Eine starke Frau im Interview – Milena Rampoldi

03.05.2017 - ProMosaik

Eine starke Frau im Interview – Milena Rampoldi
(Bild von Pete @ flickr.com (CC 2.0))

Milena, was verstehen Sie unter Feminismus?

Unter Feminismus verstehe ich eine bewusste und positive Überzeugung, Frau zu sein und Frau werden zu wollen. Frau sein ist nicht etwas Gegebenes und Statisches, sondern ein Kampf, eine Errungenschaft, ein Verlust, ein Erfolg, ein dauerndes Ringen … ganz im Sinne des chinesischen Sprichworts „Bei einer Reise von hundert Li sind neunzig erst die Hälfte“.

Frau sein bedeutet sich selbst zu überwinden, an sich selbst zu arbeiten, sich zu übertreffen und an den eigenen Schwächen und Verlusten zu wachsen, ohne daran zu zerbrechen. Frau sein bedeutet Dialektik, Auseinandersetzung, Konflikt, Versöhnung, Streben nach der Vollkommenheit, Verbindung mit dem Transzendenten und Verankerung in der Immanenz in Einem.

Der Feminismus bedeutet für mich, genau diese Haltung in der eigenen Seele zu leben und sie dann auch nach Draußen zu bringen, sie mit den Anderen in der Gesellschaft zu teilen. Die Gesellschaft bedeutet für mich ein Feld des sozio-politischen Handels zwecks Verbesserung der eigenen Umgebung. Als muslimische Feministin bin ich von der Komplementarität der Geschlechter als Geschöpfe Allahs im Sinne von Koran 4:1 überzeugt. Feminismus bedeutet in diesem Sinne für mich auch die Einbeziehung der Männer in den Kampf für die Frauenrechte und für die unantastbare Würde aller Frauen. Eine Gesellschaft kann nur wachsen, wenn sie diese Zweisamkeit als intimen, soziologischen, politischen und wirtschaftlichen Maßstab befolgt. Die Frau und die weiblichen Stärken und Werte gelten im Islam als die Pfeiler des familiären Friedens, der Seelenruhe, der Harmonie, der Erziehung der zukünftigen Generationen und somit auch als die tragende Kraft der muslimischen Gesellschaft als Ganze.

Feminismus bedeutet nicht Gleichheit und Gleichschaltung, sondern Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit, gleiche Würde und demzufolge auch die Behauptung der Verschiedenheit der Frau im Verhältnis zum Mann im positiven Sinne. Daher spreche ich nie von mir als Frau, sondern nur von mir als von einer werdenden Frau auf dem Weg des Feminismus, den ich Tag für Tag zu leben versuche, um mich auch seinem Ideal zu nähern, denn wie Descartes so schön sagte, schuf Gott die Idee des Unendlichen in uns, damit wir danach streben. Und wie Johann Wolfgang von Goethe so schön sagte: “Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.”

Feminismus bedeutet auch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen ethnischen, kulturellen, religiösen Ausprägungen des Feminismus und des Frau-Seins. Feminismus bedeutet Respekt vor dem Feminismus der anderen Frauen und die Anerkennung des Feminismus im Plural. Der Feminismus bedeutet Toleranz und Akzeptanz verschiedener Lebensmodelle bewusster Frauen.

Was bedeutet Feminismus für Sie und Ihren Alltag?

