Auf den kuriosen Pfaden, auf denen das Leben beizeiten wandelt, treffe ich – diesmal per Telefon und Internet – Chandra Candiani, Poetin, Übersetzerin und Lehrerin vieler Dinge für Menschen jeden Alters. Es gibt Personen, die sich mir offenbaren, als hätten wir uns schon seit jeher gekannt. Chandra ist eine davon. So haben wir dieses Interview über gewisse „unnütze“ Dinge gemeinsam erstellt…

Eine wichtige Tätigkeit, der Du nachgehst, ist das Erschaffen von Poesie mit kleinen Kindern. Kannst Du uns davon erzählen?

Seit ein paar Jahren gehe ich in die Grundschulen, um Poesie-Seminare zu halten, die man vielleicht besser „Ansaaten“ nennt, denn ich sähe die Samen und gehe dann. Nach Möglichkeit wähle ich Schulen in der Peripherie mit vielen Kindern, die aus anderen Ländern kommen und verschiedene Sprachen sprechen, oftmals auch Kinder von Roma. Als ich anfing, hatte ich keine Ahnung, was und wie ich es tun würde. Und diese Unwissenheit, zusammen mit meiner Angst, haben mir sehr geholfen, denn die Kinder spüren dies: eine unentschiedene und unsichere Erwachsene zu treffen, führte dazu, dass sie sich wohlfühlten und eine Kommunikation mit viel Wärme und auf gleicher Ebene entstand. Schritt für Schritt konnte ich so gemäß ihrer und meiner Art so etwas wie eine Methode erschaffen, eine Art des Zusammenseins und des Austauschs von Worten und Schweigen, denn die Poesie, teilweise auch dank der immer neuen Zeilenanfänge, ist eine Schülerin des Schweigens und besteht sicherlich nicht nur aus Worten. Durch die Poesie haben wir einen Weg gefunden, Wörter in die Welt zu bringen, sie entstehen zu lassen, aber auch all das zu benennen, was sonst zu kurz kommt und keine Platz hat im Unterricht: Gefühle, Ängste, Wut, Einsamkeit, Freude, also all das, was im Leben unsichtbar ist. Die Kinder sind meine Lehrer, und das sage ich nicht nur so. Sie vermitteln mir, wo ich bin, sie entlarven mich, sie sind nicht gefällig.

Einmal war da ein Kind in einer Schule, ein Junge, der sehr wenig sprach und der meiner Meinung nach das schönste Gedicht über das Schweigen geschrieben hat:

Das Schweigen.

Mond.

Verstehst Du, noch nicht einmal den Artikel davor zu setzen, lässt das Schweigen förmlich spürbar werden; das nächtliche Schweigen, so tief, dass man gerade noch ein paar Buchstaben aussprechen kann, weil man so versunken ist. Also die Lehrerin hat mir erzählt, dass er einmal mit einem Schraubenzieher in die Schule kam und Kinder und Erwachsene damit bedrohte. Sie fragte ihn: „Und warum hast Du den Schraubenzieher nicht auch bei der Poetin ausgepackt?“. „Weil sie ihn nicht brauchte“ war die Antwort. Als sie mir das erzählte, wurde mir klar, wie prekär meine Position ist – ich könnte von einem auf den anderen Moment einen Schraubenzieher brauchen! Ich muss meine Gedanken und Ansichten gut überlegen, mich von Urteilen freimachen, meine Antipathien beobachten, in Alarmbereitschaft sein – aber nicht zu viel, denn man weiß ja, dass die Steifheit den Kindern gegen den Strich geht. Ein anderes Mal war ich in einer unbeherrschbaren Klasse – Geschrei, Gerangel, fast keine Aufmerksamkeit. Und doch haben sie sich konzentriert und wunderschöne Gedichte geschrieben, die sie mich haben lesen lassen. Aber als sie sie vor ihren Klassenkameraden laut vortragen sollten, haben sich fast alle geweigert. Das war mir noch nie passiert, also habe ich darauf bestanden, habe mich hart gestellt, insistiert. Und je mehr ich darauf bestand, desto mehr haben sie sich geweigert. Als ich frustriert nach Hause kam, las ich Gedichte von Sebastiano Aglieco, einem Dichter, der auch Lehrer ist. Und einer seiner Verse lautet so: „Ich glaube an einen Lehrer, der sich verwundbar zeigt“. Ich verstand, dass ich hassenswert gewesen war, mich im Verlangen nach einer Antwort verfangen hatte, im „es den anderen zeigen müssen“, um mich selber gut zu fühlen, um das Gefühl zu haben, meine Arbeit gemacht zu haben, anstatt zu akzeptieren, dass die Arbeit ein unsichtbarer Pakt zwischen uns ist, ein Geheimnis. Ich hatte ein gerade aufblühendes Vertrauen verraten, weil ich den Beweis der Blume wollte. So bat ich alle beim nächsten Treffen um Verzeihung, und viele der Kinder nickten mit dem Kopf – einer besonders vehement, der dazu noch zustimmend murmelte: „Eben! Eben! Eben!“.

