“Den Weltfrieden leben” – Abschluss des Gipfels der Friedensnobelpreisträger

22.11.2015 - Pilar Paricio

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch verfügbar.

“Den Weltfrieden leben” – Abschluss des Gipfels der Friedensnobelpreisträger
(Bild von Sasha Volkoff)

Der 15. internationale Gipfel der Friedensnobelpreisträger ging am Sonntag, 15. November in Barcelona mit einer Konferenz unter dem Motto “Den Weltfrieden leben” zu Ende.

Carlos Walter Rojas, ein Pionier der Friedensstudien, würde das Motto als Abwesenheit von Gewalt bezeichnen. Wenn ein Krieg zu Ende geht, bringt das oft noch keinen Frieden, weil die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte nicht respektiert werden. Frieden bedeutet nicht nur Abwesenheit von Krieg, sondern von jeglicher Gewalt. Der Moderator des Gipfels stellte die Frage: „Welche Eigenschaften muss eine bleibender Frieden haben?

Der ehemalige Präsident von Costa Rica, Oscar Arias, antwortete, dass in seinem Land der Frieden eine tägliche Erfahrung ist, der Teil der Natur des Landes ist, seiner Genetik: es ist ein Land ohne militärisches Heer, Konflikte werden durch Dialog und Einigung gelöst. Er ist der Meinung, dass die Zusammenkunft der Regierenden in Syrien viel zu spät stattfand, dies hätte eher geschehen sollen, inklusive eines Dialogs. Er befürchtet, dass man nach den Attentaten von Paris zu einer Logik des „Auge um Auge“ zurückkehrt, die, wie Gandhi sagte, die Welt blind macht. Konflikte mit Gewalt anstatt des Dialogs lösen zu wollen, bedeutet große Ausgaben für die Regierungen. Er klagte auch die Gleichgültigkeit gegenüber sozialer Ungleichheit an, während Milliarden von Dollar für Waffen und Militär ausgegeben werden, leben viele Menschen weiterhin in Armut und Elend.

Der ehemalige Präsident von Südafrika, Frederik de Klerk, erklärte, um die Gewalt, die in Südafrika durch die Apartheid entstanden ist, zu überwinden, muss man Frieden erlangen, erhalten und stärken. Südafrika ist das Versuchslabor der Welt, um zu sehen, wie man eine multikulturelle Gesellschaft, die – wie wir wissen – oft Ursache für verschiedene Konflikte ist, organisiert und strukturiert. Die Afrikaner sind in neun Nationen unterteilt, zu denen Weiße, Asiaten und Mischlinge dazukommen; Ausgrenzung von Minderheiten war ein wichtiges Thema für das Land und in der Ausarbeitung der Verfassung hat man versucht, eine Antwort auf diese Multikulturalität zu geben. Die große Herausforderung ist die Verringerung der Schere zwischen Reichen und Armen. Deshalb wurde die Notwendigkeit, eine Situation des Gleichgewichts herzustellen, mit in die Verfassung aufgenommen, aber momentan ist die größte Herausforderung das Erreichen umfassender und angemessener Bildung für alle, um so die Arbeitslosenquote zu senken.

Um nachhaltigen Frieden statt Gewalt zu schaffen, bedarf es laut der Aktivistin und Dozentin Jody Williams, dass ihr Land, die U.S.A., den Mythos abschafft, an den immer noch der Großteil der Amerikaner glaubt, nämlich den, ein friedvolles Land zu sein. Man vergisst zu leicht, dass die Vereinigten Staaten aus dem Genozid der indianischen Bevölkerung heraus geboren wurden und dass ihre Geschichte voll von Kriegen ist. Nationen konstruieren jedoch ihre Mythen auf der Basis von Erzählungen, die ihnen dienen, eine Identität zu schaffen. Für die Vereinigten Staaten gab es nur wenige Momente des Friedens: entweder sie kämpften gegen die indigene Bevölkerung oder gegen ein anderes Land in der Welt. Ein anderer Mythos ist der, dass die die U.S.A. die Welt vor dem Faschismus gerettet hätten, wenn sie in Wahrheit nur eines unter vielen Ländern waren, die am zweiten Weltkrieg teilnahmen. Die Realität ist, dass die Vereinigten Staaten ein Heer und eine Waffenindustrie unterhalten, die in jedem Land der Erde in irgendeiner Weise interveniert, wobei sie sich wenig um die Meinung anderer kümmern. Und dann wundern sich die Amerikaner, dass sie mit Gewalt und Besatzung assoziiert werden. „Mein Land ermordet Menschen mit Drohnen im Irak, in Afghanistan, Syrien usw. Wir müssen überdenken, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Es wäre gut, wenn die Welt uns sagt: „Ihr habt interessante Dinge, aber auch schreckliche Dinge, die ihr ändern müsst“.

