Crystal Zevon: der Kampf von Standing Rock hat einen starken spirituellen Hintergrund

17.12.2016 - Anna Polo

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Griechisch verfügbar.

Crystal Zevon: der Kampf von Standing Rock hat einen starken spirituellen Hintergrund
(Bild von https://www.facebook.com/czevon)

Die Videokünstlerin Crystal Zevon, die sich mit den Defenders of the Black Hills für ein Verbot von Uranabbau stark gemacht hatte, verbrachte mehrere Wochen in Standing Rock, um die Water Protectors in ihrem Kampf gegen das Dakota Access Pipeline Projekt zu unterstützen. Wir haben folgendes Interview mit ihr geführt:

Wie hast Du die Atmosphäre in Standing Rock empfunden?

Ich war zweimal in Standing Rock. Das erste mal war im Oktober und November, bevor es kalt wurde. Von dem Moment an, an dem wir im Oceti Sakowin Camp ankamen (dem Hauptlager, das jetzt All Nations Camp heißt), wurden wir willkommen geheißen. Die Leute waren sehr hilfsbereit und zuvorkommend, zeigten uns, wo die Kochgelegenheiten waren, wo die Spendenzelte waren (sowohl um die von uns mitgebrachten Spenden abzugeben, als auch für den Fall, dass wir selber etwas benötigten), wo das große heilige Feuer immerwährend brannte und wo regelmäßig Gebete, Zeremonien und Informationsveranstaltungen abgehalten wurden. Ich hatte schon einmal für 4 Monate in einem Zelt gelebt, in Washington D.C. während der Occupy Bewegung, und so empfand ich die Atmosphäre als vertraut und doch war da auch noch etwas anderes. Das wurde mir ziemlich bald bewusst, denn die Lager in Standing Rock haben einen starken spirituellen Hintergrund, die Dinge liefen dort sehr reibungslos ab. Die Leute hatten Geduld. Sie hatten immer ein freundliches Lächeln und waren durchgehend sehr hilfsbereit. Wenn einem die indigenen Gebräuche fremd waren, war immer jemand da, der sie einem erklärte.

An gleichen Tag, als ich zusammen mit meinen Freunden im Lager ankam, reisten auch 500 interreligiöse Anführer an. Der Geist von Solidarität und dem Wunsch, alle Glaubensrichtungen mit einzubinden, war offensichtlich. Wir nahmen an mehreren interreligiösen „Aktionen“ teil, die alle voller Friede und Gebete waren. Es gab sogar einen Vergebungsmarsch, bei dem wir von einem Park in Bismarck zum Büro des Sheriffs liefen und den Polizisten dort die Hand schüttelten und sie sogar umarmten, um ihnen Vergebung für die raue Behandlung zu signalisieren, die viele erlebt hatten und Entschuldigungen für Überschreitungen seitens der Water Protectors zu überbringen.

Mein zweiter Besuch war im Dezember, als die Veterans ankamen. Es war bitterkalt und die Lager waren überfüllt mit tausenden von Menschen, die helfen wollten. Wie auch schon zuvor wurde jeder begrüßt und liebevoll und mit Respekt behandelt, aber es gab auch Spannungen, weil es zu viele Menschen waren, um sich sofort in die Lakota Art, die Dinge zu tun, einzufügen. Die Veterans, die nicht im Lager übernachteten, waren nicht so gut organisiert und das schaffte eine andere Atmosphäre. Aber trotzdem überwogen Gebete und Zeremonien vor jeglicher Negativität. Es war am heiligen Feuer, als Chairman Dave Archambault ankündigte, dass das US Army Corps of Engineers die Genehmigung verweigert hatte. Da war unglaubliche Erleichterung und es wurde gefeiert. Aber schon am nächsten Tag legte die Firma, der die Dakota Access Pipeline gehört, Beschwerde ein, um weiter bohren zu können und somit war klar, dass die Arbeit der Water Protectors noch nicht getan war.

Was hat Dich dazu bewegt, den Kampf der Indianer gegen die Pipeline zu unterstützen?