Das ist eine komplexe Frage … Ideologisch fühle ich mich in meinem Alltag oft eingeklemmt, wie eine Käsescheibe in einem Sandwich, erdrückt von zwei Fronten… Einerseits werde ich als Muslimin von vielen westlichen Feministinnen nicht als „Feministin“ wahrgenommen, weil der Islam als Negation des Feminismus abgetan wird und die feministischen Elemente im Koran nicht wahrgenommen werden; und andererseits werde ich mit zahlreichen frauenfeindlichen Ideologien in den Reihen muslimischer Gelehrter konfrontiert, gegen die ich mich im Namen des Islam und des Koran auflehnen muss, weil ich nicht anders kann und will. Dazu kommen frauenfeindliche unislamische Traditionen wie die Genitalmutilation der Frau, den Ehrenmord, die Frauenpolitik des sogenannten Islamischen Staates, die Kinderehe, die Zwangsheirat, die Mästung der Mädchen, die Sexsklaverei, die aber vielfach in den muslimischen Gemeinschaften weit verbreitet sind und mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. Diese frauenfeindlichen, unislamischen Traditionen in den muslimischen Gemeinschaften werden aber nicht nur von den Muslimen mit dem Islam verwechselt, sondern auch von vielen Nicht-Muslimen, die deswegen islamfeindliche Einstellungen vertreten und anstatt mit den Musliminnen und Muslimen gemeinsam diese Traditionen zu bekämpfen, sich dem Islam als Religion widersetzen. Und dagegen lehne ich mich wiederum im Namen des Islam auf. Den Dialog mit all diesen Fronten zu suchen ist sehr schwierig und grenzt manchmal ans Unmögliche, aber wenn ich es nicht immer wieder versuche, macht meine Reise keinen Sinn.

Wie sind Feminismus und der islamische Glaube zu vereinbaren?

Wir leben in einer Zeit des sogenannten „islamischen Fundamentalismus“, des Kampfes gegen den sogenannten „islamischen Terrorismus des IS“ und der „islamischen Terrorzellen und Gefährder“. Alles, was mit Gewalt, Unterdrückung der Frau und Angriff gegen die westliche Leitkultur und die westlichen Werte der Freiheit und Selbstbestimmung in Verbindung gebracht wird, wird in die Schublade des Islam als Kultur, Religion und Zivilisation geschoben.

Dabei ist der „Islam“ laut Koran die Religion der Religionsfreiheit (Koran 2:256), der gleichen Würde der Geschlechter (Koran 4:1), der Schönheit (Habit: “Allah ist schön und liebt die Schönheit”), des Friedens und der religiösen Toleranz (Koran 109:6).

Da der Muslim an die absolute Transzendenz Allahs glaubt, steht ihm auch nicht das Recht zu, über Andere zu urteilen, sie zu beschimpfen oder zu verurteilen. Der absolute Respekt gilt den Anhängern aller Religionen und Weltanschauungen. Denn Islam bedeutet sich Gott zu unterwerfen und nicht dem eigenen Egoismus oder anderen Menschen. Somit haben auch Autoritarismus und blinder Gehorsam, Gewalt und Unterdrückung jeglicher Art im Islam des Tawhid nichts zu suchen.

Wenn man diese Grundidee des Tawhid, der Toleranz und des Verbotes, andere zu verurteilen, auf die Beziehung zwischen Mann und Frau überträgt, entsteht ein völlig anderes Bild der Frau im Islam, als es aus den islamfeindlichen Schriften und in den Fehlinterpretationen des Islam hervorgeht.

Die Frau ist im Islam ein gleichberechtigtes Geschöpf Gottes mit denselben religiösen Rechten und Pflichten. Sie hat ihre würdevolle Stellung in der Ehe, Familie und Gesellschaft. Die muslimische Idee, die auch als der „Weg“ des Propheten Muhammad gilt, basiert auf dem Prinzip von Koran 30:21:
„Und unter Seinen Zeichen ist dieses, dass Er Gattinnen schuf für euch aus euch selber, auf dass ihr Seelenruhe an ihrer Seite findet. Und Er hat Liebe und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt! Hierin sind wahrlich Zeichen für ein Volk, das nachdenkt!“

Und der muslimische Feminismus besteht in dem Kampf, um die Realität zu überwinden und dem islamischen Ideal immer näher zu kommen. Denn was der Koran den Frauen gibt, steht den Frauen zu. Die Befreiung der Frau durch den Koran ist somit die Begründung unseres alltäglichen Kampfes für die Rechte der Frau in den muslimischen Gesellschaften von heute, die von falschen Traditionen, Krieg, Imperialismus, Terror, Armut, Ignoranz und Hunger geprägt sind.

