Todesstaub durch Uran-Munition

21.06.2019 - Der Humanistischer Pressedienst

Todesstaub durch Uran-Munition
(Bild von pixabay | CC0)

Greta Thunbergs „Fridays for Future“ und der YouTuber Rezo schärften in den vergangenen Wochen das Interesse für den menschengemachten Klimawandel. Kaum beachtet dagegen werden die erheblichen toxischen und damit umweltschädigenden Folgen der Kriege in den letzten 30 Jahren. Insbesondere die Verwendung von Uran-Munition wird kaum noch thematisiert.

Ein für die Regierungen vieler Länder scheinbar harmloses Problem ist nach einigen Erwähnung in den Medien1 wieder in der Versenkung verschwunden, wurde aber vor kurzem durch ein Buch des Regisseurs und Grimmepreisträgers Frieder Wagner wieder in Erinnerung gebracht. In diesem Buch wird auf die zerstörerische Wirkung des Depleted Uranium (DU) hingewiesen, aber nach Meinung des Autors sind kaum Informationen darüber an die Öffentlichkeit geflossen.

Depleted Uranium ist ein Abfallprodukt, das bei der Anreicherung von Kernbrennstoff für Atomkraftwerke und von waffenfähigem Uran für Atombomben entsteht. Zwar kann dieses „abgereicherte“ Uran (anders als das angereicherte) eine nukleare Kettenreaktion nicht mehr auslösen, stellt jedoch für die Atomkraftwerke ein Entsorgungsproblem dar. Findige Rüstungsingenieure hatten für einen Teil des Problems eine Lösung parat: Sie entdeckten, dass dieses Metall als Abfallprodukt sehr billig zu haben ist und für militärische Zwecke zwei ausgezeichnete Eigenschaften besitzt:

Erstens: Formt man dieses Metall zu einem spitzen Stab und beschleunigt ihn entsprechend, dann durchdringt er aufgrund seines enormen Gewichtes – mit fast der doppelten Masse von Blei – Stahl und Stahlbeton, wie ein heißes Messer ein Stück Butter.

Zweitens: Dabei entsteht an diesem abgereichertem Uranmetallstab ein Abrieb, der sich bei der enormen Reibungshitze von Temperaturen zwischen 3.000 bis 5.000 Grad Celsius selbst entzündet.

Das heißt, wenn sich ein solches Geschoss in Sekundenbruchteilen durch einen Panzer schweißt, entzündet sich das abgereicherte Uran explosionsartig und die Soldaten in dem Panzer verglühen.

Weltweit, das heißt in mehr als zwanzig Ländern, nutzen Militär und Rüstungsfirmen Waffen mit Uranmunition, vor allem, um Panzer zu zerstören. Depleted Uranium wurde – soweit bekannt ist – bisher nur von den USA und Großbritannien im zweiten Golfkrieg 1991 eingesetzt, später dann auch in Bosnien und Serbien 1995, im Kosovo 1999 sowie im Irak-Krieg 2003 und auch gegen den IS.

Die Folgen für die Umwelt

Die Umweltfolgen von abgereichertem Uran hängen von der Art seiner Anwendung sowie von den physikalischen, chemischen und geologischen Gegebenheiten der betroffenen Region ab.

Von Flugzeugen abgefeuerte Munition hat eine Treffergenauigkeit von höchstens 10 Prozent, von Panzern abgefeuerte Geschosse haben eine höhere Treffergenauigkeit. DU-Projektile, die ihr Ziel verfehlen oder ungepanzerte Ziele treffen, dringen je nach Bodenbeschaffenheit einige Meter in den Boden ein. Bei einem Treffer werden 10 bis 70 Prozent des DU-Geschosses zu Aerosol. Dieses wird je nach Wind- und Wetterlage weiträumig verteilt und zum Beispiel auch durch Pflügen wieder aufgewirbelt.

Im Übrigen hat dieses Uran 238 eine Halbwertzeit von 4,5 Milliarden Jahren.