Ich denke, die Frage müsste vielmehr lauten „was hat mich dazu bewegt, die Water Protectors in ihrem Kampf um sauberes Wasser für alle zu unterstützen, heilige Stätten und Gräber vor Zerstörung zu schützen und vertraglich zugesichertes Land zurückzuholen?“. Ich arbeite nun seit einigen Jahren mit indigenen Völkern. Zusammen schufen wir die Organisation Clean up the Mines (www.cleanupthemines.org) und haben einen Gesetzesentwurf fertig, um in den amerikanischen Kongress eingebracht zu werden und 15.000 verlassene Uranbergwerke in den Vereinigten Staaten zu dekontaminieren. Eine der Frauen, mit denen wir arbeiten, Charmaine White Face, ist vom Stamm der Oglala Lakota Sioux, und eine andere, Klee Benally, vom Stamm der Navajo. Durch sie habe ich viel über indigene Kultur gelernt und ich glaube, dass Probleme wie Klimawandel, Umweltverschmutzung etc. gelöst werden könnten, wenn wir nur auf indigene Weisheit hören würden und unseren Lebensstil ändern würden, um die Erde zu heilen, anstatt sie weiter zu schädigen. Ich wurde im Besonderen von Standing Rock angezogen, weil da etwas Historisches passierte. Menschen aus der ganzen Welt versammelten sich dort. Von dem Moment an, an dem ich ankam, veränderte sich etwas in mir. Das Gefühl der Gebete war sehr stark… das Gefühl, dass wir zusammen die Erde heilen können, wurde greifbar.

Gab es eine Situation während Deines Aufenthaltes, die Dich besonders berührt hat?

Mein schönster Moment war nach einer Aktion, bei der um die 700 von uns zu einem Parkplatz gingen, wo Sicherheitskräfte und Arbeiter von DAPL ihre Autos parkten, um dort zu beten…. Indianer und Farbige formten einen Kreis und hielten eine Medicine Wheel Zeremonie. Alle weißen Verbündeten formten einen äußeren Kreis, um den inneren Gebetskreis zu schützen. Die Polizei kam und umzingelte uns von allen Seiten, aber sie griffen nicht ein. Am nächsten Tag hatten wir eine Besprechung und ein Lakota Mann stand auf und sagte: „Ich war von Anfang an hier, seit vielen Monaten. Bis gestern haben wir nie eine Gebetszeremonie beendet. Die Polizei hatte uns immer angegriffen. Ihr weißen Leute, die ihr zwischen uns und der Polizei gestanden seid, ihr seid nicht mehr unsere Verbündete. Ihr seid unsere Verwandte. Ihr seid unsere Brüder und Schwestern.“ Ich war tief berührt und diese geistige Verbindung bleibt weiterhin stark in mir.

Welchen Wert hat Deiner Meinung nach die Gewaltfreiheit in diesem Kampf?

Ich glaube, dass das Bekenntnis zu Gebet und Gewaltfreiheit dieser Bewegung Stärke und Glaubwürdigkeit verliehen hat. Die Polizei behauptet weiterhin, es gäbe Gewalt seitens der Water Protectors. In fast einem Monat und zwei Aufenthalten im Lager habe ich nie auch nur einen Zwischenfall von Gewalt erlebt. Gewalt schafft nur mehr Gewalt. Liebe gewinnt.

Wie siehst Du die Zukunft dieses Kampfes jetzt, da Trump seine Unterstützung für das Pipeline Projekt angekündigt hat?

Ich glaube nicht, dass sich der Charakter des Kampfes seitens der Water Protecors groß verändern wird. Sie sind entschlossen. Es geht darum, die Erde für zukünftige Generationen zu bewahren. Es macht mir Angst, zu wissen, dass die Lakota bis zum Tod bleiben werden. Traurigerweise traue ich es Trump oder auch dem Morton County Sheriff zu, Menschen zu töten. Alles wird schwieriger mit Trump, aber ich weiß, dass diejenigen unter uns, die diese Erde lieben, sich die Hände reichen müssen und sie weiter verteidigen müssen, mit jeder Faser unseres Seins.

Übersetzung aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Indigene Völker, Interviews, Nordamerika, Ökologie und Umwelt
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