Ich erzähle diese Dinge, um zu zeigen, dass ich mich nach einer unsichtbaren Uhr ausrichte, die es da zwischen uns gibt. Es sind nicht nur die Kinder, auch nicht nur ich, es ist das Zusammensein, das Aufeinandertreffen. Oft ist es ein Aufeinandertreffen von zwei Leiden: meines Leids als zerbrechliche Erwachsene, die eine extrem schwierige Kindheit überlebt hat, und dem Leid der Kinder, die um ihre minimalen Rechte kämpfen – inklusive dem Recht, dass ihr Leid erkannt und respektiert wird, dass es für dieses Leid Möglichkeiten, Zeit und Wörter gibt, um ihm Ausdruck zu verleihen, um es zu kommunizieren.

Ich sage ihnen oft, dass die Poesie nicht das Sagen von poetischen Dingen bedeutet, sondern dass sie uns zu überraschen vermag mit dem was wir nicht wussten, dass wir es wissen, dass wir es denken, dass wir es fühlen. Ich kenne Roma-Kinder, die von Vertreibung, vom Sterben von fast gleichaltrigen Verwandten in einem Feuer, vom Abschied von Orten und Personen erzählt haben. Kinder, die endlich von Trauer, von Verlust, von Sehnsüchten und Träumen sprechen können. Die gesamte Komplexität von Leben, die alles andere als kindlich sind. Aber ich sehe in ihnen einen solchen Willen zur Veränderung, eine Fähigkeit, sich ohne Angst dem Neuen zu stellen; eine Wachheit, die trotz allem ihre Kindheit segnet, trotz all der Schwierigkeiten, die sie in die Schule mitbringen, und das ist auch richtig so. Die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer wird oft nicht gesehen und ausreichend anerkannt. Gleichzeitig wird sie aber immer facettenreicher, verlangt nach immer mehr Kompetenz und vor allem nach einer immensen Fähigkeit zur Öffnung dem anderen gegenüber.

Die Poesie ist die nutzloseste aller Künste, und trotzdem so wichtig.

Schau, Du berührst einen Punkt…. Ich habe mich jahrelang schuldig gefühlt, Poesie zu schreiben, die Zeit dem Leeren zu widmen anstatt klare Meinungen zu vertreten, oder die Fähigkeit zu haben, präzise Positionen einzunehmen, in der Realität zu sein. Während meiner Jungendjahre war der Begriff der Realität so beschränkt und erdrückend. Heute würde ich sagen: „Welche Realität?“ Denn schließlich wissen wir inzwischen, dass es so viele Realitäten gleichzeitig gibt, und wir treffen auf immer mehr von ihnen. Zum Glück.

Vor Jahren habe ich ein Buch mit Wiegenliedern für die Welt geschrieben. Ich hatte das Bedürfnis, die Welt in den Schlaf zu wiegen, anstatt sie weiterhin anzuklagen. Da gab es indianische, albanische, afrikanische, persische, indische und schottische Wiegenlieder, eine sonderbare Geographie ohne Traditionen, alles Gedichte, die frei heraus erfunden waren. Als Vorwort für die Wiegenlieder habe ich geschrieben:

Vielleicht sind Gedichte nicht nötig für die Welt.

