Die Bundesregierung und das Bundesland Schleswig-Holstein laden kriegserfahrene Militärs und Zivilisten aus der Ukraine zur Übermittlung ihrer Erfahrungen an die Bundeswehr und an zivile Behörden nach Deutschland ein.
(Eigener Bericht) – Fronterfahrene ukrainische Soldaten sollen Truppen der Bundeswehr im Führen des Drohnenkriegs ausbilden; Mitarbeiter ukrainischer Zivilbehörden sollen deutsche Beamte in Maßnahmen zur Vermeidung und Bewältigung von Kriegsschäden einweisen: Dies sehen Vereinbarungen vor, die deutsche und ukrainische Stellen in den vergangenen acht Tagen getroffen haben. Die Ausbildungsmaßnahmen für deutsche Militärs im defensiven und im offensiven Umgang mit Drohnen gelten als dringend erforderlich, seit ein Manöver der NATO im Mai vergangenen Jahres gezeigt hat, dass das Militärbündnis völlig unzulänglich auf High-Tech-Schlachten vorbereitet ist, wie sie im Ukraine-Krieg auch für Russland zum Alltag gehören. Geplant ist die Entsendung ukrainischer Soldaten an die Truppenschulen des Deutschen Heeres. Zudem haben das Bundesland Schleswig-Holstein und die ukrainische Region Cherson vereinbart, dass Behördenmitarbeiter aus Cherson nach Kiel reisen, um dort deutsche Beamte – etwa von Polizei, Feuerwehr, Krankenhäusern – über nötige Schutzmaßnahmen etwa gegen Drohnen- und Raketenangriffe zu informieren. Sind diese umgesetzt, könnte Deutschland jederzeit in den Krieg gegen Russland eintreten.
Kill chain
Als Auslöser für die Entscheidung, ukrainische Militärs als Ausbilder nach Deutschland zu holen, gilt ein NATO-Manöver vom Mai 2025. An der Kriegsübung „Hedgehog 2025“ waren rund 16.000 Soldaten aus zwölf NATO-Staaten beteiligt. Im Rahmen des Manövers griff eine Einheit aus einem knappen Dutzend eigens angereister ukrainischer Drohnenspezialisten, von denen ein Teil aktive Fronterfahrung hatte, NATO-Truppen an. Das Ergebnis war für diese erschütternd. Innerhalb nur eines halben Tages gelang es den ukrainischen Soldaten, 17 gepanzerte Fahrzeuge zu zerstören und 30 weitere Angriffe auf andere Ziele zu realisieren. Dabei konnten sie sich auf in Echtzeit gewonnene Schlachtfelddaten, auf deren Auswertung mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) und auf eine ebenfalls KI-basierte Zielauswahl stützen. Dies ermöglicht, wie es vergangene Woche in einem Bericht des Wall Street Journal hieß, ein blitzschnelles Vorgehen; von einer rasanten „kill chain“ ist die Rede: „See it, share it, shoot it“.[1] In einem anderen Übungsteil sei es gelungen, zwei komplette NATO-Bataillone in nur einem Tag kampfunfähig zu machen, wird ein Manöverteilnehmer zitiert. Die Truppen der NATO hätten es nicht einmal vermocht, die ukrainischen Einheiten zu attackieren.
„Kriegserfahrungen nutzen“
Die Bundeswehr fängt nun an, sich umfassender mit derlei Szenarien zu befassen – knapp vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs, der bereits recht früh zum Drohnenkrieg wurde. Aktuell trainieren deutsche Fallschirmjäger, wie berichtet wird, „erstmals intensiver mit Drohnen“.[2] Zudem ist geplant, ukrainische Soldaten als Ausbilder nach Deutschland zu holen. Als eins der zentralen Ziele gilt es, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten im Drohnenkrieg für die Bundeswehr zugänglich zu machen; dabei geht es sowohl um Taktiken für Angriffe wie auch um Methoden der Verteidigung. Eine Vereinbarung darüber unterzeichneten Verteidigungsminister Boris Pistorius und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am vergangenen Freitag.[3] Wie ein Sprecher des Deutschen Heeres mitteilt, ist geplant, „an den Truppenschulen des Heeres die Erfahrungen ukrainischer Soldatinnen und Soldaten in die Ausbildung im Heer einfließen zu lassen“. Deutsche Offiziere werden mit der klaren Einschätzung zitiert, „niemand in der Nato“ habe zur Zeit eine größere „Kriegserfahrung als die Ukraine“: „Das müssen wir nutzen“. Als ernstes Hindernis erweist sich allerdings, dass Kiew massive Probleme bei der Rekrutierung von Soldaten hat und deshalb Ausbilder vorläufig nur für kürzere Zeiträume nach Deutschland schicken kann.
