Vom Humanismus zu „France insoumise“: Portrait einer engagierten Frau

12.06.2017 - Marie-Laurence Chanut Sapin

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch, Italienisch verfügbar.

Vom Humanismus zu „France insoumise“: Portrait einer engagierten Frau
(Bild von Pressenza Frankreich)

Sabine Rubin ist eine Frau, die ihren Idealen treu geblieben ist. Seit langem ist ihr Engagement von den Werten der Gleichheit, sozialer Gerechtigkeit, echter Demokratie, von Frieden, Solidarität und Gewaltlosigkeit getragen. Ihre Überzeugungen sind eine Hommage an das menschliche Wesen, an den Menschen, wie er wirklich ist, was er verdient, wonach er strebt und der Ausdruck seiner besten Intentionen.

Pressenza: Sie treten bei den Parlamentswahlen für „La France Insoumise“ im 9. Wahlkreis von Seine-Saint-Denis an. Wie ist es dazu gekommen und was motiviert Sie zu diesem politischen Engagement?

Sabine Rubin: Seit über 40 Jahren bin ich eine ‚Widerspenstige‘, nämlich seit mir klar wurde, dass die Ökonomie die Menschlichkeit dominiert, indem sie den Menschen zu einer Konsum-Maschine macht. Heutzutage ist es „das große Finanzmonster“, das – fortschreitend und unentrinnbar – den Menschen in eine doppelte Misere zwingt, nämlich materiell und ethisch, was sich durch einen zunehmenden Individualismus ausdrückt.

Meinen Aspirationen, die ich als 18jährige hatte, bin ich treu geblieben und so kann ich auch sagen, dass ich eine „Idealistin“ bin, die mehr und besseres für den Menschen anstrebt.

Zwei Jahre nach der Wahl von François Mitterand, habe ich mich bald verraten gefühlt, weil Wahlversprechen nicht eingehalten wurden. Also bin ich durch die politische Landschaft gezogen, habe mich aber in den politischen Positionen nicht gefunden, die nach meinem Empfinden eher doktrinär waren – auch wenn sie das Thema der sozialen Gerechtigkeit verteidigten.

Ich habe mich auch mit dem Thema der Demokratie auseinandergesetzt, in der ich eine Möglichkeit sah, den Stimmen jenen Gehören zu verschaffen, denen man nie und nimmer das Wort erteilt.

Seit lange schien mir die repräsentative Demokratie eine Theatervorstellung der Demokratie zu sein, insofern die gewählten Vertreter uns täuschen. Dazu kam die Frage: Wie sind die Minoritäten hier repräsentiert?

Und dann stellte sich mir die Frage: Was muss verändert werden, in dieser Welt? Das System oder der Mensch?

Ich habe mich bei den Humanisten, die in dieser Frage engagiert waren, eingesetzt. Wir waren in den Stadtteilen sehr präsent, besonders natürlich durch Zeitungen, die den Leuten ermöglichten, ihre Stimme hörbar zu machen. Das Thema der Gewalt und der Gewaltlosigkeit war im Zentrum unserer Debatten und Aktionen.

Kommen wir zurück auf das, was ich vorher als „das große Finanzmonster“ bezeichnet habe und erinnern wir uns, dass sein Charakteristikum darin besteht, die Gewinne des Unternehmens – erwachsen dank der Arbeit der Lohnempfänger – eher an die Aktionäre verteilt werden als dass sie kollektiv reinvestiert werden.

Die Politiker sind von den gutverdienenden Aktionären abhängig, denn diese finanzieren alles. Das ruiniert konsequenterweise die Wirtschaft, es kommt zur Sklerose und das politische Wort verhärtet sich.

Das Problem ist, dass die in dieser Welt geborenen Generationen, einen kritischen Geist vermissen lassen und denken, dass das der regelrechte Gang der Ökonomie sei. Es ist das einzige Modell, das sie haben und auf diese Weise wird die Anomalität zur Normalität.

Aber das ist offensichtlich falsch und es gibt einen Graben zwischen dieser Welt, die vom willkürlichen Regime der ökonomischen Gesetze bestimmt ist und den wirklichen Notwendigkeiten und Bestrebungen des menschlichen Wesens.

Den Widerstand meiner jungen Jahre habe ich in der Bewegung von „France Insoumise“ wiedergefunden und auch die Möglichkeit das alles laut und deutlich auszusprechen, gemeinsam mit einer großen Zahl von Leuten. Und ich erkenne mich wieder in der Änderung des politischen Kurses, den das Programm vorschlägt.

