Israel-Palästina durch die Augen einer Humanistin

25.03.2015 - Johanna Heuveling

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Israel-Palästina durch die Augen einer Humanistin
Auch deutsche Besucher haben sich auf der Mauer zwischen Israel und Westbank verewigt (Bild von Johanna Heuveling)

In der Schule haben wir gelernt, dass wir gute Noten in einer Erörterung nur bekommen, wenn wir unnachgiebig einen Standpunkt vertreten und alle Gegenargumente widerlegen. Meine ursprüngliche Neigung, Dinge von allen Seiten betrachten zu wollen, Verständnis für jegliche Einstellung zu entwickeln und mehrere Wahrheiten gelten zu lassen, wurde immer mit schlechten Noten geahndet.

Spätestens in Israel-Palästina merke ich, dass sie es uns falsch gelehrt haben. Hier haben viel zu viele Menschen ihren ehernen, in Stein gemeisselten Standpunkt, der besagt, dass die anderen, wer immer sie sein mögen – Juden, Araber, Israelis, Palästinenser – falsch liegen, die falsche Kultur haben, eine gewalttätige Religion und Tradition und daraus resultierend, unvereinbare Gegensätze zu einem selbst, die sich nie und niemals auf einen Nenner bringen lassen. „Das absolute Minimum, das sie gewillt wären, uns zu zugestehen, ist weit entfernt von dem Maximum, das wir gewillt wären zu geben.“

Als Humanistin aber habe ich gelernt, dass den anderen zu verstehen versuchen die Grundlage ist, um einen menschlichen Kontakt aufzubauen und die Grundlage für Versöhnung mit all den schrecklichen Dingen, die beide Seiten sich angetan haben. Persönliches Gespräch ist auch einfach die basalste Form einer menschlichen Annäherung, weit weg von den Parolen der Politiker und Anführer, von den Schlagzeilen der Medien oder irgendwelchen hasserfüllten Predigten.

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„Ich lerne keine Israelis kennen“

Doch gerade die Möglichkeit der Annäherung wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer schwieriger gemacht. „Ich lerne keine Israelis kennen“, sagt mir Rana aus Bethlehem.“Sie kommen hier nicht her und ich darf nicht rüber.“

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Rana an der Mauer in Bethlehem

Bethlehem liegt einen Steinwurf von Jerusalem entfernt, aber ist davon getrennt, für die meisten Bethlehemer unüberwindbar, durch die Mauer zwischen Westbank und Israel und einen Checkpoint, der nur diejenigen mit einer speziellen Genehmigung passieren lässt. Doch diese bekommen nur wenige. Ranas Vater hatte sein halbes Leben in Jerusalem als Koch gearbeitet. Nach Schliessung der Grenze hatte er keine Erlaubnis bekommen, nach Jerusalem zu pendeln, und war in der Folge jahrelang ohne feste Arbeit. Israelis ihrerseits kommen nur in Gestalt von Soldaten nach Bethlehem „Den Israelis wird von ihrer Regierung Angst gemacht, hierherzukommen. Dabei hätten sie nichts zu befürchten.“ behauptet Rana.

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Checkpoint zwischen Bethlehem und Jerusalem

Diese Mauer, die mich als Berlinerin ganz besonders berührt, wurde in Bethlehem im Jahr 2005 errichtet. Ziemlich über Nacht, denn Rana erzählt mir, sie habe damals kaum die Bauarbeiten mitbekommen. „Es war schon lange vorher geplant und eine sehr schnelle Aktion.“ Die meisten und sogar links eingestellte Israelis, wie zum Beispiel der Schriftsteller Amos Oz, der Mitglied von Peace Now ist, befürworten diese Absperranlagen, denn sie haben Angst.

