Waffenstillstand kann nur der Anfang sein! Nur Verhandlungen für dauerhaften Frieden und zur friedlichen Koexistenz in der gesamten Region sind moralisch, ethisch, humanitär und politisch vertretbar!
Wir sind in tiefer Sorge um liebe Menschen, Freund*innen im Libanon und in der gesamten Nahostregion. Im Libanon ist ein Viertel der Bevölkerung auf der Flucht, unter ihnen viele Familien mit Kindern, viele zum wiederholten Mal. Sie haben alles verloren, ihre Häuser, ihre Arbeit, ihr Land. Sie wurden und werden brutal vertrieben, in Haft genommen für üble Hisbollah-Aktivitäten. Ihre Fluchtwege werden gleichzeitig abgeschnitten durch zerstörte Brücken und Straßen. Kurze Vorwarnungen zur geforderten Evakuierung – oder nicht einmal diese. Auf der Flucht werden sie beschossen und finden kaum irgendwo Schutz vor Bomben und Drohnenangriffen.
Es bricht einem das Herz, wenn man mitbekommt, wovon und wie die Menschen überhaupt leben – ob auf der Flucht oder nicht. Welche Ängste müssen sie mit ihren Kindern und Alten teilen? Wie verarbeiten sie ein Massaker an der Zivilbevölkerung, das sie miterlebt haben, ein Nachbarhaus in Trümmern – und wo sind die Nachbarn? Was essen und trinken diese Menschen, was füttern sie ihren Kleinkindern, wohin gehen schwangere Frauen, wie sicher ist ein Krankenhaus und der Weg dorthin? Benzin und dringend benötigte Medikamente sind rar, vorausgesetzt man traut sich überhaupt auf die Straße. Und so steigt jetzt sogar die Nachfrage nach – nicht vorhandenen – Anti-Depressiva, denn wie soll man mit dieser permanenten Bedrohung leben? Hier handelt es sich vielleicht nur um einen symbolischen Mangel, aber es zeigt die humanitäre Katastrophe und das Ausmaß des verzweifelten Überlebenskampfes der Menschen.
Wer noch in einem festen Haus in den Bergen oder der Großstadt Beirut lebt, hört trotzdem die Sirenen und ganz konkret israelische Drohnen über sich – niemand weiß, was sie gerade tragen und wann ein eventueller Beschuss losgeht. Daneben läuft der Fernseher kontinuierlich, um die Bedrohungslage aktuell zu verfolgen. Dann gab es gestern zusätzlich drei massive Erdbeben, die bis in den 5. Stock zu spüren waren – ausgelöst von massiven Bomben oder tektonischen Problemen in der Region? Auch das ist nicht klar und schafft nur mehr Verunsicherung.
Shirine: „Wir wollen nicht sterben – wir haben ein Recht auf (Über-)Leben! Wir wollen gehört werden mit unserem Leiden, unserer Trauer, unserem Veränderungswillen – wir brauchen eure Solidarität und eure Aktionen!“
Das aktuelle Kriegsgeschehen trifft auf eine Bevölkerung, die seit 50 Jahren von Besatzung, (Bürger-)Krieg, 2020 der Explosion im Hafen, Flüchtlingswellen, wirtschaftlicher Not und politischen Problemen kontinuierlich schwer gebeutelt ist – ein Land von unendlichem Naturreichtum, einer multiethnischen, multireligiösen Bevölkerung, die sich an korrupten Eliten ebenso reibt wie an einem militärischen, waffenstarrenden Hotspot in der gesamten Region. Eine Bevölkerung, die Mut und Resilienz zeigt und deren jüngste Regierung vorsichtige Schritte sowohl zur Entwaffnung der Hisbollah als auch zur Demokratisierung wagt. All das ist das Werk von War-Lords, die sich aus der Gewaltspirale – auch mit internationaler Unterstützung nicht befreien können oder wollen. Mit Mut wehren sich vor allem die Frauen nun im gesamten arabischen Raum dagegen und engagieren sich miteinander für Frieden, Abrüstung und Gleichberechtigung.
Als Konsequenz heißt das für uns als Teil einer internationalen Gemeinschaft, sich mit ihnen für ein Ende des Krieges und als Feministinnen für Rechte und Freiheiten einzusetzen, die letztlich allen zugutekommen – wir dürfen das Unrecht nicht weiter geschehen lassen und keine Normalisierung zulassen!
Was heißt das aktuell in Zusammenarbeit mit unseren libanesischen (und iranischen) Freund*innen:
- Gemeinsame Aufklärung über die Kriegsverbrechen, die Lügen, die Entmenschlichung, die Fake News, die interessengesteuert in Mainstreammedien verbreitet werden.
- Unbedingtes Festhalten an Solidarität, Freundschaften und humanitärer Unterstützung
- Sammlung und Publikation von Geschichten aus der Region, um die menschliche Dimension von Krieg gegen die überwiegend geo-strategischen Machtüberlegungen zu stellen und gerade auch den (feministischen) Widerstand gegen die Gewalt sichtbar zu machen – wie z.B. auch der Gazaflotilla u.a.
- Politische Lobbyarbeit für einen sofortigen Waffenstillstand und die Teilnahme von Libanes*innen an allen Verhandlungstischen – von Pakistan bis Norwegen oder Spanien!
- Klärung wohin die europäischen Gelder, die dem Libanon versprochen wurden, fließen und was davon den am meisten verletzlichen Gruppen zugutekommt – unter besonderer Berücksichtigung auch reproduktiver Gesundheit.
- Forderung nach strikter Einhaltung des Völkerrechts bei Waffenlieferungen, die nicht in Konfliktgebiete gehen dürfen. Dies gilt insbesondere für einen sofortigen Stopp von Waffenlieferungen an Israel, solange sie Krieg führen. Dafür schmieden wir europäische und internationale Allianzen wie z.B. im Rahmen von StopRearm Europe, gegen Militärstützpunkte und Häfen, die strategisch für Kriegseinsätze im Nahen Osten genutzt werden.
- Aufforderung an EU Bürger*innen die Europäische Bürgerinitiative (European Citizens´ Initiative – Online Collection System) zu unterzeichnen gegen das EU-Israel Assoziationsabkommen, damit die Regierungen die sich bisher dagegen sperren (wie Deutschland) von ihren Bürger*innen zur Vernunft gebracht werden.
Heidi Meinzolt
– nach intensiven online Gesprächen mit Shirine Jurdi, Vorsitzende WILPF Libanon










