Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

»Ändere die Welt, sie braucht es« – dieses Brecht-Zitat ist für die sozialistische Selbsthilfe in Köln-Mülheim seit bald fünf Jahrzehnten tägliche Aufgabe.

von Heinz Weinhausen

Wer seid ihr und wie viele?

Rund zwei Dutzend jüngere und ältere Mitglieder

Seit wann gibt es euch?

1979

Wie seid ihr verfasst?

Als gemeinnütziger Verein »Sozialistische Selbsthilfe Mülheim e.V.«

Wo seid ihr zu finden?

In der Düsseldorfer Straße 74 in Köln-Mülheim

ssm-koeln.org

Stöbern im Oya-Archiv?

Rainer Kippe, »Solidarisch für die Menschenrechte«, in: Oya 1/2010, S. 74f.

Am Sonntag, den 3. November 1979, brachen Menschen das Tor zum Gelände der verlassenen Schnapsbrennerei im Stadtteil Mülheim auf, um eine weitere Gruppe der zehn Jahre zuvor gestarteten »sozialistischen Selbsthilfe Köln« zu gründen. Die anstehende Sanierung des alten Arbeitervororts verhieß nichts Gutes, so wurden Menschen aktiv und besetzten das ehemalige Fabrikgelände. Seitdem lebt die »sozialistische Selbsthilfe Mülheim« (SSM) ganz konkret Neues im Alten. Sozial engagierte Menschen haben sich mit ausgegrenzten Menschen der Konkurrenzgesellschaft zusammengeschlossen, um gemeinsame Sache zu machen. Sie praktizieren Gleichheit statt Ausbeutung, Mit- und Füreinander statt Ellbogenmentalität, Inklusion statt Ausgrenzung, Aufstehen gegen soziale Ungerechtigkeit statt Ohnmacht.

Das radikale Grundverständnis des Vereins deutet schon darauf hin: Die SSM ist mit ihren inzwischen rund 25 Mitgliedern politische Gemeinschaft und praktische Kritik des kapitalistischen Systems. Nichts weniger als die Veränderung des Bestehenden hat sie sich auf die Fahnen geschrieben, nicht morgen, sondern hier und heute. Und mag diese Veränderung noch so klein sein, so ist sie doch ein sichtbares Zeichen dafür, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Inmitten der von Sinnkrisen und kollabierenden Strukturen geprägten Gegenwart steht die SSM mit einem Fuß im neuen »Raum der Möglichkeiten«: Sie macht ein reales Fenster in eine gesellschaftliche Zukunft von Solidarität, Miteinander und Gemeinschaft auf.

Wirtschaften aus einem Topf

Seit eh und je ist bei der SSM alles ganz einfach und durchschaubar. Alles Geld aus Wohnungsauflösungen, dem Secondhand-Laden – und inzwischen auch anderen Bereichen – kommt in den einen Finanztopf der Gruppe. Daraus werden die Haus- und Wohnkosten bezahlt, die LKW unterhalten, politische Aktionen gestemmt, Werkzeuge und Maschinen angeschafft, die Sozialversicherungsbeiträge beglichen. Zum Schluss bleibt ein Taschengeld, das an jedes der Mitglieder des Selbsthilfevereins in gleicher Höhe zur persönlichen Verfügung ausgezahlt wird. Die Höhe richtet sich nach der Kassenlage. Jedes Mitglied hat zudem ein Recht auf selbst geschaffenen Wohnraum.

(Foto: Hubert Perschke)
(Foto: Wolfgang Hippe)

Eigenarbeit und Selbstversorgung sind der nachhaltige Clou bei der SSM. Viele unserer Sachen – vom Tisch bis zum Buch – stammen aus Wohnungsauflösungen und werden von uns weiter genutzt. Secondhand bedeutet gleichzeitig Klimaschutz. Der Berufsverkehr entfällt, da wir am Arbeitsplatz wohnen. Wir heizen mit Holz, das wir selbst sägen und spalten. Wir wohnen in von uns selbst instandgesetzten Zimmern und Wohnungen. Das Mittagessen kommt aus den eigenen Töpfen. Das Wissen der Einzelnen steht allen zur Verfügung. Wir unterstützen uns nach Kräften gegenseitig. Das »rechnet« sich. So ist deutlich weniger Umsatz und Erwerbsarbeit zum Lebensunterhalt nötig. Das schafft Zeit für Politisches wie Soziales. Menschen mit Beeinträchtigungen haben ebenso ihren Platz in der Gemeinschaft wie die »Fitteren«. Bei uns muss eben nicht alles wie in der Fabrik immerzu »hoppladihopp« zugehen. Das bedeutet auch, dass sich die Gruppe jede Woche einen ganzen Vormittag für eine Vollversammlung Zeit nehmen kann. Hier wird die Arbeit für die kommende Woche geplant, und es werden eine Menge Probleme gemeinsam gewälzt und meist auch gelöst. Politik ist besonders wichtige Arbeit: »Wo Unrecht oder Missstand ist, da wehre dich redlich« – nach diesem Motto setzt die SSM sich seit einigen Jahren insbesondere dafür ein, die Obdachlosigkeit abzuschaffen. Und montagabends berät unsere Selbsthilfe samt Unterstützenden kostenfrei Hilfesuchende, die Ärger mit Behörden oder Vermietern haben.

Oft ernten wir Respekt dafür, dass unsere Selbsthilfegruppe Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, vorbehaltlos in ihre Mitte aufnimmt und ihnen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben gibt. Ein Unterstützungskreis fördert uns deswegen bei Investitionen auf dem Gelände.

Selbsthilfe für jedermensch

Viele lernen uns kennen, indem sie uns für eine Wohnungsauflösung buchen oder unseren Secondhand-Laden, ein Konzert, ein Seminar oder einen Yogakurs in unseren Räumen besuchen. Im Stadtteil setzen wir uns gemeinsam mit anderen für bessere Lebensqualität ein. Zu etlichen Initiativen und auch Parteien halten wir Kontakt. Mit alldem sind wir zu einem wichtigen lokalen Netzwerkknoten geworden. Überregional ist der SSM Mitglied im Netzwerk »Kommuja«.

Wer bei der »Neuen Arbeit« unserer Gemeinschaft mitmachen möchte, muss kein Abitur haben oder Geld einbringen. Es braucht nur guten Willen, sich ernsthaft einzubringen. Die SSM lädt alle Interessierten ein, einfach eine Woche mitzumachen. Wer möchte, kann dann ein Freiwilliges »Neue Arbeit«-Jahr machen – ähnlich dem FSJ – oder bei uns einsteigen und unser Kommune-Neuland ausprobieren.

Das SSM-Geheimnis ist die Mischung: »Neue Arbeit« verbindet die Stärken der Einzelnen und gleicht deren Schwächen aus. Und: Wir bohren nicht nur kleine Bretter, sondern besonders auch dicke. Das dickste war aktuell, den Neubau des Secondhand-Möbellagers samt Wohnraum zu stemmen. Tag für Tag lernen wir so alle eine Menge dazu. Das hält uns lebendig und wir wachsen daran.

 

Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/