Als Frau, Jüdin und Behinderte hätte Rosa Luxemburg heute Anrecht auf dreifache identitätspolitische Rücksichtname.

Sabine Kebir

Dass sie keine davon auch nur im Traum für sich persönlich anmahnte, ist erstaunlich, weil sie sich in einer Gesellschaft bewegte, in der Männerherrschaft, Antisemitismus und Diskriminierung Behinderter bis weit in linke Kreise waberten.

Dass sie sich nicht mit Frauenpolitik beschäftigte, hatte nicht nur damit zu tun, dass sie bei ihrer engen Freundin und Kampfgefährtin Clara Zetkin in besten Händen wusste: Luxemburg langweilte sich regelrecht in Frauenversammlungen. Hinsichtlich des Antisemitismus griff sie nur 1910 in die unsägliche Debatte der polnischen Sozialdemokratie ein, ob diese überhaupt von Juden geführt werden dürfe. Und ihrer eigenen Behinderung – ein etwas verkürztes Bein – nahm sie jede Bedeutung, indem sie ihre Freunde zu ausgedehnten Wanderungen verpflichtete.

Gebildete Frauen, die von ihrer Intelligenz aktiven Gebrauch machten, erregten damals bei Männern meist angstvolle Abwehr. Luxemburg hielt mit keiner ihrer intellektuellen Fähigkeiten zurück und übte auf Genossen, namentlich auch auf viel jüngere, große Anziehungskraft aus. Sie hatte allerdings ein sehr schönes Gesicht und unterstrich ihre Grazie durch betont weibliche Garderobe.

Nach außen lebte sie allein, ganz der Parteiarbeit verpflichtet. Nur die nächsten Freunde ahnten vielleicht, dass sie mit dem vier Jahre älteren Berufsrevolutionär Leo Jogiches (1967-1919) liiert war, der große, meist illegale Organisator der polnischen, russischen und schließlich auch deutschen Arbeiterklasse. Die beiden hatten sich 1890 in Zürich kennengelernt, wo Luxemburg studierte. Zwei Jahre später wurden sie ein Paar. Spross einer Bankiersfamilie in Vilnius, war Jogiches zum Asketen geworden, der sich durch strengste Selbstzucht auf schwierigste Lebensumstände vorbereitete. Er war zunächst ihr politischer Lehrer, auch, was harte Disziplin betraf. Diese durfte für Luxemburg jedoch nicht total, zur einzigen Perspektive werden. Dass ihnen oft Trennungen auferlegt waren, konnte sie akzeptieren, nicht aber, dass Jogiches` Briefe fast nur Nachrichten und Hinweise zur politischen Arbeit enthielten. Um persönliche Mitteilungen oder gar Liebesworte musste sie geradezu betteln. Dagegen überhäufte sie ihn mit einer unendlich kreativen Flut von Kosenamen: „Mein Krümelchen, teures, mein goldenes Bengelchen“. Oft nennt sie ihn „teuerste Ciucia“ – was polnisch weibliche Welpe bedeutet. Manchmal unterschreibt sie auch selbst so. Doch schon 1894 klagt sie: „Uns verbindet nur die Sache und die Tradition früherer Gefühle: Das ist sehr schmerzhaft.“ Auf seine trockene Frage, was ihr eigentlich fehle, antwortet sie 1898 aus Berlin nach Zürich: „Eigentlich das L e b e n !“ Als er ihr 1899 zum 28. Geburtstag doch einmal schrieb, sie beide seien noch jung und könnten irgendwann doch noch „ein persönliches Leben“ haben, setzte sie gleich nach: „Und vielleicht auch noch so ein kleines, ganz kleines Bobo?“ Und wenige Monate später: “Das Bedürfnis nach einem Kind empfinde ich unausgesetzt, manchmal auf unerträgliche Weise. Du kannst Dir das gewiß gar nicht vorstellen.“

Daraus wurde nichts. Kaum zu glauben, dass sie Jogiches 1905 schrieb: „Du wurdest mir verhaßt, als derjenige, der mich für immer an diese verfluchte Politik geschmiedet hat.“

Noch verwunderlicher ist, dass sich Jogiches als ein in seiner Ehre gekränkter Macho seiner Zeit entpuppte, als er 1907 das Verhältnis seiner Rosa mit dem fünfzehn Jahre jüngeren Kostja Zetkin (1885-1980) zur Kenntnis nahm. Sie schrieb ihrem „geliebten Bubi“, dass „L“ einen Brief von ihm abgefangen habe und sie nicht abreisen ließe: „Wir traten gerade in ein elegantes Restaurant. […] Auf dem Chor spielte ein feines Orchester, und es waren die Klänge der letzten Szene aus der Carmen, bei der L. mir leise zuflüsterte: Eher schlage ich dich tot.“

Diese Drohung war ernst gemeint und wurde so nachdrücklich wiederholt, dass sie sich einen Revolver kaufte. Indes sorgte sie sich mehr um Kostja als um sich selbst. Sie wollte, dass er sich unter den Schutz von Mutter Clara stelle: „Du musst beiseite bleiben, bis ich die Sache gänzlich ausgefochten habe. […] So mußt Du denn ruhig warten, bis ich mich ganz frei gemacht habe. […] Vielleicht endet die Sache traurig, aber ich kann nichts dagegen tun. Nur um Dich ist es mir bange.“

Der junge Zetkin war noch unentschieden, welche berufliche Laufbahn er einschlagen sollte. Für ihn war Luxemburg die beratende Lehrerin, die in dem wissensdurstigen und belesenen „süßen Lieb“ doch auch einen intellektuellen Partner fand. Und die Zärtlichkeit und Leidenschaft, die sie bei Jogiches misste.

