Wir brauchen dringend einen Polylog über den „islamischen“ Terrorismus

03.01.2018 - Milena Rampoldi

Wir brauchen dringend einen Polylog über den „islamischen“ Terrorismus
(Bild von Osama Hajjaj)

Der Diskurs über den „islamischen“ oder „islamistischen“ Terrorismus muss sich notgedrungen in einen Polylog verwandeln, d.h. in einen Diskurs, an dem alle involvierten Akteure teilnehmen. Es sind vor allem die Muslime, die der Welt mitteilen müssen, was der „islamische“ Terrorismus für sie bedeutet, ohne sich immer nur davon zu distanzieren, ohne ihn zu definieren… und indem sie nur wiederholen „Das bin ich nicht…“

Der Terrorismus soll nicht nur als ideologisches Phänomen angesehen werden, sondern auch als ein Phänomen, das die soziologische und nihilistische Grundstruktur zum Ausdruck bringt, im Rahmen derer dieser Terror entsteht, sich entwickelt und verändert. Der Diskurs über den Terrorismus muss im Besonderen einen Polylog über die Phänomene, die terroristisch sind, obwohl sie nicht als solche definiert werden, einschließen. Und in diesem Rahmen erscheint der sogenannte islamistische Terror als ein Phänomen des Anti-Terrors, der Frustration, des Zorns, der gewaltvollen und blinden Reaktion gegen terroristische Phänomene im weiten Sinne des Wortes, wie beispielsweise gegen den  Kolonialismus, Neuimperialismus, Militarismus des Kapitals und Zionismus.

Der Polylog über den Terrorismus bietet uns ein ideales wissenschaftliches Paradigma, um damit anzufangen, die Verbindung zwischen Terror, Gewalt, Rechtfertigung der Gewalt und Nihilismus zu verstehen, die nichts mit dem ideologischen Kern der Weltreligionen zu tun haben. Wie der buddhistische Terrorismus des Staates von Myanmar nichts mit dem Buddha und seiner Botschaft zu tun hat, wie der chinesische Kolonialismus in Tibet und Uighuristan der Lehre von Konfuzius widerspricht, der gewalttätige Zionismus des Staates Israel nicht mit der ethischen Botschaft des Judentums und den Tafeln Moses zusammenhängt, so haben auch der Islam und der Terrorismus nichts gemeinsam, obwohl sich die Terroristen in ihren Handlungen auf Allah beziehen und wirklich glauben, dem Islam anzugehören und somit Muslime zu sein.

Der Terrorismus bedeutet die Absicht, den Anderen aus der Welt zu schaffen und die Zivilisten einer anderen Gruppe zu ermorden. Und diese Tötungsabsicht gilt auch der eigenen Religion, wie wir im vor kurzem in Kabul verübten terroristischen Anschlag gegen das schiitische Studienzentrum gesehen haben (soll das dann als sunnitischer Terrorismus bezeichnet werden?). Der Terrorismus ist eine blinde Modalität des Kampfes gegen den Imperialismus, indem man den koranischen Jihad manipuliert und ihn in einen nihilistischen Krieg des Materials verwandelt, das wiederum von den Imperialisten zur Verfügung gestellt wird.

Der Terrorismus kommt für mich einem Drachen gleich, der sich seinen Schwanz verbrennt. Er wird von einem noch größeren, imperialistischen Drachen, angespornt, der ihm die Waffen liefert; aber der kleine Drache, der glaubt, für Allah und den Koran zu kämpfen, sieht diesen großen Drachen gar nicht, obwohl dieser seinen großen Schatten auf ihn wirft, und anstatt gegen diesen großen Drachen zu kämpfen, verbrennt sich der kleine Drache sein eigenes Schwänzchen.

Der „islamische“ Terrorismus kann meiner Meinung nach als ein mörderischer und selbstmörderischer Nihilismus angesehen werden, der die gesamte Welt bedroht: Die Imperialisten glauben, die Islamfeindlichkeit fördern zu können, indem sie Islam und Terror gleichsetzen; die Waffenhändler verwandeln das virtuelle Kapital der Börse in das „greifbare“ Kapital der Waffen und in die Minen, auf die man dann die Kinder in den entlegenen Dörfern in Afghanistan treten lässt; einige Muslime glauben, er wäre die beste Option des anti-imperialistischen Kampfes und wissen gar nicht, dass all die, die mit ihnen kämpfen, nur Gott töten und ins Nichts schießen. Und für den Zionismus ist der islamische Terrorismus die ideale Art und Weise, um die ewige Gaza-Blockade zu rechtfertigen, den Kolonialismus zu verewigen, um Eretz Israel aufzubauen. Israel braucht den antisemitischen „muslimischen“ Drachen, der den Kolonialstaat Israel auffrisst… denn nur so kann der jüdische Staat nach neuen Siedlern rufen und nach neuen Waffen schreien, um nicht ins Meer geworfen zu werden.

Vielleicht kommt es euch allen sonderbar vor, dass ich eine solche Verwirrung im Kopf habe, wenn man mich dazu auffordert, über den „islamistischen Terror“ zu sprechen. Aber ohne einen Polylog, der von einigen Ausgangspunkten wie diesen seinen Anfang nimmt, kommen wir aus diesem „islamistischen Terror“ niemals heraus, um für die Gerechtigkeit und die Werte der Toleranz und des gerechten Friedens zu kämpfen.

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Meinungen, Mittlerer Osten
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