Gewaltlose internationale Freiwillige helfen, die schlimmsten Auswirkungen zu mildern

Das Hauptproblem ist, dass die Absperrung nicht entlang der Grünen Linie – vereinbarte Grenzlinie zwischen Israel und Westbank, Waffenstillstandslinie von 1949 – verläuft, sondern teilweise tief in palästinensisches Gebiet einschneidet und oft einen verrückt verschlungenen Verlauf aufweist. In Bethlehem trennt sie den Bereich um das Grab Rachels, welches als jüdisches Heiligtum gilt, von dem Rest der Stadt ab, so dass die frühere Hauptgeschäftsstrasse zu einer Geisterstadt wurde. Sie umzingelt Häuser, deren Bewohnern verboten wird die Rolläden hochzuziehen oder auf das Dach zu steigen, denn die israelischen Wachleute befürchten Scharfschützen. Zwei Tage vor meinem Besuch wurde ein 18 Jähriger niedergeschossen, der morgens auf einem Dach nahe der Mauer stand.

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Wachturm mit Spuren von Brand- und Farbbomben 

Andere Häuser wurden abgerissen, weil es hieß, sie stünden zu nah an der Mauer. Einige Felder können nicht mehr erreicht werden und daher nicht mehr bestellt werden. „Es gibt ein Gesetz, das besagt, dass Land, welches mehrere Jahre nicht genutzt wird, in staatlichen Besitz übergeht. Indem sie den Zugang zu Feldern verhindern, eignen sich die Israelis das Land an.“ sagt mir Rana.

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Wie bei der Berliner Mauer: bitterer Humor

Die kleine, agile Rana engagiert sich in gewaltlosen Projekten, die Bauern und Familien, die von solchen Massnahmen betroffen sind, unterstützen. Sie organisiert den Einsatz von internationalen Freiwilligengruppen, die bei der Olivenernte eines solchen Feldes helfen oder abgerissene Häuser wieder aufbauen. „Die Präsenz der internationalen Helfer hilft uns, zu den Feldern zu gelangen oder die Rohbauten der Häuser fertigzustellen.“

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Haus, das von drei Seiten von der Mauer umzingelt ist, und dessen Bewohner im zweiten Stock die Rolläden nicht hoch ziehen dürfen.

Bethlehem bemüht sich sehr, die Auswirkungen der Mauer auf die Wirtschaft der vom Tourismus abhängigen Stadt gering zu halten. „So lange es friedlich ist, geht es uns gut.“ sagt Rana. Denn dann kämen die Touristen. Die Stadt unterstützt Ladenbesitzer in der Altstadt, damit sie ihre Läden weiter offen halten können. Seit Bau der Mauer gibt es einen jährlichen Marathon „Right to Movement“, der auch als Protest gedacht ist.

Karte Bethlehem

Verlauf der Mauer in Bethlehem (schwarze Linie)

Quasi staatenlos

Der Status der Westbank ist bekanntlich weiterhin kompliziert. Es gibt drei Zonen, welche in unterschiedlicher Abstufung Autonomie durch die palästinensische Regierung zulassen, aber im größten Teil der Westbank übt die israelische Armee immernoch die Sicherheitsüberwachung aus. Die Zonen sind in einem mosaikartigen Muster verschlungen, so dass ein Ortsunkundiger oft nicht weiß, in welcher er sich gerade befindet. Israelis dürfen nicht in die Zone mit voller Autonomie reisen, nicht von Seiten der Palästinenser wird ihnen das verboten, sondern ihre eigene Regierung verbietet das, zu ihrem eigenen Schutz. Wenn Rana reisen möchte, muss sie nach Amman zum Flughafen und bekommt von der palästinensischen Behörde ein Reisedokument ausgestellt, das aber nicht als Pass gilt. Sie ist quasi staatenlos.

