Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.
Aus dem verlassenen Renaissance-Schloss Kannawurf wird ein lebendiger Ort für Kunst, Gemeinschaft und klimafreundliches Handeln – verwurzelt in Geschichten und Geschichte, getragen von einer Vision.
erzählt von Roland Lange, aufgeschrieben von Luisa Kleine
Wer seid ihr und wie viele?
Rund 30 Vereinsmitglieder und viele unterstützende Menschen
Seit wann gibt es euch?
Schloss seit 1563, Verein seit 2007
Wie seid ihr verfasst?
Gemeinnütziger Verein
Wo seid ihr zu finden?
Im nordöstlichen Thüringer Becken
2007 entdeckten wir, ein Freundeskreis aus Kultur- und Kunstschaffenden, das verlassene Schloss Kannawurf im nördlichen Thüringen. Ich kam damals durch das quietschende Holztor in den Innenhof und hatte schlagartig das Gefühl dafür verloren, in welchem Jahrhundert ich eigentlich lebe. Als Kunsthistoriker staunte ich nicht schlecht über diesen Ort, der noch immer wie im 16. Jahrhundert wirkte.
Wir hatten schon vorher im vorpommerschen Heinrichsruh einen alten Gutshof in einen Kulturort umgewandelt, und als wir mit Bauen fertig waren, fühlten wir uns gerade erst warmgelaufen. Die Vision, als Freundeskreis einen lebendigen Platz für Kultur auf dem Land aufzubauen, verbindet und trägt uns seit vielen Jahrzehnten. Also ersteigerten wir das Schloss zum günstigen Preis und verbrachten nun unsere Zeit damit, das alte Gemäuer so zu sanieren, dass es aussieht, als wäre nichts daran gemacht worden – eine liebevolle Zwiesprache mit dem Bauwerk.
Währenddessen begannen wir, den Ort für Konzert- und Theateraufführungen zu öffnen und die Leute aus dem Dorf Kannawurf einzuladen. Bis 2013 konzentrierten wir uns vor allem auf die Sanierung. Dann erst konnten wir den Blick heben und stellten fest, dass vor allem die Landschaft, in der wir nun lebten, starke Zuwendung brauchte.
Wenn wir hier einen Garten anlegen, müsste er wie eine Baumschule sein, aus der heraus wir die Landschaft begrünen können.
Es begann damit, dass wir ein Buch zu Gartenarchitektur aus dem Jahr 1597 fanden, das der Autor dem Erbauer des Schlosses gewidmet hatte. Auf der ehemaligen Gartenfläche gab es außer Beton von DDR-Kuhställen nichts mehr, also nahmen wir uns vor, hier einen Renaissancegarten wie zur Bauzeit des Schlosses anzulegen. Um uns mit dem Thema vertraut zu machen, luden wir verschiedene Fachleute zu Kolloquien ein. Während wir uns gegenseitig Vorträge über Gartengestaltung hielten, schauten wir aus den Fenstern des Schlosses immer wieder hinaus in die lebensfeindliche, kaputtgewirtschaftete Agrarwüste des Thüringer Beckens. Nach einer schlaflosen Nacht postulierte unser Freund Olaf Wegewitz vom Kunstverein Röderhof: »Wenn wir hier einen Garten anlegen wollen, müsste er wie eine Baumschule sein, aus der heraus wir die Landschaft begrünen können.« – Ein faszinierender Gedanke!
Gesagt, getan. 2021 war der Garten fertig, und wir setzten viel Kraft darin, Förderanträge für das Pflanzen von Bäumen und Sträuchern in der Landschaft zu stellen. Wir begannen mit der Umsetzung, pflanzten in der Aue der Unstrut und auf den Hängen der Hainleite rund 2000 Bäume und legten mehrere Kilometer Hecken an. Im Jahr darauf kam dann auf einem acht Hektar großen Acker eine Versuchsfläche für Agroforst dazu. Doch dabei waren wir auch immer wieder mit der Angst der örtlichen Landwirte vor Bäumen konfrontiert. Sie pflügten viele der frisch gepflanzten Bäume wieder um oder so nah an diese heran, dass sie abstarben. Darüber hinaus wurde uns bewusst, dass das Thüringer Nachbarrechtsgesetz das Pflanzen von Bäumen erschwert, zum Beispiel an den Wegrändern, denn selbst dem Ersatz abgestorbener Bäume müssen diejenigen, deren Eigentum oder Besitz das Land ist, aktiv zustimmen.
Gleichzeitig ist uns bewusst, dass die Beteiligung der Menschen vor Ort grundlegend für unser Wirken ist. Wir haben gemeinsam ein Theater in die Landschaft gebaut, das »Globe Kannawurf«, ein Bürgerradio initiiert und uns unzählige Beteiligungsformate für den Landschaftswandel ausgedacht. Die Idee dabei ist, dass sich die Projekte nach einer Initiierungsphase selbst tragen und »ausgewildert« werden können. In der Realität schlafen sie aber leider meist viel zu schnell wieder ein. Ein paar Menschen aus dem Ort sind jedoch dran geblieben – unser Renaissancegarten ist ein Paradies und wird maßgeblich von ihnen gepflegt. Doch die aktuelle politische Lage ist sehr ernüchternd für uns. Dabei stellen sich uns Fragen nach der eigenen Wirksamkeit. Ist all die Energie, die wir und viele andere vor Ort jahrzehntelang in Projekte für Beteiligung und Demokratisierung gesteckt haben, schlichtweg verpufft, wenn eine erhebliche Anzahl von Leuten hier nun eine antidemokratische Partei wählt? Das ist schwer auszuhalten und schwer zu erklären.
Alle Fotos: Archiv Künstlerhaus Thüringen
Aber wir machen weiter, allen Widrigkeiten zum Trotz. Weil die Bürokratie das legale Pflanzen von Bäumen nahezu verunmöglicht, haben wir jetzt eine Rolle rückwärts gemacht: Wir pflanzen nun einfach Bäume aus unserem Garten in die Landschaft und ermuntern andere, das auch zu tun. Wir haben Eicheln von den ältesten Eichen Thüringens, die wir für besonders widerstandsfähig halten, gesammelt und professionell anziehen lassen. Nun warten 3500 »Methusalemeichen« darauf, hier Wurzeln zu schlagen und wir hegen die Hoffnung, irgendwann einmal in einem grünen Tal zu leben.
Außerdem wird Schloss Kannawurf nun immer mehr zum Lebensmittelpunkt. Nachdem wir stets an anderen Orten wohnten und arbeiteten, bekommt dieser Ort nun langsam den Charakter einer Landkommune. Durch Bundesfreiwilligendienste sind einige junge Menschen hier »hängengeblieben«, und neue Ideen und weitere Menschen wachsen an.
Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/










