Sabine Kebir: Gemeinsamkeiten hervorheben – Unterschiede nicht verwischen

05.04.2018 - Milena Rampoldi

Sabine Kebir: Gemeinsamkeiten hervorheben – Unterschiede nicht verwischen

Mit Sabine Kebir deutsche Autorin, Essayistin, Literaturwissenschaftlerin und Algerien-Spezialistin und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland führen wir ein Gespräch zum interkulturellen Dialog.

Wie wichtig ist die Literatur für den interkulturellen Dialog und warum?

Das Buch war und ist der beste Botschafter zwischen den Kulturen. Der Film hat diese Funktion leider nicht oder eben nur in seltenen Fällen übernommen, weil er sich darauf kapriziert hat, unrealistisch geschönte, ja kitschige Bilder der eigenen Kultur herzustellen. Das kommt in der Literatur auch vor, aber der Anteil von echter Information oder auch von Problemlagen der eigenen Kultur ist in literarischen Werken viel größer. Das illusionäre Bild, das die Menschen z. B. in Afrika vom Westen haben, wird vor allem aus Filmen genährt. Allerdings dringt selbstkritische Literatur des Westens gar nicht bis dorthin vor, oder nur in sehr, sehr begrenzte intellektuelle Kreise. Umgekehrt ist das anders. In Europa, besonders in deutscher und französischer Sprache, liegen viele kritisch-realistische literarische Werke aus anderen Kulturen vor. Obwohl man nicht sagen kann, dass sie keine öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, wird dieses Potential doch nicht so genutzt wie es möglich und nötig wäre. Das hängt mit der allgemeinen Abwertung von Literatur zusammen, die leider auch in unseren Schulen eine immer geringere Rolle spielt. Ich bin in der DDR zur Schule gegangen und der erste Roman, den wir 1963 im gymnasialen Deutschunterricht durchgenommen haben, war ein amerikanischer: ´Gold` von Theodore Dreiser. Es gab keinen Schüler, der dieses Buch nicht verstanden hätte. Wenn ich heute Lehrern vorschlage, dass sie mit ihren Schülern, unter denen viele ja türkische Wurzen haben, mal einen der zahlreichen aufklärerischen Romane der türkischen Literatur durcharbeiten sollten, schauen mich erschrockene Augen an – schließlich kann doch sogar deutsche Literatur in den Schulen nur noch in vereinfachter Sprache angeboten werden. Bekanntschaft mit anderen Kulturen wird vor allem über das Essen hergestellt, das die multikulturelle Elternschaft zu den Kita- und Schulfesten spendet. Das ist natürlich wunderschön, bietet aber nur einen begrenzten und eben auch entproblematisierten Blick auf Kulturen.

Wie wichtig sind Kinderbücher zwecks Aufbaus einer toleranteren Gesellschaft?

Dass Literatur weit mehr Empathie und auch Begeisterung für kulturelle Vielfalt wecken kann als trockene moralische Belehrungen, ist leider ein wenig in Vergessenheit geraten – obwohl sich immer wieder zeigt, wie stark sich Kinder nicht nur von Märchen faszinieren lassen, sondern auch von Geschichten über Merkwürdigkeiten oder Normales in merkwürdiger Formung in fernen Ländern. Die Fähigkeit zum Staunen über Ungewohntes ist beim Kind am größten, auch die Lust, etwas Unbekanntes mal auszuprobieren. In der Zeit der Vorurteilslosigkeit, die alle Kinder durchleben, sollten wir ihnen viele, viele Angebote auch literarischer Art machen.

Weil immer mehr Kinder auch aus sogenannten ´bildungsfernen` Familien Kitas und Horte in Ganztagsschulen besuchen, haben sich die Chancen sehr erhöht, dass mehr Kinder schon früh Bekanntschaft mit altersgerechter Literatur machen. Die Belegschaft der meisten Kitas und Ganztagsschulen ist sehr multikulturell und das bietet an sich schon beste Voraussetzungen nicht nur für die Ausbildung von Toleranz, sondern auch für echtes Interesse an den vielen, hier vertretenen Kulturen. Ob diese Chancen überall gesehen und optimal genutzt werden, ist eine andere Frage. Es ist bekannt, dass nur ein Teil der Kinder überhaupt gerne liest, viele Kinder nutzen die Bücher nicht, die ihnen eigentlich zur Verfügung stehen. Um mehr Jugendliche zum Lesen zu bringen, müssten die Lesefertigkeiten und die Lesefreude schon in der Grundschule geweckt und mehr gefördert werden.