Rana hofft darauf, dass Palästina bald unabhängig wird. „Das wird vieles zum besseren verändern.“ Ob sie nicht Angst habe, dass fundamentalistische Muslime an die Macht kämen und sie, eine Christin, unterdrücken könnten? „Nein, wir leben friedlich mit den Muslimen hier.“ Es ziehen zwar viele Christen weg, aber nicht aus Angst vor ihren Nachbarn, sondern wegen der Bewegungseinschränkungen. Sorge äußert sie allerdings in Bezug auf den IS. Das von ihnen besetzte Gebiet ist nicht weit entfernt und was mit Christen bei ihnen passiert ist bekannt.

Gefangene ihrer Angst und eingesperrt in ihrem Land

Das zweite große Problem, neben dem schwierigen Verlauf der Mauer, sind die Siedlungen israelischer Bürger auf dem Gebiet der Westbank, welche nur möglich sind durch massive Unterstützung der israelischen Regierung und Schutz der Armee. Von Ranas Haus aus sieht man Har Homa, eine wie eine Trutzburg gebaute Siedlung auf dem gegenüber liegenden Berg. Im UNO Sicherheitsrat war über diese Siedlung verhandelt worden, alle Mitgliedsländer waren gegen den Bau, aber die USA hatten damals ein Veto eingelegt.

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Die umstrittene Siedlung Har Homa von Ranas Haus aus gesehen.

Ich frage Rana, ob wir vielleicht einmal ein bißchen näher rangehen könnten, aber sie schüttelt vehement den Kopf: „Das würden sie nicht zulassen.“ Was würde denn passieren? Ich sehe doch, dass da ein Weg lang geht, ohne Zaun oder Schild. „Sie würden kommen und uns zurückschicken.“ Aber wem gehört denn das Land da? Warum können sie uns einfach davon vertreiben? „Das ist egal, sie würden trotzdem kommen. Wenn es um ihre Sicherheit geht, machen sie alles.“ Ich frage mich, was jemanden dazu bewegt, in eine dermassen abgeschirmte Siedlung zu ziehen inmitten von Territorium, das man als feindlich und gefährlich sieht. „Eigentlich sind es die Israelis, die sich selbst einschliessen. Sie tun mir eigentlich leid, denn sie sind Gefangene ihrer Angst und eingesperrt in ihrem Land.“ sagt Rana.

Allgegenwärtige Geschichte der Vertreibung, Enteignung und Massaker

Rana zeigt mir auch die Flüchtlingslager in Bethlehem, welche inzwischen – nach siebzig Jahren der Vertreibung – zu Stadtteilen geworden sind, die schäbiger und enger aussehen als die regulären Bezirke. An allen Ecken ist der Zorn über die israelische Besatzung und die vergangenen Enteignungen zu spüren. Es gibt Aufzählungen an den Hausmauern der letztes Jahr in Gaza gestorbenen Kinder, über dem Tor prangt der große Schlüssel – das Symbol der Enteignungen.

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Eingang zum Aida Camp: Der Schlüssel als Symbol der Enteignung

Die ältesten Lager existieren seit dem Krieg 1948, der am Tag nach Ausrufung des israelischen Staates durch Ben Gurion zwischen Arabern und Juden ausbrach. Damals wollten die Araber die Zweistaatenlösung der UNO nicht akzeptieren und riefen dazu auf, „die Juden ins Meer zu werfen“ oder sie „in ihrem Blut zu ertränken“. Die Juden ihrerseits, gerade dem Holocaust entkommen, waren nicht gewillt, sich erneut wehrlos niedermetzeln zu lassen und kämpften um das Land, das sie als das ihre, endlich ihr eigenes Land, ihre letzte Zuflucht begriffen.

