Indien: Wie eine Lokalzeitung Frauen aus ländlichen Gegenden dazu befähigt, über ihre Gemeinden zu schreiben

12.07.2014 - Pressenza Berlin

Zeitungsleserinnen. Foto: Yashas Chandra

Dieser Artikel geschrieben von Thalia Rahme und übersetzt von Nina Schöpf ist am 03.07.2014 auf GlobalVoices erschienen.

Wie kann man Frauen in armen, ländlichen Gegenden Indiens helfen, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen? Eine kritische Gemeindezeitung ist schon einmal ein guter Anfang.

Khabar Lahariya ist eine ländliche Wochenzeitung, die von Frauen geleitet wird und in den Regionalsprachen Awadhi [de], Bajjika, Bhojuri [de] und Bundeli in den indischen Bundesstaaten Uttar Pradesh und Bihar erscheint. Die Zeitung wird von rund 80.000 Menschen in 600 Dörfern gelesen.Khabar Lahariya wird beschrieben als “lokales Kontrollorgan” und eine “Waffe der Schwachen”, in der über Ungerechtigkeit und Korruption berichtet wird, die ländliche Gemeinschaften beeinflussen, die normalerweise keine Aufmerksamkeit durch die Medien erfahren. Die Zeitung erschien erstmals 2002 und ist seit Februar 2013 auch online verfügbar.Jedes Jahr veranstaltet der internationale Rundfunksender Deutsche Welle [de] einen Wettbewerb für die besten Blogs der vergangenen 12 Monate. In diesem Jahr gewann Khabar Lahariya dabei den Global Media Forum Award [de]. Jurymitglied und Bloggerin Rohini Lakshane nannte die Zeitung “ein leuchtendes Beispiel dafür, dass das Funktionieren einer Demokratie vom Zugang zu Informationen abhängt – und zwar für alle”.Um mehr über die Zeitung zu erfahren, haben wir mit Poorvi Bhargava, der redaktionellen Koordinatorin von Khabar Lahariya gesprochen.


Eine Leserin aus dem ländlichen Indien mit einer Ausgabe der Zeitung Khabar Lahariya. Foto: Yashas Chandra

Rising Voices (RV): Warum haben Sie den Namen Khabar Lahariya gewählt, was auf Deutsch so viel wie “Neue Wellen” bedeutet?

Poorvi Bhargava (PB): Der Großteil dessen was im Zusammenhang mit Khabar Lahariya steht, auch der Name, entstammt den Ideen unserer Reporterinnen. Der Name entstand in der Tat während einer Gruppenübung, als die Gründungsmitglieder 2002 mit der ersten Gruppe von Reporterinnen zusammensaßen. Die Reporterinnen aus den Dörfern wollten einen Namen, mit dem die Leser etwas verbinden konnten, der einfach war und ihnen selbst etwas bedeutete.

RV: Besteht das Team aus Freiwilligen?

PB: Nein, nein. Alle diese Frauen sind Vollzeitangestellte bei Khabar Lahariya. Für viele von ihnen wurde das eine Einkommensquelle, die es ihnen ermöglichte Geld selbst zu verwalten oder eine zusätzliche Einkommensquelle, mit Hilfe derer sie den Lebensstandard von sich selbst und ihren Familien verbessern konnten.

RV: Gibt es irgendwelche Männer im Team?

PB: Nein, gibt es nicht.

RV: Wie viele Frauen sind an dem Projekt beteiligt?

PB: Es begann als Raum, den Frauen für sich geschaffen hatten und so ist es auch geblieben. Das geschah alles in einem Kontext, in dem es für die Frauen enorm wichtig war die Räume und Dynamiken für sich selbst zu bestimmen. Und ja, 40 Frauen in zwei Bundesstaaten, alle von ihnen aus ländlichen Gegegen, die meisten von ihnen aus marginalisierten Gemeinschaften.

Die 40 Frauen des Teams von Khabar Lahariya. Foto: Poorvi Bhargava

RV: Manche der Teilnehmerinnen konnten ursprünglich kaum lesen und schreiben und sind jetzt professionelle Reporterinnen. War das ein schwieriger Prozess?

PB: […] Die Frauen hatten unterschiedliche Bildungshintergründe. Manche von ihnen waren Neu-Alphabetisierte [mit grundlegenden Fähigkeiten im Lesen und Schreiben], die über keine formale Ausbildung verfügten, aber es gab auch andere, die an Bildungsprogrammen teilnahmen. Es war eine interessante Erfahrung, auch eine Lernerfahrung für uns alle, da es viele Dinge gab, die wir von ihnen lernen konnten […]

RV: Haben Sie einen besonderen Stil für Ihre Leser, die ebenfalls aus ländlichen Gebieten kommen und womöglich nicht besonders gut lesen können? Wie haben Sie sie erreicht?

