Allein gegen Hitler: Die Sowjetdiplomatie in den 1930er Jahren

05.09.2018 - Hasan Posdnjakow - RT

Allein gegen Hitler: Die Sowjetdiplomatie in den 1930er Jahren

In den 1930er Jahren versuchte die UdSSR unter ihrem Außenminister Maxim Litwinow, ein Bündnis gegen die drohende Kriegsgefahr aus Deutschland aufzubauen, mit zahlreichen Angeboten. Die westliche Diplomatie hielt sich jedoch bedeckt und ignorierte sie.

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Sechs Jahre sollte dieser blutigste Konflikt der Geschichte dauern. Fast 70 Millionen Menschen starben zwischen 1939 und 1945. Im Nachhinein betrachtet, lassen sich Adolf Hitlers Kriegsambitionen sehr leicht erkennen: Zunächst ließ er das entmilitarisierte Rheinland besetzen. Es folgte der sogenannte Anschluss Österreichs. Danach zerstückelte Hitler die Tschechoslowakei. Parallel ließ er die Wiederbewaffnung und Ausbau des deutschen Militärs in atemberaubendem Tempo beschleunigen.

Die westlichen Großmächte protestierten nur hilflos oder kamen, wie etwa im Falle der Tschechoslowakei, Hitlers Wünschen sogar vorauseilend entgegen. Der damalige Ministerpräsident Großbritanniens, Neville Chamberlain, ließ sich 1938 bei Verhandlungen in München über die Zukunft der Tschechoslowakei von den Nazis über den Tisch ziehen und proklamierte felsenfest seine Selbstbeschwichtigung, Hitler sei doch eigentlich ein ganz anständiger, ehrlicher Mann, der sich auch nur Frieden wünsche. Gab es unter den verblendeten und feigen Regierungsverantwortlichen in Europa keine einzige Stimme der Vernunft und des Anstandes?

Lediglich die sowjetische Diplomatie verfolgte in den 1930er Jahren hartnäckig das Ziel, durch den Aufbau eines umfassenden kollektiven Sicherheitssystems den Expansionsgelüsten Nazi-Deutschlands Einhalt zu gebieten. Doch die Appelle aus Moskau trafen im Westen immer wieder nur auf taube Ohren.

Wie sogar die erzkonservative britische Zeitung Daily Telegraph berichtete, erfolgte eines der wohl letzten verzweifelten sowjetischen Angebote an Frankreich und Großbritannien nur noch wenige Wochen vor dem Schicksalstag im September 1939. Stalin übermittelte an die Briten und Franzosen sein Angebot, etwa eine Millionen Sowjetsoldaten für ein gemeinsames Abwehrbündnis gegen Hitler bereitzustellen. Die polnische Regierung sprach sich jedoch dagegen aus, da sie keine Rotarmisten auf ihrem Staatsgebiet wollte. London und Paris ließen das Angebot ohne konstruktive Gegenangebote verstreichen.

Das Angebot übermittelten der Verteidigungsminister Kliment Woroschilow und der Generalstabschef Boris Schaposchnikow an französische und britische Offiziere in Moskau. Das Angebot sah im Detail vor, 120 Infanteriedivisionen und 19 Kavalleriedivisionen der Roten Armee an die Grenzen Hitlerdeutschlands zu verlegen. Dagegen antworteten die Briten auf die Frage der sowjetischen Seite, wieviele Verbände London für die potentielle Westfront zur Verfügung stellen könnten, dass sie nur 16 einsatzbereite Divisionen hätten.

Überhaupt schien in den 1930er Jahren die Sowjetunion das einzige Land zu sein, das ernsthafte Anstrengungen gegen die drohende Kriegsgefahr von Seiten Deutschlands unternahm. Als Hitler der Wehrmacht im Jahr 1936 befahl, das nach dem Versailler Vertrag entmilitarisierte Rheinland wieder zu besetzen, befürwortete seinerzeit im Rat des Völkerbundes (als Vorläufer der späteren UNO) nur die UdSSR Sanktionen gegen das Deutsche Reich.

Nach der Besetzung Österreichs durch die Wehrmacht war wieder die Sowjetunion die einzige Großmacht, die protestierte und aktive Maßnahmen gegen den sogenannten „Anschluss“ forderte. Die anderen Staaten ignorierten jedoch die Appelle aus Moskau.

Ab Anfang der 1930er Jahre war die Sowjetunion bestrebt, die Beziehungen zu den kapitalistischen Groß- und Regionalmächten zu verbessern. Maxim Litwinow, der damalige sowjetische Außenminister, verfolgte die sowjetische Politik, gegenseitige Beistandsverträge mit anderen Staaten in Europa zu schließen, um ein wirksames Anti-Hitler-Bündnis aufzubauen. Das beschreibt der westliche Historiker Michael J. Carley detailliert in seinem Zweiteiligen Artikel „Only the USSR Has…Clean Hands“: The Soviet Perspective on the Failure of Collective Security and the Collapse of Czechoslovakia, 1934-1938.