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Liste verstorbener Kinder in Gaza im letzten Sommer

Auf beiden Seiten gab es schlimme Massaker, Juden wurden aus vielen Siedlungen vertrieben oder getötet und genauso Araber, die auf dem jetzigen israelischem Gebiet lebten. Viele gaben ihre Besitztümer auf und flohen. Viele haben die Hoffnung immernoch nicht aufgegeben, eines Tages wieder in ihre alten Häuser auf israelischer Seite zurückzukehren und die Schlüssel werden von Generation zu Generation weitergegeben, so wie der Zorn und der Wunsch auf Rache. Um das Gemetzel des Krieges von 1948 zu verstehen, ist die Lektüre von Amos Oz hilfreich. Er schreibt in seinem Buch „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“:

Im Leben des Einzelnen wie im Leben ganzer Völker brechen die schlimmsten Konflikte oft zwischen zwei Verfolgten auf. Es ist ein sentimentales Wunschdenken, dass sich die Verfolgten und Unterdrückten solidarisieren, um gemeinsam gegen ihren grausamen Unterdrücker zu kämpfen.[…] Nicht selten sieht der eine in dem anderen nicht einen Schicksalsgenossen, sondern die grauenerregende Fratze ihres gemeinsamen Verfolgers.

Vielleicht ist dies auch der Fall bei dem rund hundertjährigen Konflikt zwischen Arabern und Juden: Europa, das die Araber durch Imperialismus, Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung erniedrigte, ist dasselbe Europa, das auch die Juden verfolgte und unterdrückte und schließlich die Deutschen gewähren ließ oder sogar unterstützte, als sie darangingen, die Juden aus allen Teilen des Kontinents zu verschleppen und fast vollständig zu ermorden. Doch die Araber sehen in uns nicht das halb hysterische Häuflein Überlebender, sondern einen neuen überheblichen Ableger des technologisch überlegenen, ausbeuterischen kolonialistischen Europa, das listigerweise – diesmal im zionistischen Gewand – in den Orient zurückgekehrt ist, um erneut auszubeuten, zu enteignen und zu unterdrücken. Und wir wiederum sehen in ihnen nicht die Opfer gleich uns, nicht Brüder in der Not, sondern pogromlüsterne Kosaken, blutdürstige Antisemiten, maskierte Nazis, als wären unsere europäischen Verfolger hier im Land Israel erneut aufgetaucht, hätten sich Kefijes um den Kopf geschlungen und Schnurrbärte wachsen lassen, wären aber immer noch jene, die seit eh und je nach jüdischem Blut dürsten und uns aus purem Vergnügen die Kehle durchschneiden.

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Plakette in der Jerusalemer Innenstadt, die von der terroristischen Vergangenheit der Vorläufer der israelischen Armee zeugt.

Mischung aus orientalischer Großzügigkeit und freiheitlichem Denken

Zurückgekehrt in den israelischen Teil des Landes, habe ich intensive Gespräche. Israelis, so wie ich sie kennengelernt habe, sind aufgeschlossen, diskutierfreudig, direkt und nicht zurückhaltend mit ihrer Meinung. Dabei meist sehr belesen und gut informiert. Ich stelle fest, dass es eine sehr lebendige, offene und freie Gesellschaft ist mit einem angenehm ungezwungenen Umgang miteinander. Eigentlich eine gute Mischung aus orientalischer Großzügigkeit und freiheitlichem Denken. Orthodoxe Juden habe ich allerdings nicht gesprochen.

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Junge Strassen-Künstler in Zikhron

Es ist eine Gesellschaft, die durchaus große Integrationsanstrengungen geleistet hat, denn die Juden kamen aus allen Kontinenten hierher, neben den arabischen Juden, die schon hier waren. Die meisten mussten erst hebräisch lernen und viele waren schwerst traumatisiert.

Erst hier verstehe ich, wie schwer die Schuldgefühle derer gewesen sein müssen, die den Holocaust überlebt haben, aber ihre Angehörigen nicht schützen konnten, die nicht gekämpft haben, sondern geflohen sind. Und es muss einen Bruch zwischen dieser Opfer-Generation und ihren in Israel aufgewachsenen Kindern gegeben haben, welche den Entschluss fassten, nie wieder kampflos zu fliehen. Kishon schreibt in seinen Kurzgeschichten häufig über die vitale entschlossene junge israelische Generation, die ihre Eltern nicht verstehen und diese ihre Kinder nicht. Der jüdische Philosoph Leibovitz warf seinen Landsgenossen vor, nichts aus dem Holocaust gelernt zu haben. Ich denke, sie haben gelernt. Aber ist es das richtige?

