Raúl Alarcón, Abgeordneter der Republik Chile: „Ich habe nicht gewonnen, der Abgeordnete ist Florcita Motuda“

21.04.2018 - Valparaíso, Chile - El Desconcierto

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch, Italienisch verfügbar.

Raúl Alarcón, Abgeordneter der Republik Chile: „Ich habe nicht gewonnen, der Abgeordnete ist Florcita Motuda“

Raúl Alarcón Rojas, besser bekannt als Florcita Motuda, ist ein chilenischer Musiker und Politiker, bekannt für seine experimentelle und extravagante Arbeit und seinen öffentlichen Einsatz für das „Nein“ im Plebiszit von 1988 gegen die Pinochet-Diktatur, welches schlussendlich den Demokratisierungsprozess in Chile einleitete. Für die deutschsprachige Leserschaft von Pressenza haben wir den Artikel von Francisco Parra, erschienen am 23.03.2018 in eldesconcierto.cl, übersetzt.

Gekleidet wie für eines seiner Konzerte, nimmt er mit seiner Unterschrift das Amt als Abgeordneter an. Innerhalb von zwei Wochen kennen ihn bereits alle seine Kollegen. An einem Ort, wo niemand gehört zu werden scheint, ist der Mann mit den Antennen und der weißen Robe derjenige, der am meisten daran interessiert ist zu verstehen, was die anderen sagen. Und selbst er ist überrascht: Er ist gerne Abgeordneter.

Er steht auf, er setzt sich. Er hebt seine Hand, dann senkt er sie. Es steht auf. Er nähert sich einem Abgeordneten, einem anderen, einer dritten und wieder einem anderen. Er sagt ihm, er solle näher zum Mikrofon sprechen, damit alle es hören können. Die Fernsehkamera erwischt ihn plötzlich, wie er dem Parlamentarier, der das Wort hat, den Rücken kehrt.

In der Abgeordnetenkammer sind mehr als die Hälfte der Sitze leer, während Maßnahmen zur Kontrolle von Aggressoren im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt diskutiert werden. Viele der Anwesenden reden miteinander. Das Gemurmel ist zu hören und dazwischen ist Florcita. Er bewegt sich von einer Seite zur anderen, um sich dem zu nähern, der gerade spricht. Er schaut gerne Menschen ins Gesicht, um sie zu verstehen.

Raúl Alarcón wurde vor 72 Jahren in Curicó als Sohn eines Polizisten und einer Lehrerin geboren.

„Florcita Motuda“ wurde vor 41 Jahren geboren und ist „Sohn von Violeta Parra und Jimi Hendrix“.

Glücklich

Überraschenderweise ist Florcita Motuda glücklich in seiner Funktion als Abgeordneter.

„Es überrascht mich, wie glücklich ich bin! Aufstehen um 6 Uhr morgens! Eigentlich habe jetzt angefangen, richtig zu arbeiten, weil Musik zu machen für mich nie Arbeit war. Sogar mein Körper fühlt sich besser an, weil ich glücklich bin.“

Vor seinem Amtsantritt, machte er sich Sorgen darüber, wie er es vermeiden sollte während den Sitzungen einzuschlafen und dass man keine Aufnahmen von ihm mache, wie er während einer Sitzung ein Nickerchen hält. Aber das ist nicht passiert auch wenn seine Arbeitstage oft sehr hektisch sind. Um 6 Uhr morgens steht er auf, nimmt den Bus, steigt um in die U-Bahn und erreicht die Station Pajaritos, um dann nach Valparaíso weiter zu fahren. Um 18.00 Uhr, wenn es keine Treffen gibt, Rückfahrt nach Santiago de Chile.

„Sagen wir einfach, ich habe eine bemerkenswerte Klarheit. Für mich ist das erstaunlich“, sagt er im Bus auf dem Rückweg in die Hauptstadt. Raúl ist in „zivil“ gekleidet und so werde er nicht so oft erkannt, weil er „nur ein weiterer alter Mann“ sei. Auf dem Weg fragen ihn ein paar Leute nach einem Selfie, andere grüßen ihn, ermutigen ihn, eine Person bietet an, seine Gitarre herauszunehmen, um zusammen mit ihm zu spielen und ein Wasserverkäufer möchte den Moment festhalten, in dem er ihm eine Flasche verkauft hat. Florcita Motuda ist im kollektiven Unbewussten.

Wenn er nicht in „zivil“ unterwegs ist, trägt Florcita „Gala“ mit Antennen, Umhang und das unverwechselbare T-Shirt mit seinem Namen. Diesen Namen, mit dem er in den 70er Jahren Begeisterung hervorrief und den Kampf gegen die Pinochet-Diktatur mit dem „Walzer für das Nein“ musikalisch verkörperte.

