Alex Garcia – Taubblindheit ist eine Stärke

19.01.2017 - ProMosaik

Alex Garcia – Taubblindheit ist eine Stärke

ProMosaik unterstützt die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft, weil sie eine Bereicherung für die sogenannten ‘normalen’ Menschen darstellen, die so viel von ihnen lernen  können. Alex versucht seine Arbeit, die er für die Inklusion von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft leistet, so viel wie möglich zu teilen und zu verbreiten. 2016 erhielt er für sein Engagement den Preis „Brazil More Inclusion“.

Alex ist Erzieher für Menschen mit Behinderung. Dieser ist ein wichtiger Aspekt für mich, da ich davon überzeugt bin, dass Menschen mit Behinderung selbst die Besten sind, die andere erziehen und ihr Selbstbewusstsein stärken können. In meinem Interview mit ihm habe ich Alex einige Fragen über ihn selbst als Person mit Behinderung gestellt und ihn auch gefragt, wie man aus dieser Schwäche eine Stärke machen kann, um ein dynamisches Leben zu führen. Ein Leben im Sinne der Inklusion bedeutet für mich ein Leben im Sinne der Einbeziehung und des Dialog. Ich denke auch, dass wir als Journalisten die wichtige Verpflichtung haben, Menschen mit Behinderung zu helfen, sich auszudrücken und in den Medien über ihr Leben sprechen.

Alex, wie hast du dein „Problem“ in ein „positives Potenzial“ verwandelt?

Ich habe meinen Glauben und meine unerschütterlichen Anschauungen beibehalten. Ich vertrat und vertrete immer noch die Ansicht, dass mein Dasein und mein positiver Zustand „anders“ und nicht eine „vermeintliche und falsche“ Gleichheit sind.  Die Gesellschaft muss darauf aufmerksam gemacht werden. Menschen können unmöglich alle gleich sein. Wir alle sind unterschiedlich und werden es auch immer sein. Jeder von uns muss unsere Gleichheit lieben und respektieren. Wir müssen ehrlich sein, wir haben einen hohen Standard an Moral und Ethik, aber eigentlich steckt alles in unserem „Anderssein“ drin. Ich sage immer: „Ich habe gelernt, so stark zu sein, dass mich niemand niedermachen kann und ich habe gelernt, ich selbst zu sein, sodass mich niemand vergisst.“

Was können Menschen mit Behinderung von dir lernen?

Sie können lernen, ihre Standpunkt unerschütterlich beizubehalten. Ich glaube, dass diese die wichtigste These ist, die ihnen lehren und an sie weitergeben kann.

Als eine taubblinde Person, die alle Kommunikationsbarrieren erfährt, ist es entscheidend, meine Position beizubehalten. Die kommunikativen Barrieren setzen die taubblinden Menschen ständig inmitten eines Hurrikans. An diesem Ort herrschen starke Winde und Interessen. In diesem Sturm sind wir taubblinden Menschen in einer enormen nachteiligen Situation. Wir sind extrem fragil. So langsam müssen wir eine starke Position einnehmen, um von dem „Sturm“ abzusehen und vor allem von den verführerischen Einladungen abzusehen, die die Agenten der Manipulation ständig bieten. Die Beibehaltung meiner Einstellungen  wird meinem neuen Leben mit Sicherheit mehr Konsistenz verleihen. All das zeige ich in meinem Büchlein „Meine Schritte zur Entwicklung“ auf. Die englische Version findest du hier www.agapasm.com.br/english_34.asp.

Als ich 14 war, habe ich Helen Keller gelesen und war so beeindruckt, dass ich mein ganzes Leben lang versucht habe, den Menschen zu zeigen, dass Menschen mit Behinderung ein und dieselbe Würde haben wie alle anderen auch. Glaubst du, dass das Schreiben dazu beitragen kann, um gegen die Ausgrenzung zu kämpfen?

Da kann ich dir nur Recht geben. Helen Keller war und ist nach wie vor das größte Beispiel für die Überwindung des eigenen Zustandes durch den Menschen. Helen war taubblind, genauso wie ich und Tausende auf der ganzen Welt. Und sie hat ein beeindruckendes Werk verfasst. Und das habe ich auch geschafft. Ich bin überzeugt,  dass Worte und das Schreiben eine unendliches Potenzial in sich bergen, um die Gesellschaft zu verändern. Manchmal denken wir, dass Worte und das Schreiben langsam sind oder, dass sie anscheinend keine Wirkung erzielen. Für die „Ungeduldigen“ trifft das auch zu. Aber für die Menschen mit einem „unerschütterlichen Glauben“ werden Worte und Geschriebenes zu Samen und unterstützen die Hoffnung.

Für mich persönlich ist eine Gesellschaft nicht tolerant und demokratisch, wenn sie Menschen mit Behinderung nicht einbezieht. Was bedeutet für dich wahre Inklusion?

Genau! Die Gesellschaft ist nicht tolerant und demokratisch, weil sie in Bezug auf die Einbeziehung von Menschen mit Behinderung noch weit davon entfernt ist. Die wahre Inklusion bedeutet für mich: Wir müssen uns vor allem im privaten Bereich an die anerkannten Rechte und Pflichten halten. Zusätzlich dazu entstehen jenseits der Inklusion der Einzelnen auch die kollektive Inklusion. Aber meines Erachtens fällt die Welt zusammen, weil sie gerade diesen Prozess umgekehrt hat. Man spricht heute viel von Gruppen und Gemeinschaften, als bestünden sie aus „Gespenstern“. Was sind aber Gruppen und Gemeinschaften, wenn sie ihre Rechte und Pflichten nicht kennen (und unterwürfige Menschen sind)? Sie sind eine abhängige Gruppe oder Gemeinschaft. Was sind hingegen Gruppen und Gemeinschaften, wenn sie ihre Rechte und Pflichten kennen (und als aktive Individuen handeln)? Sie sind eine unabhängige Gruppe oder Gemeinschaft.

Wie setzt du dich für die Rechte der Menschen mit Behinderung ein?

Ich behalte meine politische Haltung bei, um meine Umgebung zu hinterfragen. Ich schreibe und veröffentliche meine Überlegungen zu diesen Fragen. Ich halte Vorträge zum Thema und nehmen an nationalen und internationalen Kongressen über Themen des täglichen Lebens von Menschen mit Behinderung im Allgemeinen und taubblinde Menschen im Besonderen teil.

Wie kann sich der alternative Journalismus für die Menschen mit  Behinderung einsetzen?

Der alternative Journalismus ist für unseren Kampf ebenso wichtig wie die sozialen Netzwerke. Ich will diese Wahrheit unbedingt aussprechen: Der alternative Journalismus unterstützt unseren Kampf am meisten. Der alternative Journalismus ist effektiv. Er verleiht uns mehr Sichtbarkeit und bietet uns mehr Möglichkeiten. Der alternative Journalismus ist sehr inklusiv. Der herkömmliche Journalismus dagegen unterstützt uns nicht. Es ist sehr traurig, eine beliebte Zeitung in Brasilien aufzuschlagen und Seiten, Seiten und mehr Seiten zu betrachten, die die berüchtigte Korruption, den Drogenhandel und die Morde hervorheben. Allerdings sieht man nur selten, dass die Errungenschaften einer Person mit Behinderung hervorgehoben werden. Und das entmutigt.

 von Milena Rampoldi und Beyza Ünver

Kategorien: Interviews, Menschenrechte, Südamerika
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