Sie machen Ihre Kampagne dort, wo sie leben [1], Sie sind seit langer Zeit lokal verwurzelt. Wonach streben die Leute?

Das ist eine schwierige Frage: „wer immer dürstet oder hungert, träumt von Sättigung…“; aber, wenn es weder Hunger noch Durst gibt, wovon wird der Mensch träumen? Wenn man diese Frage stellt, was durchaus sinnvoll ist, geht es nicht mehr um die Oberfläche; man muss tiefer gehen.

Tatsächlich muss man unterscheiden zwischen den Sehnsüchten, den Notwendigkeiten und den tieferen Bestrebungen. Die Wünsche haben oft mit dem Wertesystem zu tun, das gerade en vogue ist. Das ist ziemlich verbreitet, unter anderem durch die Medien und was einmal in den Köpfen der Leute ist, sagt ihnen, dass das Glück darin besteht, ein Fernsehstar zu werden oder das neueste Smartphone zu haben.

Aber heute, in den Stadtvierteln – auch wenn die Menschen von diesen Sehnsüchten überbordet sind, spüren sie mehr und mehr die wirklichen Notwendigkeiten, die die Überlebensbasis ausmachen.

Denn: Im Moment, wo man sich die Zeit nimmt, mit den Leuten zu reden, sind sie es, die wieder eine Verbindung finden zu ihrem guten Willen, ihren Träumen und Hoffnungen.

Sie streben nicht an, 50 Wochenstunden zu arbeiten um zu konsumieren (auch das neueste Smartphone), auch wenn es die Gesetze diktieren – jene Gesetze, die das französische Arbeitsrecht immer mehr einengt – sie haben keine Lust, weder verdreckte Luft zu atmen noch Lebensmittel zu essen, die keinen Geschmack haben und randvoll mit Pestiziden sind. Sie wollen auch nicht von einer ungewissen Zukunft beunruhigt werden?

Was sie wollen, ist eine solidarische Welt. Wer in aller Welt könnte von einem humanen Standpunkt aus die Nicht-Solidarität verteidigen?

Ich finde es interessant, dass Jean-Luc Mélenchon, in seinen politischen Interventionen Elemente in dieser Richtung tiefergehend eingeschlossen hat. Meiner Einschätzung nach sind es diese Themen und diese humanen Werte, die ihnen unterlegt sind, die die Leute berühren und jenen Elan herbeiführen können, besonders bei den jungen Menschen unter 25, die sich massiv in der Kampagne von Mélenchon eingebracht haben. Sie sind es, die eine große Freiheit erreichen wollen und das Programm mit einem ganz unpolitischen Enthusiasmus angenommen. haben. Ich bin wie diese jungen Leute: Das ist der Hauptgrund, weshalb ich mich in dieser Kampagne engagiere.

Die Zivilgesellschaft bringt sich mehr und mehr ein: Wie sehen Sie dieses Phänomen in Ihrer Umgebung, vor Ort?

In unserem Wahlkreis gab es immer schon zahlreiche Bürgerinitiativen, Protest- und andere Initiativen.

Die Personen, die sich in diesem Bereich engagieren, sahen sich unpolitisch oder glaubten nicht mehr an die Politik, also richtigerweise muss man sagen: Sie glaubten den Politikern nicht mehr. Sie blieben also zurückhaltend, vorsichtig in Bezug auf „La France Insoumise“, die von einem Politiker geführt wird.

„La France Insoumise“ hat diesen Leuten aus dem Bereich des sozialen Engagements die Möglichkeit gegeben, sich einzubringen. Es sind Menschen, die sich von der Politik durchaus betroffen gefühlt haben, aber nicht oder nicht mehr in den traditionellen Parteien und deren Querelen zu tun haben wollten.

Sie sagen in dieser breiten Bürgerbewegung die Möglichkeit Politik im eigentlichen Sinn des Wortes zu machen, nämlich sich gemeinsam und das Leben der Gemeinschaft zu kümmern.

Worin besteht die Motivation der Mitglieder von „France Insoumise“? Ist es die Wiederaneignung der Entscheidungsprozesse, die ihnen nach und nach zu Gunsten der ökonomischen Herrschaft entgangen ist?

Manche wollen sich tatsächlich die Sache der Politik wieder aneignen und das Recht zu entscheiden. Es ist der Wunsch, nicht mehr auf die Rolle des Wählers eingeschränkt zu sein. Aber auch das Programm ist bedeutsam.

