Gibt es einen guten Grund, andere Menschen schlecht zu behandeln?

18.12.2019 - Olivier Turquet

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch verfügbar.

Gibt es einen guten Grund, andere Menschen schlecht zu behandeln?
(Bild von Fran Gentico – Open Arms Italia)

Es gibt Dinge in dieser Welt, die offensichtlich sind, und die auch niemand anzweifelt. Darüber hinaus erleben wir auch oft Diskussionen zu Themen, die – wenn man sie genau betrachtet – eher unbedeutend oder absolut zweitrangig sind. Selten passiert es mir, Diskussionen oder Debatten zu Themen zu begegnen, die ich für wirklich wichtig halte.

Daher habe ich mir folgende Frage gestellt: Gibt es einen guten Grund, andere Menschen schlecht zu behandeln?

Manch einer wird denken, woher kommt diese seltsame Frage? Nun, sie kommt aus der Tatsache heraus, dass es mir passiert, Menschen zu sehen, die schlecht behandelt werden; aus der Tatsache heraus, dass es auch mir passiert, mich schlecht behandelt zu fühlen, aber vor allem, dass auch ich manchmal andere schlecht behandle.

Ich werde jetzt nicht weiter darauf eingehen, was „schlecht behandeln“ bedeutet, belassen wir es einstweilen dabei, dass es sich hier um ein Gefühl handelt: ich fühle mich schlecht behandelt, ich fühle, dass diese oder jene Person schlecht behandelt wird.

An diesem Punkt könnte jemand einwerfen: „Ja, es gibt Situationen, in denen es angemessen scheint, andere Menschen schlecht zu behandeln“. Zum Beispiel gibt es viele Fälle, in denen Kinder schlecht behandelt werden, „zu ihrem eigenen Wohl“, denn anstatt ihnen eine Erklärung für unsere Motivation zu geben, beschränken wir uns darauf, ihnen einfach nur zu sagen „das ist halt so!“.

Aber dieses Thema ist nicht nur ein persönliches, sondern auch ein soziales: wie viele Menschen behandeln wir einfach kategorisch schlecht und noch dazu auf verschleierte Art? Wie halten wir es mit dem subtilen psychologischen Schlechtbehandeln von Menschen ohne Arbeit? „Faule Nichtstuer!“. Und wie steht es mit der sehr einfachen Lösung, in den anderen den Grund für die eigenen Unzufriedenheit zu sehen? „Alles die Schuld der Ausländer!“

Wenn man genau hinsieht, so leben wir in einem System des allgemeinen Schlechtbehandelns. Heute habe ich eine Nachricht zur Wichtigkeit des Sichumarmens erhalten. Eine dieser vielen Ketten-Posts, die uns über unsere Smartphones erreichen. Warum müssen wir uns überhaupt solche „Gutmensch“-Nachrichten schicken? Wir könnten doch vielmehr die Menschen grüßen, die wir auf der Straße treffen oder sie sogar umarmen (physisch oder auch mental), zumindest jene, die uns das tun lassen (und davon gibt es mehr, als wir manchmal glauben).

Also stellen wir uns die Frage erneut: Gibt es einen guten Grund, andere Menschen schlecht zu behandeln? Nein, nicht wirklich! Vielmehr scheint es, dass wenn ich jemand aus anerzogener Gepflogenheit, aus Gewohnheit oder einfach nur aus schlechter Laune heraus schlecht behandle, ich zuerst hätte nachdenken und eine andere Lösung finden können. Scheinbar haben wir nie Zeit, aber gibt es denn etwas wichtigeres, als für einen Moment inne zu halten und über unser Leben nachzudenken? Bessere Strategien für unser Zusammenleben zu suchen?

Und wieder ist das Problem kein individuelles, sonder ein soziales: ich könnte nämlich versuchen, Räume zu schaffen, in denen man sich gegenseitig gut behandelt; und wenn ich darüber nachdenke, kann ich sogar Räume finden, in denen das bereits geschieht, kann die Eigenschaften solcher Räume studieren und sehen, was davon reproduzierbar ist, Zeit dafür aufwenden, anstatt ich weiß nicht wohin zu eilen.

Während dem Versuch, genau das zu tun, habe ich Folgendes entdeckt: nämlich, dass diese Räume genau jene sind, in denen Menschen andere Menschen so behandeln,wie sie selber behandelt werden möchten.

Eigentlich eine offensichtliche Angelegenheit, althergebracht, einfach und allen verständlich, die Goldene Regel aller Mystiker, Philosophen und Weisen aus allen Kulturen seit Menschengedenken.

Und so bleibt die Vermutung, dass genau dies auch der Schlüssel dazu ist, sich im Zusammenleben miteinander zu organisieren. Angefangen bei jedem Einzelnen von uns, um rasch die Erschaffung der neuen Welt voranzubringen, die wir immer dringender brauchen, heute mehr denn je.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, International, Meinungen
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