Gab es im Bayerischen Nationalmuseum jahrelang Missstände?

18.10.2017 - Flo Osrainik

Gab es im Bayerischen Nationalmuseum jahrelang Missstände?
Bayerisches Nationalmuseum (Bild von Rafael Fernandes de Oliveira | CC BY-SA 3.0, wikimedia commons)

Lange gingen Gerüchte über Geldunterschlagung und Mobbing beim Personal um. Was ist an den Vorwürfen dran? Die Zuständigen im Museum schweigen beharrlich.

In einem anonymen Schreiben aus dem Jahr 2012 heißt es, dass viele Kollegen »unter Mobbing durch Vorgesetzte und alteingesessene Mitarbeiter, die seit mehr als zwanzig Jahren unverändert an der Kasse arbeiten« leiden. Auslöser für das von zwei Mitarbeitern verfasste Schreiben waren Berichte über Ermittlungen wegen Veruntreuung von Geldern in Schloss Neuschwanstein. Im Bayerischen Nationalmuseum (BNM) ginge »es noch schlimmer zu«. Das damals an diverse Medien, unter anderem an die Augsburger Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung, adressierte Schreiben führte zwar zu keiner Veröffentlichung, gelangte aber an die Museumsleitung.

Gerüchte über die »Veruntreuung öffentlicher Gelder und der Bildung von „schwarzen Kassen“«, durch die dem Museum jedes Jahr mehrere Tausend Euro entgehen, wie es in dem Brief weiter heißt, gingen angeblich um. Konkret seien seit Jahren etwa Preisdifferenzen bei falsch ausgestellten Tickets vereinnahmt, Audioguides und Museumskarten unquittiert oder dieselben Garderobenmarken mehrmals ausgegeben sowie Trinkgelder über Jahre einkassiert worden. Kollegen im Aufsichtsdienst, die auf die Missstände hinwiesen, wurden von anderen Mitarbeitern und Vorgesetzten gemobbt, wie aus interner Korrespondenz hervorgeht.

Aus Mangel an Beweisen

Handfeste Belege für die systematische Unterschlagung von Geldern gab es allerdings keine. Aus Angst um ihren Arbeitsplatz – es soll zu Anfeindungen wie »scheiß Jude«, verbaler sexueller Belästigung, dem Einsperren in dunklen Räumen oder Unterschriftensammlungen gegen bestimmte Kollegen gekommen sein – wagten nur wenige Mitarbeiter die Vorwürfe anzusprechen. Auch wären Krankschreibungen zurückgehalten worden und sogar von Pfusch bei den Sanierungsarbeiten des Nationalmuseums war die Rede.

Die Leitung im BNM musste aber schon seit 2011 über die Missstände informiert gewesen sein, da in einem von mehreren Kollegen unterzeichneten Gesprächsprotokoll an den Personalrat von »Unklarheiten bei der Abrechnung bzw. Auffälligkeiten beim Kartenverkauf bei Sonderausstellungen und bei der Ausgabe der Audio-Guides« berichtet wurde. Es sei ein offenes Geheimnis, »dass bei der Abrechnung […] in den vergangenen Jahren Unkorrektheiten aufgetreten sind.« Auch von privaten Feiern einiger Mitarbeiter war die Rede. In einer späteren Mail vom November 2011 wird ebenfalls darum gebeten, den Verdacht »der nicht korrekten […] Kassenbedienung« im Personalrat anzusprechen. Und 2013 schrieben fünf Mitarbeiter aus dem Aufsichtsdienst an die Museumsleitung, dass sich Kollegen mehrfach wegen Mobbing »an die weiteren Vorgesetzten und den Personalrat, jeweils ohne Erfolg«, gerichtet haben.

Doch anstatt die Vorwürfe zu überprüfen und die Missstände zu beseitigen, wären die Verdächtigen ständig von oben gedeckt worden, was unter anderem dazu führte, dass ein Mitarbeiter im November 2011 Auskünfte über ein Vorgehen wegen Korruption bei der Polizei einholte. Im Juni 2012 wandten sich dann weitere Mitarbeiter in einem gemeinsamen Schreiben an Regierungsdirektor Robert Kichmaier, um über die Vorkommnisse im BNM zu berichten.

