Sophie Wagenhofer über den jüdisch-muslimischen Dialog

17.10.2015 - ProMosaik

Sophie Wagenhofer über den jüdisch-muslimischen Dialog

Dr.  Sophie Wagenhofer ist Historikerin und Museologin mit einem besonderen Interesse für die Kulturen und Gesellschaften des Nahen Ostens und Nordafrikas. Sie studierte Geschichte, Judaistik und Islamwissenschaft in Wien und Berlin und verbrachte während des Studiums mehrere Monate im Nahen Osten. Über zehn Jahre arbeitete sie im Jüdischen Museum Berlin, wo sie unter anderem ein bildungspädagogisches Konzept für den jüdisch-muslimischen Dialog entwickelte. 2005 ging Sophie Wagenhofer nach Marokko, wo sie im Jüdischen Museum in Casablanca arbeitete und ihre Doktorarbeit über das Museum und seine politische und soziale Funktion vorbereitete. Nach fünf Jahren akademischer Arbeit an Humboldt Universität und dem Zentrum Moderner Orient arbeitet sie heute beim Berliner Wissenschaftsverlag De Gruyter. Das Ziel unseres Interview mit Frau Dr. Wagenhofer bestand darin, Wege zu finden, in dieser schwierigen Zeit des Nahostkonflikts den muslimisch-jüdischen Dialog hervorzuheben, vor allem am marokkanischen Beispiel von Simon Levy, der so schön sagte: „Meine Religion ist das Judentum, meine Kultur der Islam“.

Milena Rampoldi: Was bedeutet für Sie jüdisches Selbstbewusstsein als Minderheit im islamischen Raum? Wie kann religiöse und kulturelle Vielfalt im Sinne eines Mosaiks zu einer toleranten und offenen Gesellschaft beitragen, indem man Unterschiede würdigt und betont? Wie kann das Judentum in Marokko und im Ausland dazu beitragen?

Sophie Wagenhofer: Ich denke, es ist wichtig Vielfalt, kulturelle, sprachliche und religiöse Unterschiede immer wieder als Wert und Bereicherung zu beschreiben. Dabei sind Akteure aus unterschiedlichen Feldern, wie Politik, Bildung, Medien, Kunst und der Zivilgesellschaft gefragt. Über das reine „Sprechen“ hinaus muss diese Vielfalt auch tatsächlich positiv erfahrbar gemacht werden, um zu zeigen, wo und wie diese Vielfalt für Menschen im Alltag einen Wert darstellt. Für das Beispiel des marokkanischen Judentums wären Kunst- und Kulturpräsentationen im Rahmen von Festivals, Konzerten oder Ausstellungen denkbar, oder auch der Blick auf den Beitrag einzelner Personen für Politik, Gesellschaft, Kunst oder Wirtschaft. Auf diese Weise könnte der Beitrag der marokkanischen Jüdinnen und Juden an der marokkanischen Kultur deutlich gemacht werden.

Eine Gruppe allein wird wenig ausrichten können. Die Arbeit an einer pluralen Gesellschaft und am Abbau von Vorurteilen funktioniert nur, wenn die Mehrheitsgesellschaft mit der Gruppe, welche die Minderheit darstellt, zusammen agiert. So können die marokkanischen Jüdinnen und Juden alleine und isoliert wohl keinen starken Beitrag leisten, sondern nur im Dialog. Es ist aber wichtig, dass sich die marokkanischen Jüdinnen und Juden selbst auch offen und vor allem positiv mit ihrem „Marokkanisch-Sein“ auseinandersetzen und dies auch im Alltag bejahen.

Wie können wir durch Initiativen wie die des Jüdischen Museums in Casablanca zur islamisch-jüdischen Freundschaft beitragen? Denke hier vor allem an den Nahostkonflikt und seinen negativen Einfluss auf diese Freundschaft.