Was diesen Kampf noch schwieriger gestaltet, ist es, dass wir uns als muslimische Feministinnen dauernd rechtfertigen und aufzeigen müssen, dass wir es mit dem Feminismus auch wirklich ernst meinen und das wir uns auf demselben Boot des „internationalen“ Feminismus befinden und daher das Recht auf Anerkennung in den Reihen der Feministinnen haben.

Und rechtfertigen müssen wir uns auch gegenüber den islamfeindlichen Reihen aller Gesellschaften, indem wir uns als Subjekt beweisen, das sich deren Objektivierung entzieht. Es ist hart, aber ich finde das Leben gerade so wunderschön, weil man an den eigenen Herausforderungen nur wachsen kann. Denn wir Frauen zerbrechen nicht daran, denn wie es so schön in Koran 2:286 heißt:
“Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag”.

Was bedeutet es für Sie, eine starke Frau zu sein? Und wann ist man Ihrer Meinung nach stark?

Stark sein bedeutet für mich stark werden zu wollen und tagtäglich daran zu arbeiten. Die Stärke liegt meiner Meinung nach in der Anerkennung der eigenen Grenzen, in der Akzeptanz der eigenen Schwächen und in einer allgemeinen Bescheidenheit, mit der man sich durchs Leben ringt.

Welche Rolle übernehmen Sie in Ihrer Familie?

Ich bin Ehefrau und Mutter. Ich bin Beraterin und Freundin meines Ehemannes und meiner Kinder. Ich stehe in dauerndem Kontakt mit ihnen. Wir sprechen alles ab, was wir tun. Wir sprechen von unseren Problemen, Gefühlen und Herausforderungen und wachsen auf diese Weise zusammen. Und an den Konflikten wachsen wir noch mehr als an den einfachen Situationen. Wir lieben die Kultur, die Schönheit und die Diversität unserer Welt und lehren die Kinder die Toleranz und die Akzeptanz des Anderen. Da ich der Überzeugung bin, dass Multi-Tasking die Stärke der Frau ist, möchte ich, solange ich gesund bleibe, dieses wundervolle, harte Leben weiterleben.

Sie leben in Istanbul. Wie lässt es sich dort als starke Frau leben?

Ich lebe in der Istanbuler Altstadt, innerhalb der alten Mauern von Byzanz im ehemaligen christlich-jüdischen Viertel von Balat. Hier erlebt man gleichzeitig den Hauch der Geschichte und des interkulturellen und interreligiösen Dialogs von damals und die heutige Krise im Nahen Osten. Hier leben syrische Flüchtlinge, Kurden, Türken und Zigeuner zusammen und bestreiten so gut es geht den Lebensunterhalt für ihre Familien. Die Frauen, die ich hier kennengelernt habe, sind Kämpferinnen. In den Häusern herrscht das Matriarchat. Die Männer sind entweder nicht da oder kommen nur abends von der Arbeit oder Arbeitssuche.

Außerhalb des Wohnviertels sieht es aus wie im römischen Künstler- und Caféviertel. Istanbul ist aber auch das moderne, pulsierende Handels- und Wirtschaftszentrum der Türkei, voller Gegensätze zwischen Tradition und Innovation, voller Trends in den Bereichen Mode, Kunst, Musik und Kultur im Allgemeinen.

Hier lebt es sich stressig und dynamisch. Aber man findet auch Orte, wo man sich zurückziehen kann in die Osmanische Vergangenheit. Und da denkt man zwischen den alten Mauern auch mal wieder über den Sinn des Frauseins in dieser islamisch geprägten und oft auch von der Imitation des Westens zerrissenen Gesellschaft nach.

