Der Westen befindet sich im Krieg gegen die Angst. Heute schmerzt mein Herz für den Westen. Trotz unseres Kampfes gegen die Angst in Afghanistan, im Irak, in Libyen, in Syrien, in Palästina und nun auch im Iran dringt die Angst immer tiefer in unser Bewusstsein ein und verschließt unser Herz davor, die Schönheit anderer Kulturen zu erkennen.
Heute werden Familien in Teheran, Beirut und Tel Aviv unter einem Bombenhagel auf die Straße getrieben. Tag für Tag werden in Teheran und Beirut Schulen und Krankenhäuser bombardiert. Die Menschen leben in Angst. Sie wissen nicht, ob sie morgen warme, trockene Kleidung, Wasser und Essen für ihre Kinder beschaffen können. Sie wissen nicht, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken können.
Was trotzt der Angst? Trotz der Schatten von Angst und Hass, die unter uns umherziehen, sind Liebe, Brüderlichkeit und Freude in vielen Kulturen noch immer lebendig.
Die iranische Kultur birgt ein Wissen über Liebe, Freude und Brüderlichkeit. Meiner Meinung nach sollten die iranischen Führer sich von den großen persischen Dichtern inspirieren lassen, anstatt gegen die Angst anzukämpfen, die „wir“ Menschen im Westen vor ihnen haben. Darüber hinaus sollten „wir“ Menschen im Westen mehr über diese außergewöhnliche, jahrtausendealte Kultur erfahren.
Anstatt die Gesetze zu verschärfen und Regimekritiker zu bestrafen, sollten sich die iranischen Führer von der universellen Botschaft der großen Dichter der persischen Kultur inspirieren lassen.
Die iranische Kultur ist einzigartig. Im Laufe ihrer Geschichte hat der Iran viele große Dichter hervorgebracht, die die Gesellschaft, die Spiritualität und die Philosophie geprägt haben.
Als ich noch Studentin war, hatte ich die Gelegenheit, Zeit mit iranischen Freunden zu verbringen. Mehrfach nahm ich an Abenden mit iranischen Dichterlesungen teil. Ich erinnere mich noch recht gut an diese Momente, da mich die Schönheit einiger Texte zutiefst beeindruckt hat.
Tatsächlich spielt die persische Dichtung eine grundlegende Rolle in der iranischen Kultur. Die Dichtung ist für das iranische Volk ein lebendiger Bestandteil des Alltags. Die Iraner zitieren in Gesprächen spontan die großen Dichter und nutzen die Dichtung, um ihre tiefsten Gefühle auszudrücken.
Die persische Ästhetik, die eng mit der Poesie verbunden ist, zeichnet sich durch eine Harmonie zwischen Form und Inhalt, eine tiefe Verbindung zwischen Sprache und Ausdruck sowie das Streben nach Schönheit und Weisheit aus.
Universelle Themen der persischen Dichtung (Quelle)
Die persische Dichtung zeichnet sich durch die Tiefe ihrer Themen aus, in denen sich Liebe, Spiritualität, Philosophie und Humanismus vereinen.
1. Liebe
Ob irdisch oder göttlich – die Liebe steht im Mittelpunkt fast aller persischen Dichtung. Die Geliebte, oft idealisiert, verkörpert mal einen Menschen, mal eine Metapher für das Göttliche. Hafez’ Ghazals verkörpern diese faszinierende Mehrdeutigkeit, in der sich fleischliche Leidenschaft mit mystischer Ekstase verbindet.
2. Spiritualität und Sufismus
Viele persische Dichter standen unter dem Einfluss des Sufismus, einer mystischen Strömung innerhalb des Islam, die die Vereinigung der Seele mit Gott propagiert. Rumi, Attar und Sanai verfassten Gedichte von außergewöhnlicher spiritueller Intensität, in denen sie die universelle Liebe und die Auflösung des Egos besangen.
3. Die Vergänglichkeit des Lebens
Die persische Dichtung betont die Vergänglichkeit der Welt, die Zerbrechlichkeit des Daseins und die Bedeutung, den gegenwärtigen Augenblick zu genießen. In seinen Vierzeilern sinniert Omar Khayyam über das Vergehen der Zeit, die Eitelkeit menschlichen Strebens und die Weisheit, den Tag zu nutzen.
4. Natur und Wein
Persische Dichter beschreiben Gärten, Blumen, Flüsse und Wein oft als Symbole für Schönheit, Genuss und Freiheit. Diese Bilder dienen auch als philosophische oder spirituelle Metaphern.
Große persische Dichter
Omar Khayyam (1048–1131)
Der Mathematiker, Astronom und Dichter Omar Khayyam ist vor allem für seine Rubāʿīyāt (Vierzeiler) bekannt. In seinen Werken, die oft von Skepsis und Hedonismus geprägt sind, hinterfragt er das Schicksal, die Religion und den Sinn des Lebens.
Ferdowsi (940 – 1020)
Ferdowsi, der Verfasser des Schāhnāme („Buch der Könige“), ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der persischen Literatur. Dieses monumentale Epos, das aus über 50.000 Verspaaren besteht, nimmt einen zentralen Platz in der Kulturgeschichte des Iran ein. Mit seinem Werk trug Ferdowsi entscheidend dazu bei, die persische Sprache, Kultur und Identität in einer Zeit zu bewahren, die durch den wachsenden Einfluss des Arabischen geprägt war.
Jalal ad-Din Rumi (1207–1273)
Jalal ad-Din Muhammad Rumi, ein Sufi-Mystiker und universeller Dichter, auch bekannt als Mowlana oder Molavi, gilt nach wie vor als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der persischen Literatur und Spiritualität. Sein Werk überwindet Jahrhunderte und Grenzen, und seine Gedichte, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, gehören heute zu den meistgelesenen der Welt, insbesondere im Westen.
Saadi (1210–1292)
Saadi aus Schiraz, der Verfasser von „Bustan“ („Der Obstgarten“) und „Golestan“ („Der Rosengarten“), gilt als einer der größten Meister der persischen Weisheitsliteratur und poetischen Prosa. Seine von Menschlichkeit und Moral geprägten Maximen werden bis heute sowohl im Osten als auch im Westen zitiert und bewundert.
Hafez (1325–1390)
Hafez gilt als der größte Lyriker der persischen Literatur und ist vor allem für seine Ghazale bekannt, in denen sich Sinnlichkeit, Mystik und Ironie auf einzigartig subtile Weise vermischen. Im Iran ist sein „Divan“ noch immer in den meisten Haushalten zu finden und wird oft als wahres literarisches Orakel herangezogen.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Anja Schlegel vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