An dieser Stelle ist „Freundschaft“ vielleicht ein sehr großes Wort. Vielleicht müssen Menschen unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit nicht gleich „befreundet sein“. Sie sollten sich aber auch bloß „tolerieren“. Es sollte vielmehr eine Selbstverständlichkeit sein, das Menschen unterschiedlicher ethnischer, religiöser oder sprachlicher Zugehörigkeit zusammenleben können. Dafür sind die Begegnung mit „dem Anderen“ und das Lernen über „den Anderen“ zentral. Da solche Begegnungen heute im Alltag nicht mehr so selbstverständlich stattfinden (einfach aus dem Grund, weil es nicht mehr so viele Jüdinnen und Juden in Marokko gibt und darüber hinaus unbefangene Begegnungen durch den Einfluss des Nahost-Konflikts schwieriger geworden sind), braucht es Begegnungsräume, wie beispielsweise Vereine oder Veranstaltungen. Ein solcher Ort ist das jüdische Museum in Casablanca. Es trägt dazu bei, dass muslimischer Besucherinnen und Besucher jüdische Kultur als Bestandteil ihrer eigenen wahrnehmen können. Zudem ermöglicht es Begegnung und Austausch.

In Bezug auf Israel ist meiner Meinung nach eine offene Diskussion wichtig. Der Konflikt ist sehr komplex und wird auf unterschiedlichen Ebenen politische instrumentalisiert. Vielleicht ist der Weg, den Simon Levy im Museum gewählt hat, nämlich Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Muslimen in den Vordergrund zu stellen, ein guter. Denn bevor über den Nahostkonflikt gesprochen werden kann, müssten erst viele Berührungsängste und Vorurteile aus dem Weg geräumt werden, die mit dem Konflikt zunächst nichts zu tun haben, durch diesen aber genährt und verstärkt werden.

Jüdisches Selbstbewusstsein in einem arabisch-muslimischen Staat bedeutet aus meiner Sicht, sich selbstverständlich als Teil der Gesellschaft zu verstehen, auch wenn die Mehrheitsgesellschaft muslimisch ist. Als Jude zu sagen: „Ja ich bin Marokkaner oder Türke oder Iraner“ und nicht „Die anderen sind Marokkaner und ich bin Jude“, das zeigt für mich jüdisches Selbstbewusstsein. Bis heute hört man sowohl von Muslimen als auch von Juden häufig die Unterscheidung „Marokkaner (=Muslime) und Juden“. Aber dieses Phänomen gibt erschreckender Weise es auch noch in Deutschland („Juden und Deutsche“) und anderswo.

Wie können Museen zur Vermittlung jüdischen Lebens beitragen?

Museen leisten insbesondere dort einen wichtigen Beitrag, wo gelebte Kultur aus dem Alltag verschwunden ist, wo die jüdische Minderheit so klein ist, dass es persönliche Begegnungen nur noch selten gibt. Museen sind Institutionen, die zur unverbindlichen Information einladen; ein Interesse muss nicht legitimiert oder begründet werden. Ein Museumsbesuch gehört inzwischen – zumindest für ein „Bildungsbürgertum“ zum normalen Kanon der Freizeitgestaltung und Weiterbildung. Interessierte müssen sich nicht gleich in einem Verein engagieren oder in direkten Kontakt mit dem Gegenüber treten, wenn sie das (zunächst) nicht möchten. Museen sind aber nicht nur Orte der Information, sondern ermöglichen auch Begegnung und Partizipation. Insbesondere im Rahmen von kulturellen und politischen Veranstaltungen oder auch Workshops wird gemeinsam gesprochen und diskutiert. Ein Museum kann auch Lücken schließen, die es beispielsweise im Bildungssystem gibt und Einblicke geben, die Lehrer im Klassenraum nicht liefern können.

Auf einer abstrakteren Ebene schaffen es Museen im öffentlichen Diskurs einem Thema Raum und damit Bedeutung zu verleihen. Ein Thema, dass es ins Museum „geschafft“ hat scheint bedeutend, bekommt medial und auch politische Aufmerksamkeit und vor allem Raum. Dies wird auch von Menschen wahrgenommen, die ein Museum selbst vielleicht gar nicht besuchen, wohl aber in Medien darüber lesen oder es als Gebäude im öffentlichen Raum wahrnehmen.

Wie wichtig ist die Vernetzung von Vereinen und Institutionen, um den Dialog zwischen Juden und Muslimen heute zu fördern?