Welche Frauen der islamischen Geschichte sind Ihre größten Vorbilder und warum?

Die Frauen der islamischen Geschichte, die mich sehr inspiriert haben, sind mit Sicherheit Khadija und Aisha, die Frauen des Propheten, mit denen ich mich am meisten wegen ihres aktiven und dynamischen Lebens und ihrer Entschlossenheit identifiziere. Im Allgemeinen inspirieren mich die Frauen der Geschichte, die immer wieder aufstehen nach dem Fall und die aber auch wissen, wenn eine Grenze nicht mehr überschreitbar ist, wie beispielsweise Shajarat al-Durr, die im mittelalterlichen Ägypten einige Zeit regierte. Meine politischen und auch Führungskompetenzen haben die Worte der Königin von Saba (Bilqis) in Koran 27:32 gestaltet, wenn sie zu ihren Beratern spricht: „O ihr Häupter, ratet mir in meiner Sache. Ich entscheide keine Angelegenheit, solange ihr nicht zugegen seid.“ Die Stärke einer Person ist von einer Fähigkeit bestimmt, zuzuhören und sich beraten zu lassen. Und dazu gehört sei es die aktive Beratung als auch die meditative durch die Offenbarung Allahs an die Menschen. Und da kommt Rabia und ihre Art ins Spiel, sich Allah im Gebet zuzuwenden.

Zu welchen muslimischen Frauen der heutigen Zeit schauen Sie auf und wieso?

Ich schaue auf alle bescheidenen und kämpferischen Frauen auf, die ihre Kinder inmitten von Armut und Krieg hochziehen. Diese sind für mich die Heldinnen der muslimischen Welt von heute. Ich schaue auch auf die Arbeiterinnen, Witwen, Flüchtlingsfrauen und Gefangenen hoch, die nach dem Fall immer wieder aufstehen. Ich schaue auf alle zähen Frauen hoch, die nicht aufgeben, damit es der nächsten Generation von Frauen besser geht als der unseren und damit in diese muslimische Welt wieder Frieden einkehrt.

Was möchten Sie in Ihrem Leben noch erreichen und worauf sind Sie besonders stolz?

Was ich noch erreichen möchte, ist, dass wir mit unserem Engagement bei ProMosaik mehr Menschen erreichen.
Ich möchte es schaffen, meine antizionistische, judenfreundliche Botschaft zu verbreiten.
Ich möchte es schaffen, mit unseren Büchern mehr Menschen das Geschenk der Diversität und der Toleranz zu zeigen.
Ich möchte es schaffen, mehr Kriegskindern ein Lächeln zu schenken.
Ich möchte es schaffen, mich mehr und besser mit Menschenrechtsaktivistinnen und Feministinnen zu vernetzen.
Ich möchte es schaffen, mehr Zeit zu haben für all dies.
Ich möchte es schaffen, mehr Männer dazu zu motivieren, sich aktiv gegen die Gewalt gegen Frauen aufzulehnen.
Ich möchte es schaffen zu bewirken, dass weniger Mädchen die Genitalverstümmelung erleiden müssen.
Ich möchte es schaffen zu erreichen, dass weniger Menschen hungern müssen, weil Bomben fallen.
Ich möchte es schaffen, meine antikolonialistische und antifaschistische Botschaft zu verbreiten.
Ich möchte es schaffen, aufzuzeigen, wie Frauen die Pfeiler und die tragenden Wände unserer aller Gesellschaften sind.
Ich möchte es schaffen, durch die Schönheit der Poesie und der Kunst Menschenrechtsarbeit zu tun.
Und inschallah wird mir die Zeit bleiben, um es auch wirklich zu schaffen!
Ich bin auf wenig stolz, aber für vieles dankbar.

von Anna Schulz, Starke Frau, 2. Mai 2017.

Kategorien: Interviews, Vielfalt
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