In unserer Gruppe von „Les Lilas“ gibt so viele Motive wie Personen und diese Diversität ist positiv. Das Programm aber verbindet diese Vielfalt – oder wie es Jean-Luc Mélenchon ausdrückt: „Die gemeinsame Zukunft“.

Was meine eigenen Motive zur Kandidatur angeht, sind es diese beiden:

  • Die Leute anregen – im Rahmen der Öffentlichkeit, die einem gewählten Volksvertreter offen steht – sich eigenständig um Probleme, die sie betreffen, zu organisieren – wobei ich sie dann unterstützen könnte.
  • Ein Programm durch Gesetze zu vertreten, die es erlauben, die liberalen Auswüchse zu stoppen und den Lauf der Ereignisse angesichts der Dringlichkeiten mit denen sich die Menschheit konfrontiert sieht zu verändern.

Wie ist der Vorschlag einer „sechsten Republik“ zu verstehen?

Die „sechste Republik“ ist vor allem ein Vorschlag, durch den die Demokratie wiederbelebt werden soll. Charlotte Girard, die das Programm mitverfasst hat – hat auf diese Achse besonderen Wert gelegt und sprach davon, eine Umgebung zu schaffen, die es den Menschen erlaubt wirklich und wahrhaftig Bürger zu sein. Eine Gelegenheit also, mit neuen Möglichkeiten eine Moral in die Politik zu forcieren, wie z.B. die Abberufung von Abgeordneten.

Für mich ist es sehr wichtig, sich als Bürger_in einzubringen, auch wenn das nicht von selber geht, weil man lange auf die Rolle des Wählers eingeschränkt war. Gemeinsam darüber nachdenken, was für alle gut ist, das ist eine Herausforderung, die es erlauben könnte, über die individuellen Interessen hinauszugehen – oft auch nur für kurze Zeit.

Mit dieser „sechsten Republik“ bietet „La France Insoumise“ einen Orientierungsrahmen für die Wiederaneignung der Demokratie. Die Politik des Wassers, der Energie, des Transports, der Gesundheit, der Ökologie … Man muss sich überall einmischen!

Die Staatsbürgerschaft ist keine Theorie: Es bedeutet, zu lernen, seinen Nachbarn zu kennen, mit ihm zu tun zu haben; und schließlich in einem Quartier sich Schritt für Schritt zu organisieren und gemeinsam zu entscheiden.

Welche Position nimmt La France Insoumise ein in Bezug auf Frieden und Gewaltfreiheit?

Der Ausstieg aus der NATO ist schon eine klare Haltung in der Außenpolitik. Die Botschaft des Friedens als ideologische Position ist mehr und mehr zu vertiefen.

Was die Gewaltfreiheit angeht ist es im Moment schwierig, einen Diskurs darüber in die Wege zu leiten, denn unsere Welt ist brutal und die Argumente werden nur schwer gehört. Das Wort Gewalt findet sich immer mehr im Zusammenhang mit dem ökonomischen System und nicht mehr nur im Kontext von Krieg.

Die gewaltfreie Antwort ist noch nicht da. Man kann die interpersonelle gewaltfreie Kommunikation wollen, aber der Kampf in der Politik bleibt „wild“. Das ist schade, denn Gewaltlosigkeit ist eine mächtige Methode der sozialen Aktion und hat ihr Fundament in einer Lebensphilosophie und Ideologie von großer Weisheit. Aber obwohl das Symbol von France Insoumise Weisheit und Harmonie repräsentiert, bewegt man sich noch nicht ganz in der Sphäre der Politik. Durch meine Kandidatur kommt es vielleicht so weit, das Streben nach Gewaltlosigkeit kennen zu lernen und anzuerkennen. In der Tat ist das der tiefere Sinn meines politischen Engagements.

(1) Les Lilas ist eine Gemeinde im Wahlbezirk Seine Saint-Denis in Frankreich.

Übersetzung aus dem Französischen von Walter L. Buder

Kategorien: Interviews, Politik
Tags: , , , ,

Newsletter

Bitte geben Sie Ihre Emailadresse ein, um unseren täglichen Newsletter zu abonnieren.

 

Der Anfang vom Ende der Atomwaffen

Dokumentarfilm ,,Das universelle Grundeinkommen, unser Recht zu leben‘‘

App Pressenza

App Pressenza

Milagro Sala

Europäische Kreditinitiative

Europäische Kreditinitiative

Ich will abstimmen

Ich will abstimmen

International Campaign to Abolish Nuclear Weapons

International Campaign to Abolish Nuclear Weapons

Archive

Except where otherwise note, content on this site is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International license.