Eine Armee weißer Kittel: Über die medizinische Solidarität Kubas

04.05.2017 - Manuel E. Yepe Menéndez - Neue Debatte

Eine Armee weißer Kittel: Über die medizinische Solidarität Kubas
Kubas Medizinische Brigade in Brasilien

Kuba engagiert sich mit Ärzten und medizinischem Personal in über 60 Ländern der Erde. Die Armee der weißen Kittel kämpfte schon in Westafrika gegen das Ebolavirus, gegen die Folgen von Naturkatastrophen auf Haiti und besiegte im eigenen Land die Mutter-Kind-Übertragung von HIV. Doch das kubanische Gesundheitssystem wird immer wieder kritisiert. Jüngst auch von der spanischen Tageszeitung „El País“. Der kubanische Politologe Manuel Yepe spricht von Desinformation. Ein Gastbeitrag.

Die globale Informationsblockade, die von den USA 60 Jahre lang über Kuba als Teil der Belagerung (euphemistisch als „Embargo“ klassifiziert) verhängt worden ist, hat systematisch jede Nachricht, jeden Kommentar, jede Statistik oder jeden Beweis für große Fortschritte der Insel im Bereich der Medizin, Bildung, Ernährung oder der menschlichen Entwicklung unterdrückt, seitdem sich Kuba 1959 vom neokolonialen System Washingtons befreit hat. Niemand wagte es, dagegen anzugehen!

Dennoch bildete der Artikel der spanischen Zeitung „El País“ mit dem Titel „Wie gelingt es Kuba Gesundheitsindizes zu erreichen, die vergleichbar mit denen eines reichen Landes sind?“ (span.: ¿Cómo consigue Cuba una sanidad con índices de un país rico?) die Ausnahme von der Regel.

Oberflächlich gesehen hätte man in diesem Artikel eine Anerkennung sehen können, das eigentliche Ziel jedoch war das genaue Gegenteil: Er sollte der Diskreditierung dienen.

Im Text wird zugegeben, dass das Gesundheitssystem Kubas dem der USA einen Schritt voraus ist und weit über dem globalen Durchschnitt liegt, und dass man in Relation zum Bruttoinlandsprodukt mehr in die Gesundheit investiert als in den USA oder Deutschland, oder dass die Insel das erste Land weltweit war, dem es gelungen ist, die Übertragung von HIV von der Mutter auf das Kind zu eliminieren.

Das Relevante für „El País“ war jedoch nicht, wie das ein blockiertes Land der Dritten Welt schaffen konnte, sondern die mutmaßlichen „Schatten“ seines Gesundheitssystems, das wie folgt beschrieben wurde:

„Zweiteilung des Systems, eines (…) für die Kubaner und das andere für die Ausländer“, mit „exklusiven Kliniken für Touristen, Regierende oder hohe Funktionäre“ während „der normale Kubaner (…) außen vor bleibe“.

Ein gesamtes System, das 12.000 Praxen, Polikliniken, Krankenhäuser und andere Gesundheitszentren beinhaltet, wurde auf ein groteskes Zerrbild reduziert, um die Existenz von einigen wenigen internationalen Kliniken hervorzuheben, die Eigentum des kubanischen Staates sind und weit davon entfernt, dass sich jemand an ihnen bereichert. Im Gegenteil, ihre Einnahmen werden dazu benutzt, um das nationale öffentliche kostenfreie System zu garantieren.

Desinformation aus Florida?

Der Journalist José Manzaneda, Koordinator des baskisch-kubanischen Vereins Euskadi-Cuba, fragt auf dessen Website Cubainformación: „Etwas passt nicht, wie kann ein Gesundheitssystem mit ruinösen Einrichtungen (so ist es in der Reportage von El País zu lesen) sanitäre Indizes erreichen, die von der Direktorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelobt und als beispielhaft für den Rest der Welt dargestellt wurden.

Dieser Informationswiderspruch hat eine einfache Erklärung: Die Quelle, die über die mutmaßlichen „Schatten“ des kubanischen Systems informierte, ist eine NGO namens „Solidaridad sin Fronteras“ (dt.: Solidarität ohne Grenzen), deren Direktor als ein wehrloser „Mediziner und Exil Kubaner“ in Miami vorgestellt wurde.