Erzählen Sie uns von den wichtigsten Themen Ihrer Kinderbücher.

Mein Mann, Saddek el Kebir stammt aus Algerien und hatte in Berlin Theaterwissenschaft studiert. Zwischen 1977 und 1988 lebten wir in Algerien und damals arbeitete er beim dortigen Fernsehen, u. a. als Märchenerzähler. Er schöpfte zunächst aus einem Fundus von Geschichten, die ihm selbst als Kind erzählt worden waren – maghrebinische Volksmärchen.

Ein durchschlagender Erfolg im algerischen Fernsehen war die Geschichte der kleinen Mistkäferin Khonfussa, die sich schön macht, weil sie sich auf dem Markt nach einem Bräutigam umsehen will. Es präsentieren sich etliche Bewerber – ein Pferd, ein Esel, ein Hund, ein Kater, ein Hahn. Khonfussa fragt jeweils, was ihr die Bewerber bieten können, Keiner erfüllt ihre Erwartungen: Sie möchte sich in der Ehe nicht langweilen, sie möchte einen Künstler heiraten. Aber bei der geforderten Tanz- und Gesangsprobe scheitern die Bewerber kläglich. Als sie schon alle Hoffnung aufgegeben hat, fliegt plötzlich Herr Khonfus herbei und bittet Khonfussa, mit ihm die Ehe einzugehen. Auf die Frage nach seinen künstlerischen Fähigkeiten erklärt er das Rollen von Mistkügelchen zu seiner bevorzugten Aktivität. Khonfussa ist begeistert, weil das auch ihr liebstes Spiel ist – sie willigt in die Heirat ein.

Dieses in Algerien sehr bekannte Märchen, das mit seinem matriarchalen Inhalt als berberisch erkennbar ist (in marokkanischen Berbergebieten gibt es noch heute einen Heiratsmarkt, auf dem sich Heiratswillige beiderlei Geschlechts frei begegnen) gefiel uns besonders, weil es die jetzt dort herrschenden patriarchalen Geschlechterverhältnisse konterkariert. Es hat allerdings auch eine heute als rückschrittlich auslegbare Komponente: Es endet nicht mit einer mutigen bikulturellen Eheschließung, sondern mit einer Hochzeit im eigenen Stamm. Um andere Akzente zu setzen, haben wir uns die Mistkügelchen ausgedacht: die beiden kommen nicht zusammen, weil sie vom selben Stamm sind, sondern weil sie gleiche Interessen und Vorlieben haben.

Seit 1988 lebte unsere Familie wieder in Deutschland, wo Saddek u. a. mit diesem Märchen in Schulen und an vielen anderen Orten aufgetreten ist. Er hat es nicht nur erzählt, sondern die Kinder sogleich mittels Stegreifspiel aktiv in die Erzählung einbezogen. Das habe ich mir von ihm abgeguckt und dann auch praktiziert. Schließlich wurde immer öfter der Wunsch an uns herangetragen, unsere Märchen auch in Buchform zu bringen. In Zusammenarbeit mit den renommierten Kinderbuchautoren Konrad Golz, Günter Wongel und Wolfgang Mond sind dann auch etliche Bücher entstanden. Ihr Urtext basiert auf einem nordafrikanischen oder orientalischen Märchen, das Saddek el Kebir in eigener Modernisierung erzählt – man darf nicht vergessen, dass Märchen lebendige Organismen sind, die von Erzähler zu Erzähler, von Epoche zu Epoche immer wieder neue Gestalt annehmen.

Unsere Kinder- und Jugendbücher zeigen starke Mädchen und Frauen (´Noara und die drei Prinzen`, entwerfen eine multikulturelle Gesellschaft von Gleichberechtigten (´Hillal, König der Affen`), sprechen ökologische Probleme an (´Belquis im Palast der Ratten`).