Die Folgen für die Gesundheit

Gesundheitsschäden entstehen insbesondere durch das inkorporierte DU (Einatmen, Essen, Trinken und Eindringen in den Körper über offene Wunden), der radiotoxischen Wirkung sowie der chemotoxischen Feinstteilchen. Wissenschaftler erkennen hier auch eine synergistische gegenseitige Verstärkung, sozusagen einen Cocktaileffekt beider Gifte. Die Bezeichnungen „Golfkriegssyndrom“ bzw. „Balkan-Syndrom“ sind allgemein bekannt und bezeichnen ein Krankheitsbild, das verstärkt bei Rückkehrern aus der Golfregion auftauchten. Es können unter anderem beobachtet werden: Missbildungen von Neugeborenen, Fertilitätsstörungen, Lipidoxydation (spezielle Zellschädigungen), Krebs (inbesondere Leukämie), Nieren- und Leberschädigungen.

Meinungen über die Schädlichkeit

Das Grundproblem besteht darin, die möglichen Schäden festzustellen, bzw. nachzuweisen, die kausal auf die verschossene Munition zurückzuführen sind.

„Über die Bewertung der Schädlichkeit der relativ schwachen ionisierenden Strahlung herrscht Uneinigkeit. Da nur wenige Erkenntnisse zu auftretenden Schäden durch geringe Strahlungsdosen vorliegen, werden diese aus den bekannten Daten über Schäden von hohen Dosisleistungen abgeleitet Diese Vorgehensweise ist jedoch umstritten, manche Studien zeigen weit geringere Schäden durch niedrige Strahlungsdosen als diese Extrapolation vermuten ließe, andere Forscher vermuten im Gegenteil größere Risiken als bisher angenommen.“ (Zitiert nach Wikipedia)

Kritiker der offiziellen Studien, insbesondere die International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) und der International Coalition to Ban Uranium Weapons (ICBUW) werfen den „offiziellen“ Studien fehlende Unabhängigkeit und veraltete Forschungsmethoden vor. Sie kritisieren, dass die Messmethoden zum Teil nur auf Erfahrungen der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki beruhen und ihnen keine neueren Forschungen zugrunde liegen.

Die intellektuelle Redlichkeit

Vor allem müsste glaubhaft erklärt werden, dass bei allen Untersuchungen einzelner Länder (zum Beispiel auch der Bundesrepublik im Jahr 2001 durch das „Helmholtz Zentrum München – Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit“ (früher GSF) auf keinen Fall wirtschaftliche oder politische Interessen eine Rolle spielten. Diese Ansicht vertritt auch Frieder Wagner in seinem Buch „Todesstaub“ (S. 146).2

 

 

Todesstaub durch Uran-Munition

Frieder Wagner, Todesstaub – Made in USA, Promedia 2019. 232 S. brosch. ISBN: 978-3-85371-452-2, 22,00 Euro (mit DVD)

Denn es ist doch so, dass Uranmunition für die Atomwirtschaft eine billige Entsorgungsmöglichkeit bietet und für die Rüstungsunternehmen ein preiswerter Rohstoff ist (zumindest preiswerter als das technisch vergleichbare Wolfram) und dass DU für das Militär in seiner oben genannten doppelten Zerstörungskraft extrem effizient ist.

Man sollte davon ausgehen, dass die Verursacher der Gesundheits- und Umweltschäden Milliarden Schadensersatzleistungen für Soldaten und Zivilisten zahlen. Es sind allerdings nur wenige Schadenersatzfälle bekannt, da zum Beispiel in den USA aufgrund der sogenannten Feres-Doktrin Militärangehörige grundsätzlich keine Entschädigung für im Dienst erlittene Schädigungen erhalten.

Bekannt ist allerdings auch der Fall Kenneth Duncan, dem vom schottischen Pension Appeal Tribunal in Edinburgh eine Entschädigung zugestanden wurde, weil er als Golfkriegsveteran (1991) als Folge einer DU-Vergiftung Chromosomenbrüche erlitt. Auch einige italienische Gerichte haben ähnliche Entscheidungen gefällt.