Aber für manchen sind die unnützen Dinge unabdingbar.

Die Poesie erscheint mir der am wenigsten fundamentalistische Weg zu sein. Sie ist ein Hindernis, vielleicht ein Scheitern der Sprache, ein Hinken. Sie ist holprig und stottert. Für mich. Ich würde diese Kleinigkeiten, die mir so einfallen, nicht in Stein meißeln wollen, nur weil ich seit genau 52 Jahren schreibe; ich habe damit begonnen, als ich 10 Jahre alt war. Ich habe nie versucht, nützliche, soziale oder politische Dinge zu schreiben. Auch keine spirituellen. Ich habe nur versucht, zu graben, nackt zu sein so wie ein Baum im Winter. Und ehrlich, so wie die Tiere. Die Sonne auf dem Pelz zu spüren und zu schnurren – und ebenso die Wörter auf der Haut zu spüren und sie zu Papier zu bringen. Zu fühlen, zu denken, und nicht gedacht zu werden, sondern über die innere und äußere Welt nachzudenken und dies zu transkribieren, ein nächtlicher Schreiberling, ein betrunkener Prophet zu sein.

In den letzten Jahren kam es, dass ich nicht nur für Kinder Seminare hielt, sondern auch in Heimen für Personen mit Aids in der Lombardei und für Obdachlose. So kam es auch zu außergewöhnlichen Begegnungen. Genau da, in dieser Not, in diesen Extremsituationen, wo die Poesie hätte erröten sollen und sich mit gesenktem Kopf zurückziehen, ist sie stattdessen in einem strahlenden Licht der Notwendigkeit explodiert. Hier war die Poesie eine Brücke, eine überstürzte Bindung. Paul Celan sagte einmal: „Ich sehe nicht den geringsten Unterschied zwischen einem Gedicht und einem Händedruck“. Ja, es ist auch eine Umarmung, ein Rettungsring zwischen Schiffbrüchigen, die Schreie und Hilferufe in Wörter umwandeln. Ich schäme mich nicht, Seminare für Erste-Hilfe-Poesie abzuhalten. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich da an manche Blicke, Wörter und auch die Stille denke. So wie das Gedicht von Alberto, der im Rollstuhl saß, fast stumm und in einem Heim für Aids-Kranke, und der mir ein Gedicht über die Welt mit fast erstickter Stimme diktierte:

Der Kirschbaum

Die Welt ist ein Kirschbaum

mit roten Blüten auch im Dunkeln

Verstehst Du? Die Blüten bleiben rot, auch im Dunkeln!

Die Unsichtbaren berühren mich noch mehr als das Unsichtbare oder das fast Unsichtbare. Einmal sagte mir eine junge philippinische Frau: „Chandra, ich bin unsichtbar“. „Aber warum, was sagst Du da?“ fragte ich sie. „Niemand würde mir in der Straßenbahn den Sitzplatz überlassen, obwohl ich abends sehr müde bin, aber sie sehen mich einfach nicht.“ Das ist das tägliche Leben der Unsichtbaren.

Angesichts der offensichtlichen Irrtümer und Schreckensszenarien in dieser Welt wächst eine neue, undogmatische, humane Spiritualität heran…