So entstehen unsere Bücher: Saddek skizziert eine seiner in langer Erzählerfahrung entstandenen Versionen, ich bringe sie in deutscher Sprache in Form, ändere hier und da, setze auch Pointen oder ganze Abschnitte dazu. Wir übersetzen die durchdiskutierte Endfassung dann ins Arabische, Französische und Berberische. Und so existieren unsere Kinder- und Jugendbücher in vier Sprachen. Sie werden vom algerischen Verlag Lalla Moulati verlegt. Auf deutsch gedruckt liegen leider nur fünf von 13 Büchern vor. Eventuell kombiniert mit den arabischen Fassungen sind das ausgezeichnete Materialien für multikulturelles Spielen und Lernen. Wir haben übrigens die Erfahrung gemacht, dass die Kinder nach einer Erzählung mit Stegreifspiel stark motiviert sind, das Buch, das die Grundlage dafür war, auch zu lesen.

Weitaus mehr als für Kinder erzählt Saddek auch Märchen für Erwachsene – seine freien modernisierten Adaptionen aus ´1000 und 1 Nacht`. Aus dieser Erfahrung ist unser Roman ´Zwei Sultane` entstanden, in dem die Einleitungsgeschichte, die im Original nur 8 Seiten lang ist, zu einem ganzen Buch ausgesponnen und weiterentwickelt wurde. Es geht um den blutrünstigen Sultan Schahriar, der schließlich von Scheherazade gebändigt wird, aber auch um seinen Bruder Schahsamen, dessen Ehefrauen wie die von Schahriar untreu waren, der aber eine gegenteilige Entwicklung nimmt, über die sich die originalen ´1000 und 1 Nacht` aber ausschweigen. Zu diesem Buch hat Saddek einen herrlichen Grundstock geliefert, während ich wesentliche Teile der späteren Entwicklung Schahsamens hinzugefügt habe sowie eine ausführliche Erzählung, wie Scheherazade es fertiggebracht hat, Schahriar zu zähmen.

Ich hoffe, wir schaffen es noch, Saddeks ebenfalls sehr erfolgreiche Adaption von ´Kamar ez zamen`- Mond der Zeiten` aufzuschreiben.

Welche sind die wichtigsten Herausforderungen, denen sich der interreligiöse Dialog im Moment in Deutschland stellen muss?

Wichtig ist, dass er überhaupt vorurteilsfrei stattfindet. Das ist meiner Beobachtung seit den Attentaten des 11. September 2001 selten der Fall. Seitdem findet er – bewusst oder unbewusst – in Formen ideologischer Kriegsführung statt. Anstatt nach gemeinsamen humanitären Kernen zu suchen, überwiegt das Herausstreichen scheinbar unüberwindlicher Gegensätze, die bereits in den Wurzeln der Religionen begründet sein sollen. Ich erinnere mich an Diskussionen mit protestantischen Diskussionskreisen, die nach dem 11. September geradezu hysterisch die angeblich zu verallgemeinernden Kriegssuren des Koran anschwärzten, aber nicht hören wollten, dass nicht nur das alte Testament etliche angeblich gerechte Kriege feiert, sondern auch die neutestamentarische Offenbarung des Johannes oft als Rechtfertigung von Kriegen diente.

In den neunziger Jahren gab es viele Basisinitiativen zum interreligiösen Dialog und sogar zum Trialog. Ich habe damals an mehreren Trialogen mit jüdischen, christlichen und muslimischen Frauen teilgenommen, deren Ziel keineswegs der Clash of Civilizations war. Vielmehr einte sie ein gemeinsamer Kampf gegen die noch heute virulenten Wurzeln des Patriarchats, die in den heiligen Texten der drei Religionen verankert sind. Damals habe ich auch als Privatdozentin an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main Seminare über ´Feministische Theologie im Judentum, Christentum und im Islam` angeboten, die sowohl Lehramts-Studenten als auch Theologiestudenten begeistert angenommen haben, weil ein solches Angebot bis dato fehlte, aber für die spätere berufliche Praxis als sehr nützlich erachtet wurde. Im Feminismus trafen sich die drei Religionen mit der gemeinsamen Motivation, die z. T. auf denselben alttestamentarischen Mythen beruhenden religiösen Schranken zu brechen, die der vollen Gleichberechtigung der Frauen kulturell entgegenstehen.

