Wie kann ich mich (wieder) beheimaten in einer Welt voller Krisen und Brüche? Wie kann ich meine Sorge für die Welt wahrnehmen und damit handlungsfähig werden oder bleiben? Und was kann Menschen auf diesem Weg unterstützen? Priska Lang und Alina Schlotter sind Teil von Kollektiven, die zu diesen Fragen gemeinschaftsgetragene Jahresbegleitungen geschaffen haben. Maria König sprach mit ihnen über ihre Erfahrungen aus dem ersten Jahr, über schöne Momente und Herausforderungen.
Maria König: Wie heißen eure Projekte und was macht ihr?
Priska Lang: Gemeinsam mit drei Freundinnen – Jelena Auracher, Katrin Godehardt und Oya-Redakteurin Luisa Kleine – habe ich letztes Jahr »Holles Rad« mitgegründet. Wir verschicken acht Mal im Jahr Briefe mit Kunst und Geschichten und laden dazu ein, sich mit dem Jahreszyklus und seinen Phasen und Qualitäten zu verbinden. Statt anzunehmen, dass Menschen immer gleich getaktet funktionieren könnten, erforschen wir im Jahreslauf, welche Zeiten zum Ruhen oder Aktivsein einladen. Mit Austauschräumen und der Anregung, sich in Kleingruppen zu vernetzen, möchten wir dafür sorgen, dass es nicht nur eine zyklische und künstlerische Reise durchs Jahr ist, sondern auch eine gemeinschaftliche. Neben der Rückverbindung mit dem Zyklischen geht es uns auch um die Verbindung mit der Gesellschaft und der Welt, wie wir sie gerade erleben: mit ihren Brüchen, die uns und unsere Geschichte geprägt haben. So spielen auch politische Themen wie die Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit oder die Arbeitskämpfe seit dem 19. Jahrhundert eine Rolle.
Alina Schlotter: Darum geht es uns auch. Ich habe mich mit zwei befreundeten Menschen – Mira Klepfer und Milena Fendler, ursprünglich sogar noch zwei weiteren – zusammengetan, und wir haben unser Projekt »Weltbewegen(d)« genannt: ein Wortspiel aus »wir bewegen die Welt« und »die Welt bewegt uns«. Die Basis ist die Tiefenökologie nach Joanna Macy, die wir mit somatischer Körperarbeit verbinden. Wir haben es als fünfteilige Jahresreise mit physischen Zusammenkünften draußen mit der mehr-als-menschlichen Welt geplant. Diese Arbeit scheint uns dienlich, um mitfühlend und handlungsfähig zu werden und herauszufinden, wo der eigene Platz in der Welt ist. Es geht uns um eine Wiederverbindung mit der inneren und äußeren Natur und darum, wie wir dieses Wahrnehmen in unseren Alltag integrieren können.
MK: Eure Ansätze erinnern mich an die Jahreskreisgeschichten in unseren Oya-Almanachen. Wie hat diese Arbeit eure Alltage verändert?
AS: Einmal war ich in einer besonders tiefen Krise wegen des Weltgeschehens und hatte große Existenzängste. Vor meinem inneren Auge sah ich ein Blackout-Szenario und wusste plötzlich, ich würde zu einem Kreis einladen, in dem wir uns mit dem Schmerz verbinden könnten, aber auch mit der Schönheit des Lebens. Meine Kapazität, all diese intensiven Gefühle in mir fließen zu lassen, ohne sie zu dämpfen, mich zu betäuben oder mich zu verschließen, hat sich geweitet. Diese Arbeit ist, was mich trägt.
PL: Mir hilft »Holles Rad«, mich mit der Landschaft, in der ich lebe, zu verbinden. Für unser Projekt haben wir uns intensiv mit der Holle auseinandergesetzt, die hier im Werra-Meissner-Kreis in vorchristlicher Zeit als Göttin verehrt wurde. Ihrer Spur zu folgen, bedeutet für mich und die anderen, uns in die Landschaft, Mythologie und Geschichten hier einzubetten. Wir haben uns gefragt, was uns diese Figur hier und heute lehren und sagen kann. Blicke ich auf das vergangene Jahr zurück, merke ich, dass mein Empfinden für den jeweiligen Punkt, an dem ich mich gerade im Jahreskreis befinde, viel intensiver geworden ist.