So war er angezogen an jenem Tag, an dem er als Abgeordneter der Republik sein Amt annahm. Seine erste Intervention in der Kammer bestand darin, die Bitte vorzubringen, den Ton zu verbessern. Er war vom Lärm seiner Kollegen und Kolleginnen gestört und wollte die Redebeiträge besser hören. Er bat um das Wort und bat die Tontechniker, die Höhen anzuheben und den Bass zu senken.

Seine Intervention rief im Plenarsaal Beifall aus und wurde von sozialen Netzwerken viralisiert. Jetzt ist der Ton im Saal tatsächlich besser geworden, mehrere Abgeordnete bestätigen das. „Man kennt sich eben in solchen Dingen aus. Die Tontechniker entzerren die Stimme, damit sie schön klingt, wenn man aber die Höhen anhebt, klingt es zwar nicht schön, aber die Stimme wird verständlicher. Das war der Schlüssel“, erklärt er.

Für Florcita Motuda ist es keine Kleinigkeit, den Klang zu verbessern. „Wenn ich nicht verstehe, verspanne ich mich, dann werde ich wegen jeder Kleinigkeit wütend.“ Man muss alle Möglichkeiten ausschließen, dass man angespannt oder wütend wird, weil es einen daran hindert, das wahrzunehmen, worüber der andere spricht“, sagt er.

Sein Bankkollege Renato Garin, Abgeordneter der Demokratischen Revolution, kommentiert: „er hat einen anderen Rhythmus, eine andere Art zu funktionieren“.

Garín ist genau das Gegenteil von „Flor“. Er ist perfekt gekleidet und fleißig, er hört nicht auf, sich während der Sitzung Notizen zu machen. Er wurde von der Parlamentsfraktion von Frente Amplio ernannt, dem Volksvertreter Motuda „unter die Arme zu greifen“. „Meine tägliche Arbeit besteht darin, ihn hinzusetzen, damit die Computer-Kamera ihn erkennt und ihn als anwesend zählt. Ich bin eine Art Tutor: jedes Mal, wenn ich ihn zur Ordnung rufe, schreie ich ihn an: „Raúl!“ sagt er lachend.

Beide sind Freunde geworden und treffen sich auch außerhalb des Parlaments.

Auf der anderen Seite sitzt Diego Ibáñez, von der Autonomen Bewegung. „Er hebt unsere Stimmung in jeder Sitzung. Er repräsentiert mit seinem Alter jene kulturelle Rebellion von früher. Viele Jahre lang war der Kongress nicht repräsentativ, und Florcita überwindet symbolisch den Ausschluss, der während des Übergangs statt fand“, sagt er.

Flor Motuda genießt die Zeit mit seinen neuen Kollegen: „Ich fühle mich privilegiert, mit ihnen zusammen zu sein, ein 72-jähriger Mann wie ich. Ich bin wie der Großvater von allen. Mit dem Garin lachen wir uns immer kaputt. Die Pamela, der Crispi, der Diego, der Gonzalo Winter sind alle sehr warmherzige Menschen. Ich sage ihnen nur, dass sie keine alten Kerle sein sollen, weil man die Fähigkeit verlieren kann, wie junge Leute zu reden. Manchmal benehmen sie sich wie das alte Modell des Politikers, der laut und hart spricht und so geht ’s nicht, so verlieren sie die Eigenschaften der Jugend.“

“Wenn sie sich so benehmen, nehme ich sie sofort auf dem Arm“, fügt er hinzu.

Ohne Streit

„Ich weiß nicht mehr wie oft ich mich in meinem Leben gestritten habe, aber danach habe ich erkannt, dass es immer einen minimalen gemeinsamen Nenner in der Beziehung mit anderen gibt, und hier erscheint dieser kleinste gemeinsame Nenner: alle Leute schaue ich vom aus Herzen an, alle, ich fühle mich jedem nahe, wer auch immer es ist. Den Unterschied mache ich bei den Ideen, im Kopf, aber mein Herz wird nicht kleiner oder verworrener deshalb, es ist immer noch an der gleichen Stelle“, sagt Motuda.

Was passiert dir, wenn du Abgeordnete von der UDI[1] sprechen hörst?

Interessanterweise habe ich Übereinstimmungen gefunden und Gesetze wurden einstimmig verabschiedet, weißt du? Dann natürlich gibt es die Themen, wo sich jeder in seinen Schützengraben zurückzieht, verstehst du? Wo sich jeder rechts oder links platziert. Für mich haben diese Begriffe und Bezeichnungen nicht die Breite, um diesem historischen Moment gerecht zu werden. Wir müssen nach anderen Begriffen suchen, um Menschen zu qualifizieren, wie gute Menschen und andere, die irgendwann einmal gut sein werden.

Es ist nicht einfach, sich mit dir zu streiten, Abgeordneter.

Wenn man alt wird, versteht man, dass Menschen ein Recht auf ihre Ansichten haben und das ist leichter, wenn du dich den anderen nahe fühlst. Natürlich, wenn sie sich in die Gräben legen, das heißt, hier die Rechte, dort die Linke usw., dann haben sie kein Interesse, sich gegenseitig zuzuhören. Das stört mich, weil mir das Rechts-Links-Konzept nicht die nötige Breite gibt.

