CareSlam – der Protest geht weiter

17.10.2015 - Berlin - Johanna Heuveling

CareSlam – der Protest geht weiter
(Bild von Thorsten Strasas/All rights reserved)

Andere Bühnen wollen sie sich erobern, neue Kommunikationswege und -orte, und dabei unterhaltsam vermitteln, was eigentlich wirklich passiert in der Pflege. Aufs erste haben sie die Studiobühne der alten feuerwache in Friedrichshain eingenommen. Am 8. Oktober fand dort der erste CareSlam statt.

Erfahrungen mit Krankheit, Alter und Tod, über die sonst nicht gesprochen wird in der Öffentlichkeit, werden hier deutlich benannt, Menschen, die normalerweise einfühlsam und ruhig ihrer Tätigkeit nachgehen, werden hier laut oder tiefsinnig. Der Intensivpfleger und Pflegemanager Mathias Düring in T-Shirt mit Aufschrift „Survival Camp Station 6“, das Team Jill Kamphöner und Sabine Zessel von GerontoPro oder die Sexualassistentin Stephanie Klee, die sich mit Sexualität im Alter befasst, erzählen Anekdoten gespickt mit Fachwissen aus ihrem Berufsalltag. Szenische Auftritte, Lesungen, Film und Präsentationen. Die Krankenschwester Anja Herzog beschreibt berührend ihre Erfahrungen mit der eigenen Krebserkrankung und dem deutschen Gesundheitssystem. Und dann noch Idref, der rappende Altenpfleger. Schirmherr des CareSlam ist Dr. Michael Bossle, Professor der Pflegepädagogik.

Bisher haben Pflegekräfte unseres Landes sich flashmobartig im Rahmen des Protestes Pflege am Boden in der Öffentlichkeit auf den Boden geschmissen, um damit auszudrücken, dass sich die Pflege wahrlich am Boden befindet. Schlechte Bezahlung, Überstunden, übermässiger Bürokratiekram, bei dem für die Patienten am Ende keine Zeit bleibt, ein allgemeines Absenken der Qualifikationen, welches Lohnkosten sparen soll, und letztendlich zu dürftiger Behandlung des Patienten führt. Das sogenannte Pflegestärkungsgesetz, das gerade verabschiedet wurde, überzeugt die Protestierenden nicht, denn es ändere nichts an der Schwächung der Fachkräfte und schiebe durch allgemeine „Ambulantisierung“ die Pflege den Angehörigen zu.

„Wir kommen nicht voran, wenn wir weiter liegen“, beschreibt Yvonne Falckner, eine der Initiatorinnen des CareSlam, die in ihr gereifte Erkenntnis. “Pflege am Boden war und ist wichtig, aber wenn wir den Menschen etwas vermitteln wollen, müssen wir in die Sprache.“ Die Geschichten aus dem Leben einer Pflegekraft müssten erzählt werden, um den Aussenstehenden den Wert der Pflege verständlich zu machen, sie für das Thema zu sensibilisieren. Geschichten, die auch die existentiellen Erfahrungen des Lebens berühren und die Frage aufwerfen, wie der Mensch in unserer Gesellschaft leben kann, wenn er schwach geworden ist. „Pflege ist viel mehr als die Waschrunde oder „Kaffeerunde“, wie die Grundpflege abwertend genannt wird. Es geht ganz viel um den Kontakt mit dem Patienten, Bewohner oder „Kunden“ wie es neoliberal heutzutage heisst. Die Beobachtungen, die eine qualifizierte Pflegekraft während einer Runde macht, fliessen in die Behandlung und damit die Genesung ein.“

Yvonne und ihre Mitorganisatorin Mona Löffler-Jahraus möchten die Pflegekräfte dazu motivieren, aus sich herauszugehen, laut zu werden, mutig auf die Bühne zu treten, von sich zu erzählen und damit bessere Bedingungen für die Pflege in Deutschland zu fordern. „Für den ersten CareSlam konnten wir Menschen begeistern, die bereits ein Gebiet für sich erobert haben und denen es daher relativ leicht fällt, auf die Bühne zu gehen.“ Für die nächsten Slams hoffen Yvonne und Mona, auch diejenigen zu motivieren, die bisher mehr im Hintergrund standen. Sie möchten erreichen, dass die Menschen, die einen Beruf gewählt haben, um anderen behilflich zu sein in schwierigen Lebenslagen, sich auch selbst helfen: „Hey, ich habe auch was zu erzählen!“ Yvonne versteht die Bühne als eine Art Labor, in welchem sich die Teilnehmer_innen gegenseitig inspirieren über ihre Pflege- und Sozialtätigkeiten. „Wir wollen auch zeigen, dass wir interdisziplinär arbeiten.“ Dies war also kein Einzelereignis, sondern ein Prozess, an dem die Pfleger_innen das Publikum weiterhin teilhaben lassen werden.

Die Resonanz war durchgehend begeistert. Bereits während der Pause meldeten sich zukünftige Slamer_innen bei den Organisatorinnen und alle waren sich einig: das war erst der Startschuss. Und was ein großer Traum des CareSlam Teams wäre, das verrät uns Yvonne auch noch, die sich über die Darstellung von Pflegekräften im Fernsehprogramm – Stichwort: Krankenschwester Stefanie – ärgert: „Einmal eine Talkrunde nur mit Pflegefachkräfte zur besten Sendezeit.“

Bilder von Thorsten Strasas/All rights reserved:

 

Kategorien: Europa, Gesundheit, Politik
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