Die iranische Anwältin Shirin Ebadi beschrieb wie ein Iran im Frieden aussähe. Für sie bedeutet Demokratie nicht nur Wahlen zu gewinnen. Man soll nicht glauben, dass nur weil in einem Land freie Wahlen stattfinden und eine politische Partei an die Macht kommt, die Regierung automatische demokratisch ist. Der Wahlsieg garantiert noch nicht die Demokratie in einem Land, schon weil Menschenrechte nicht immer respektiert werden. Manchmal wird eine Regierung legitim gebildet und dann werden Gesetzte erlassen, die nur einem Teil der Bevölkerung nutzen. Man kann nur von Demokratie sprechen, wenn die Gesetzte für alle gelten. Im Iran spricht die Verfassung die gesamte Macht einem religiösen Führer zu, die Macht, einen Menschen umzubringen mit eingeschlossen. So ist eine religiöse Diktatur entstanden, die alle anderen Gemeinschaften wie Christen, Sunniten usw. diskriminiert. Der Iran ist keine Gesellschaft, die in Frieden lebt, weil es keine Ruhe, keine Demokratie gibt, Menschenrechte werden verletzt. Diskriminierung gegen andere Religionen und gegen Frauen ist weit verbreitet, es gibt über tausend Menschen, die wegen Gesinnungsfragen im Gefängnis sitzen, darunter viele Journalisten, Anwälte und Feministinnen, alle Kritiker der Regierung.

Für Tawakkol Karman ist der Jemen eine pazifistische Nation, die 2011 friedlich gegen die Diktatur auf die Straßen ging. Während die Menschen sangen und Blumen in den Händen hielten, verloren sie ihre Brüder in diesem Kampf. Man hat den Rücktritt des Präsidenten erreicht, ohne jemanden anzugreifen. Ein Jahr lang hielt man eine Konferenz mit allen beteiligten Gruppen und daraus ging eine Verfassung hervor, die zum Beispiel einer Frau das Recht zuspricht, das Land zu führen, sowie eine Frauenquote in der Regierung von 30% garantiert. Der Preis dafür jedoch war hoch. Es gab eine große Verschwörung und der arabische Frühling wurde von Isis unterstützt. „Wir wollten regieren, statt dessen wurden militärische Staatsstreiche und Terrorismus unterstützt, um uns daran zu hindern, die Macht zu übernehmen und ihre wirtschaftlichen Interessen zu zerstören. Die Milizen haben unsere Träume zerstört, der Iran hat den Jemen besetzt und kein westliches Land hat das angeklagt, weil sie andere Interessen verfolgten, wie zum Beispiel das Erreichen eines Nuklearabkommens.

Der ehemalige Präsident Oscar Arias fügt den Kommentaren von Jody Williams hinzu, dass die U.S.A. das Land mit den höchsten Militärausgaben weltweit ist und zugleich wenig für Entwicklung ausgibt. Das amerikanische Volk ist großzügig, seine Regierungen nicht. Eisenhower sagte, dass jede Waffe, die produziert wird, jedes Kriegsschiff, jedes Artilleriegerät, Diebstahl an dem ist, der hungert und sich nicht ernähren kann und an dem, der friert, weil er sich nicht gegen Kälte schützen kann.

Der Moderator bat jeden Redner, kurz zu definieren, was Frieden bedeutet. Gemäß Präsident a.D. De Klerk existiert Frieden, wenn ein Land eine gute Verfassung hat, die die Menschenrechte respektiert und die ein lebendiges Dokument ist, das gepflegt wird und für alle gilt. Für Jody Williams bedeutet Frieden, unsere Verantwortung zu akzeptieren, Gerechtigkeit in der ganzen Welt herzustellen. Für Shirin Ebadi ist Frieden ein Prozess, der Zeit braucht. Für Tawakkol Karman ist Frieden Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie in einem Staat ohne Diktatur und Terrorismus.

Die Bürgermeisterin von Barcelona Ada Colau zeichnete dann den Professor und Aktivisten Arcadi Oliveras aus Barcelona für sein Engagement für Frieden, gegen Waffen und Krieg, für soziale Gerechtigkeit und die Rechte der katalanischen Kultur aus. Ebenfalls ausgezeichnet wurde René Pérez Joglar von der Musikgruppe Puerto Rico Calle 13 für sein langjähriges Engagement für den Frieden.

In der Abschlussrunde drückte Jody Williams die Befürchtung aus, dass nach den Anschlägen von Paris die muslimische Gemeinschaft dämonisiert werden könnte und lancierte einen Appell, den Millionen von Flüchtlingen zu helfen, die gezwungen sind, ihr Land zu verlassen. Sie forderte ein Ende der Kriege, die nur finanzielle und wirtschaftliche Interessen befriedigen. Die internationale Gemeinschaft muss Antworten auf die Kriege in Syrien, Afghanistan, Somalia, Sudan etc. geben, Flüchtlingskindern das Recht auf Bildung garantieren, Militärausgaben reduzieren und sie durch finanzielle Hilfen für Entwicklung in armen Ländern ersetzen sowie nukleare Aufrüstung beenden.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Gewaltfreiheit, Kultur und Medien, Politik
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