Internationale Regeln

Hier sind stets zwei Fragen zu prüfen. Wer hat zugestimmt bzw. protokollarisch unterzeichnet und wer hält sie ein? Im Zusatzprotokoll zu den Genfer Abkommen vom 12. August 1949 über den Schutz der Opfer internationaler bewaffneter Konflikte heißt es:

  1. Bei der Kriegführung ist darauf zu achten, dass die natürliche Umwelt vor ausgedehnten, lang anhaltenden und schweren Schäden geschützt wird. Dieser Schutz schließt das Verbot der Anwendung von Methoden oder Mitteln der Kriegführung ein, die dazu bestimmt sind oder von denen erwartet werden kann, dass sie derartige Schäden der natürlichen Umwelt verursachen und dadurch Gesundheit oder Überleben der Bevölkerung gefährden.
  2. Angriffe gegen die natürliche Umwelt als Repressalie sind verboten.

In der Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung (Rio Declaration on Environment and Development) heißt es im Grundsatz 24:

„Kriegshandlungen haben ihrer Natur nach zerstörerische Auswirkungen auf die nachhaltige Entwicklung. Aus diesem Grund haben die Staaten die völkerrechtlichen Bestimmungen über den Schutz der Umwelt in Zeiten bewaffneter Auseinandersetzungen zu achten und soweit erforderlich zusammen weiterzuentwickeln.“

Leider werden diese sowie weitere Grundsätze des humanitären Völkerrechts und insbesondere des Umweltrechts kaum beachtet:

„Angesichts der Gefahr irreversibler Umweltschäden soll ein Mangel an vollständiger wissenschaftlicher Gewissheit nicht als Entschuldigung dafür dienen, Maßnahmen hinauszuzögern, die in sich selbst gerechtfertigt sind. Bei Maßnahmen, die sich auf komplexe Systeme beziehen, die noch nicht voll verstanden worden sind und bei denen die Folgewirkungen von Störungen noch nicht vorausgesagt werden können, könnte der Vorsorgeansatz als Ausgangsbasis dienen.“ (Zitiert nach Wikipedia)

Das Vorsorgeprinzip zielt darauf ab, trotz fehlender Gewissheit bezüglich Art, Ausmaß oder Eintrittswahrscheinlichkeit von möglichen Schadensfällen vorbeugend zu handeln, um diese Schäden von vornherein zu vermeiden.

Dazu meint Prof. Manfred Mohr vom ICBUW: „Das entscheidende, auch rechtliche Argument im Hinblick auf den Einsatz von Uranwaffen und dessen Folgen findet sich im precautionary principle/approach (Vorsorge- oder Vorsichtsansatz), auf den sich auch UNEP bezieht. Er ist sowohl im Humanitären Völkerrecht wie im Umweltrecht verankert und untersagt den Einsatz von riskanten Stoffen und Techniken, ohne dass darüber endgültige wissenschaftliche Klarheit herrscht.“

„Paralyse durch Analyse“

Letztlich geht es „um die Frage, wie viele Informationen (z. B. um Beispiel über die Auswirkungen eines bestimmten Schadstoffs) vorliegen müssen, damit Maßnahmen zur Verringerung potenzieller Gefahren (z. B. Verbot der betreffenden Substanz) erforderlich werden. Es gibt viele Beispiele aus der Geschichte, in denen mangelnder politischer Wille oder die Lobbyarbeit mächtiger Interessengruppen rechtzeitige Schritte zum Schutz der Bevölkerung verhindert haben.“ Dabei wird das Nichtstun in der Regel mit der Behauptung gerechtfertigt, die Zusammenhänge seien noch nicht eindeutig, weitere Forschungen seien nötig und deren Ergebnisse müssten abgewartet werden. „Das Wortspiel ‚Paralyse durch Analyse‘ bringt diese Situation auf den Punkt: Die wegen angeblich noch bestehender Lücken in der Beweiskette immer wieder erhobene Forderung nach weiteren Studien lähmt die Entscheidungsträger, so dass sie ihre Aufgaben zum Schutz der Bevölkerung vernachlässigen.“ (Zitiert aus ippnw report, Dezember 2012, S. 43)