Welche Anliegen wirst du im Kongress vortragen?

Es bewegt mich, dass die Straßenmusikanten festgenommen werden. Manchmal konfiszieren die Ordnungskräfte ihre Instrumente oder sie zerstören sie. Dieses Thema berührt sogar die Polizisten, die sie festnehmen, denn für niemand ist es angenehm, einen Musiker festzunehmen, der versucht, ein paar Münzen auf der Straße zu verdienen. Im Kulturausschuss werde ich mich für diese Sache engagieren.

Bei den Sport- und Kulturausschüssen, in denen du Mitglied bist, geht es entspannter zu als in anderen.

Kein Streit! Nicht so wie bei den Menschenrechten oder Finanzen. Ich bevorzuge Sport und Kultur, weil sie mit dem Geist zu tun haben. Häufig beschäftigt sich die Politik mit der Wirtschaft und nur mit der Wirtschaft. Das ist das Materielle. Aber der Mensch hat materielle und geistige Bedürfnisse, in denen Kunst, Wissenschaft, d. h. Sache, die eine Empfindung in der Brust erzeugen und man sich mich sich selbst verbindet. Es ist nicht alles Wirtschaft. Aus dieser Perspektive möchte ich diese spirituellen Bedürfnisse im Kongress zum Thema werden lassen.

Humanismus

Florcita Motuda ist einer der Gründer der Humanistischen Partei. Er versuchte es viermal, bevor er Abgeordneter wurde. Beim fünften Versuch hat es geklappt.

Er sagt, dass er als Lebensphilosophie die klassische Methodologie der These-Antithese-Synthese ablehnt. Das führt nur dazu, sich zu widersetzen, zu streiten, nicht die Ansicht mit dem anderen zu teilen. Das gefällt ihm nicht.

„Wir Humanisten sagen: Differenzierung, Ergänzung und Synthese. Da steckt eine andere Intentionalität dahinter, nämlich verstehen zu wollen, und sich nicht gleich zu widersetzen ohne zuzuhören, was der andere sagt“, erklärt er.

Einmal sagte man ihm, er solle seine „Gala“ zu Hause lassen, denn er sei Raúl Alarcón, der Abgeordnete. „Spinnst du?“, sagte ich. Wenn du bei der chilenischen Wahlbehörde nachfragst, wirst du feststellen, dass ich null Spenden erhalten und ich nichts ausgegeben habe. Meine Investition war Florcita Motuda. Nicht Raúl hat gewonnen, sondern der Abgeordnete Florcita Motuda. Die Leute kennen mich so, deshalb bin ich in meiner „Galakleidung“ gekommen. Wenn es in einem angespannten Moment gebraucht wird, trage ich diese Kleidung. Wenn es hart auf hart kommt, ziehe ich meine Uniform an.“

In dieser Woche löste deine Erklärungen zur Unterstützung von Boliviens Anspruch einen eigenen Zugang zum Meer zu erhalten, Kontroversen mitten in einer verschärften nationalistischen Rhetorik aus. Er wusste es nicht. „Schau dir die zahlreichen WhatsApp-Mitteilungen auf dem Handy an. Die meisten sind Interviewanfragen, sowohl aus Chile als auch aus Bolivien.“ Er lacht, als er sieht, dass eine Nachricht von ihm über Bío Bío[2] in Facebook mehr als 30‘000 Mal geteilt wurde. Am nächsten Tag versucht die Morgensendung „Willkommen“ im Rundfunk ihn zu überrumpeln, in dem die Diskussionsteilnehmer in Frage stellten, wie ein chilenischer Abgeordneter Boliviens Anspruch unterstützen kann. „Ich liebe dieses Land, ich liebe seine Folklore, seine Leute. Der Rechtstreit über dieses Problem schadet uns allen. Was passiert ist, dass Chile Bizeps zeigen und mächtig erscheinen will. Die Sachen sind aber nicht so, wir müssen uns der Situation stellen. Stellen Sie sich vor, wir wären diejenigen, die dort leben und uns würde ein wichtiger Teil des Territoriums weggenommen.“, sagt er.

Dann fügt er hinzu: „Es gibt etwas sehr Auffälliges, nämlich, dass ich mit meinem inneren Kind kommuniziere. Kinder tun nie, was sie nicht wollen. Und ich bin wie ein kleiner Junge. Ich hatte früher Angst, aber ich musste nichts tun, weil mein inneres Kind, das nichts tut, was ihm nicht gefällt, sich als Abgeordneter amüsiert.“

Übersetzung aus dem Spanischen von Gustavo Joaquin, überarbeitet von Reto Thumiger


[1] Union Democrática Independiente, eine der zwei rechten Parteien, die im chilenischen Parlament vertreten sind (Anm. des Ü.)

[2] Die Region, die er im Parlament vertritt

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, Interviews, Politik, Südamerika
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