Blick auf Chinas traditionelle Werte

03.03.2021 - Kai Ehlers

Blick auf Chinas traditionelle Werte
(Bild von picabay | CC0 - cropped)

Was könnte gemeint sein, wenn die chinesische Führung heute den Geist traditioneller Werte beschwört? Die Frage dürfte nach den Umbrüchen des letzten Jahrhunderts und angesichts der gegenwärtigen Modernisierungskampagnen in China schon für die chinesische Bevölkerung selbst nicht leicht zu beantworten sein.

Umso mehr stellt sich natürlich die Frage, was dabei herauskommen kann, wenn Europäer sich auf die Suche nach dem historischen Geist Chinas machen. Kann mehr dabei herauskommen als ein vorsichtiges Tappen im Dunst einer im Westen nahezu unbekannten Geschichte?

Kommen wir gleich auf die wichtigste Hürde: Die Schrift! Schon Russland liegt ja jenseits des europäischen Alphabetes. Aber erst China! Chinas Geist ist hinter 50.000 Zeichen verborgen. Auch wenn heute nur zwischen 2000 und 4000 Zeichen im Alltag gebraucht werden, ist die darin lebende Welt für Europäer doch immer noch nicht mit der für Europäer gewohnten einfachen Kombinatorik von Buchstaben erreichbar – erreichbar wird sie erst für diejenigen, die bereit sind sich auf eine Welt einzustellen, die sich in Andeutungen, in Assoziationen, in beständiger Wandlung und Übergängen bewegt, oder sagen wir, die sich durch das verständigt, was NICHT in 26 Buchstaben definierbar ist – und dabei doch zu gleicher Zeit ein pragmatisches Verhältnis zur Wirklichkeit entwickelt hat.

Erlauben wir uns deshalb ein paar vorsichtige Schritte der Annäherung.

Schauen wir uns zunächst einmal diese Tabelle an, die einen kleinen Ausschnitt aus der Fülle der chinesischen Schriftzeichen zeigt.

Blick auf Chinas traditionelle Werte

http://www.china-park.de/sprache/chinesische-basis-schriftzeichen/

Wer Lust und Zeit hat, kann auf den Link gehen, wo die Zeichen und ihre detaillierten Erklärungen und Verwandlungen einzeln aufrufbar und bespielbar sind.

Exemplarisch ist die zweite Zeile, in der die Verwandlung des Zeichens für ‚Mensch‘ (auf zwei Strichen stehendes Dreieck) zu verfolgen ist.

Am Ende stehen wir vor einer kalligraphischen Kultur, die aus einer reichen meditativen Bilderwelt hervorgeht. Wir schauen auf Bilder, auf denen der frei gelassene Raum, durch wenige Pinselstriche markiert, die eigentliche Botschaft ist.

Dazu lesen wir einen Spruch von Laotse wie den folgenden; es ist der elfte, nachzulesen im Tao Te King, einer Spruchsammlung aus dem 6. Jahrhundert vor Christi Geburt:

Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:

In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.

Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.

Dieser Spruch, wie das gesamte Tao Te King, wurde von Richard Wilhelm[1] in europäische Syntax gebracht. Unverbunden in den chinesischen Zeichengruppen klingt das so[2], wobei die Vieldeutigkeit der Zeichen auch noch andere Bedeutungen zulässt:

dreißig / speichen / vereinigen sich / eine / nabe:
angemessenheit / ihres / nichts
ist / des / wagens / brauchbarkeit;
knetet / ton / im / hinblick auf / topf:
angemessenheit / seines / nichts
ist / des / topfes / brauchbarkeit;
stemmt aus / tür / fenster / im hinblick auf / haus:
angemessenheit / ihres / nichts
ist / des / hauses / brauchbarkeit.

Also:
Des / seins / absicht / vorteil,
des / nichts / absicht / brauchbarkeit

Selbst diese zweite ‚Übersetzung‘ ist noch europäischen Wahrnehmungsgewohnheiten angepasst, wenn man weiß, dass es im Chinesischen keine Artikel, keine Flexionen, keine Konjugationen, kein Aktiv oder Passiv, keine verbindlich definierte Syntax gibt. Jedes Bild spricht für sich und gewinnt seine aktuelle Bedeutung aus dem Bezug des gesamten Sinnzusammenhangs und dem interpretierbaren offenen Raum darin.

Den ältesten Zugang in die Welt des chinesischen Geistes eröffnet das „I Ging, Buch der Wandlungen“, ebenfalls von Richard Wilhelm für Europäer fassbar gemacht. Die Ursprünge dieses Buches reichen bis in 3. Jahrtausend vor Christi Geburt zurück. Es wurde als fundamentales Weisheitsbuch über viele Generationen immer wieder erweitert und kommentiert und dürfte für die chinesische Kultur von ähnlicher Bedeutung sein wie das alte und neue Testament für die westliche Geistesgeschichte.[3]

Das I-Ging enthält vierundsechzig Positionen eines Hexagramms, das aus zwei Triagrammen gebildet wird, in denen je drei durchgehende oder geteilte Balken ihre Positionen zueinander verschieben, so dass mal sechs durchgehende Striche, mal sechs geteilte das ganze Hexagramm bilden oder auch Mischungsverhältnisse von fünf durchgehenden und einem geteilten, vier durchgehenden und zwei geteilten entstehen usw., wodurch ineinander übergehende Wandlungsstufen von Himmel, Erde und der sich verändernden Vielfalt des Lebens dargestellt und entsprechend kommentiert werden.

