Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

Die »Akademie für Suffizienz«, ein Lernort im ländlichen Nordwestbrandenburg, übt sich im Vorausvertrauen und wird zum Berührungspunkt für Menschen aus Stadt und Land.

erzählt von Corinna Vosse, aufgeschrieben von Anja Marwege

Wer seid ihr und wie viele?

Zu zweit gegründet, getragen von einem Netzwerk

Seit wann gibt es euch?

2012

Wo seid ihr zu finden?

Groß Pankow in der Prignitz

www.akademie-sufflzienz.de

Stöbern im Oya-Archiv?

Jeroen Meissner und Corinna Vosse, »Was tun mit Altlasten?« Gespräch mit Andrea Vetter, in: Oya 58/20201 S. 36-38.

Als wir vor fast 20 Jahren aus Berlin in die Prignitz zogen, hatten wir die Idee, einen Raum zu schaffen, an dem Menschen erleben können, dass Wirtschaft etwas Menschengemachtes ist, etwas, das auch gestaltbar ist. Wir haben dort zu zweit einen alten Hof mit Nebengebäuden und etwas Gartenland gekauft und schrittweise die Gebäude mit geretteten Bauteilen und ökologischen Baustoffen instandgesetzt und die »Akademie für Suffizienz« gegründet.

In den Gästezimmern und den anderen Räumlichkeiten lassen sich kreislaufbasierte Haustechniken und regionale Bauweisen erleben. Wir bauen Kornposttoiletten und machen Lehmputz. Haus und Garten sind Versuchsfelder im weitesten Sinn. Ich komme aus der Kunst, habe danach promoviert und suchte dann etwas, worin sich Analyse, Diskurs und Empirie mit Andersmachen, Umsetzen, exemplarischem Tun, Entwickeln von Systemen verbinden. Anfangs dachte ich, an diesen Ort kommen Menschen, die politische Entscheidungen treffen, um hier Transformationsprozesse in einer Umgebung, die ihre Normalitätsvorstellungen herausfordert, zu erproben und zu reflektieren und das dann in die parlamentarische Demokratie mitzunehmen. Das ist aber nicht ansatzweise gelungen.

Kunst schafft Berührung

Ein Lebensort war die Akademie schon immer, mittlerweile ist sie auch ein Wohnort geworden. Heute agieren wir vor allem im Nahumfeld der umliegenden Dörfer und Kleinstädte. Der Heimatverein, den es hier traditionell gibt, war nicht mehr handlungsfähig, weil die Vorstände alt geworden und mit den Vereinsaufgaben überfordert waren. Mit einer Nachbarin bin ich in den Vorstand gegangen, wir haben den Verein wiederbelebt und die Gemeinnützigkeit zurückerlangt. Jetzt gibt es wieder eine funktionierende Struktur, um Kulturveranstaltungen, Dorffeste und einen Dorfputz zu organisieren. Viele hier im ländlichen Raum Nordwestbrandenburgs fühlen sich demokratischen Werten nicht mehr verpflichtet, die wenigen jungen Leute sind damit beschäftigt, ihr Haus zu sanieren und den Job in Berlin am Laufen zu halten.

(alle Fotos: Akademie für Suffizienz)

Jedes Jahr laden wir im Rahmen unseres Residenzprogramms künstlerisch Tätige hierher ein. Kunst wird in dieser Zeit zum Ort der Auseinandersetzung, sie schafft Berührungspunkte. Einige Ortsansässige sagten, sie fänden die Werke komisch oder würden sie nicht verstehen. Im Lauf der Zeit merkten aber viele, dass diejenigen, die die Installationen machen, »ganz normale Menschen« sind. Dieses Jahr heißt das Thema »Commoning«. Das Programm wird, wie schon seit Jahren, vom Heimatverein mit einer kleinen Zuwendung für die Verpflegung unterstützt. Mittlerweile fragen die Leute danach, wann es wieder losgeht. Das Kunstresidenzprogramm ist heute ein Fixpunkt im Dorf.

Reparieren und Vertrauen üben

In der nächstgrößeren Stadt Pritzwalk haben wir vor drei Jahren ein Reparatur-Cafe ins Leben gerufen. Auch das wird gut angenommen. Es gibt hier eine große Affinität zum Reparieren. Vor allem ältere Frauen kommen, in deren Umfeld niemand mehr etwas für sie instand setzen kann. Viele machen hier die Erfahrung, etwas gemeinsam zu tun und sich dabei wohlzufühlen – das spricht sich rum. Neben dem Dorfverein und der Kunstresidenz ist das Reparatur-Cafe der nächste Wirkungskreis. Ich empfinde es als einigermaßen stabil, ein guter Teil davon wird mittlerweile von sehr unterschiedlichen Menschen aus der näheren Umgebung getragen, und so stecke ich ebenfalls immer weiter Energie hinein. Mit der Zeit merke ich, dass ich dort viele Impulse geben und auch selbst aufnehmen kann. Als Soziologin ist das, was hier geschieht, für mich völlig überraschungsfrei. Ich habe mich mein Leben lang engagiert, vor zehn Jahren in der aufkeimenden Postwachstumsbewegung, und heute liegt mein Fokus auf Ressourcenschonung und Abfallvermeidung.

Im Älterwerden, in der Lebensphase, in der ich nun bin, merke ich, dass ich weniger darauf angewiesen bin, in Kontexten zu sein, in denen ich positiv gespiegelt werde. Mein Fokus liegt mehr darauf, im Vertrauen zu sein, dass Menschen schon zusammenfinden werden. Voraus(ver)mögen, vorausverbinden oder vorausvertrauen besteht für mich auch darin, einen langen Atem zu haben, wenn ich Ablehnung und Zurückweisung erfahre – so lange, bis ich auf der Ebene von Mensch zu Mensch angekommen bin, wo mein Gegenüber und ich eine Verbindung finden können. Es ist etwas Menschliches zu sagen: Ich erkenne an, was du beiträgst. Hier an der Akademie muss nichts gelingen, kann alles sein und darf alles seine Zeit brauchen. Das ist nicht ambitionslos, aber auch nicht verkrampft. Manche sagen mir, das sei eine gute Mischung für einen Langstreckenlauf.


Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/