Die Grünen und die Macht der Verklärung

31.03.2019 - Gerhard Mersmann - Neue Debatte

Die Grünen und die Macht der Verklärung
(Bild von Mahdis Mousavi | Unsplash.com)

Nichts ist gefährlicher als die eigene Verklärung. Warum gefährlich? Weil sie dem Selbst ebenso ein falsches Bild übermittelt wie den anderen, die auch angesprochen werden sollen. In diesen Tagen ist wieder so eine Gelegenheit für die Verklärung.

Verklärung oder kritische Betrachtung

Die Grünen feiern ihr vierzigjähriges Bestehen und sie selbst wie eine Menge von Chronisten fügen Ereignisse zusammen und versuchen ein Bild zu malen, das der Geschichte einigermaßen gerecht wird. Dass das schwierig ist, ist zweifelsfrei, denn die Grünen waren eine Reaktion auf verschiedene Ausdrucksformen, die in der Gesellschaft herrschten und sie verstanden sich zunächst als Sammlungsbewegung. Letzterer ist zu eigen, dass sich verschiedene, höchst unterschiedliche Strömungen dort finden, die nicht unbedingt miteinander korrespondieren müssen.

Ich habe in meinem Gedächtnis gekramt und nach Eindrücken, Begegnungen und Einschätzungen gesucht, und es entstand ein Bild, das ich so gar nicht erwartet hatte.

Da waren die ersten Treffen, die so bunt waren, wie es heute gar nicht mehr existiert. Schräge Vögel wie den Bauern Baldur Springmann, exaltierte Pazifistinnen wie Petra Kelly [1] und ihren General und Vertreter [2], die aus dem Maoismus kamen, wie Ebermann und Trittin. Und natürlich die Frankfurter Fraktion mit Dominas wie Cohn-Bendit [3] und später Fischer [4]. Das alles geschah zu einer Zeit, als der Kalte Krieg noch tobte und Abrüstung eine Option sein sollte. Und sie griffen den Gedanken des Umweltschutzes auf, den niemand bis dahin auf dem Schirm hatte.

Sehr positiv war, dass diese neue Bewegung dem vorher in allen Lagern vorherrschenden Dogmatismus abschwor und nahezu libertäre Züge trug. Was der anfänglichen Aufbruchstimmung sehr schnell einen herben Rückschlag verschaffte, waren die intensiv und lange geführten Debatten über sexuelle Kontakte mit Kindern.

Die Bedeutung und die Lautstärke dieser irrsinnigen Diskussion wird bis heute unterschätzt. Und sie führte dazu, dass der Idee der neuen Bewegung viele gute Köpfe verloren gingen, weil sie sich abwandten. Der bis heute mysteriöse Selbstmord von Bastian und Kelly war auch so ein Ereignis, das nicht nur Verstimmung hinterließ.

Dogmatismus und Verhaltensvorschriften

Mit der Etablierung zur Partei, die in Parlamenten vertreten war und die allmählich auch Regierungsverantwortung übernahm, änderte sich sukzessive vieles. Der Gedanke pazifistischer Politik ging radikal verloren.

Die aktive Beteiligung an dem völkerrechtswidrigen Kosovo-Krieg bildete den dramatischen Auftakt, die Unterstützung der NATO-Osterweiterung und die Kriegshetze, die von Teilen der Grünen gegenüber Russland formuliert wird, sind der entsetzliche Endpunkt eines Pokers um die Macht, in dem ein Steckenpferd willentlich verhökert wurde.

An diesem Spieltisch saß ein grüner Außenminister, Joschka Fischer, der heute in einem amerikanischen Think Tank sitzt und die Großmachtpläne des amerikanischen Imperiums unterstützt.

Die anfänglich toleranten, liberalen, emanzipatorischen Ansätze sind, ebenfalls im Laufe der Jahre, einem Ensemble von Dogmatismus getragenen Gesetzen und Verhaltensvorschriften gewichen. Die Leichtigkeit, mit der der gesellschaftliche Diskurs geführt wurde, ist durch eine starre Haltung der Beharrung ersetzt worden.

Angst, Hysterie und Ausgrenzung

Die Muster sind und waren immer Weltuntergangsszenarien, aus denen sofortige Maßnahmen abgeleitet werden müssen, ansonsten geht das Dasein den Bach herunter. Wer nicht mitmacht, opfert die Welt. Angst und Hysterie sind oft die Trigger, nicht die Ratio. Und das Recht, sich zu dieser Ideenwelt im Gegensatz zu befinden, existiert nicht. Die Antwort ist Ausgrenzung. Mit Emanzipation hat dieses Besteck nicht mehr viel zu tun.

Obwohl sich immer noch viele Menschen dieser Bewegung anschließen, weil sie an die positive Zielsetzung, Emanzipation, Frieden und Ökologie glauben, hat sich vieles in das Gegenteil verkehrt.

Quellen und Anmerkungen

[1] Petra Karin Kelly (1947-1992) war eine deutsche Politikerin, Friedensaktivistin und Gründungsmitglied der Partei Die Grünen. Kelly wurde nach offizieller Version im Schlaf von ihrem Lebensgefährten Gert Bastian erschossen. Bastian tötete sich anschließend selbst. Die Leichen von Kelly und Bastian wurden am 19. Oktober 1992 aufgefunden. Die genauen Umstände des Todes wurden nie völlig aufgeklärt.

[2] Gert Bastian (1923-1992) war ein deutscher Generalmajor und Politiker (Die Grünen). Bastian war Gegner der geplanten Stationierung von nuklearen Mittelstreckenraketen in Europa (NATO-Doppelbeschluss). Er schloss sich der Friedensbewegung an, die er an führender Stelle mitorganisierte. 1980 initiierte er zusammen mit Josef Weber den „Krefelder Appell“ gegen die Stationierung neuer Atomraketen in Europa. Bastian war von 1983 bis 1987 Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 1983 bis 1987 war Bastian Mitglied des Deutschen Bundestages. Am 19. Oktober 1992 wurde Bastian mit seiner Lebensgefährtin Petra Kelly tot aufgefunden.

[3] Marc Daniel Cohn-Bendit (Jahrgang 1945) ist ein deutsch-französischer Publizist und Politiker von Bündnis 90/Die Grünen und Europe Écologie-Les Verts. 1968 wurde er Sprecher der Studenten in Paris. In den 1970er Jahren gehörte zur Sponti-Szene in Frankfurt am Main und engagierte sich ab 1978 für die damals entstehende Partei der Grünen. Von 1994 bis 2014 war er Mitglied im Europäischen Parlament.

[4] Joseph Martin “Joschka” Fischer (Jahrgang 1948) ist ein ehemaliger deutscher Politiker von Bündnis 90/Die Grünen. Er war von 1998 bis 2005 Außenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Vom 1. Januar 1999 bis zum 30. Juni 1999 war Fischer Präsident des Rats der Europäischen Union. Nach seiner politischen Laufbahn war er beratend für verschiedene Wirtschaftsunternehmen beziehungsweise Konzerne tätig. Fischer legitimierte auf dem Kosovo-Sonderparteitag in Bielefeld 1999 in einer Rede den Einsatz beziehungsweise die Beteiligung deutscher Truppen am Kosovokrieg. Fischer engagiert sich u.a. beim European Council on Foreign Relations (Infos auf NGO Monitor; https://www.ngo-monitor.org/ngos/european_council_on_foreign_relations_ecfr_0/; abgerufen am 30.03.2019)


Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Meinungen, Ökologie und Umwelt, Politik
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