Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

Die Theaterwerkstatt Pilkentafel in Flensburg ist eine Spielstätte für freies Theater, die eigene Aufführungen zeigt und andere Gruppen koproduziert.

erzählt von Elisabeth Bohde, aufgeschrieben von Matthias Fersterer

Wer seid ihr und wie viele?

Gegründet wurde die Theaterwerkstatt von uns, Elisabeth Bohde und Torsten Schütte. Wir halten sie bis heute zusammen und sind auch privat ein Paar. Dazu kommen Mitarbeitende im Haus für Finanzen, Technik, PR, Zuschauerempfang usw. sowie die künstlerischen Gäste in den Produktionen des Ensembles, mit denen uns oft langjährige Arbeitsbeziehungen verbinden, und die »Tafelrunde«: Ein Zusammenschluss von Kollektiven und Einzelkünstler*innen, die regelmäßig eigenständig und verbindlich am Haus proben und aufführen.

Seit wann gibt es euch?

1983

Wie seid ihr verfasst?

Als gGmbH, die Gesellschafter sind Elisabeth und Torsten

Wo seid ihr zu finden?

In Flensburg, in einem Vorder- und Hinterhaus in der Straße Pilkentafel, nah am Hafen

pilkentafel.de

Alles begann, als ich 1980 schwanger und ohne den dazugehörigen Vater nach Flensburg zurückgekommen bin. Ich hatte in Frankreich Theater studiert und ein Jahr lang vor allem als Theaterpädagogin gearbeitet. Ich wollte weiter Theater machen und meine Mutter hatte dafür das Vorderhaus in der Pilkentafel gekauft. Oben wohnten wir als Familie, unten war der Probenraum. Mit den Stücken gingen wir auf Tournee durch ganz Deutschland und anschließend auch weltweit. Später haben wir die ehemalige Schlosserei im Hinterhof zum Theater umgebaut und das Hinterhaus dazugekauft, so wurde das Ganze eine Spielstätte.

Die Kinder waren immer dabei. Auch wenn sie heute sagen, ich romantisiere, war das stets Teil unserer Vision: Nach komplizierten Proben das Abendessen für die Kinder zu kochen, das war ein guter Wechsel und kein Problem. Wir haben uns die Arbeit immer geteilt, beide wollten wir Theater machen und Familie sein. Torsten hat mehr gespielt und Technik gemacht, ich mehr kulturpolitische Vertretung und habe geschrieben. Das ging nur, weil alles auf demselben Grundstück war. Und so erscheint es ganz organisch, dass unsere Tochter Lotta, die schon mit 13 an unseren Produktionen beteiligt war, und jetzt mit Anfang 30 zunehmend mehr Verantwortung übernimmt. Dabei hatten wir alle immer gedacht: Genau das wollen wir nicht.

2016 sind wir aus dem Vorderhaus ausgezogen, das seitdem als Residenzhaus dient. 35 Jahre lang am selben Ort leben und arbeiten war dann auch mal genug. Wie ein privates Leben geht, üben wir noch.

Es muss einiges zusammenkommen, damit wir uns für ein Theaterprojekt entscheiden. Da sind Dringlichkeiten, Missstände, Nicht-Ausgesprochenes, das in dieser Stadt kursiert, aber auch Entdeckungen, die wir einfach bearbeiten müssen. Manches entsteht beim Lesen theoretischer Bücher, manches auf Reisen, manches im Alltag. All diese Themen brauchen aber einen Ansatz, wie sie in den Raum kommen, eben die Vision einer Aufführung. Erst dann beginnt die Arbeit.

Beim Stückemachen geht es immer ums Vorauslieben! Zunächst ist da nur eine vage Idee. Auch ich als Regisseurin habe nie ein fertiges Bild, sondern eine Ahnung und das Vertrauen, dass das Team, der Raum und das Thema zusammenkommen – die Produktion vielleicht schon da ist, nur noch unsichtbar. Und ich kann dann vielleicht eine Art Hebamme, eine Begleitung sein, damit das Werk in die Welt kommt. Dieser Prozess ist eher reaktiv als schöpferisch. Inspiration heißt ja »einatmen«, wir nehmen erstmal wahr, daraus entsteht alles.

