„Ich möchte mich um das Glück kümmern“ – selbst (und vor allem) in Afghanistan

02.02.2015 - Anna Polo

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Italienisch verfügbar.

„Ich möchte mich um das Glück kümmern“ – selbst (und vor allem) in Afghanistan
(Bild von Poya Shakari)

Ein Land, traumatisiert durch Jahrzehnte des Krieges; Menschen voller Leben und Würde; eine aktive und mutige Zivilbevölkerung; ein Projekt, um den Übergang von Angst zu Vertrauen zu erleichtern. Wir sprechen mit Alberto Pennela – Berater, Poet, Blogger und Experte über Emotionen – über seine außerordentlichen Erfahrung in Afghanistan.

Wie kam es zu dem Projekt “Körperliche und Emotionale Achtsamkeit”?

Ich reiste durch 45 Länder. Vor fünf Jahren arbeitete ich für die Stiftung der Europäischen Bank – eine Stiftung, die sich mit ethischen Fragen beschäftigt. Ich entschied mich, diese internationalen Erfahrungen, kombiniert mit Interviews mit Repräsentanten zahlreicher Religionen, Direktoren, Psychiater, etc. zu verwirklichen, indem ich ein Projekt auf Vertrauen und Gefühlen aufbaute. So wurde eine „sich entwickelnde Arbeit“ geboren, welche ich in vielen Ländern ausprobierte, einschließlich Portugal, Slowakei, Rumänien, den USA und Mexiko. Bis mich im Juni 2013 Fiorella Lattuada, die in Afghanistan vor 50 Jahren gelebt hatte und dorthin zurückkehren wollte, mich fragte, ob ich sie begleiten wolle.

Diese Reise war ein Wendepunkt…

Ja. Ich liebe Asien und die Afghanen haben mich immer erstaunt durch ihre tiefe Würde, welche sie aufrecht erhielten trotz Jahrhunderten der Invasionen. Ihre Kultur ist persisch, nicht arabisch. Nach meiner persönlichen Interpretation begann der Sufismus als faszinierende Mischung zwischen Islam und Buddhismus. Die erste Reise fand zur Erforschung statt: Ich war die meiste Zeit in Kabul, aber reiste auch in Gegenden der Sufis und in Kriegssituationen. Dann hatte ich eine Eingebung: Was ich tue, könnte helfen. Meine Arbeit könnte hier eine große Wirkung haben.

Im September ging ich für meinen zweiten Aufenthalt zurück. Zuerst dachte ich daran, etwas mit Ausländern zu organisieren, die für die UN und die NGOs arbeiten, Menschen die in bewachten Bereichen leben. Aber als ich dann nach Herat kam, änderte sich das Projekt: Ich wurde aufgenommen von einem Freiwilligen der Bewegung junger Afghanen, trotz der Tatsache, dass es für sie gefährlich war, einen Ausländer in ihrem Haus zu haben, da es immer das Risiko der Entführung oder Vergeltung mit einschloss. Um ihre Gastfreundschaft irgendwie zu erwidern, bot ich ihnen an, einen vier Tage langen Kurs für 14 ihrer Aktivist_innen abzuhalten, einschließlich weiblicher Psychologiestudentinnen. Als diese Studentinnen ihre Universität baten, mich offiziell einzuladen, tat die Universität von Herat dies. So hielt ich einen Kurs ab für 50 Leute. Statt der angesetzten zwei Wochen, blieb ich zwei Monate. Ich arbeitete auch in einer Oberschule und nahm an eine Konferenz über Gewalt gegen Frauen zusammen mit den Student_innen teil.

Sie baten mich, wieder zu kommen und im März 2014, dank der Unterstützung von GUNA, hielt ich zwei Seminare (als Teil des Universitätscurriculums) und eröffnete ein Beratungszentrum an der Universität. Einer der Kurse war eine Wiederholung dessen, den ich im vorherigen Jahr gegeben hatte, der zweite, der fortgeschrittener war, war an die gerichtet, die den ersten bereits absolviert hatten, sowie Professionelle, die auf dem Gebiet arbeiten. Insgesamt haben 112 Leute daran teilgenommen. Diesmal mietete ich ein Haus an, um meine Freunde nicht wieder einem Risiko auszusetzen (und befand mich prompt nahe einer Bombenexplosion).

Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass der Fachbereich Psychologie der Universität von Herat erst vor sechs Jahren eröffnete und zusammen mit einem anderen in Kabul Psycholog_innen trainiert, die mit den Traumata der letzten drei Jahrzehnten des Krieges konfrontiert werden.

Vor und nach den Seminaren testeten wir seine Effektivität. Alle Indikatoren waren ermutigend: Angst, Depression, das Gefühl der Wertlosigkeit und sogar suizidale Tendenzen nahmen ab, während Konzentration, Freude, Selbstliebe – mit anderen Worten: Glück – zunahmen.

Was hat sich verändert seit Deiner ersten Eingebung in Bezug auf die Nützlichkeit Deines Projektes?

Insgesamt stellte sich die erste Eingebung als korrekt heraus. Ich und alle Seminarteilnehmer_innen wurden darin bestärkt, dass die Psychologie mehr ist als eine intellektuelle Sache, sondern dass Du Dich ändern kannst und an Zuversicht an Dich selbst, an das Leben und an andere gewinnen kannst, dass nicht alle Menschen gefährlich sind und dass die Gesellschaft sich ändern kann. Mein Anteil daran ist nicht nur ein Job über Emotionen, aber auch über Glaubensvorstellungen – zuerst den Glauben daran, dass eine Veränderung unmöglich sei – darüber, auf die Körpersprache zu achten und die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Diese zwei letzten Aspekte waren der Schlüssel für meine Beziehung zu den Teilnehmer_innen, da ich meine Seminare auf englisch hielt, mit Übersetzung ins Persische. Ich lerne die Sprache, aber ich kann sie noch nicht gut genug, um sie in Kursen und Beratungen anzuwenden.

Es gab eine Kettenreaktion: Zusätzlich zum Beratungszentrum an der Universität, welches in meiner Abwesenheit weiterlief, begann eine Gruppe von Studenten in einer Strafanstalt zu arbeiten. Ich trainierte außerdem zwei Leute, selbst Seminare zu halten, einer davon ein Universitätsprofessor.

Gab es einen Moment, der Dich besonders beeindruckt hat oder bewegte?

Da gab es so viele. So viele. Es bewegte mich zu sehen, wie Menschen, die über Selbstmord nachgedacht hatten, Glück fanden. Ich habe niemals so viel Dankbarkeit für meine Arbeit erhalten wie in Afghanistan. Es war wunderbar, sich so nützlich und effektiv zu fühlen. Und trotz der Unterschiede in der Kultur und Herkunft, habe ich tiefe Freundschaften geschlossen. In einer Gesellschaft, in welcher das Risiko verurteilt und harten Konsequenzen ausgesetzt zu werden sehr hoch ist, ist das Vertrauen vieler Menschen, einschließlich vieler Frauen, die spontan zu mir kamen, um mit mir zu sprechen, ein unerwartetes und wertvolles Geschenk.

Das Bild, das wir von Afghanistan haben ist das eines gewalttätigen, korrupten und rückwärtsgewandten Landes. Aber Deine Geschichte zeichnet eine andere Situation.

Die Korruption ist ein ernstes Problem und es gibt immernoch Taliban Hochburgen in den Dörfern, aber in den Städten ist die Situation anders und Frauen gehen zur Universität. Natürlich gehören sie zu einer privilegierten Klasse, die es sich leisten kann, an Kursen teilzunehmen und die nicht arbeiten muss. Und dann gibt es da eine lebendige und aktive Zivilbevölkerung mit 30 verschiedenen Organisationen, die in einem Netzwerk sind, um sich mit den Fragen der Gewalt gegen Frauen und des Kampfes gegen die Korruption auseinanderzusetzen.

Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Ich würde gerne im Mai zurückkehren, um anderen beizubringen, die Kurse zu halten, aber die Details sind noch nicht entschieden. Der organisatorische Aspekt ist nicht einfach, aber die Afghanen sind voller Leben. Jedesmal wenn ich nach Italien zurückkomme, nachdem ich in Herat war, scheint alles langsamer.

Jeder, der weiteres Interesse an den Seminaren hat, kann mit diesem Link einen detaillierten Bericht auf englisch und italienisch finden: http://albertopennella.com/category/afghanistan-riflessioni-sullesperienza/

Übersetzung aus dem Englischen: Johanna Heuveling

Kategorien: Asien, Erziehung, Gewaltfreiheit, Interviews
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