Kampf gegen Windmühlen

Besonders ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte, ließ dabei nicht locker und prangerte die Missstände intern immer wieder an, was zu einer Abmahnung, seiner psychische Erkrankung und letztlich zur Kündigung des Arbeitsverhältnisses und seiner Wohnung führte. Nachdem er mit seinen Vorwürfen im BNM kein Gehör fand, wandte er sich im Laufe der Zeit auch an externe Stellen und klopfte dabei an immer größere Türen.

So antwortete ihm das Bayerische Staatsministerium mit Schreiben vom 16. August 2012, dass sein Verdacht der Geldunterschlagung durch Mitarbeiter im BNM »im Wesentlichen nicht haltbar bzw. beweisbar« wäre. Die routinemäßige Prüfung der Geldannahmestelle blieb ohne Beanstandung, wie die Museumsleitung dem Staatsministerium versicherte. »Gleichwohl seien die Einnahmen im Garderobenbereich umgestellt und die Trinkgeldkasse aufgelöst worden.« Für eine weitere Sachverhaltsaufklärung würden keine Ansatzpunkte vorliegen.

Auch eine in der Folge gestellte Strafanzeige wurde zurückgewiesen, »da ein Tatnachweis nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit geführt werden« könne.

Dabei heißt es im Korruptionsleitfaden des Freistaats Bayern, dass »die Aufdeckung von Korruptionshandlungen« mangels eines »beschwerdeführenden Geschädigten« grundsätzlich erschwert ist. Trotzdem ist »Indizien nachzugehen und den Dienstvorgesetzten unverzüglich« mitzuteilen. Mitarbeiter, die Hinweise geben, sollten vor »Anfeindungen aus dem Kollegenkreis« geschützt werden. Korruption ist kein Kavaliersdelikt und würde schon mit »kleinen Gefälligkeiten« anfangen.

Hartnäckiges Schweigen im BNM

Im Bayerischen Nationalmuseum hüllt man sich indes in Schweigen. Auf Nachfrage, was an den Vorwürfen dran sei, ob man bemüht war, mögliche Missstände aufzudecken, und wie die Auftragsvergabe bei der Sanierung des Museums ablief, könne man keine Auskunft erteilen und verwies lediglich auf den bis 27. September 2017 beurlaubten Verwaltungsleiter Dietmar Ruf. Doch auch nach diesem Termin gab es keine Antwort, weder von Ruf noch von der Pressestelle. Ebenso unbeantwortet blieb eine weitere Anfrage bei einem Mitglied des Personalrats.

Für den hartnäckigen Mitarbeiter setzten sich zwar einige seiner Kollegen immer wieder ein, doch bröckelte der Wille zur Aufklärung über die Jahre. Intern riet man ihm schon frühzeitig »über manche Dinge künftig hinwegzusehen«, denn könne er keine belastbaren Angaben vorlegen, sehe man für ihn »wirklich eine große Gefahr.« Im Mai 2017 reichte er eine Petition beim Bayerischen Landtag ein, um doch noch Bewegung in die Sache zu bringen. Einen konkreten Termin für die abschließende Beratung im Ausschuss für Fragen des öffentlichen Dienstes gibt es bisher allerdings nicht. Das zuständige Staatsministerium hat bis heute noch keine Stellungnahme dazu vorgelegt.

Nachtrag: Nachdem dieser Beitrag am 11. Oktober 2017 dem Münchner Merkur und der Süddeutschen Zeitung in einer ersten Fassung angeboten wurde, an einer Veröffentlichung war man nicht interessiert, es erfolgte keine Rückmeldung, meldete sich die Polizei am 12. und 13. Oktober 2017 bei dem gekündigten Mitarbeiter. Es würde im Nachgang zur seiner Anzeige gegen Verantwortliche des Bayerischen Nationalmuseums und seiner dazu im Mai eingereichten Petition an den Bayerischen Landtag »noch Abklärungsbedarf« geben. Wenige Tage später teilte man ihm mit, dass er wegen seiner Petition mit negativen Konsequenzen zu rechnen hat.

Kategorien: Politik
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