kindergartenkinder vermitteln, ist genau das. Es ist, dass dieses Hoffnung weckt. Und ich glaube, dass das Interesse, eine Gemeinschaft zu sein, für eine Institution nicht von der Anwesenheit von Menschen absehen kann. Also wie wäre es, wenn du eine Kommune bist und es keine Menschen gibt, welchen Sinn macht es, zu verwalten? Wen solltest du verwalten? Das erscheint mir offensichtlich.

Valentina Malli: Und bezüglich der Aufnahme? Siehst du das positiv? Dass es möglich ist, weitere Migranten aufzunehmen?

Mimmo Lucano: Ja, ja.

Valentina Malli: Also denkst du, dass es möglich ist, diese Offenheit zu haben, weitere Migranten und Freunde auf Reisen aufzunehmen?

Mimmo Lucano: Ja, ja!

Valentina Malli: Du hältst es für möglich?

Mimmo Lucano: Als Bürgermeister habe ich genauso argumentiert. Und guck‘ mal, selbstverständlich gibt es einen Unterschied in den Möglichkeiten, in den Werkzeugen, die du in deinen Händen hältst. Es ist jedoch für mich nicht so, dass ich erst Bürgermeister war, dass ich eine Person war, und nachdem ich Bürgermeister war… das ist gleich. Am Ende sind es die Möglichkeiten, die sich auch im Verlauf ergeben können. Aber wenn man diese Geschichte analysiert, begann sie lange, bevor ich Bürgermeister wurde. Dann hatte sie diese institutionelle Phase, aber jetzt kann es auf eine andere Weise weitergehen. Ich denke, dass es manchmal wichtig war, aber nicht für mich, für die Menschen … Denn Bürgermeister zu sein bedeutet, dass das, was es hervorrufen kann, einen anderen Wert haben kann, dass du ein Wort sagst … vielleicht, wenn du nicht Bürgermeister bist, kann dich niemand dafür belangen.

Es ist immer die Idee, dass du ein Vertreter einer Institution bist – ich mag dieses Wort nicht. Aber den größten Schwachsinn, den ich höre, begründen sie dann mit „institutionellen Verpflichtungen“. Und was bedeutet dieses Wort? Das ist schlechte Rhetorik. Wenn man mich in fünfzehn Jahren fragen würde: Was ist die Rolle, die am wenigsten eine Funktion hat? Die des Präfekten. Die der Führung. Respekt, weil es sogenannte Exzellenzen sind? Ich sage das nicht aus Rhetorik.

Exzellenzen sind die Dorfgemeinschaft und die Bürger, bzw. der Teil der Bürger, der keine Vertretung in Bezug auf Rechte hat, der in den schwächsten sozialen Gruppen positioniert ist. Dann ist es sinnvoll, der Garant oder Dolmetscher dessen zu sein… und eine andere Sache, wo ich stets sehr aufmerksam war, war die sogenannte Autorität. Aber diese Geschichte, auch in der Linken – es gibt keine Haltung von Bewusstsein. Wenn du Bürgermeister bist, genügt allein der bloße Anblick, sogar die Linke…

Das Interview bricht hier ab, weil Mimmo Lucano Besuch von zwei Freunden bekommt. So konnte er die letzte Frage leider nicht mehr beantworten. Sie lautete: „Was braucht Riace am meisten von der transnationalen Solidaritätsbewegung? “

Dieses Interview wäre nicht möglich gewesen ohne die tatkräftige Unterstützung von Valentina Malli, Carla Kirsten Müller-von der Heyden und Betty Pusceddu, bei denen ich mich herzlich bedanke!

Valentina hat meine Fragen ins Italienische übersetzt und das Gespräch geführt. Sie lebt in Grange Neuve, das zur Kooperative Longo Mai gehört, und ist im Beirat der Stiftung È Stato il Vento (Es war der Wind), die den Aufbau einer solidarischen Ökonomie in Riace ermöglichen möchte. Zu Longo Mai sagte Domenico Lucano: „Sie haben dieselben Ansichten wie wir. Sie sind Gefährten, die ihr Leben damit verbringen, nicht wenig zu reden, sondern viel zu reden, lange Zeit. Um lange nachzudenken. Sie denken genau wie wir.

Die deutsche Übersetzung des Interviews wurde von Elisabeth Voß sehr zurückhaltend redigiert.

Weiter Infos zu Riace: www.riace.solioeko.de

Kategorien: Europa, Interviews, Menschenrechte, Migranten
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