Dabei war ihr klar, dass der „kleine Bub“ früher oder später andere Wege gehen würde und sie war entschlossen, ihn daran nicht zu hindern. Die schwerste Auseinandersetzung mit Clara Zetkin hatte , als diese sich 1916 weigerte, ihre zerrüttete Ehe mit dem achtzehn Jahre jüngeren Maler Friedrich Zundel aufzugeben. Wenn sie selbst intuitiv spüre, dass jemand sie nicht mehr möge, werde sie einfach davonfliegen „wie ein verwundeter Vogel.“ Luxemburg war überzeugt, „dass der Charakter einer Frau sich zeigt, nicht, wo die Liebe beginnt, sondern wo sie endet.“ Das hatte sie 1898 an Jogiches geschrieben und 1915 Mathilde Jacob gegenüber wiederholt.

Als sie im August 1909 feststellte, dass Kostja, der „süße, teure Schatz“ ihr kalt und mechanisch schrieb, gab ihr das zwar einen „tödlichen Stich ins Herz“, aber sie forderte: „Wenn Du mich nicht mehr liebst, so sag es mir offen mit drei Worten. […] Du bist es der ´Wahrheit` im Leben schuldig und auch der Achtung für mich“. Vier Tage später, als er ihr das bestätigt hatte, teilte sie ihm mit: „Nun, es ist überwunden. Ich bin mit Lust und Liebe an der Arbeit und bin entschlossen, noch mehr Strenge, Klarheit und Keuschheit in mein Leben zu bringen. […] Nun bist Du frei wie ein Vögelchen […] Die Principuccia steht Dir nicht mehr im Wege.“

Doch das war nicht das Ende der Beziehung, sie lebte bis 1915 immer wieder auf.

Anfang 1914 hatte Luxemburg eine Affaire mit dem zwölf Jahre jüngeren Paul Levi (1883-1930), dem Anwalt, der sie 1913 verteidigt hatte, als sie wegen „Aufreizung von Soldaten zum Ungehorsam“ angeklagt war. Wie heiß das Verhältnis war, bezeugen Briefe: „Süßer Herr, Du und die herrliche Nacht zittern mir noch in allen Gliedern, und meine wichtigste Beschäftigung hier ist, in den Erinnerungen zu wühlen mit trägen Fingern, wie in einem Korb Blumen. / Dein blasses, leidenschaftliches Gesichtlein mit den dunklen Augen sehe ich immer vor mir.“ Jogiches konnte seine Eifersucht auch jetzt nicht unterdrücken. Der „Mann mit dem großen Schnurrbart“ habe gefragt, schrieb sie an Levi, „ob mir mein Rechtsanwalt gefalle“, worauf sie eine „gemessene Antwort“ gegeben habe.

Platonisch soll die Beziehung zu einem langjährigen, außerordentlich treuen Verehrer geblieben sein, dem elf Jahre jüngeren, hochgebildeten Arzt Hans Diefenbach (1884-1917). Ihre Briefe an „Hännschen“ geben ein Liebesgeständnis erst preis, als sie in der Festung Wronke saß. Diefenbach fiel, was Luxemburg bis zu ihrem eigenen Tod nicht verwand.

Bevor er in den Krieg ziehen musste, vermachte er ihr testamentarisch das väterliche Erbe:

50 000 Reichsmark. Weil er fürchtete, dass sie es für andere ausgeben würde, sollte sie nur Zugang zu den Zinsen haben und sie vor allem für ihre Gesundheit einsetzen.

Wie emanzipiert Rosa Luxemburg in der Liebe war, zeigte sich auch in der Fähigkeit, ihre politischen und freundschaftlichen Beziehungen nach dem Abklingen der Sexualität voll zu erhalten. Das war besonders bemerkenswert im Fall Jogiches. Paul Levi, der nach dessen Ermordung seine Funktion in der KPD einnahm, veröffentlichte 1922 ihre Schrift Zur russischen Revolution.

    • Anlässlich des 150. Geburtstags von Rosa Luxemburg erschien dieser Artikel unter dem Titel Rosa und ihre Männer. In: Der Freitag no. 9 v. 4. 3. 2021, S. 11.
    • Empfohlen: Rosa Luxemburg: Die Liebesbriefe, hrsg. v. Jörn Schütrumpf, Karl Dietz Verlag, Berlin 2012.

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