Bagdad, die Musik von Karim Wasfi gegen Gewalt

18.01.2016 - Dario Lo Scalzo

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch verfügbar.

Bagdad, die Musik von Karim Wasfi gegen Gewalt
(Bild von Karim Wasfi)

Wir sind es gewohnt, ein Violoncello in einem Theater oder in einem Konzertsaal oder einem Auditorium zu hören, also an Orten passend zu verschiedenen speziellen Anlässen. Aber die Realität kann manchmal sogar noch weiter gehen als die Fantasie und wenn man das verstanden hat, insbesondere wenn es auch noch positive Gesten und die Größe menschlicher Gefühle unterstreicht, kann man nicht anders als sich im Herzen davon bewegen zu lassen und zu denken, dass früher oder später das Gute im täglichen Kampf gegen Unmenschlichkeit und Grausamkeit siegen wird.

Dies ist die Geschichte von Karim Wasfi, Violoncellist und Direktor des irakischen Sinfonieorchesters, der in Zusammenarbeit mit der irakischen Dichterin und Aktivistin für Menschenrechte Amal Al-Jubouri bereits seit einiger Zeit beschlossen hat, den Bomben von ISIS, die mit Regelmäßigkeit Bagdad erschüttern, Musik entgegenzusetzen. Im letzten Jahr schon sieben mal nach Selbstmordattentaten.

Trotz der dramatischen Umstände hat Karim nicht verzagt und begab sich an die Orte der Attentate, wo eben noch Gemetzel und Angst herrschten, packte sein Violoncello aus und begann, zu spielen.

Karim Wasfi ist Gründer des Zentrums für Kreativität – Frieden durch Kunst (Karim Wasfi Center For Creativity – Peace Through Arts), dessen Motto „Unsere Musik ist eine Brücke für den Frieden (Our Music is a Bridge for Peace)“ lautet.

Wir konnten Karim treffen und ihm einige Fragen stellen.

Zunächst jedoch ein Blick auf dieses Video, mit freundlicher Genehmigung von Soutuna TV, das von Amal Al-Jubouri gedreht wurde:

Seit einiger Zeit hast Du damit begonnen, umgehend nach Attentaten von ISIS das Violoncello zu spielen. Was ist die Bedeutung Deiner Initiative?

Der Sinn dessen, was ich tue, liegt in dem Wunsch, dem Tod das Leben entgegenzusetzen. Der Hässlichkeit mit Schönheit zu begegnen, ein Gleichgewicht zwischen Gut und Böse zu schaffen. Für mich ist das ein proaktiver Akt.

Wie waren die Reaktionen der Leute um Dich herum in diesem dramatischen Umfeld?

Die Menschen haben sehr, sehr positiv reagiert. Da war Herzlichkeit, Wärme und Verständnis. Ich wurde umarmt und verstanden.

Was ist Deine Sicht zu ISIS und den verschiedenen internationalen Akteuren, die seit Jahren eine wichtige Rolle zu Euren Lasten spielen und das auf Euren Schultern austragen?

Ich möchte und ich werde nicht in die Falle der Einschüchterung durch ISIS tappen, so wie es leider die Regierungen gemacht haben und wie sie auf deren Brutalität reagiert haben. Das ist ein Fehler.

Was denken und fühlen die Menschen von Bagdad angesichts der aktuellen Lebensbedingungen?

Sicherlich machen sich die Menschen Sorgen zur aktuellen angespannten Lage, aber sie versuchen auch, proaktiv zu leben und der aktuellen Situation so normal wie möglich zu begegnen. Das Leben in Bagdad kann sehr stressig und ungewiss sein, aber ich versuche, es mit dem Wunsch, die Dinge zu bessern, in Liebenswürdigkeit und Gewissheit zu leben.

Nach den Selbstmordattacken hast Du für Stunden gespielt. Welches war Dein Repertoire und wie suchst Du die Stücke aus, die Du spielst?

Mein Repertoire ist grundsätzlich und absichtlich improvisiert, um eine transparente Atmosphäre und somit eine direkte Reaktion zu schaffen, die so rein und unverfälscht wie möglich ist.

Der Klang der Musik und der Klang der Bomben repräsentieren einen der größten Widersprüche im täglichen Leben von Bagdad. Da ist einerseits das Leben und die Kreativität und andererseits Tod und Zerstörung. Was ist Deine Sicht auf die nahe Zukunft des Landes?

Die Zukunft des Irak ist unsicher und vage, aber ich glaube an die Motivation, an Inspiration und die Kraft des guten Willens. Der Irak kann wieder erblühen, wenn die Menschen sich für einen respektvollen, zivilen und integrierenden Umgang miteinander entscheiden, so wie er bereits im Gange ist.

Können Deiner Meinung nach Musik und andere Formen der Kunst und all die anderen Ausdrucksmöglichkeiten der Gewaltfreiheit einen Weg bedeuten, Krieg und Konflikte zwischen Ländern, Völkern und Religionen zu beenden?

Ja, ich sehe sie als eine Art „sanfte Kraft“ an. Ich habe mich für die Musik entschieden, die mit ihrem Klang für mich das Sinnliche der Kreation darstellt. Für mich sind der Klang, die Töne eine kreative Kraft, die durch Vibration geschaffen wird. Mit Musik lassen sich Bilder, Erinnerungen, Blicke in die Zukunft, aber auch Integration schaffen.

Zum Schluss noch ein Frage, wenn Du jetzt ein Stück für uns spielen würdest, welches wäre es?

Ich würde das Ave Maria spielen.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Gewaltfreiheit, International, Interviews, Kultur und Medien, Mittlerer Osten
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