„Freiheit für Milagro Sala“: Interview mit der argentinischen Regisseurin Magalí Buj

30.12.2016 - David Lifodi - Peacelink Telematica per la Pace

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

„Freiheit für Milagro Sala“: Interview mit der argentinischen Regisseurin Magalí Buj
(Bild von www.acofilms.com)

Die Dokumentarfilmerin Magalí Buj dreht zusammen mit Federico Palumbo den neuen Dokumentarfilm „Welcome to the Cantri“.

Das aktuelle Urteil gegen Milagro Sala ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich für soziale Arbeit engagieren, es ist auch ein Schlag ins Gesicht für alle, die mit Milagro gekämpft haben. Dazu gehören auch Amnesty International, die Arbeitsgruppe für willkürliche Verhaftungen der Vereinten Nationen sowie der Papst. Es verdeckt zudem die wahre Motivation der Regierung, unbequeme soziale Bewegungen durch solch unseriöse Praktiken zu zerstören, die eine Schande für einen sogenannten Rechtsstaat darstellen. Der Kampf für Gerechtigkeit und Würde für die Armen ohne Stimme geht weiter. Aus aktuellem Anlass publizieren wir dazu die Übersetzung des folgendes Interviews vom 14.12.2016:

Magai Buj ist eine argentinische Dokumentarfilmregisseurin, die es sich, zusammen mit Federico Palumbo, zur Aufgabe gemacht hat, die Geschichte von Milagro Sala, Abgeordnete des Parlasur und Vorsitzende der Bürgervereinigung Tupac Amaru, zu erzählen. Milagro Sala sitzt seit fast einem Jahr im Gefängnis, auf Zutun von Mauricio Macri, Präsident von Argentinien, und Gerardo Morales, Gouverneur der Provinz Jujuy.

Im Dokumentarfilm „Tupac Amaru – Etwas verändert sich“ (Originaltitel: „Tupac Amaru – Algo está cambiando“) erzählen Magalí und Federico die Geschichte von Tupac Amaru und dem sozialen Engagement von Milagro Sala; zur Zeit befinden sie sich in Argentinien, wo sie gerade die ersten Aufnahmen zum neuen Dokumentarfilmprojekt „Welcome to the Cantri“ drehen, der vom Widerstand der indigenen Gemeinden in Argentinien erzählt, von der Verfolgung Milagro Salas und der anderen tupaqueros, und von der sozialen und politischen Umwälzung des Landes, seit Macri Präsident geworden ist.

Wir haben über all das mit Magalí Buj gesprochen.

Milagro Sala ist die ersten politische Gefangene von Maurico Macri und seinem Statthalter Gerardo Morals, Gouverneur der Provinz Jujuy. Seit ihrer Verhaftung ist fast ein Jahr vergangen. Wie ist die aktuelle Situation?

Die Situation von Milagro Sala wird immer willkürlicher und illegitimer. Heute haben die Abgeordneten des Gouverneurs Gerardo Morales einen Gesetzesentwurf vorgestellt, der vorsieht, die weitere Inhaftierung Milagro Salas durch ein Referendum entscheiden zu lassen. Das ist eine verfassungswidrige und tendenziöse Initiative; die Frage, die die Bürger der Provinz Jujuy beantworten sollen, lautet: „Glauben Sie, dass Milagro Sala auf freiem Fuß Zeugen bedrohen und den Prozess für Gerechtigkeit gegen Korruption behindern wird?“

Im ersten Dokumentarfilm „Tupac Amaru – etwas verändert sich“ erzählt Ihr nicht nur die Geschichte von Milagro Sala, sondern auch vom sozialen Engagement der Bürgervereinigung Tupac Amaru, denen Morales und Macri für ihre Arbeit in den argentinischen Peripherien den Krieg erklärt haben. Schafft es die Bürgervereinigung, trotz der Inhaftierung von Milagro und den anderen tupaqueros, von denen ihr Lebensgefährte Raúl Noro und andere Mitglieder erst kürzliche freigelassen wurden, ihre soziale Arbeit weiterzuführen?

Leider haben sie es geschafft, in Jujuy fast alle Aktivitäten der Organisation zu blockieren. Kurz nachdem Morales gewählt worden war, hat er sofort die Rechtsform der Kooperative von Tupac Amaru als juristische Einheit widerrufen und alle laufenden Verträge mit der Provinz eingefroren, durch die in den letzten Jahren über 5.000 Arbeitsplätze geschaffen werden konnten. Darüber hinaus wurde Druck auf die Mitglieder der Organisation ausgeübt, im schlimmsten Fall erhielten sie auch Drohungen. Eine journalistische Recherche hat illegale Spionageakte gegen Tupac Amaru seitens der Geheimdienste aufgedeckt. Das ist auch der Grund, warum wir internationale Hilfe aus dem Ausland benötigen.