Unser Beitrag zum interreligiösen Trialog ist ein Buch über ´Maria und Jesus im Islam. Für Kinder, Jugendliche, Eltern und Erzieher`. Es ist hierzulande so gut wie unbekannt, dass Jesus für Muslime  ein wichtiger Prophet des Friedens ist und dass Maria im Koran viel ausführlicher präsent ist als im Neuen Testament. Letzteres hat den Grund, dass der Marienkult erst im 3. Jahrhundert entstand und sich eben auch auf der arabischen Halbinsel großer Popularität erfreute.

Saddek und ich sind mit der vom islamischen Chronisten Tabari (9. Jahrhundert) inspirierten Geschichte von Jesus als Friedensbringer oft in Schulen, aber auch vor Erwachsenen aufgetreten, wobei auch stets ein Stegreifspiel inszeniert wird. Es ist z. B. amüsant, dass Jesus im Islam in der als rein geltenden Wüste geboren wird, unter einer plötzlich erblühenden Palme – und nicht in einem Stall – , weil es für Muslime undenkbar ist, dass ein Prophet in der Nähe unreiner Tiere zur Welt kommt. Der islamische Jesus ist christlichen Apokryphen entlehnt – das sind auf Papyri überlieferte Erzählungen, die im Volksglauben des Orients und auch in Europa bis in die Neuzeit existent blieben, aber nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden. Wie in den Apokryphen beginnt Jesus auch im Koran schon gleich nach der Geburt zu sprechen und zu predigen. In unserer Erzählung sagt er bei seiner ersten öffentlichen Ansprache in Jerusalem vom Arm seiner Mutter aus: ´Schalom Aleichem` zu den Kindern Isaaks und ´Salam Aleikum` zu den Kindern Ismaels. Das steht so zwar weder in den Apokryphen, noch im Koran, noch bei Tabari, scheint uns aber eine legitime Vermutung zu sein. Außer der Erzählung über Geburt, Leben und Tod von Jesus – auch sein Tod unterscheidet sich von der christlichen Version – enthält das Buch die Stellen aus dem Koran, die die Erzählung belegen. Des Weiteren gibt es einen Abschnitt, der die historischen Beziehungen zwischen der jüdischen, der christlichen und islamischen Sicht auf Jesus in allgemein verständlicher Form darlegt sowie ein Glossar, in dem die vorkommenden Namen in ihrer hebräischen, arabischen und deutschen Form aufgeführt sind.

Weil wir davon ausgehen, dass Kenntnis und Geschichte der Religionen ein Teil der Kulturgeschichte sind, mit dem sich auch Atheisten beschäftigen sollten, ist dieses Buch in kulturhistorischer Perspektive verfasst und kann sowohl für Gläubige als auch für Nichtgläubige von Nutzen sein. In einer Berliner Schule habe ich es in mehreren Unterrichtseinheiten angeboten, die gemeinsam von der Lehrerin für Lebenskunde und der Lehrerin für Religion zur Verfügung gestellt wurden. So haben christliche und muslimische Kinder – zuweilen waren auch jüdische Kinder dabei – das Stegreifspiel gemeinsam gespielt, Fragen gestellt und diskutiert.

Dass die für den interreligiösen Dialog so ausgezeichnet nutzbaren christlichen und islamischen Facetten der Jesus-Gestalt so gut wie gar nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getragen werden, ist der für uns schmerzliche Ausdruck des kriegerischen Geistes, mit dem sich die beiden Zivilisationen gegenwärtig gegenüberstehen. Weder die Kirchen noch islamischen Theologen zeigen großes Interesse, daran etwas zu ändern, sie zielen ehern auf Abgrenzung. Heute ist es für das Judentum und das Christentum selbstverständlich, Jesus als bedeutenden jüdischen Reform-Rabbi anzuerkennen als nur auf die Unterschiede in seiner theologischen Bedeutung zu pochen. Anhand von Gemeinsamkeiten der Jesus-Gestalt könnte es auch zu einer ähnlichen Annäherung zwischen Christentum und Islam kommen, ohne, dass die Unterschiede verwischt werden müssten.

Weitere Infos zur Autorin und ihren Projekten finden Sie auf ihrer Webseite: www.Sabine-Kebir.de

Kategorien: Interviews, Kultur und Medien, Nichtdiskriminierung
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