Eine Integrationsmassnahme ist der obligatorische Wehrdienst, den jeder Junge und jedes Mädchen nach Abschluss der Schule zu leisten hat. Die Armee ist sicherlich die sichtbarste Institution im Land. So sieht man vor allem an den Wochenenden die Wehrdienstler in Uniform und nicht selten mit Maschinengewehren in großen Gruppen an den Bahnhöfen und in den Zügen. Ein Anblick, der einen Ausländer mehr verunsichert als sicher fühlen lässt. Doch laut Auskunft meines Gastgebers sei es noch nie zu einem Zwischenfall à la amoklaufendem Jugendlichen gekommen.

Soldaten Bahnhof Israel

Bewaffnete Soldaten am Bahnhof in Binyamina

Israel ein Staat für Juden und nicht für alle

Leider erstreckt sich die Integrationsleistung nicht auf alle Bevölkerungsanteile. Die arabische und jüdische Bevölkerung lebt getrennt in eigenen Dörfern, Stadtteilen, mit eigenen Schulen, Kindergärten etc. Wer will diese Trennung? „Die Araber akzeptieren keine Juden in ihren Städten.“ sagt mir Malcolm, ein älterer Herr, der früher im Institut für strategische Studien gearbeitet hat, welches die Armee beraten hat.

Für Christen und Muslime ist die israelische Armee nicht obligatorisch. Mein Gastgeber sagt: „Nach dem Gesetz sind Juden und Muslime gleich gestellt, aber de facto ist das nicht so. Eigentlich sind die arabischen Israelis die eigentlichen Leidtragenden des jetzigen Zustandes, denn sie haben ihre Identität verloren, sie sind isoliert. Sie leben hier in Israel ganz gut, weil sie gute Infrastruktur, gute Ausbildungsmöglichkeiten haben und alle Freiheiten geniessen können, die sie in den arabischen Ländern nie hätten, gleichzeitig werden sie hier nie völlig akzeptiert werden. In die arabischen Länder wollen sie nicht umziehen, aber gegen ihre Brüder können sie auch nicht kämpfen. Das Problem ist, dass Israel ein Staat für Juden ist und nicht für alle.“

Der andauernde Konflikt steht der Integration im Weg. So lange sich Israel in einem fortdauernden Kriegszustand befindet, steht die arabische Bevölkerung unter Generalverdacht und kann nicht wirklich dazugehören.

Ein israelischer Freund erzählt mir von seinem Sohn. Sie haben muslimische Freunde, deren Kinder mit ihren Kindern spielen. Während der Monate Gazakrieg im letzten Jahr erschallten auch südlich von Haifa die Sirenen, denn Raketen aus Gaza zielten mehrmals auf ein Kraftwerk in der Nähe. Man hörte die Abschüsse der Raketen durch das Abwehrsystem der Israelis, den „iron dome“, und die Kinder hatten Angst. Die Eltern erklärten ihnen, was es mit dem Krieg auf sich habe. Danach wollte der 10 jährige Sohn nicht mehr mit seinen muslimischen Freunden spielen und selbst lange Gespräche konnten ihn nicht überzeugen. „Nichts zeigt so deutlich den Zustand unserer Gesellschaft, wie wenn schon ein Kind, sogar eines mit toleranten Eltern, solche Vorurteile entwickelt.“

Wieder eine normalere Perspektive auf die Welt bekommen

So schlimm der Dienst in der Armee für den Einzelnen auch sein mag, mir berichten eigentlich alle, die ich danach frage, eher strahlend über diese Zeit, in der sie starke Freundschaften fürs Leben geknüpft hätten und zu Erwachsenen geworden seien.