PB: Der Stil von Khabar Lahariya ist nicht schwierig, sondern anders. Jede der sechs Ausgaben erscheint in der jeweiligen Regionalsprache (manche Leute nennen sie “Dialekte”, aber wir bezeichnen sie lieber als “Sprachen”). Viele dieser Sprachen werden nicht mehr genutzt, um geschriebenes Material zu produzieren, deswegen ist [die in der Zeitung gedruckte Sprache] etwas, das die indigenen Volksgruppen und die Reporterinnen täglich sprechen und mit dem sie vertraut sind. Dadurch werden Sprachen bewahrt, die ansonsten untergehen würden. Da die Sprache einfach ist und Khabar Lahariya ein anderes Design hat als große, bekannte Zeitungen (größere Schrift, einfache Wortwahl, Begriffsdefinitionen für komplexe Themen) eignet sie sich gut als Lektüre für arme, ländliche Bevölkerungen, die möglicherweise nicht lange zur Schule gegangen sind.

RV: Können Sie uns ein bisschen mehr erzählen über die Entscheidung Khabar Lahariya seit letztem Jahr auch online zu veröffentlichen? Wie wurde das möglich gemacht?

PB: 2012 erhielten wir für zwei Jahre einen Förderpreis vom Demokratiefonds der Vereinten Nationen (UNDEF). In dieser Zeit erweiterte Khabar Lahariya zudem seine drei [linguistischen] Ausgaben auf sechs. Unter anderem wurden eine Webseite sowie die Online-Veröffentlichungen von Artikeln von Khabar Lahariya vom UNDEF gefördert. Zudem war es uns sehr wichtig eine Onlinepräsenz zu schaffen in einer Zeit, in der viele Menschen (vor allem Jugendliche), sogar in den Dörfern, in denen wir arbeiten, über ihre Mobiltelefone Zugang zum Internet haben.
Uns war es außerdem ein Anliegen sicherzustellen, dass die Reporterinnen genauso das Sagen über die Onlineausgabe haben wie über die Printausgabe. Also haben wir Schulungen für eine Gruppe von Reporterinnen veranstaltet, in denen es darum ging, das Internet über E-Mails und Google hinaus zu verstehen […] Zur Zeit versuchen wir eine Leserschaft für die Webseite aufzubauen (sowohl in den ländlichen Regionen, als auch darüber hinaus). Zum ersten Mal haben diese Sprachen (Bundeli, Awadhi [de]) einen Platz im Internet gefunden. Englische Übersetzungen ermöglichen es, dass sich jeder über die Gegenden, in denen wir arbeiten und die dortigen Probleme informieren kann.

Khabar Lahariya. Foto: Yashbas Chandra

RV: In wenigen Worten, was können Sie über Technologie und die Förderung von Frauen im Kontext von Khabar Lahariya sagen?

In vielerleich Hinsicht ist Technologie ein weiterer Bereich (ähnlich wie öffentliche Räume), zu dem Frauen der Zutritt verwehrt wurde. Wäre Journalismus ein nicht-stereotyper Beruf, in den es Frauen zu integrieren gilt, so ist es auch der Zugang zu Technologie.
Technologie hat sich zu einem wichtigen Instrument für Zugang zu Informationen entwickelt, was wiederum einen direkten Einfluss auf Wissen und die Geltendmachung von Rechten hat. Deswegen steht für uns Technologie in den Händen von Frauen in direktem Zusammenhang mit der Stärkung von Frauen. Auch im Kontext von Khabar Lahariya haben wir gesehen, wie es in den Anfangsjahren zunächst eine Herausforderung war Frauen als Journalistinnen in den öffentlichen Raum zu bringen, in dem Frauen Fragen gestellt und Antworten verlangt haben.
Heute stellt das Internet […] einen weiteren solchen öffentlichen Raum dar, der mit Stimmen von Frauen gefüllt werden muss.
Genau das versucht Khabar Lahariya – Informationen zur Verfügung zu stellen und mehr und mehr Frauen dabei zu unterstützen, Zugang zu diesen Informationen zu erhalten.

Die neusten Nachrichten von Khabar Lahariya können online gelesen werden. Weitere interessante Neuigkeiten über Khabar Lahariya gibt es außerdem bei Facebook und Twitter @KhabarLahariya. Alle Fotos wurden mit Genehmigung von Khabar Lahariya veröffentlicht.


Khabar Lahariya wird gelesen. Foto: Khabar Lahariya.

Kategorien: International
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