Was Erdogan hat – und Europa nicht

06.08.2016 - Santiago de Chile - Dominik Schlett

Was Erdogan hat – und Europa nicht
Türkische Großkundgebung in Köln am 31.07.2016 (Bild von Andreas Trojak |flickr CC BY 2.0)

Eine Nation bezeichnet eine große, kollektive Gruppe denen eine gemeinsame Sprache, Sitte, Tradition und Geschichte zugeschrieben wird.

Das heißt, sie hat ihre sozialen Charakteristiken als kulturelle Eigenschaften verinnerlicht sodass eine Vielzahl an Individuen prinzipiell homogen erscheint. Das hat nicht unbedingt mit Einkommen, das heißt Schichten, Milieus oder Klassen zu tun, sondern vielmehr mit spezifischen Verhaltensweisen die sich im Alltag angeglichen haben. Die sprachlichen Anreden, das Lieblingsgericht, Händeschütteln, etc. Eine Nation ist somit ein Konstrukt, dass sich aus den individuellen Verhaltensweisen speist, dass durch seine dynamische Wechselwirkung unter den Individuen untereinander zu einer Struktur wurde. Durch die Nachvollziehbarkeit jener Struktur werden diese Verhaltensweisen materialisiert, insofern sie von Dritten beobachtet, nachvollzogen und internalisiert werden können. Kurz, reproduziert.

Ein Staat ist davon zu unterscheiden. So ist dieser vielmehr aus nationalen Strukturen heraus geboren. Er ist vielmehr ein öffentlicher Organisationszusammenhang, der in seiner heutigen Verkörperung erst mit dem französischen Theoretiker Montesqieu in Erscheinung trat. Unabhängig der hierin stattfindenden wissenschaftlichen Debatten, propagierte er als erstes die klassische Gewaltenteilung Exekutive, Legislative und Judikative und damit ein, wie es der Internetphilosoph Luciano Floridi ausdrückt, „explizit kodifiziertes Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Akteuren empfahl“.

Durch die Etablierung des Staates wurde politische Macht eigentlich von einer herrschenden Person entkoppelt. Die in Europa vorherrschenden Staatsmodelle sind repräsentative Demokratien. Mit einigen symbolischen Monarchien, die nach wie vor einen offiziellen Charakter vertreten, der jedoch eher einer nationalen Orientierung zuzuschreiben ist. Aufgrund solcher Differenzierungen variieren die jeweiligen Definitionen von Staat je nach Betrachtungsweise, je nach Projektion.

Soziologen, Politologen, Ökonomen haben unterschiedliche Definitionen

So haben sich seit Ende des Kalten Krieges die Staatsmodelle territorial gesehen zwar nicht wesentlich weiterentwickelt, wohl aber institutionell gesehen. So haben sie in jener beginnenden Ära der Globalisierung ihre Befugnisse und Interessen ausgebaut.

Staaten werden sodann unternehmerisch geführt. Sie investieren und produzieren, verkaufen und kaufen, bieten Dienstleistungen wie Agenturen an, kassieren Steuern, und schützen dafür die einen Ausweis besitzenden Mitglieder des Staates. Es ist eine rein formelle Angelegenheit, worin die eigendynamische Wechselwirkung eher einem pragmatisch-organisatorischen Zweck folgt, anstatt eines identifikatorischen.

Hierin ist es wichtig zu unterscheiden, ein Staat ist keine Nation. Einige reaktionäre Kräfte in Europa haben diese Unterscheidung nicht begriffen. Sie wollen diese divergierenden Begriffe in ein kongruentes Verhältnis zwängen. Nicht nur das, auch Staatsbedienstete glauben, sie müssten eine Nation weiterhin bedienen, indem sie national kulturelle Symbolik propagieren. Darüber hinaus folgt diese Logik der schlicht hingenommenen Tatsache, der Staat würde nur für eine homogene Gesellschaftsstruktur existieren. Natürlich ist es viel komplexer, so führt der Staat eigenlogische Handlungen wie die oben beschriebenen aus, während die Staatsbediensteten die nationale Symbolik wahren müssen, um nicht arbeitslos zu werden. Das führt in eine absurde Spirale, worin Kommunikation der nationalen Symbolik gerecht zu werden sucht, und das eigentliche Staatsmodell, mit dem Soziologen Niklas Luhmann gesprochen, zu einer rein semantischen Einrichtung wird, worin der Staat als solcher kein politisches System sei, sondern die Organisation eines politischen Systems zur Selbstbeschreibung dieses politischen Systems.

Unterschied zwischen Nation und Staat gerät in Vergessenheit

Diese Selbstbeschreibung infolge einer nationalen Identität ist die Logik, die vor allem den türkischen Präsidenten Erdogan so mächtig macht. In der Türkei überlagern sich derzeit Nation und Staat, und diese Überlagerung kann Demokratie, System, Staat, Nation oder weiß der Geier heißen, die türkischen Bürger verstehen darunter alles, nämlich das, was sich innerhalb ihrer alltäglich Sozialität darunter herausbildet, also Händeschütteln, Lieblingsgerichte, etc.

Alles Politische wird darin zur euphorischen Symbolik und vereint sowohl Nation als auch Staat. Und das geschieht zu einem Zeitpunkt, wo europäische Nationen den Staat zunehmend als solchen wahrnehmen, der er in Wirklichkeit ist. Ein institutionalisiertes Organisationsgebilde mit zahlreichen Funktionen, Dienstleistungen und sich ausbalancierenden Schlichtungsinstanzen. Der in seiner heutigen Form eben so weit ist, dass er einzelnen Machtbestrebungen von homogenen Gruppen widerstehen und seine Leistungen fortführen kann. Die gefährlichste aller eigendynamischen Eigenlogiken ist nun, dass bei all dieser politischen Komplexität und medialen Berichterstattung jener Unterschied zwischen Nation und Staat in Vergessenheit gerät. Das gilt für Bürger, erst recht aber für deren Vertreter.

Kategorien: Europa, Humanismus und Spiritualität, International, Meinungen, Politik
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