Die ständige Präsenz von Soldaten und Sicherheitskontrollen empfinden sie als normal. Aber Krieg, wie letzten Sommer in Gaza, ist eine Ausnahmesituation, die jeden mitnimmt, „denn jeder hat irgendeinen Jungen oder ein Mädchen in der Verwandtschaft, die dorthin müssen, und um die man sich Sorgen macht.“ „Schlimm waren die drei Wochen, in denen sie nach Gaza reingegangen sind. Ich weiß nicht, wie ich diese Zeit überstanden habe.“ Erzählt mir die Mutter eines Sohnes, der momentan seinen Wehrdienst leistet. Er selbst erzählt: „Bald werde ich entlassen, dann werde ich mit ein paar Freunden erstmal ein Jahr in der Welt herumreisen. Das machen die meisten von uns und man braucht das auch, um wieder eine andere, vielleicht eine normalere Perspektive auf die Welt zu bekommen nach dem Kriegsdienst.“

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Bewaffnete Wehrdienstleistende im Zug

Aber keiner, den ich treffe, stellt die Armee oder den Dienst an der Waffe per se infrage. Alle scheinen davon überzeugt zu sein, dass es die einzige Möglichkeit ist, Israel davor zu bewahren, von den arabischen Ländern ausgelöscht zu werden.

Wenn ich von der Mauer erzähle, die ich besucht habe, zucken alle bedauernd mit den Schultern. Sie finden diese Massnahme nicht schön, aber sie halten sie wohl eher für notwendig, jedenfalls so weit sie dem vereinbarten Grenzverlauf folgt. Sie erinnern mich an die Serien von Selbstmordattentaten. Die Bushaltestelle, an der ich täglich stehe, sei auch ein Ort gewesen, der in die Luft gesprengt wurde, vier Mädchen seien damals umgekommen. Später habe es eine Phase gegeben, in der die Attentäter mit Autos in Menschenmassen gefahren wären. Das momentane Ausbleiben solcher Gewaltakte führen sie auf die dichten Grenzen und Kontrollen und die Anwesenheit der bewaffneten Soldaten zurück. Rana sagt, dass sie nicht glaubt, dass das der Grund sei, sondern dass die Palästinenser eine vernünftige Entscheidung getroffen hätten, ihre Ziele nicht mehr auf diese Art zu verfolgen, die sie in der Weltöffentlichkeit verunglimpfe.

Sie hätten aus Gaza ein Paradies machen können

„Sie sollten den Palästinensern endlich geben, was sie wollen“, sagt mein Gastgeber, „ihren eigenen Staat.“ Und gehört damit zu denjenigen, die sich gegen jüdische Siedlungen und Besetzung der Westbank ausspricht. Nicht alle denken so. Und auch er glaubt nicht daran, dass die Unabhängigkeit den Palästinensern den Segen bringt, den sie sich erhoffen.

Er erinnert an Gaza. „Sie hätten daraus ein Paradies machen können. So viele Gelder sind in das kleine Land geflossen. Sie haben die schönsten Strände. Sie hätten Hotelanlagen bauen können, die Urlauber wären dorthin geströmt, sie hätten ihr Land in kürzester Zeit zum Florieren bringen können, mit Arbeit für jeden, toller Infrastruktur etc. Aber sie haben sich dazu entschieden, weiter zu kämpfen. Jetzt haben sie Scharia Gesetze eingeführt, die politischen Gegner stossen sich gegenseitig von den Häusern und es finden öffentliche Exekutionen in Anwesenheit von Kindern statt.“ Und wütend fügt er hinzu: „Und dann kommen diese Europäer und wollen uns dafür kritisieren, wie wir mit den Palästinensern umgehen.“