Mitte der 1930er Jahre schlug die Sowjetunion einen Verteidigungspakt mit Frankreich vor. Dieser kam zustande, jedoch schloss die französische Seite einige sowjetische Forderungen aus. Während die UdSSR eine bederseitige Sicherheitsgarantie für die baltischen Staaten gegen eine deutsche Aggression als Gegenleistung zu einer sowjetischen Garantie für die Sicherheit Belgiens und der Schweiz vorschlug, lehnten dies die Franzosen ab. Zudem bestanden die Franzosen darauf, den Vertrag den Regularien des Völkerbundes zu unterwerfen. Die Regeln des Völkerbundes aber sahen vor, dass auch nur ein einziges Mitglied des Völkerbundes ein Veto gegen die Anwendung des Vertrages einlegen konnte. Somit war der Vertrag aufgrund der französischen Vorbehalte von Anbeginn praktisch nutzlos. Die von der Sowjetunion angestrebte umgehende gegenseitige militärische Hilfe bei einem deutschen Angriff kam somit nicht zustande. Die Verhandlungen wurden noch weiter durch die Tatsache erschwert, dass sowohl die Briten als auch die Polen gegen einen französisch-sowjetischen Verteidigungspakt waren.

Vor 1939 traf sich Litwinow mehrmals mit dem polnischen Außenminister und dem Botschafter in Moskau. Er versuchte sie zu überzeugen, dass Hitlers Kriegspläne sich auch gegen Polen richteten, was Warschau jedoch nicht wahrhaben wollte. Stattdessen fantasierte Polen lieber über eine angebliche sowjetische Bedrohung und liebäugelte damit, eigene territoriale Gewinne bei einer möglichen Teilung der Tschechoslowakei zu machen. Die Weigerung Polens, freundschaftliche Beziehungen mit der Sowjetunion aufzubauen, war einer der Hauptgründe für das Scheitern der sowjetischen Bemühungen, eine wirksame Anti-Hitler-Koalition aufzubauen.

Die westlichen Staaten nutzen jede erdenkliche Ausrede, um die sowjetischen Annäherungsversuche auszuschlagen. Im Jahr 1936 zum Beispiel beendete der britische Außenminister Anthony Eden eine kurze Phase der Annäherung zwischen beiden Staaten mit dem Verweis auf einen Artikel in der sowjetischen Presse, der die schlechten Lebensbedingungen der britischen Arbeiterklasse thematisierte.

Das erste Land, das auf die Nazis diplomatisch zuging, war Großbritannien. Im Juni 1935 schlossen sie ein Flottenabkommen, mit dem die Obergrenzen für die deutsche Kriegsmarine im Versailler Vertrag gelockert wurden. Auch später, während der Tschechoslowakei-Krise im Jahr 1938, zeigten London und Paris immer wieder ihre Bereitschaft, Kompromisse mit Hitler auf Kosten Dritter einzugehen, nur um die stetig akuter werdende Kriegsgefahr um ein paar Wochen, später Tage aufzuschieben.

Als Hitler die Tschechoslowakei unter Druck setzte, das mehrheitlich durch Deutschstämmige bewohnte Sudentenland an das Deutsche Reich abzutreten, untersagten Paris und London der tschechoslowakischen Führung, ein sowjetisch-tschechoslowakisches Beistandsabkommen zu aktivieren.

Auch nachdem der Untergang der Tschechoslowakei durch den Verrat Frankreichs und Großbritanniens besiegelt war, gab es eine Reihe von weiteren Annäherungsversuchen seitens der westlichen Alliierten an Hitler-Deutschland.

Im April 1939 machte die Sowjetunion ein letztes Angebot an Großbritannien und Frankreich, ein Dreierbündnis zu bilden. Das Angebot scheiterte nach zähen Verhandlungen erneut letztlich am Widerstand Londons.

Als Mitte August klar wurde, dass es keine Hoffnung mehr für ein breites Anti-Hitler-Bündnis zwischen der Sowjetunion und den westlichen Staaten gab, sah sich die Sowjetunion gezwungen, für wie lange auch immer ein Nichtangriffsabkommen mit Hitlerdeutschland abzuschließen, um hoffentlich genug Zeit für den weiteren Ausbau der eigenen Abwehrkräfte gewinnen zu können. Hintergrund war, dass Moskau sehr wohl erkannte, dass es in naher Zukunft weitgehend alleine die Last des Kampfes gegen Hitler zu tragen hatte. Das bewahrheitete sich auf tragische Weise nach dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941. Das Land musste drei Jahre warten, ehe die westlichen Alliierten eine zweite Front in Europa eröffneten.

Möglicherweise war es das Ziel von London und Paris vor 1940, Hitler davon zu überzeugen, zunächst Richtung Osten, gegen die Sowjetunion, zu ziehen. Diese Befürchtung in Moskau erwies sich aufgrund des rabiaten Antikommunismus der damaligen Herrscher in Großbritannien und Frankreich als durchaus begründet. Zudem hatten Berichte über geheime Verhandlungen zwischen den Westmächten und Deutschland im Frühling und Sommer 1939 die sowjetische Führung beunruhigt. Sogar nachdem der Krieg begonnen worden war, gab es in London Politiker und Bürokraten, die meinten, der Kommunismus sei für sie eine noch größere Bedrohung als Hitler. Man müsse daher mit der Sowjetunion sehr vorsichtig umgehen und sich die Möglichkeit offenhalten, gemeinsam mit einer neuen deutschen Regierung gegen die „gemeinsame Bedrohung“ vorzugehen, wie Carley in seinem Artikel Anglo-Soviet Relations, August 1939-March 1940 schildert.

Wären die westlichen Großmächte gegenüber der Sowjetunion positiver eingestellt gewesen und hätten sie die zahlreichen Angebote aus Moskau ernst genommen, wäre der Zweite Weltkrieg möglicherweise zu verhindern gewesen. Oder man hätte ihn gemeinsam wenigstens weit frühzeitiger beenden können.

Kategorien: International, Politik
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