Zur Zeit bereitet Ihr den neuen Dokumentarfilm „Welcome to the Cantri“ vor. Werdet Ihr darin vom Widerstand in Jujuy gegen Macri erzählen oder diesmal Eure Arbeit auch auf ganz Argentinien ausdehnen, wo Menschenrechte sowie zivile und politische Rechte zur Zeit von einem Präsidenten und einer Regierung in Frage gestellt werden, die bereits damit begonnen haben, die sozialen Errungenschaften des Kirchnerismus wieder abzuschaffen?

Mit „Welcome to the Cantri“ wollen wir international bekannt machen, was da gerade in Jujuy und in ganz Argentinien passiert, angefangen bei den Ereignissen, die Milagro Sala und Tupac Amaru haben erleiden müssen, bis hin zur Verfolgung, die zur Zeit viele soziale Organisationen erfahren. Der Zusammenprall des Neoliberalismus mit sozialen Organisationen, der heute in Jujuy im Gange ist, findet gerade in ganz Lateinamerika statt. Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, die wir bereits oft in Laufe der Geschichte miterleben mussten: die Verfolgung von Menschen, die sich gegen Unrecht organisieren.

Wie kann man „Welcome to the Cantri“ finanziell unterstützen?

Wir haben eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, bei der alle mitmachen können, die diese Sache unterstützen möchten. Man kann sich mit einem selbstgewählten Beitrag auf der Webseite des Dokumentarfilms http://www.welcometothecantri.com/en/ (Englisch) beteiligen oder auch über die Plattform Indiegogo (Spanisch).

Jetzt befinden wir uns bereits in Argentinien, gegen Ende des Monats werden wir nach Buenos Aires reisen, um mit den ersten Interviews zu beginnen. Im Januar hoffen wir dann, in Jujuy anzukommen, wo wir aber erst einige Sicherheitsvorkehrungen treffen müssen, um dann die ersten Aufnahmen zum Dokumentarfilm drehen zu können.

Wir brauchen die Hilfe von allen, um diese Geschichte erzählen zu können.

Der Widerstand von Tupac Amaru und ihr Kampf für die Befreiung von Milagro Sala repräsentiert einen von vielen Konflikten zwischen dem sozialen Argentinien und dem Establishment von Macri. Wird dieser Kampf um Freiheit für Milagro Sala auch in Buenos Aires unterstützt oder nur in der Gegend von Jujuy?

Die Inhaftierung von Milagro Sala und den anderen politischen Gefangenen hat eine breite Solidarität hervorgerufen, die sich über ganz Argentinien verteilt, aber auch auf internationalem Niveau haben sich Komitees zur Befreiung von Milagro Sala gebildet. Auf der ganzen Welt haben viele Organisationen für Menschenrechte sowie politische, soziale, gewerkschaftliche und kulturelle Organisationen ihre Unterstützung bekundet und fordern die sofortige Freilassung Milagro Salas und der anderen Gefangenen. Vor allem muss daran erinnert werden, dass die Vereinten Nationen durch ihre Arbeitsgruppe für willkürliche Verhaftungen die argentinische Regierung bereits dazu aufgefordert haben, Milagro freizulassen, sie zu entschädigen sowie Ermittlungen einzuleiten, um zu verstehen, wie es überhaupt zu so einer Situation kommen konnte.

Wie kommen die anderen Widerstände gegen das Regime von Macri voran, angefangen bei den tarifazos bis zu den Anfechtungen einer Präsidentschaft, die offen das Drama der desaparecidos leugnet und die die Opferzahlen von 30.000 auf weniger als 7.000 herunter korrigiert hat?

Mauricio Macri wurde mit 51% der Stimme gewählt, er hat mit nur 300.000 Stimmen in einer Wahlkampagne gewonnen, die auf Marketing und Lügen basierte und bei der er ohne Skrupel die Unterstützung des Medienmonopols ausgenutzt hat. Nach nur einem Regierungsjahr sind die Wahlversprechen im Nichts verschwunden und das Land befindet sich im freien Fall: Geldentwertung, Inflation über 40%, Armut. Die 49%, die nicht für Macri gewählt haben, versuchen Widerstand zu leisten, während die 51%, die ihn gewählt haben, sehr durch die Medien manipuliert sind und die ultra-neoliberale Politik immer noch unterstützen, sie glauben an die Propaganda, die die Verarmung damit rechtfertigt, dass der Wohlstand der letzten Jahre kein echter gewesen und viele soziale Errungenschaften jetzt nicht mehr nachhaltig seien. Sicherlich fehlt es der Opposition an Kraft und Einheit, um das zu bekämpfen. Die einzigen Kräfte, die dieses neue Szenario kontrastieren können, sind die Bürger, die sich in diversen Formen organisieren.

Manchmal scheint es, als ob das hässliche Gesicht der dunkelsten Zeit in Argentinien wieder erscheint: „En Argentina somos Derechos y Humanos“ – „In Argentinien sind wir Rechte und Menschen“, das ist der Slogan, den auch die Diktatur der 70er Jahre verwendete. Es ist dringend, wir müssen der Welt erzählen, was hier gerade passiert.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: International, Interviews, Menschenrechte, Südamerika
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