Manöver in zivilem Umfeld

05.07.2018 - Berlin - GERMAN-FOREIGN-POLICY.com

Manöver in zivilem Umfeld
(Bild von nato.int)

Die Bundeswehr weitet ihre gegen Russland gerichteten Trainingsaktivitäten drastisch aus. Vorbereitet wird gegenwärtig die Übernahme der Führung der NATO-„Speerspitze“ im kommenden Jahr und deren Beteiligung an dem NATO-Großmanöver „Trident Juncture“ Ende dieses Jahres. Kern der auch als „Very High Readiness Joint Task Force“ (VJTF) bezeichneten, 8.000 Soldaten umfassenden „Speerspitze“ ist die im niedersächsischen Munster stationierte Panzerlehrbrigade 9 der deutschen Streitkräfte, zu deren zentralen Aufgaben offenbar die Kriegsführung im zivilen Umfeld gehört.

Erst kürzlich wurde die Truppe mit „Bestnote“ als Gefechtsverband der NATO zertifiziert – nachdem sie ihre Fähigkeiten im „Häuserkampf“ unter Beweis gestellt hatte. Schon im April absolvierten Teile der Einheit eine Übung, bei der sie ihre Gefechtsstände nicht auf einem Manövergelände einrichteten, sondern auf regulär bewirtschafteten Bauernhöfen. „Getarnte Transportpanzer“ hätten „neben Treckern und Landmaschinen“ gestanden, erklärt die Bundeswehr – „hautnah“ zur Zivilbevölkerung.

Krieg in der Stadt

Wie die deutschen Streitkräfte mitteilen, wurde der Gefechtsverband ihrer Panzerlehrbrigade 9 am 19. Juni auf dem Truppenübungsplatz Altmark (Sachsen-Anhalt) von der NATO mit „Bestnote“ für die „Very High Readiness Joint Task Force Land“ (VJTF – L) zertifiziert.[1] Vorangegangen war ein groß angelegtes Manöver in der dortigen Übungsstadt „Schnöggersburg“, die etwa 500 Gebäude umfasst – verteilt auf eine „Altstadt“, verschiedene Wohnviertel, ein Industriegebiet und ein Elendsquartier (german-foreign-policy.com berichtete [2]). Zusammen mit norwegischen und niederländischen Infanteristen hätten insgesamt rund 1.700 Soldaten mit mehr als 80 Gefechtsfahrzeugen, darunter etliche Kampfpanzer vom Typ Leopard 2, ihre Befähigung zum „Häuserkampf“ bewiesen, heißt es: „In einem schnellen Angriff bereiteten Kampfpanzer und niederländische Grenadiere gemeinsam den Einsatz norwegischer Infanteristen in der Ortschaft vor. In der Übungsstadt kämpften sich deutsche Jäger und Grenadiere mit den Norwegern von Haus zu Haus und von Stockwerk zu Stockwerk.“[3]

Krieg auf dem Bauernhof

Schon im April dieses Jahres hatte eine zur Panzerlehrbrigade 9 gehörende Einheit der deutschen Streitkräfte die Kriegsführung im zivilen Umfeld trainiert – zwecks Vorbereitung auf ihren „Auftrag“ als Teil der VJTF. Die Soldaten des im niedersächsischen Lüneburg stationieren Aufklärungslehrbataillons 3 richteten ihre Gefechtsstände dabei nicht etwa auf einem Manövergelände ein, sondern in den regulär bewirtschafteten Bauernhöfen der Region. Der Bundeswehr zufolge standen somit „getarnte Transportpanzer neben Trecker(n) und Landmaschinen“ sowie „Soldaten zwischen Hofmitarbeitern“. Offiziell wird das beschriebene Vorgehen als gelungene PR-Aktion gefeiert: Für „viele Neugierige“ sei die Situation eine „willkommene Abwechslung vom Alltag“ gewesen, hätten sie doch „hautnah“ die Aus- und Weiterbildung der Soldaten mitverfolgen können, heißt es. Zulässig dürfte allerdings auch die Interpretation sein, dass die Truppe die anwesenden Zivilisten übungsweise als menschliche Schutzschilde gebrauchte: „Viel sehen, ohne selbst gesehen zu werden“, lautet das Motto des Aufklärungsbataillons.[4]