Die Angst und die Sicherheitsmassnahmen

Die Angst vor Verfolgung und Vernichtung ist nicht in den Kriegen gegen die Araber entstanden und nicht durch die Attentate, sondern wurde da nur bestätigt und verstärkt. „Europa wollte uns nicht. Dort waren wir Pogromen ausgesetzt, lange bevor die Deutschen mit ihrer totalen Vernichtung angefangen haben, bei der viele in den anderen Ländern fleissig geholfen haben. Etwas scheint an uns Juden zu sein, dass wir nirgendwo geduldet sind, überall verfolgt und gejagt.“ sagt mir Malcolm mit einem schmerzhaften, resignierten Gesichtsausdruck. Dann sagt er, mir fest in die Augen blickend: „Ich habe gehört, dass die jungen Menschen in Deutschland die Nase voll davon haben, schuldig zu sein und Verantwortung zu übernehmen.“ Und ich fühle die ganze Jahrhunderte alte Last, die auf meine Schultern geladen wird, und spüre, dass zumindest für ihn nichts, aber auch garnichts vorbei und vergeben ist.

Er und die meisten, die ich spreche, sehen schwarz für die Zukunft. Selbst wenn Netanjahu abgewählt würde, selbst wenn endlich Palästina anerkannt würde, die jüdischen Siedlungen aufgegeben werden, haben sie wenig Hoffnung auf Frieden mit ihren Nachbarn. Sie glauben nicht an die Fähigkeit der Araber einen gerechten, demokratischen Staat aufzubauen, der der Gewalt abschwört, die Ansprüche auf Gebiete innerhalb Israels und seine Wut und Rachebedürfnisse aufgibt. Sie haben einen starken Glauben an die Unveränderlichkeit ihres Schicksals, des Stigmas der Juden und des Charakters der Araber.

Der Aufwand für die Sicherheit ist enorm. Jeder Bahnhofeingang, jeder Supermarkteingang, öffentliche Gebäude, Cafés, etc. haben Eingangskontrollen und Durchleuchtgeräte. Bereits in Berlin vor Einsteigen in den Flieger fangen die Kontrollen an. Ausführliche Befragungen, die psychologisch geschickt einen aus der Fassung bringen sollen, damit ein potentieller Terrorist sich verhaspelt. Ich kam in den Genuss des vollen Umfangs der Befragungen, da ich für meine Forschungen am Technion Institute biologische Proben dabei hatte. Für all das leisten sich die Israelis einen riesigen personellen Aufwand.

Die ständige Möglichkeit eines Kriegsausbruches wird überall bedacht. Krankenhäuser haben Untergeschosse, die zu voll funktionsfähigen Stationen ausgebaut werden können, um Patienten während eines Krieges in sicherere Bereiche zu verlegen. Der Zugverkehr läuft nur per Dieselloks, da ein elektrisches System zu anfällig für Sabotage wäre. Die Kontrollzentrale der Eisenbahn ist unterirdisch gebaut.

Unterdessen lebt man sein Leben, macht Sport, feiert Familienfeste und geht seiner persönlichen Laufbahn nach. Aber was die Zukunft des Landes und die Möglichkeit auf Frieden angeht, ist man ratlos und pessimistisch. Nicht wenige denken darüber nach, in die USA oder anderswo hinzuziehen.

Europa erkenne die Zeichen der Zeit nicht

Aber die Sorge erstreckt sich auch auf andere Länder. Ich werde durch mehrere Aussagen überrascht, wie: „Europa wird sich noch wundern. Bald wird es massiv mit arabischem Terrorismus zu tun bekommen. Es hat schon angefangen. In Frankreich, in Schweden, sogar in Australien. Die Juden, die noch in Europa leben sind naiv. Sie sollten wegziehen so schnell sie können.“ oder „Die muslimische Religion ist gewalttätig, sie möchte der ganzen Welt ihre Regeln aufzwingen. Frauen unterdrücken, Freiheiten abschaffen, Schariagesetze mit Exekutionen auf der Strasse,…“ Dies sagt man mir, auch im Hinblick auf die naiven Europäer, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen.