MK: Was war besonders schön im letzten Jahr?
PL: Das war für mich, Zeit im Zyklus künstlerisch erforschen und zusammen mit den anderen im Team so frei gestalten zu können. Auch, dass wir Holles Rad gemeinschaftsgetragen finanzieren und dabei sowohl untereinander als auch mit den Teilnehmenden bedürfnisorientiert schauen, was alle brauchen und geben können, so dass es ihnen gutgeht, hat mich sehr berührt.
AS: Die Arbeit hat etwas zutiefst Lebensbejahendes. Ich erinnere mich an einen Teilnehmer, der sich in der Permakultur engagierte und Kinder zum Gärtnern einlud. Er hatte Sorge, nicht genug zu tun, weil er nicht als Aktivist auf die Straße ging. Die Perspektive, dass ja gerade die Fürsorge dem Leben dient und einfach eine andere Weise von Aktivismus ist, hat ihn in seinem Tun bestärkt.
MK: Was war herausfordernd?
AS: Wir haben das sehr groß aufgezogen, mussten die Jahresreise letztlich aber in voneinander unabhängige Workshops aufteilen, weil sich zu wenige für den ganzen Bogen angemeldet hatten. Auch mit der solidarischen Finanzierung waren wir wagemutig. Für manche war das einladend, für manche zu unsicher und abschreckend. Statt einer großen gemeinsamen Finanzierung sind wir mit den einzelnen Seminaren an den Punkt gelangt, dass ein Fixpreis für Unterkunft und Verpflegung zustande kam, der Rest wurde durch Spenden aufgebracht. Natürlich war das auch enttäuschend, aber es war ein guter Lernprozess. Dass wir uns als Bezugsgruppe haben, einander mitbekommen, hat uns dabei Sicherheit gegeben.
PL: Da ich in meinem Leben schon viel unbezahlte Arbeit tue, war klar, dass ich dieses Projekt nicht unentgeltlich machen kann. Wir alle wünschen uns, dass »Holles Rad« langfristig einen Teil unserer finanziellen Bedarfe deckt. Im letzten Jahr sind wir mit einem großen Vertrauensvorschuss gestartet. Wir wussten nicht, ob wir am Ende die Kosten decken können. über das Jahr sind noch Menschen dazu gekommen, aber am Ende hat doch Geld gefehlt. In der Situation haben wir bedürfnisorientiert geschaut, wer sich auch anderweitig finanzieren kann, damit die, für die es finanziell enger war, ihre Honorare bekommen können. Auch wenn es anders war als gedacht, war das eine schöne Erfahrung. In diesem Jahr haben sich schon etwa 250 Menschen angemeldet und ich bin zuversichtlich, dass wir diesmal nicht auf unsere Honorare verzichten müssen.
Darüber hinaus stoßen wir in unserem Ansatz des Wiederverbindens auch auf Widersprüche und Brüche in uns selbst. In unserem Team sind alle weiß und stehen am Anfang ihrer Auseinandersetzung mit dem eigenen Weißsein, dem Verstehen weißer Vorherrschaft und dem Weg von Dekolonialisierung. Das bedeutet auch, dass wir vieles noch nicht sehen. Die Aktivistin Tabea Tabazah hat uns hier immer wieder Feedback gegeben. Das war für uns sehr hilfreich und für sie in ihrer Positionierung als BIPOC leider sehr schmerzhaft. Dass wir durch unser Handeln Strukturen von Unterdrückung und Schmerz reproduzieren, tut uns leid und schmerzt auch uns. Uns ist wichtig, an dieser Stelle weiter zu lernen, um verantwortungsvoller handeln zu können.
MK: Wie blickt ihr dem neuen Jahr entgegen?
PL: Ich würde sagen: bekanntere Fahrwasser, eingespielteres Team und Freude, kreativ zu werden.
AS: Wir wollen auf jeden Fall weitermachen und haben Lust dazu, erst einmal eher regional kleinere Formate anzubieten. Aus dem Trubel des vergangenen Jahres ist ein Nährboden für etwas Zarteres in diesem Jahr entstanden. Wir wollen schauen und lauschen, was sich entfaltet, und Schritt für Schritt dorthin gehen, von wo Impulse und Einladungen kommen.
MK: Vielen Dank, dass ihr eure Erfahrungen mit uns teilt!