Manzaneda schreibt, dass die Tageszeitung „El País“ nicht offen legt, dass die angebliche NGO seit 2006 direkt mit dem State Department der USA in einem Programm mit der Bezeichnung „Cuban Medical Professional Parole“ (CMPP) zusammengearbeitet hat. Dieses Programm wurde in den letzten Tagen der Obama Administration auf Eis gelegt.

Es hatte zum Ziel, die weltweite kubanische medizinische Kooperation zu zerstören. Dazu sollte jedem kubanischen medizinischen Mitarbeiter, der es beantragte, politisches Asyl gewährt werden.

Dieser moralische Skandal wurde in dem Artikel als ein harmloses „Visa-Hilfsprogramm“ für Mitarbeiter des kubanischen Gesundheitssystems dargestellt.

Auf der Website der NGO wird bestätigt, dass sie mit den Kongressabgeordneten Mario Diaz-Balart, Ileana Ros-Lehtinen und Carlos Curbelo und mit dem Senator Marco Rubio zusammarbeitet[1], um eine baldige Kooperation mit der Trump Administration zu ermöglichen.

Medizinischen Solidarität in über 60 Ländern

Die Brigade „Henry Reeve“, die zum medizinischen Solidaritätsprogramm Kubas (Anm.: La solidaridad médica de Cuba) zählt, erhielt im Januar den Preis für öffentliche Gesundheit von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Dies wird in dem Artikel als „ein lukratives diplomatisches Werkzeug und ein großes Geschäft für den kubanischen Staat“ bezeichnet.

Manzaneda erinnert daran, dass von den 66 Ländern in denen die „Kubanische Medizinische Solidarität“ tätig ist, Kuba in den 40 ärmsten Ländern alle anfallenden Kosten übernimmt und sich in den anderen 26 die Kosten mit dem Hilfe empfangenden Land teilt.

Einige wenige Länder die über Ressourcen verfügen wie zum Beispiel Südafrika oder Katar abonnieren die Dienstleistungen. In keinem Fall bereichern diese Einkünfte irgendeinen sanitären Magnaten, sondern sie dienen dazu, das kostenfreie Gesundheitssystem der Insel zu finanzieren. Dennoch hält „El País“ daran fest, dass das „Geschäft“ so umfangreich sei, dass das Personal in den Krankenhäusern und Polikliniken der Insel auf ein Minimum gesunken sei.

Es ist unbestreitbar, dass es sich auf das nationale Gesundheitssystem auswirkt, wenn 50.000 medizinische Mitarbeiter, von denen die Hälfte Ärzte sind, sich im Ausland befinden. Jedoch profitieren die Kubaner von einer überdurchschnittlichen Zahl (5,4) an Ärzten pro tausend Einwohner als Ergebnis einer revolutionären sozialen Entwicklung.

Sie sind daher stolz darauf, das zu teilen, was sie haben und nicht das, was über ist. Das wird als Prinzip einer wirklichen Solidarität angesehen.

Der Beitrag erschien erstmals unter dem Titel „La solidaridad médica de Cuba no se discute“ auf seinem Blog. Mit Dank an Jairo Gomez für die deutsche Übersetzung.


[1]Mario Diaz-Balart, Ileana Ros-Lehtinen, Carlos Curbelo und Marco Rubio sind US-amerikanische Politiker aus Florida die dem Senat oder dem Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten angehören. Alle vier gelten als Hardliner gegenüber Kuba. Ros-Lehtinen sprach sich zum Beispiel gegen eine Beendigung des US-Embargos gegen Kuba aus, versuchte 2002 den Besuch von Ex-Präsident Jimmy Carter auf dem Inselstaat zu verhindern und gründete 2004 die Cuba Democracy Group, mit dem Ziel, die US-Agrarexporte nach Kuba zu drosseln und Geschäfte von US-Banken mit Kuba zu verhindern.


Über den Autor: Manuel E. Yepe Menéndez ist Jurist, Ökonom und Politologe. Er war Botschafter von Kuba, Generaldirektor der lateinamerikanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina und Vizepräsident des kubanischen Instituts für Radio und Fernsehen (Instituto Cubano de Radio y Televisión). Zudem war er Gründer und Direktor des Technological Information System (TIPS) des UNO Programms für Entwicklung (PNUD) in Kuba und Sekretär der kubanischen Bewegung für Frieden und Souveränität der Völker. Manuel E. Yepe ist heute Professor an der Hochschule für Internationale Beziehungen in Havanna.

Kategorien: Gesundheit, International, Mittelamerika
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