Kriegserprobte Drohnen
Nutzen zieht Berlin auch aus der Herstellung ukrainischer Drohnen in der Bundesrepublik. Im Oktober hatten die Regierungen Deutschlands und der Ukraine eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet. Im Dezember gründeten der deutsche Drohnenproduzent Quantum Systems und der ukrainische Drohnenhersteller Frontline Robotics das Joint Venture Quantum Frontline Industries (QFI), das die Frontline Robotics-Drohne LINZA in der Nähe von München – und damit geschützt vor russischen Angriffen – herstellt. Die Produktion erfolgt zudem auf industriellem Niveau: Es sollen bis zu 10.000 Stück pro Jahr gefertigt werden.[4] Da die Unternehmen die Drohnen in unmittelbarem Kontakt zur Front stets weiterentwickeln, bleibt auch die deutsche Drohnenindustrie auf dem aktuellen Stand; angesichts der rasanten Innovationszyklen in der High-Tech-Kriegsführung ist dies ein bedeutender Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Laut Pistorius bietet sich dank der Drohnenproduktion in Deutschland zudem für deutsche Stellen die Chance, „von den unfassbar großen Datenmengen und den vielen Erfahrungen“ zu lernen, „die auf dem Gefechtsfeld in der Ukraine gesammelt werden“.[5] Joint Ventures zur Drohnenproduktion haben auch weitere Unternehmen gegründet, so etwa Wingcopter (Deutschland) und TAF Industries (Ukraine).[6] Langfristig sollen auch NATO-Staaten beliefert werden.
„Unter Dauerbeschuss“
Nicht zuletzt wollen deutsche Stellen ukrainische Kriegserfahrungen nutzen, um die eigenen Zivilbehörden kriegstauglich zu machen. Anfang der Woche hielt sich eine Delegation aus der ukrainischen Region Cherson unter Leitung von Gouverneur Oleksandr Prokudin in Kiel auf, um dort im Rahmen einer zweitägigen Sicherheitskonferenz über ihre Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung und der Infrastruktur im Krieg zu berichten. Kiel und die Stadt Cherson unterhalten seit 2024 eine Partnerschaft; die Region Cherson und das Bundesland Schleswig-Holstein tun dies schon seit 2023. Cherson stehe „unter Dauerbeschuss“, teilt das Bundesland Schleswig-Holstein mit: „Es gibt Tote, Verletzte und immer wieder Angriffe auf die Energieinfrastruktur.“ Die Region habe dadurch „in den vergangenen Jahren umfassende Erfahrungen“ in den Bereichen „Resilienz, zivile Verteidigung und Katastrophenschutz gesammelt“.[7] Konkret gelte dies etwa, so wurde Prokudin zitiert, „bei der Drohnenabwehr, der Evakuierung der Bevölkerung, der Ersten Hilfe, wenn Krankenhäuser nicht mehr funktionierten, sowie bei der Frage, wie das Militär operiere, wenn der Strom ausfalle“.[8] In Kiel habe die Delegation aus Cherson dazu nun „sehr konkrete und wertvolle Erkenntnisse“ übermittelt, lobte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther.[9]
„Den Abwehrkampf beibringen“
So habe man etwa gelernt, präzisierte Günther, „wie kritische Infrastruktur trotz permanenter Angriffe stabilisiert wird, wie Krankenhäuser und Schutzräume unter die Erde verlegt werden, wie Schulen und Kitas weiter funktionieren, wie Minenräumung organisiert und wie Verwaltung arbeitsfähig gehalten wird“.[10] In Cherson gibt es inzwischen 14 unter die Erde verlegte Krankenhäuser und neun unter die Erde verlegte Schulen; sechs weitere unterirdische Schulen werden gegenwärtig gebaut.[11] Zum Schutz vor Drohnenangriffen werden Straßen im großen Stil mit Netzen überdacht. Berichten zufolge sollen in Zukunft Repräsentanten der Region Cherson „Beamten Schleswig-Holsteins den Abwehrkampf beibringen“: „Lehrgänge durch Ukrainer“, heißt es, „soll es in Kiel schon bald für die Polizei, die Feuerwehr, aber auch für weitere Akteure im Bereich des Zivil- und Katastrophenschutzes geben“.[12] „Schleswig-Holstein geht hier voran“, konstatiert Ministerpräsident Günther; das genüge aber nicht: „Deutschland hat bei ziviler Verteidigungsfähigkeit, Katastrophenschutz und Resilienz insgesamt noch Aufholbedarf.“[13] Ist der Aufholbedarf gedeckt, dann ist Deutschland der Sache nach bereit zum Eintritt in einen möglichen Krieg.
[1] Jillian Kay Melchior: NATO Has Seen the Future and Is Unprepared. wsj.com 12.02.2026.
[2] Peter Carstens: Ukrainer erteilten der NATO im Manöver eine bittere Lektion. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.02.2026.
[3] Matthias Gebauer: Kriegserfahrene Ukrainer sollen Bundeswehrsoldaten trainieren. spiegel.de 16.02.2026.
[4] Peter Carstens: Ukrainer erteilten der NATO im Manöver eine bittere Lektion. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.02.2026.
[5] Lara Finke: Offizielle Übergabe der ersten in Deutschland produzierten ukrainischen Drohne. bmvg.de 13.02.2026.
[6] Frank Specht, Nadine Schimroszik: Wie deutsche Firmen Drohnen für den Fronteinsatz produzieren. handelsblatt.com 13.02.2026.
[7] Von der Ukraine lernen. schleswig-holstein.de 17.02.2026.
[8] „Überhaupt nicht vorbereitet“. Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.02.2026.
[9] Stefan Locke: Fachmann für Zivilschutz. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.02.2026.
[10] Von der Ukraine lernen. schleswig-holstein.de 17.02.2026.
[11] Jennifer Bruhn: Schutz, Resilienz und Krisenhilfe: So will SH von der Ukraine lernen. ndr.de 17.02.2026.
[12] „Überhaupt nicht vorbereitet“. Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.02.2026.
[13] Von der Ukraine lernen. schleswig-holstein.de 17.02.2026.