Ja, Du hast Recht und ich sehe sie gerne als eine Spiritualität des Zuhörens. Der Begriff „Spiritualität“ macht mir ein wenig Angst, weil er wiederum trennen kann, und zwar das, was spirituell ist und das, was es nicht ist. Und diese Trennungen sind absolut willkürlich, sie erwachsen aus unseren Ängsten und Vorurteilen, anstatt aus wahren Visionen. Diese unsere Zeiten sind tragisch und haben gleichzeitig keinen Sinn fürs Tragische, vielleicht weil das Leid vor allem woanders ist und uns nur streift; und weil wir uns unserem eigenen Leid nicht öffnen und es ignorieren, so wie wir die konstante Unzufriedenheit ignorieren, die Gleichgültigkeit, die Undankbarkeit gegenüber der Enormität dessen, was wir haben. Ich glaube, dass wir Praktiken brauchen, Übungen für ein Verbunden sein mit der Fülle, der Grenzenlosigkeit des Lebens. Oder auch, um sich an unsere Winzigkeit unseres Seins auf einem winzigen Planeten in einer anonymen Galaxie zu erinnern. Um uns noch mehr, im Inneren dieses fühlbaren Mysteriums, gegenseitig um uns zu kümmern und uns noch mehr auf die Suche zu begeben, nicht so sehr nach einem Sinn, denn der liegt im Bereich der Vernunft, sondern nach einem ganzheitlichen Aufnehmen dessen, was uns umgibt und was in uns ist – und das ist der Bereich des Herzens.

Ich brauche eine Praxis, die mir das Gefühl gibt, mit etwas verbunden zu sein, das ich nicht unbedingt definieren will, aber von dem ich fühle, das ich ein Teil, ein Stück davon bin und das, wenn ich mich damit verbinde, eine fundamentale Batterie in mir auflädt. Dann bin ich bereit, mich dem Menschlichen zu öffnen, in mir und außerhalb von mir.

Eine Spiritualität des Zuhörens ist ein Aufnehmen ohne Diskussionen dessen, was in uns ist und was außerhalb von uns ist, und es bedeutet in keinem Fall eine passive Akzeptanz. Das Leid aufzunehmen kann eine Bereitschaft zum Handeln bedeuten, eine Bereitschaft aktiv nein zu sagen. In diesem äußerst anstrengenden Engagement für eine Gewaltfreiheit, die bereits im Zuhören mit inbegriffen ist, und das gleichzeitig so kreativ ist, ist dies offensichtlich keine getrennte Anstrengung für sich, sondern es ist bereits im tiefen Inneren des Zuhörens in uns und im Gegenüber. Und das bedeutet nicht, Konflikten aus dem Weg zu gehen, sondern edle Regeln zu befolgen. Regeln, um uns im Konflikt zu ändern, um das, was wir fühlen und was auch der andere fühlt, zu legitimieren, um einen – wenn auch schmerzhaften – Dialog zu führen, um zu lernen, etwas zu sagen, ohne zu bestrafen, ohne zu zerstören. Ich fürchte moralische Programme, weil sie riskieren, die in den Schatten zu stellen, die sich dagegen stellen, die sich außerhalb befinden, und weil sie früher oder später explodieren. Zu oft habe ich gesehen, wie sich Güte in unumstößliche Urteile verwandelt, in Falschheit und unterschwellige Bosheiten hinter einem aufgesetzten Lächeln. Doppelte Leben, multiple Gesichter. Dem was ich vertraue, ist die Arbeit. Die konstante innere Arbeit, wie die des Bergmanns, des Arbeiters und des Bauern, weil es auch eine Unkontrollierbarkeit der Natur gibt, veränderliche, wachsende Zeiten.

Ein Weg scheint mir immer etwas zu sein, was sich häuten muss, wo ich meinen Kopf riskiere, in dem Sinn, dass Konditionierungen – geerbte und ungefilterte Ideen und Meinungen und unveränderliche verbale Konstrukte – demoliert werden, und auch die neuen Persönlichkeiten, die wir mit unserer Selbsterzählung bauen. In jedem von uns ist ein harter Kern, aus Stein, den wir Ich nennen und von dem aus wir die Welt sehen, von dem aus wir auf andere treffen, ohne uns jemals wirklich verändern zu lassen, so wie es stattdessen passieren würde, wenn es ein flüssiger oder weicher Kern wäre. Und wir fragen uns nie, mit welchen Augen wir sehen und wie viel Staub auf unseren Augen liegt. Wir brauchen Stille, um all das zu hören, was in uns keine Aufenthaltserlaubnis hat, um erst dann den anderen hören zu können. Und wir brauchen Worte, Worte des Guten, Worte die berühren, die heilen, die trösten, ja die sogar retten. Und dabei darf man nicht vergessen, dass auch der andere nicht nur menschlich ist, sondern auch animalisch, pflanzlich, der Umwelt entspringend. Es gibt keine Wahrheit außerhalb der ökologischen Vision von allem, was da ist und was wir sind. Ich denke an die unzähligen Tiere die anonym sterben, ohne dass wir wissen, wer sie waren, wie sie gelebt haben, wen sie geliebt haben, wen sie alleine lassen, wenn sie sterben. Und die Tiere, die nur geboren werden und wachsen, um getötet zu werden, Lebewesen ohne Geschichte, ohne Familie, deportiert, eingesperrt, zur Arbeit gezwungen, vernichtet.

