Unser Gespräch mit Lama Michel Rinpoche fand im Albagnano Healing Meditation Centre oberhalb von Verbania am Lago Maggiore statt. Das vollständige Interview wird in 4 Teilen auf Pressenza veröffentlicht, dies ist der dritte. Hier fiendest du den ersten und den zweiten Teil dieses Interviews.
Pressenza: Einigen Wissenschaftlern, insbesondere Quantenphysikern wie zum Beispiel Federico Faggin, den du sicher kennst, gelingt es jetzt zu beweisen, was Buddha und die Mystiker jeder Religion vor 2.500 Jahren entdeckten: Wir sind nicht nur unser Körper. Zwar stirbt der Körper, aber nicht das Wesen oder das Bewusstsein – je nach Definition. Die Frage ist also: Kann es eine Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität geben?
Lama Michel Rinpoche: Als ich buddhistische Philosophie in Indien studierte, basierte der Großteil des Studiums auf der Dialektik. Wenn man über ein beliebiges Thema sprach, musste man als Erstes die Definition geben. Wollen wir über den Tisch sprechen? Was ist ein Tisch? Wenn wir uns über die Definition einig sind, dann können wir über den Tisch diskutieren.
Und hier haben wir folgenden Aspekt: Wie wird eine Tradition definiert, die eine eigene Weltsicht hat? Auf Tibetisch sagt man „Drupda“, auf Sanskrit heißt es „Siddhanta“ – es bedeutet eine Realität, eine Schule, mit einer bestimmten eigenen Weltsicht. Und in meinem Studium und in der etwas älteren Ansicht, vorwiegend in Tibet, aber auch in Indien, galt die sogenannte wissenschaftliche Perspektive auch als eine Weltsicht. So wie die buddhistische, die christliche und so weiter. Was heißt das nun? Wenn wir ein Phänomen betrachten, zum Beispiel einen Tisch, und wir fangen an, ihn zu beobachten, zu analysieren, mit einer kohärenten, ehrlichen Einstellung, dann kommen wir am Ende zu einem ähnlichen Ergebnis.
Verschiedene wissenschaftliche Richtungen versuchen, eine kohärente Sicht der Realität zu finden. Sie forschen darüber, wie die Dinge und die Realität beschaffen sind, was das Ich ist usw., auf konsequente Weise im ehrlichen Bemühen um die Wahrheit. Das hat der Buddhismus immer getan. Lama Gangchen nannte den Buddha Shakyamuni den „Wissenschaftler der inneren Welt“. Gestern Morgen habe ich eine Vorlesung gehalten und ein Teil des Textes, den wir untersuchen, spricht von den verschiedenen buddhistischen philosophischen Schulen.
Die erste Schule betrachtete zum Beispiel die Phänomene der äußeren Materie. Es wird alles beschrieben, was äußerlich an der Materie existiert, die aus zahllosen unteilbaren Partikeln besteht: sie sind so klein, dass man nicht einmal oben und unten, eine oder die andere Seite bestimmen kann. Sie scheinen aneinander zu haften, das ist aber nicht so. Es scheint also alles fest zu sein, ist es aber tatsächlich nicht.
Wenn wir nun die Quantenphysik ansehen, spricht diese von einer granularen Welt, die die Grundlage der so genannten Quantenphänomene bildet. Jemand hat mich gefragt: „Aber wie konnten sie das vor 2.500 Jahren wissen?“ Ich habe geantwortet: „Was weiß ich, frag sie selbst.“ Tatsache ist, dass sie über einen inneren Weg forschten, nicht über einen äußeren. Dennoch gibt es viele ähnliche Punkte.
Wir in der westlichen Welt machen einen Fehler, den ich auch in Texten von Wissenschaftlern und Historikern sehe, die ich sehr schätze: Die Geschichte der Menschheit wird immer aus der Perspektive Europas erzählt. Es wird also gesagt: „Also, bis zu jenem Jahrhundert wusste man dies oder jenes nicht, wann hat man entdeckt, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt? Ah, Galileo Galilei … und so weiter.“ Ich habe Texte studiert, die mindestens 1.300 Jahre alt sind und die eine sehr ausführliche Astronomie beschrieben. Wir haben also ein bisschen diesen Fehler und diese Arroganz, die Welt durch unsere Realität zu sehen.