Aber dieses Vorauslieben meint auch das Publikum, um das es ja am Ende geht. Jede Aufführung ist neu, denn da ist immer ein anderes Publikum. Auch wenn die Themen oftmals anstrengend und schmerzhaft sind, gilt es, für die anwesenden Menschen zu spielen, sie zu spüren, sie zu lieben – nur das rechtfertig unseren herausgehobenen Platz auf der Bühne. Deshalb finden wir unseren Raum für maximal so Menschen richtig bemessen.

Als Hausleitung laden wir auch andere Gruppen ein, hier zu produzieren. Dabei ist viel Vorschussvertrauen im Spiel. Die Arbeit geschieht selbstermächtigt, selbstbestimmt und hierarchiefrei. Und wir geben den Raum, in dem die anderen diesen Prozess bestmöglich durchlaufen können. Es geht uns auch hier darum, das Machtgefälle zwischen den Institutionen, Häusern und Künstler*innen geringer zu gestalten, auch wenn wir sie nicht ganz abbauen können.

Es gibt Zeiten, in denen wir ein Stück produzieren und aufführen, und Zeiten, in denen wir vor allem Hausleitung sind. Manchmal vergessen wir die Vision über die alltägliche Pflichterfüllung. Das ist nicht schön, aber auszuhalten. Am heftigsten sind die kulturpolitischen Kämpfe samt Rechtfertigungszwang, entgegengebrachtem Misstrauen, Terminen, Mails, Briefen, Telefonaten. Wir haben immer Fördergeld bekommen, aber meist zu wenig und zu spät. Die Stadt gibt uns eine Grundfinanzierung von 150000 Euro, das Land weitere 80000 Euro, bei denen nicht zwischen Infrastruktur und Kunst unterschieden wird. Eine Gutachterin hält für diese Arbeit 500000 Euro feste Zuschüsse für notwendig. Für eigene Stücke haben wir immer auch Bundesmittel bekommen, aber gerade machen wir uns Sorgen um die weitere Finanzierung. Doch es gab immer schon Zeiten großer Erfolge und Zeiten, in denen wir dachten, kein Mensch interessiert sich für das, was wir machen. Das hat absolut nichts mit der Qualität der Arbeit zu tun.

Professionalität kann schnell zum selbstgebauten Gefängnis werden.

In den vergangenen Jahren haben wir uns immer wieder auch provozierend gefragt: Wie viel Institution wollen wir sein? Ist das professionell? Wollen wir wirklich Arbeitgeber sein? Muss sich die Berufung zur Kunst im Prekariat beweisen? Gerade machen wir eine Art Rolle rückwärts und entinstitutionalisieren uns. Professionalität kann schnell zum selbstgebauten Gefängnis werden. Der neoliberale Kapitalismus ist immens schlau, fängt einen schnell ein. Da braucht es gute Gegenstrategien, so wie sich immer wieder an der Frage zu orientieren: »Woran habe ich wirklich Freude?«, verbündete finden, zusammenbleiben, kritisch miteinander bleiben: »Tapferkeit vor dem Freund«, wie Ingeborg Bachmann schrieb – konstruktive Auseinandersetzung.

Ob jüngere Leute dieses Projekt unter den aktuellen Bedingungen machen, ist nicht gesagt. Wir können nicht entscheiden, ob es dieses Theater ohne uns noch geben wird, wissen wir nicht – wir können es uns nur wünschen und es ermöglichen. Aber in der Krise sind wir ganz schön wendig: Mit jeder Tür, die zugeht, tut sich eine andere auf. Es gibt nie nur eine Handlungsoption.


Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/