Ich denke, es ist sehr wichtig, dass sich Vereine über Genregrenzen (also politische Gruppen, kulturelle Organisationen oder auch „Freizeitvereine“) sowie über nationale Grenzen vernetzen und austauschen, denn jeder bringt andere Erfahrungen mit. Je nach Kontext gibt es unterschiedliche Ansätze und Probleme, aber auch vielfältige Perspektiven. Vielleicht tut es einer politischen Gruppe gut, sich einmal die ganz „banale“ Arbeit eines interkulturellen Sportvereins anzuschauen und zu sehen, wie Zusammenleben tatsächlich im Alltag funktionieren kann. Vielleicht gelingt es durch einen kulturellen Ansatz im Alltag scheinbar unüberbrückbare Gräben überwinden, indem in der Kunst plötzlich doch eine gemeinsame Sprache gesprochen wird, welche in politische Debatten noch keinen Einzug gehalten hat. Solche Perspektivwechsel können sehr hilfreich sein. Es lohnt sich auch immer der Blick darauf, wie Dialogarbeit in unterschiedlichen Ländern ausgestaltet wird. Gerade im Fall von jüdisch-muslimischem Dialog in Marokko, denke ich hier an Kanada, Frankreich und Israel. Hier können verschiedene Impulse für Institutionen und Vereine sehr viel bringen.

Die Vorbildfunktion des Museums und des Erbes von Levy sind für ProMosaik das, was dieses Museum heute der Welt beibringen kann. Wie würden Sie diese beiden Aspekte unseren Leserinnen und Lesern schildern?

Die Arbeit von Simon Levy ist in mehrfacher Hinsicht für mich beeindruckend. Er hat einfach nicht akzeptiert, dass aufgrund politischer Entwicklung eine ganze Kultur, seine Kultur, verloren gehen soll. Es hat dafür gekämpft, dass Sprache, Kultur und Traditionen des marokkanischen Judentums nicht einfach verschwinden. Seine kulturpolitische Arbeit zeigt, dass ein Mensch mit Überzeugung sehr viel bewirken kann. Er hat dieses Museum mit seiner Ausstellung, all seinen Veranstaltungen und Aktivitäten selbst aufgebaut. Er hat sich immer Zeit genommen, mit allen Interessierten persönlich zu sprechen. Denn der Austausch, das Sich-Kennenlernen, der Abbau von Vorurteilen beginnt in einer persönlichen Begegnung. Jeder war willkommen, mit jedem hat er seine Botschaft geteilt. Mich hat beeindruckt, dass er frei von Illusion und Naivität unermüdlich für ein Miteinander ohne Rassismus, Vorurteile und Hass plädiert hat, für ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller Menschen. Er hat nichts verklärt und nichts beschönigt, aber er hat aufgezeigt was möglicht ist, wenn wir Vorurteile, Ignoranz und Intoleranz ablegen. Dies war für ihn ein ganz grundsätzliches Anliegen, dass sich nicht nur auf Juden und Muslime bezog, sondern auch auf alle anderen Fragen von Ausgrenzung, Benachteiligung und Ungleichheit. Ich habe selten jemanden kennen gelernt, der so deutlich Missstände angesprochen hat und so klar alternative Lesarten und Handlungsoptionen angeboten hat, um einem gleichberechtigten Miteinander näher zu kommen.

Im Rahmen der Ausstellung sind seine Arbeit und sein Anliegen heute noch erfahrbar. Allerdings reicht die reine Präsentation von Objekten nicht aus; um Dialog nachhaltig zu fördern. Es braucht nach wie vor jemanden, der die Objekte zum Sprechen bringt und es braucht auch über die Ausstellung hinaus Räume der Begegnung. An dieser Stelle möchte der neu gegründete Verein AAMJM (Les Amis du Musée du Judaisme Marocain) ansetzen, um die Arbeit des Museums genau in diesem Punkt zu unterstützen. Wir wollen aktiv das jüdische Erbe weiter erhalten und Möglichkeiten eines Austauschs zwischen marokkanischen Juden und Muslimen bieten.

sophie.wagenhofer

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Interviews, Mittlerer Osten, Vielfalt
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