Krieg im Dorf

Die im letzten Jahr von zur VJTF gehörenden Bundeswehreinheiten absolvierten Manöver sprechen ebenfalls für eine Vorbereitung auf Kriegsszenarien in ziviler Umgebung. So trainierten Anfang 2017 Angehörige des Jägerbataillons 91 im Rahmen der Übung „Eisige Heide“ nach offiziellen Angaben unter anderem die „Eroberung“ eines von „Feindkräften“ besetzten Dorfes.[5] Im Februar 2017 war der Truppenübungsplatz Baumholder (Rheinland-Pfalz) Schauplatz eines weiteren VJTF-Manövers. Das Artillerielehrbataillon 325 trainierte dabei laut eigener Darstellung nicht nur die „Feuerunterstützung der Kampftruppe“, sondern auch den „Kampf gegen Ziele … in der Tiefe des Gefechtsstreifens“ sowie den „Einsatz von Wurfminensperren“ und die „präzise Bekämpfung von Hochwertzielen über große Entfernungen“. Unterstützt wurde die Truppe laut Manöverbericht von Tornado-Kampfjets, die Sprengbomben des Typs 25E Matra mit einem Gewicht von 250 Kilogramm abwarfen.[6] Wie der deutschen Militärpresse zu entnehmen ist, dienen die besagten Bomben zuvorderst der Zerstörung „weicher“, sprich ziviler Ziele; explizit genannt werden „Bauten“, „Startbahnen“, „Straßen“, „Gleisanlagen“ und „Versorgungseinrichtungen“.[7]

Combat Ready

In Folge der absolvierten Trainings zeigte sich der Inspekteur des deutschen Heeres, Generalleutnant Jörg Vollmer, unlängst überzeugt, die ab nächstem Jahr von der Bundeswehr geführte VJTF werde „auf alle möglichen Szenarien schnell und dem Auftrag angemessen reagieren“. Auch stellte der General unmissverständlich klar, dass die Soldaten der VJTF über sämtliche Kampfpanzer und Artilleriesysteme verfügen, die sie „zur Auftragserfüllung brauchen“: „Es steht nicht zur Diskussion, dass wir bei dem für den möglichen Auftrag notwendigen Großgerät auf irgendetwas verzichten.“ In diesem Zusammenhang verwies Vollmer dann auf die Teilnahme der deutschen VJTF-Einheiten an dem für Ende dieses Jahres anberaumten NATO-Großmanöver „Trident Juncture“: „Diese Übung ist ein wichtiger Meilenstein. Die NATO wird den gepanzerten Gefechtsverband der VJTF prüfen und als Combat Ready zertifizieren. Daran habe ich keinen Zweifel.“[8]

Kriegsübung gegen Russland

Mittlerweile hat die Führungsspitze des westlichen Militärbündnisses erste Details zu „Trident Juncture“ bekannt gegeben. Das Manöver wird in den Monaten Oktober und November in Norwegen und Island stattfinden; beteiligt sind mehr als 40.000 Soldaten aus den NATO-Staaten sowie aus den formal neutralen Ländern Finnland und Schweden. Wie der Kommandeur der Übung, Admiral James Foggo (USA), bei einer Pressekonferenz mitteilte, wolle man ein „Artikel-5-Szenario“ durchspielen, wobei die westliche Militärallianz mittels Entsendung der deutsch geführten VJTF auf die „Verletzung der Souveränität Norwegens“ durch einen Aggressor reagiere. Dass mit dem „Aggressor“ nach Lage der Dinge nur Russland gemeint sein kann, wurde von den anwesenden Medienvertretern beifällig zur Kenntnis genommen – und von Seiten der NATO nicht dementiert.[9]

„Totale Verteidigung“

Analog zu „Trident Juncture 2015“ (german-foreign-policy.com berichtete [10]) hieß es außerdem, die NATO wolle ihre Fähigkeit demonstrieren, weltweit zu jeder Zeit „jedwede Bedrohung“ zu kontern. Die deutschen Vorstellungen von einer auf das zivile Umfeld abgestützten „hoch intensiven“ Kriegsführung sind dabei offenbar allgemeiner Standard. Laut dem Vertreter Norwegens beim Militärkomitee der NATO, Vizeadmiral Ketil Olsen, geht es um die Etablierung eines „totalen Verteidigungskonzepts“, das im Falle einer „Krise“ alle „zivilen und militärischen Anstrengungen bündelt“.[11]

Bitte lesen Sie auch Kriegsspiele im Baltikum.


[1] Zertifiziert – Speerspitze der NATO ist kampfbereit. deutschesheer.de 21.06.2018.
[2] Siehe hierzu Urban Operations (II).
[3] Zertifiziert – Speerspitze der NATO ist kampfbereit. deutschesheer.de 21.06.2018.
[4] Vorbereitung VJTF – zwischen Treckern und Landmaschinen. deutschesheer.de 27.04.2018.
[5] Schnelle Eingreiftruppe der NATO: Ein personeller und materieller Kraftakt. bundeswehr.de 13.04.2018.
[6] VJTF-Übung: Artilleristen beweisen sich in Baumholder. deutschesheer.de 03.04.2017.
[7] Die Bewaffnung fliegender Waffensysteme der Luftwaffe. hardthoehenkurier.de.
[8] Deutscher Anteil der NATO-Speerspitze ist zeitgerecht einsatzbereit. deutschesheer.de 07.05.2018.
[9] Press briefing on Exercise Trident Juncture 2018. nato.int 11.06.2018.
[10] Siehe hierzu Botschaft an die Weltöffentlichkeit.
[11] Press briefing on Exercise Trident Juncture 2018. nato.int 11.06.2018.

Kategorien: Europa, Frieden und Abrüstung, Politik
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