Man nimmt sehr wach Ereignisse in Deutschland, wie die Pegida Demonstrationen und Neonazi Proteste gegen Asylantenheime, wahr und ordnet sie nach der israelischen Sichtweise ein. Dass überall auf der Welt der Antisemitismus und der islamistische Fundamentalismus grassieren, ist eine nicht anzuzweifelnde Wahrheit. Wenn ich anzumerken wage, dass extremistische Strömungen aller Art als Wurzel meist soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung haben, die Demagogen Zulauf bieten, wird abgewunken: „Antisemitismus gab es schon immer und in allen gesellschaftlichen Schichten. Wie sonst hätte Hitler sein Programm durchziehen können?“

Keine staatlichen Bemühungen für Versöhnung

Bedrückend ist für mich das Fehlen einer öffentlichen Wahrnehmung anderer Optionen als der „harten Hand“. Es gibt zahlreiche kleine Projekte, die versuchen, eine Annäherung zwischen Juden und Arabern zu erreichen. In Haifa bringt ein Theater Stücke mit Jugendlichen beider Bevölkerungsgruppen auf die Bühne. Früher, sagt mir eine ältere Dame, habe es gemeinsame Sommercamps gegeben und Austauschprogramme. Aber aus Angst vor Terrorattacken seien diese eingestellt worden. Meinen Gastgeber, der Schulkinder hat, frage ich, ob es institutionelle Bemühungen gebe, die Kinder zusammenzubringen in irgendwelchen Programmen. Er verneint. Von staatlicher Seite passiert nichts, um eine Versöhnung der Bevölkerungsgruppen wenigstens innerhalb von Israel anzustreben. Es wird lediglich auf Militär und Sicherheitssysteme gesetzt, aber die Zweifel der Menschen sind groß, ob ihnen das auf Dauer wirklich Sicherheit bringt.

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Theaterprojekt zur Verständigung zwischen den Religionen in Haifa

Rana erzählt mir, wie sie die einzigen Israelis getroffen hat, die sie kennt. Der Internationale Versöhnungsbund hatte einen Workshop in Berlin organisiert, an dem sie mit einem anderen Palästinenser teilnahm. Neben Teilnehmern aus allen Kontinenten waren auch zwei Israelis dabei. An einem Tag sollte jede Gruppe ihr Land vorstellen. „Es war, als ob die Israelis und wir von zwei verschiedenen Ländern erzählen. Wir hatten völlig unterschiedliche Sichtweisen.“ Danach habe erstmal Schweigen zwischen ihnen geherrscht. „Bis dahin hatten wir uns eigentlich gut verstanden, aber nach diesen Präsentationen gingen die Israelis auf Abstand. Aber als es einige Tage später darum ging, welche Leute ein Zimmer miteinander teilen wollen, fragten uns die Israelis. Offensichtlich hatte in ihnen etwas gearbeitet. Es war nicht leicht für sie gewesen, unsere Perspektive anzuschauen, aber sie konnten sie nach einiger Zeit akzeptieren. Seitdem sind wir sehr gut befreundet.“

Diese Art von Geschichten sind es, die Hoffnung machen. Trotz all des Pessimismus, was den Friedensprozess angeht, gibt es auch Lichtblicke. Wie zum Beispiel mit Malcolm, dem Forscher für strategische Studien, der Sätze sagte wie „Hoffnung ist keine Strategie“ und „die Menschheit wird sich ohnehin bald ausrotten.“ Nach stundenlangem Gespräch sagte er zum Abschied: „Weißt Du, ich hoffe, daß Deine Realität gewinnen wird. Sie ist sehr viel schöner als meine. Ich habe zwar meine Zweifel, aber ich wünsche Dir von ganzem Herzen viel Erfolg“ und an seinem Blick sehe ich seinen traurigen Ernst, aber auch ein kleines bißchen Hoffnung.

Kategorien: Mittlerer Osten
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