Aus dem bisher Gesagten ergeben sich folgende Forderungen:

  1. Nicht zuletzt aus Umweltschutzgründen sind alle Kriegshandlungen, bei der DU-Munition verwendet wird, von der UNO durch verbindliche Konventionen, die über einen appellierenden Charakter hinausreichen, zu ächten
  2. Die Verursacher wissen am besten, wo sie was verschossen haben und müssten endlich mit der Dekontamination beginnen.
    Dazu allerdings Prof. Manfred Mohr: „Dekontamination in Verbindung mit den Einsatzfolgen ist ein kompliziertes, komplexes Thema. Selbst wenn nur auf ‚hot spots‘ begrenzt, ist sie äußerst kostspielig und letztlich kaum effektiv. Insbesondere betroffene Regionen haben in der Regel dafür nicht die erforderlichen Ressourcen. Es bleibt nur, auf den Einsatz dieser teuflischen Waffe zu verzichten, will man Schaden für Mensch und Umwelt auch (lange) nach dem Kriegsgeschehen vermeiden.“
  3. Die Menschen müssen endlich begreifen, dass moderne Kriege toxisch für viele Generationen nachwirken können. Eine globale Umweltorganisation wäre hierzu wünschenswert (ein Ansatz dazu ist das schon bestehende aber nicht gerade sehr aktive Umweltprogramm der Vereinten Nationen, UNEP).

Veranstaltungshinweis:
Film, Information & Diskussion am 24.06.2019 um 19 Uhr im Zeiss-Großplanetarium Berlin: „Die Bombardierung Ex-Jugoslawiens mit Uranmunition – 20 Jahre danach„.

Quellen:
[1] So in der Zeitung „Die Welt“ vom 5. Februar 2018 : „Nur wenige Minuten genügten den amerikanischen Schlachtflugzeugen im November 2015, um zwei große Tanklaster-Konvois des Islamischen Staates vollständig aufzureiben. Die Angriffe am 16. und noch einmal am 22. November in der Nähe der irakisch-syrischen Grenze sollten die Öl-Aktivitäten der Terrororganisation schwächen – mehr als 350 Fahrzeuge wurden bei den beiden Einsätzen zerstört. Aber erst vor Kurzem gaben die US-Streitkräfte zu, dass dabei zum größten Teil panzerbrechende Uranmunition verschossen wurde. Es war der erste von US-Seite bestätigte Einsatz dieser sogenannten DU-Munition seit dem dritten Irak-Krieg, der 2003 zum Sturz Saddam Husseins führte.“
[2] Hier verweist Wagner auf nahe Kontakte des GSF zum Bundesministerium für Verteidigung.


Personen und Kontakte:

  • Prof. Siegwart-Horst Günther, Arzt, (verstorben 2015) hielt sich 1991 in Basra auf und bemerkte in den Krankenhäusern eine Vielzahl missgebildeter Neugeborener. Er wies vermutlich als Erster darauf hin, dass das möglicherweise durch den Einsatz der abgeschossenen DU-Munition verursacht wurde.
  • Prof. Albrecht Schott (verstorben 2011) erbrachte den Nachweis, dass DU ursächlich für Chromosomen-Aberrationen ist (siehe oben: Fall Kenneth Duncan).
  • IPPNW, Kontakt Dr. Jens-Peter Steffen, Berlin
  • ICBUW, Kontakt Prof. Manfred Mohr
  • Coop Antiwar-Cafe Berlin, Heiner Bücker

 

Kategorien: Frieden und Abrüstung, International
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