Renaissance 2.0: Wie Wissenschaftler die letzte antike Bibliothek entziffern wollen

23.05.2020 - Pompeji, Herculaneum - Humanistischer Pressedienst

Renaissance 2.0: Wie Wissenschaftler die letzte antike Bibliothek entziffern wollen
(Bild von Foto: Graham Hobster via Pixabay (Pixabay License))

Vor genau 1.940 Jahren begrub der Vesuv die antiken Städte Pompeji und Herculaneum unter einer viele Meter dicken Schicht aus Asche und Gestein. Die Tragödie ist ein archäologischer Glücksfall, denn so wurde vieles konserviert, was andernorts verloren gegangen ist. So auch die Schriftensammlung einer Villa, die man mit einem neuartigen Verfahren unter Einsatz künstlicher Intelligenz nun lesbar machen will.

Um die 1.800 Papyrusrollen hat man in einer Villa gefunden, die angeblich dem Schwiegervater Julius Cäsars gehört haben soll. Entdeckt wurde diese einzige vollständige Bibliothek der Antike bereits Mitte des 18. Jahrhunderts. Alle bisherigen Versuche, die fragilen Dokumente zu entrollen oder gar zu entziffern, scheiterten. Jetzt will man es mit einer neuen Methode versuchen: Brent Seales, Inhaber des Lehrstuhls für Computerwissenschaften an der University of Kentucky, und sein Team durchleuchten die Papyri nun mit Hilfe eines Teilchenbeschleunigers. Die „Digital Restauration Initiative“ beschreibt ihr Vorgehen auf der Seite des UK College of Engineering wie folgt: „Die gewaltige, unsichtbare Bibliothek der Welt kann endlich in einem nichtinvasiven, völlig beschädigungsfreien Verfahren sichtbar gemacht werden.“

„Virtuelles Entrollen“ nennen die Wissenschaftler die Methode. Die Manuskripte werden in geschlossenem Zustand komplett gescannt, das verhindert ihre Beschädigung oder gar den Zerfall und schont zudem die Schrift, die beim Kontakt mit der Luft gänzlich verschwinden könnte. „Es scheint fast ein bisschen magisch: Wir lesen etwas, ohne es überhaupt zu öffnen“, beschreibt es Seales in einem Video. Jede Schicht wird einzeln digitalisiert, virtuell aufgefaltet und zusammengefügt.

2015 haben die Forscher um Brent Seales bereits eine hebräische Schriftrolle lesbar gemacht, die die ersten beiden Kapitel aus dem biblischen Buch Leviticus enthielt: Dank metallhaltiger Pigmente in der Tinte konnte man hier mit Röntgenstrahlen arbeiten. Bei den Dokumenten vom Golf von Neapel funktioniert das nicht, denn hier ist Ruß die Ausgangsbasis. Hierfür nutzt man nun Synchrotronstrahlung, die extrem hell ist und im Teilchenbeschleuniger „Diamond Light Source“ in Oxfordshire erzeugt wird. Seales glaubt, dass man so feine, nicht durch ihre Dichte definierte Spuren von Tinte nachweisen könne.

Renaissance 2.0: Wie Wissenschaftler die letzte antike Bibliothek entziffern wollen

Vieles hat die Asche in Pompeji und Herculaneum bewahrt: Alltagsgegenstände, die Umrisse jener Menschen, denen die Naturkatastrophe den Tod brachte, und auch die letzte erhaltene Bibliothek der Antike.

Erst danach kommt die Computerwissenschaft ins Spiel: Mit Hilfe eines maschinellen Lernprogramms wollen die Wissenschaftler dieses Tinten-Signal verstärken und einen Algorithmus darauf trainieren, es zunächst auf Fragmenten zu erkennen, die bei früheren Versuchen, die Papyrusrollen physisch zu öffnen, entstanden sind. Dann soll die künstliche Intelligenz diese Strukturen in den geschlossen gescannten Manuskripten wiedererkennen, so der Plan. „Es ist ironisch und ein bisschen poetisch, dass die Schriftrollen, die während der vergangenen Ära der desaströsen physischen Methoden geopfert wurden, als Schlüssel dienen werden, um den Text derer, die überlebt haben, aber unlesbar sind, wiederzufinden. Und indem wir diese Texte digital wiederherstellen und lesen (…) bahnen wir uns einen Weg, um jegliche Art von Tinte auf jeglichem Untergrund von jeglichen beschädigten Kulturgegenständen zu enthüllen“, ist Brent Seales überzeugt. Für alle Beteiligten sei das ein Mammut-Projekt, heißt es auf der Seite der Britischen Forschungseinrichtung.

Seales freut sich vor allem auf frühe christliche Zeugnisse. Seine Forschung sieht er als Gelegenheit, seinen Glauben und seine Arbeit miteinander zu verbinden, erzählt er im Video, das von einer christlichen Studierendengemeinschaft veröffentlicht wurde. Zum Christentum gibt es bei dieser Thematik noch eine weitere, jedoch unschöne Verbindung: Denn die frühen Anhänger dieser Religion sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass keine weiteren antiken Bibliotheken mehr erhalten sind. Dies brachte die britische Historikerin Catherine Nixey im dieses Jahr erschienen Buch „Heiliger Zorn“ auf den Punkt: „Die Christen haben die Antike zerstört.“ Gerade einmal ein Hundertstel der lateinischen Literatur habe die Jahrhunderte überlebt, 99 Prozent seien für immer verschwunden. Mit viel Glück könnte nun das ein oder andere verschollene Werk wieder auftauchen.

Kategorien: Europa, International, Wissenschaft und Technologie
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