Es gibt zum Beispiel ein Buch eines Wissenschaftlers, den ich sehr gut finde, Carlo Rovelli. In einem seiner Bücher, „Helgoland“ spricht er in einem Abschnitt über Nagarjuna, den großen buddhistischen Philosophen. Er sagt: „Von allen Philosophen, die ich bis heute gesehen habe, war Nagarjuna der einzige, dessen Sichtweise vollständig kohärent mit der heutigen Physik ist.“ Und er zitiert ihn, erklärt hervorragend das Warum und Wie.
Ich sehe also nicht die „Möglichkeit“ einer Kohärenz und Vereinigung zwischen der buddhistischen und der wissenschaftlichen Sichtweise. Ich sehe dies als „Gewissheit“. Denn im Zentrum dessen, was ich suche und was – wie ich glaube – dem Buddhismus am Herzen liegt, steht die Suche nach einer kohärenten, also folgerichtigen und realen Sichtweise, also ohne Dogmen und damit ohne den Anspruch, Herr über die Wahrheit zu sein. Die Haltung ist also offen. Jedenfalls in meinem Bereich sehe ich das so, darüber hinaus kann ich nicht im Namen aller Buddhisten sprechen. Dies gilt auch für die wissenschaftliche Sicht: Wenn wir verschiedene Aspekte der Quantenphysik ansehen, sind sie extrem kohärent und ähnlich wie die buddhistische Sicht. Wir leben in einer granularen, relationalen, subjektiven Realität – das ist genau das, was in der buddhistischen Sicht erklärt wird.
Wo liegt der Hauptunterschied, den ich sehe? In der wissenschaftlichen Arbeit analysiert man die äußere Realität und wendet dann dieses Wissen auf die äußere Welt an. Mit dem Wissen der Quantenphysik wurden also verschiedene Technologien entwickelt, um die äußere Welt zu verändern. Ein Beispiel ist der Quantencomputer, der vorwiegend in der äußeren Welt angewendet wird.
In der buddhistischen Sicht gibt es einen anderen Aspekt. Der Schlüsselpunkt ist, dass wir in einer Realität leben – und dies wird auch von der modernen Physik erklärt –, in der unsere Sichtweise nicht mit der Natur der Dinge übereinstimmt. Dies kann man verschieden benennen, jedenfalls erscheint uns die Realität, als existiere sie auf autonome, unabhängige, objektive Weise, während wir tatsächlich in einer Welt leben, die relational, interdependent, also wechselseitig abhängig und subjektiv ist.
Was ist die Folge? Wo wird diese Sicht angewandt, diese gleiche Schlussfolgerung über die Natur der Dinge, der Realität, die wir in der Quantenphysik und in der Realität des Buddhismus finden? Ich habe große Achtung und großen Respekt vor der Physik und der Wissenschaft in jeder Hinsicht, aber der Buddhismus wendet sie an und weist nachdrücklich darauf hin, dieses Wissen zu nutzen, um das Wesen und die Art, wie es in der Welt lebt, zu verwandeln und Leid zu überwinden.
Kurz gesagt, die Realität erscheint uns, als sei sie unabhängig, autonom und objektiv, und wir verhalten uns zu ihr, als ob es so sei. Dies führt zu einer Trennung zwischen allen Dingen und demzufolge zur Besessenheit für die Selbstbestätigung, zum Egoismus. Darin bin ich eine Sache, du bist eine andere und ich habe nichts mit dir zu tun. Die Realität, die ich wahrnehme, meine Narrative, meine Wahrnehmung sind für mich die Realität, nicht meine Wahrnehmung. Und so weiter, wir könnten stundenlang weiter darüber sprechen.
Was ist das Ziel? Das Ziel ist, auf konzeptioneller, begrifflicher Ebene – und dann darüber hinaus auf der nicht konzeptionellen Ebene – zu verstehen, dass wir in einer relationalen, subjektiven, wechselseitig abhängigen Realität leben, von der auch wir ein „Teil“ sind. Und auf dieser Grundlage können wir unseren Egoismus überwinden und demzufolge den Hass, die Wut, den Groll, den Eigensinn, den Egoismus, die Unzufriedenheit, die Angst überwinden. Und so einen Zustand inneren Friedens erreichen, der wiederum den Frieden in der Welt beeinflussen kann. Das ist der wesentliche Punkt, der Hauptunterschied, den ich darin sehe. Wir haben also eine ganz ähnliche Sichtweise, die Anwendung ist bis heute unterschiedlich, aber beide sind wichtig.
4. Teil des Interviews: „Wir brauchen die Stille“ (ab dem 22.03.2026 online)
Weitere Informationen über die Zentren Kunpen Lama Gangchen: https://kunpen.ngalso.org/
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Übersetzung aus dem Italienischen von Annette Seimer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!
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