So diente das I Ging über Jahrtausende als geistiger Ratgeber, Entscheidungshelfer in Tagesfragen und astrologisch-ethischer Wegweiser. Sowohl Laotse als auch Kungfutse, der zweite große ‚Alte‘ des chinesischen Geisteslebens und viele andere Lehrer des Landes haben immer wieder aus der Tradition des I-Ging geschöpft und sie erweitert.

Wer nachschauen will, kann mit Gewinn das Buch selbst vornehmen (siehe Lit-Liste) oder auch hierzu einen Link aktivieren https://de.wikipedia.org/wiki/I_Ging

Lassen wir Richard Wilhelm erklären: „Der Grundgedanke des Ganzen ist der Gedanke der Wandlungen. In den Gesprächen (…) wird einmal erzählt, wie der Meister Kung an einem Fluss stand und sprach: ‚So fließt alles dahin wie dieser Fluss, ohne Aufhalten, Tag und Nacht.‘ Damit ist der Gedanke der Wandlung ausgesprochen. Der Blick richtet sich für den, der die Wandlung erkannt hat, nicht mehr auf die vorüberfließenden Einzeldinge, sondern auf das unwandelbare, ewige Gesetz, das in allem Wandel wirkt. Dieses Gesetz ist der SINN des Laotse, der Lauf, das Eine in allem Vielen. Um sich zu verwirklichen bedarf es einer Entscheidung, einer Setzung. Diese Grundsetzung ist der große Uranfang alles dessen, was ist, Tai Gi , eigentlich: der Firstbalken. (…) Mit dieser (…Setzung), die an sich eins ist, kommt eine Zweiheit in die Welt. Zugleich mit ihr ist oben und unten, rechts und links, vorn und hinten – kurz die Welt der Gegensätze gesetzt. Diese Gegensätze sind bekannt geworden unter dem Namen Yin und Yang (…)“.

Blick auf Chinas traditionelle Werte

Das Zeichen, sei ergänzt, symbolisiert den wechselseitigen Übergang des einen, das im Anderen schon enthalten ist. Das ist so klar, dass es hier nicht weiter erläutert werden muss – es sei denn, man will sehr weit in die Tiefe der Wandlungsprozesse gehen.

Nicht vergessen werden darf in unserer kurzen Annäherung Sun Tsus Werk über die Kriegskunst aus dem fünften Jahrhundert vor Christi Geburt[4], als dessen Leitspruch angesehen werden kann: „Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft.“ Sun Tsu gilt als geistiger Vater des Guerillakrieges, des asiatischen Gegenpols zum ‚klassischen‘ europäischen Theoretiker des Kabinettskrieges, Carl von Clausewitz.

„Sun Tsu sagt:

„In der wahrhaftigen Kunst des Krieges ist es von jeher die beste Lösung, das Land des Feindes heil und unversehrt zu erobern; nicht gut ist es, es zu zerschmettern und zu zerstören. So ist es auch besser, eine Armee in ihrer Gesamtheit gefangen zu nehmen, als sie zu vernichten, ein Regiment, eine Abteilung oder eine Kompanie im Ganzen gefangen zu nehmen, statt sie zu zerstören. .. So ist es denn nicht die höchste Meisterschaft, in allen Schlachten zu kämpfen und zu erobern; die höchste Meisterschaft aber ist es, des Feindes Widerstand zu brechen, ohne kämpfen zu müssen.“

Zugegeben, dies sind alles nur Hinweise auf Facetten eines anderen, eines assoziativen Denkens, das eher auf Eingebundenheit in ewige Gesetzmäßigkeiten orientiert, als auf individuelle Erkenntnis. Was macht das Eintauchen in diese Welt mit uns? Beengt es uns, ängstigt es uns, fordert es unsere Abwehr heraus? Oder regt es uns an, in die eigenen Traditionen einzutauchen, die westlichen, die europäischen, die deutschen, so dass wir in einen übergreifenden, beweglichen Entwicklungsstrom gegenseitiger Anregungen hineinkommen – geistig, kulturell, der über politische Polarisierungen hinausführen kann?

Hier erhebt sich die weiterführende Frage: Sind die gegenwärtig zu beobachtenden Rückgriffe auf traditionelle Strömungen in der multipolaren Welt – nicht nur in China – ein konservativer Rückfall oder eine Chance? Und wenn eine Chance, dann Chance wozu? Und wichtiger noch, sind wir willens und in der Lage diese Chance zu ergreifen? Oder lassen wir uns von den Ideologen des „great reset“ und der „schönen neuen Welt“ davon abhalten? Die Antwort auf diese Frage ist nicht im „social distance“, sondern nur im Gespräch zu finden.

Weitere Leseempfehlung:

Artikel von Kai Ehlers, www.kai-ehlers.de


[1] Richard Wilhelm, Tao Te King in Diederichs gelbe Reiche
[2] Jan Ulenbrook, Taote King, Ullstein
[3] I Ging – Text und Materialien [Das Buch der Wandlungen]. [Eugen Diederichs Verlag] 1977. Übersetzt von Richard Wilhelm.
[4] Sun Tsu: Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft, marixverlag, 2005

Kategorien: Asien, Meinungen
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