Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

In Dresden bevölkerte eine Gruppe ein leerstehendes Industriegebäude und schuf dort den Kulturparkplatz KuPaPa. Dann musste das Projekt enden – und gründete sich neu.

erzählt von Barbara Lubich, Björn Steiniger und Elisabeth Wulff-Werthner, aufgeschrieben von Maria König

Wer wart ihr und wie viele?

20 Menschen, die dort wohnten, und neun mit Arbeitsraum

Wann gab es euch?

2005-2012

Wie wart ihr verfasst?

Als die Vereine »friedrichstaTTpalast e.V.« und »friedrichstadtZentral e.V.« (ab 2009)

Wo seid ihr zu finden?

Im Nachfolgeprojekt: zentralwerk.de

Als wir 2005 in das riesige leerstehende Gebäude einer ehemaligen Buchbinderei in Dresden-Friedrichstadt gezogen sind, waren wir keine feste Gruppe mit einer Vision. Es war eher so, dass das Haus selbst wie eine Lücke im kapitalistischen System war, das verschiedene Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen anlockte – einige hatten länger im Bauwagen gelebt und suchten nun nach einer sesshafteren Lebensweise, andere brauchten eine bezahlbare Werkstatt oder ein Atelier, wollten einen experimentellen Raum für Kunst und Musik gestalten oder mussten nach einer Trennung einen Platz für sich und die Kinder finden. Vielleicht war uns allen gemein, dass wir Ideen zu solidarischen, nicht an Geld orientierten Lebensweisen hatten. Und wir alle brauchten die Bereitschaft, uns auf ein Gebäude im Rohbauzustand einzulassen, ohne fließend Wasser, elektrische Beleuchtung und Strom aus der Steckdose, das der kollektiven Kreativität und der gemeinsamen Fürsorge beim Heizen, Reparieren, Bauen und Wohnen bedurfte.

Die Winter waren hart. Die große WG in einem der Hausflügel etwa musste mehrmals wöchentlich mit einem großen Karren Unmengen an Kohlen aus dem Keller heranschaffen, um den Festbrennstoffkessel im Nachbartrakt anzufeuern, der die Wärme über ein 30 bis 40 Meter langes ungedämmtes Rohr in die Wohnung leitete. Es gab Scherze und manchmal auch Streit darüber, wer heute »ins Bergwerk« einfahren musste.

Wir waren kein Kollektiv, wir sind ein Kollektiv geworden.

Die Dresdner Friedrichstadt ist – oder war vor 15 Jahren – weniger »durchentwickelt« als andere Bezirke. Der Stadtteil war geprägt von Plattenbauten, vom nahegelegenen Krankenhaus, von Einfamilienhäusern, aber auch von vielen unsanierten Häusern. Alles war in Bewegung. Unser Haus – der »friedrichstaTT-palast«, wie wir ihn anfangs nannten -, hatte einige Jahre leer gestanden, weil der Keller vom Hochwasser 2002 noch voller Schlamm war. Wir konnten das Gebäude günstig anmieten. Dies ermöglichte uns Freiräume, in denen wir uns ausprobieren und auch scheitern konnten. Wir veranstalteten Konzerte und Ausstellungen oder eine monatliche Küfa (»Küche für alle«). Wir waren kein Kollektiv, wir sind ein Kollektiv geworden.

Von Anfang an war unser Status dabei von Unsicherheit geprägt. Auch der Verkauf des Gebäudes an Investoren drohte. Diese Situation erforderte unseren beständigen kreativen Umgang. Daraus ist 2009, als sich das Ende bereits abzeichnete, der KuPaPa, »Kulturparkplatz«, als paradoxe Intervention entstanden. In den ersten Jahren war im Hinterhof ein wunderschöner Garten gewesen. Die Hausverwaltung hat daraus, ohne Genehmigung, wie sich später herausstellte, Parkplätze gemacht. Mit Hilfe städtischer Fördergelder konnten wir die Parkplätze von der Privatwirtschaft zurückmieten und den Hof nutzen, um das Verhältnis von öffentlichen und privaten Räumen zu hinterfragen. Jeder Monat war einem bestimmten privaten Raum gewidmet. Die Parkplätze wurden entsprechend gestaltet.

Mit dem ersten KuPaPa-Tag setzte das gewachsene Kollektiv 2009 gemeinsam mit der Nachbarschaft Maßstäbe auf dem einstigen Parkplatz. (Foto: Barbara Lubich)

So gab es im »Schlafzimmer« öffentliche Lesungen oder eine Nacht, in der wir bis zum Morgengrauen Filme geschaut haben. In der »Küche« übernahmen Kunstschaffende das Kochen und Kellnern als performativen Akt. Im Winter gab es eine »Sauna« mit Gewächshaus voller Plastikblumen. Das Projekt wurde in der Nachbarschaft gut angenommen. Regelmäßig kamen zwei, drei Dutzend Menschen und waren gespannt und überrascht, was diesmal passierte. über die Zeit sind Stadtteilfreundschaften entstanden, etwa eine Gruppe älterer Herren, die zu Hausfreunden wurden und nun auch dem Folgeprojekt – dem Zentralwerk – treu sind.

Schließlich wollten wir das Haus kaufen. Die Besitzer vertrauten uns als Gruppe jedoch nicht und verkauften es 2011 stillschweigend an eine Aktiengesellschaft. Unser Glück war, dass wir mit dem KuPaPa im Rahmen der »Wohnzimmertage« nach Berlin eingeladen worden waren. In dieser Zeit diskutierten wir mit Menschen aus der Nachbarschaft und geladenen Gästen in Gesprächsrunden, wie wir weitermachen könnten. In Berlin erfuhren wir von Stiftungen, die bereit waren, uns beim Finden eines Grundstücks und der Finanzierung eines Hauskaufs zu unterstützen. 2013 erhielten wir für unser Engagement den Dresdner Kulturförderpreis. Das hat uns darin bestärkt, dass unser Tun wertvoll ist. Und es führte zum genossenschaftlich organisierten Nachfolgeprojekt: dem »Zentralwerk Dresden«. Der KuPaPa und unser erster Kulturverein waren der Humus, auf dem nun dieses viel größere Projekt wachsen konnte. Wir haben einen Ort geschaffen, der heute weiteren Menschen zur Verfügung steht.

Das Nachfolgeprojekt in einer Zeit, in der die Freiräume für Kunst kleiner werden, zum Erfolg zu führen, hat uns viel Kraft gekostet. Aber durch das gemeinsame Entdecken und Ausprobieren ist eine Art Zukunftsliebe in uns gewachsen. Diese und die Energie und Freude, die dabei entstanden sind – etwa als einmal eine ganze Brassband zu einem unserer Festivals kam und nach dem Auftritt auf dem Saalboden schlief -, tragen uns über das Ende des friedrichstaTTpalasts hinaus.


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