Von Jonathan Widder, Good Impact Magazin

Der Architekt Van Bo Le-Mentzel hat ein Haus entworfen, das nur 100 Euro Miete im Monat kostet und doch alle Funktionen einer normalen Ein-Zimmer-Wohnung bietet. Die 100-Euro-Wohnung ist seine Antwort auf überteuerte Großstadt-Mieten. Wer will, kann bereits probewohnen.

Horrende Mieten in Großstädten waren vor ein paar Jahren noch ein Problem, das man vor allem aus dem Ausland kannte: aus London, Paris oder New York. Mittlerweile treiben steigende Wohnungspreise aber auch viele Deutsche in die Verzweiflung.

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“, heißt es in Rilkes Gedicht Herbsttag. Und auch wenn es darin eigentlich nur um das Ende des Sommers geht, haben viele dieses Gefühl ganz allgemein: dass es für sie langsam unmöglich wird, noch eine bezahlbare Wohnung zu finden.

100 Euro Miete im Monat

Der Architekt und Social Entrepreneur Van Bo Le-Mentzel hat schon öfter mit originelle Ideen gezeigt, wie viel man aus Geld machen kann: zum Beispiel mit den Hartz-IV-Möbeln. Nun hat er im Rahmen seiner Tinyhouse University ein Haus entworfen, dessen Grundfläche nur 6,4 Qudratmeter hat, und das doch alle Funktionen einer normalen 1-Zimmer-Wohnung erfüllt: Bett, Schreibtisch, Dusche, WC, Kochgelegenheit.

Wer darin wohnen will, muss im Monat nur 100 Euro Miete zahlen. Und das beinhaltet sogar Strom, Heizung und Internet. Das klingt unglaublich; es scheint aber dank einer raffinierten Raumnutzung ziemlich gut zu funktionieren.

Wem eine Wohnung nicht reicht, der mietet sich halt gleich mehrere

Einer der Tricks dabei ist die Deckenhöhe von 3,60 Metern, die es erlaubt, Platz auf zwei Stockwerken zu schaffen. Wem der Platz dennoch nicht reicht, der kann mehrere Wohnungen kombinieren und die doppelten Bereiche anderweitig nutzen. Die Preise erlauben es ja.

Van Bo’s Konzept ist ohnehin, mehrere der kleinen Häuser zusammenzustellen, so dass in der Mitte ein zusätzlicher Gemeinschaftsbereich entsteht, der Co-Being Space. Für die Co-Being Häuser können bis zu drei Tiny Houses übereinandergestapelt werden. „Dort kann gemeinsam gekocht, gegessen, gespielt und gearbeitet werden“, so Joachim Klöckner, Energieberater und Minimalismus-Coach bei der Tinyhouse University.

Diesen Co-Being Space gestalten entweder die Mieter gemeinsam oder er wird von einem Floor-Manager betreut und gestaltet. Der Vorteil zu einer WG: Jeder Mieter hat ein eigenes Bad und eine eigene Küche und kann sich bei Bedarf von der Gemeinschaft zurückziehen.

Neue Chancen für Wohlfahrtstaat und Flüchtlingspolitik

„Architekten, Städteplaner und Investoren erschaffen in ihren kleinsten Grundrissen meist überteuerte VW-Polo Wohnungen, wo die Mieter teilweise mehr als 20 Euro pro Quadratmeter zahlen“, meint der studierte Architekt Van Bo Le-Mentzel. „Wenn es in in jeder Stadt 100-Euro-Wohnungen gäbe, würde das den gesamten Blick auf unseren Wohlfahrtstaat und Flüchtlingspolitik verändern. Man bräuchte keine Flüchtlings- und Obdachlosenheime mehr. Ein Bettler kommt allein durchs Betteln oder Flaschensammeln auf einen Monatsumsatz von 200 bis 400 Euro im Monat.“

Auch für Studenten könnte die 100-Euro-Wohnung interessant sein. Oder für Singles, die etwas mehr Gemeinschaft in ihr Leben bringen wollen, ohne gleich einen wöchentlichen Putzplan aufstellen zu müssen.

In jedem Fall zeigt das Konzept der 100-Euro-Wohnung, dass unbezahlbare Mieten kein unabwendbares Schicksal sein müssen. Bezahlbarer Wohnraum ist offenbar nicht zuletzt eine Frage des Designs.

Seit kurzem kann die 100-Euro-Wohnung auch besichtigt werden (Carl-Herz Ufer 9, Berlin-Kreuzberg). Jeden Donnerstag um 16 Uhr bieten die Kuratoren Leonardo Di Chiara und Katrin Hoffmann Hausführungen an. Wer in Deutschlands kleinster Wohnung probewohnen will, kann sich bei Katrin Hoffmann unter hoffmann (at) bauhauscampus (dot) berlin dafür anmelden.

Fotos: Tinyhouse University, Van Bo Le-Mentzel

Der Originalartikel kann hier besucht werden