Ein Kinderbuch über Menschenrechte

16.10.2016 - Milena Rampoldi

Ein Kinderbuch über Menschenrechte

Im Interview mit dem Autor Stefano Montanari, dem Gestalter des Kinderbuchprojektes “Ein unerwarteter Freund” geht es über die Bedeutung der Literatur, um menschenrechtliche Themen zu übermitteln. Ich habe ihn über die Entstehung seines Buches und Projektes befragt und andere Themen rund um die Erziehung und den Kampf für eine bessere Welt angesprochen. Die Hauptthemen des Buches sind die kulturelle Diversität, die dialogische Kooperation und der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung.

Milena Rampoldi: Welche Bedeutung hat deiner Ansicht nach die Literatur für die Menschenrechte?

Stefano Montanari: Die Literatur spielt eine wesentliche Rolle in der Bewusstseinsbildung einer Person und in ihrer Neigung hin zu bestimmten Themen. Daher fällt das Individuum oft als erstes autoritären Regimen zum Opfer, die keine Kritik und kein freies Denken tolerieren und die Literatur und andere Ausdrucksformen nutzen, um zu indoktrinieren und zu kontrollieren.

Durch die freie Literatur kommen wir in Kontakt mit neuen Ideen, lernen verschiedene Welten kennen und stellen uns selbst in Frage. In diesem Zusammenhang spielt die Literatur für die Kinder eine Schlüsselfunktion, weil sie ihnen die Möglichkeit bietet, die Welt jenseits des familiären Umfeldes zu entdecken, ihre Nuancen kennenzulernen und bessere die eigene Rolle zu verstehen. All dies erfolgt innerhalb weniger Minuten in einem sicheren Umfeld.

In meinem persönlichen Leben hat die Literatur meine Ausbildung und meine berufliche Orientierung sehr stark beeinflusst. Nach mehr als 20 Jahren für die Förderung und den Schutz der Menschenrechte war sie eine wichtige Inspirationsquelle in diesem meinem Lebensverlauf.

Ich glaube, dass mich gerade eine Lektüre aus meiner Kindheit dazu bewegt hat, diesen Weg einzuschlagen. “Il giovane gambero” (Der junge Krebs) von Gianni Rodari hat mich ganz besonders beeindruckt: der Mut des Protagonisten, die Welt auf andere Weise zu entdecken als die Mehrheit war ein Beispiel, das mich in meinem Erwachsenenleben begleitet hat. Daher ist die Literatur für mich ein Pfeiler der Erziehung zu den Menschenrechten für Menschen aller Altersstufen.

Wie entstand die Idee dieses Buches?

Die Idee des Buches kam mir voriges Jahr spielend in den Sinn, als ich eines Tages mit meinen Kindern, die damals 3 und 4 Jahre alt waren, über die Menschenrechte sprechen wollte. Wir haben uns zusammengesetzt und haben zwei Gestalten erfunden und haben sie untereinander interagieren lassen. Das Spiel hat uns zu einigen interessanten Gedanken über die Diversität angespornt. Dies hat mich dann dazu bewegt, die Geschichte zu erarbeiten und zu strukturieren.

Und in einem Zeitalter wie dem unseren, in dem die Viren des Populismus und des Nationalismus unsere Gesellschaften polarisieren, habe ich mir gedacht, dass ein Buch über den Respekt des Anderen eine notwendige Handlung war, um den Versuchungen zu widerstehen, sich in sich selbst und in die falsche Sicherheit unserer Gemeinden zurückzuziehen.

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Welche sind die Hauptbotschaften, die du mit diesem Kinderbuch übermitteln möchtest?

Ich möchte den Kindern die Bedeutung der Gerechtigkeit, des Respektes des Anderen und der Freundschaft vermitteln. Das Buch soll ein spielerisches Instrument für die Eltern, Lehrer und Erzieher sein, die ein zeitgenössisches Problem wie die Zurückweisung des Anderen behandeln und Debatten über die Richtigkeit der Gehorsamsverweigerung anspornen möchten.

Welche sind die besten Strategien, um sich für die Gerechtigkeit und den Dialog einzusetzen?

Der Schlüssel ist die Erziehung, aber nicht nur auf theoretischer Ebene. Wir Eltern, Lehrer, Erzieher und Politiker haben die Verpflichtung, in Übereinstimmung mit den demokratischen Werten und den Menschenrechten zu handeln, auf deren Grundlage wir die Welt nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges neu aufgebaut haben. Gerechtigkeit und Dialog sind Teil dieser neuen Gründung und müssen die Übertragung unseres Wissens an die neuen Generationen fundieren.

Und wir Erwachsene müssen mehr von uns selbst verlangen und Denken und Handeln miteinander vereinen. Die Menschenrechte, die Gerechtigkeit und der Dialog dürfen nicht zu abstrakten Begriffen werden, sondern aktive Leitgedanken sein, die unser Handeln begründen.

Wir dürfen nicht aus Opportunismus von den ethischen Prinzipien abweichen. Wenn ich meinen Kindern sage, sie sollen nicht bei Rot über die Straße gehen, ich das aber bei der ersten Gelegenheit mache, so verliere ich meine Glaubwürdigkeit in ihren Augen, auch wenn gerade kein Auto in Sicht ist.

Welche sind deiner Meinung nach die besten pädagogischen Ansätze anhand von Märchen und Fabeln?

Fabeln und Märchen dürfen nicht indoktrinieren, sondern sie müssen entwicklungsfördernd sein. Sie müssen die natürliche Neugierde der Kinder erwecken, sie zum Nachdenken anregen und sie dabei unterstützen, Fragen zu stellen und ihre Träume anzuspornen. Die Kinderliteratur wird oft als Literatur zweiter Klasse angesehen, aber ich bin überzeugt, dass dies vollkommen falsch ist: für mich stellt sie ein Schlüsselelement dar, um Kritikfähigkeit und die notwendigen Abwehrmechanismen aufzubauen, um uns den Bedrohungen unserer Freiheiten zu widersetzen.

Erzähl uns von der Bedeutung der Übersetzung eines Buches wie diesem?

Das Buch ist im Moment in verschiedenen zweisprachigen Versionen verfügbar, und zwar auf Italienisch, Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Bulgarisch. Wir übersetzen es auch gerade ins Russische, Ukrainische, Polnische, Kroatische, Bosnische, Rumänische und Romani.

Wir haben uns dazu entschieden, um die Neugierde der Kinder zu fördern, um neue Töne und verschiedene Zeichen kennenzulernen und zu verstehen, dass der “Andere” auch eine andere Sprache sprechen kann, auch wenn er dadurch genau dasselbe sagt wie man selbst. Die Sprachen sind nämlich die ersten Unterschiede, die den Kindern auffallen und zu Barrieren werden können. Und wir möchten die Kinder dabei unterstützen, Brücken zu bauen, um diese Barrieren zu überwinden.

Kategorien: Erziehung, Interviews, Menschenrechte, Vielfalt
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