Ich schreibe Dir hier eines meiner Gedichte, das vielleicht klarer ist als meine anstrengenden Worte, ich kann besser sprechen, indem ich schreibe oder indem ich mich von der Poesie schreiben lasse. Es ist Teil meines letzten Buches „Das Boxermädchen oder die Präzision der Liebe“:

Io è tanti Ich bin viele
e c’è chi crolla und da ist der, der zusammenbricht
e chi veglia und der, der wacht
chi innaffia i fiori der die Blumen gießt
e chi beve troppo und der zuviel trinkt
chi dà sepoltura der begräbt
e chi ruggisce. und der brüllt.
C’è un bambino estirpato Da ist ein ausgelöschtes Kind
e una danzatrice infaticabile eine unermüdliche Tänzerin
c’è massacro da ist Massaker
e ci sono ossa da sind Knochen
che tornano luce. die wieder zu Licht werden.
Qualcuno spezzetta immagini Jemand zersplittert Bilder
in un mortaio, in einem Mörser
una sarta cuce eine Schneiderin näht
un petto nuovo eine neue Brust
ampio weit
che accolga la notte, die die Nacht aufnimmt,
il piombo. das Blei.
Ci sono parole ossute Da sind knöcherige Worte
e una via del senso und ein Weg des Sinnes
e una deriva, eine Drift
c’è un postino sotto gli alberi, da ist eine Postbote unter den Bäumen
riposa er ruht sich aus
e c’è la ragione che conta und da ist die Vernunft, die zählt
i respiri die Atemzüge
e non bastano und sie reichen nicht aus
a fare tempio. um einen Tempel zu bauen.
C’è il macellaio Da ist ein Schlachthaus
e c’è un bambino disossato und da ist ein zerwirktes Kind,
c’è il coglitore da ist der Erntearbeiter
di belle nuvole von schönen Wolken
e lo scolaro und der Schüler
che nomina e non tocca, der benennt und nicht berührt,
c’è il dormiente da ist der Schlafende
e l’insonne che lo sveglia und der Schlaflose, der ihn aufweckt
a scossoni mit heftigen Stößen
con furore mit der Wut
di belva giovane einer jungen Bestie
affamata di sembianze. hungrig nach Ebenbildern.
Ci sono tutti i tu Da sind alle Dus
amati e quelli spintonati via die geliebten und die weggeschobenen,
ci sono i noi cuciti da sind unsere genähten Ichs
di lacrime e di labbra aus Tränen und aus Lippen
riconoscenti. Ci sono die erkennen. Da sind
inchini a braccia spalancate Verbeugungen und offene Arme
e maledizioni bestemmiate und gefluchte Verwünschungen
in faccia al mondo. ins Angesicht der Welt.
Ci sono tutti, tutti quanti, Da sind alle, alle zusammen,
non in fila, e nemmeno nicht in Reihe und Glied, und auch nicht
in cerchio, im Kreis,
ma mescolati come farina e acqua aber gemischt wie Mehl und Wasser
nel gesto caldo im warmen Teig
che fa il pane: aus dem Brot wird:
io è un abbraccio. Ich ist eine Umarmung.

 

Man glaubt ja allgemein, dass nur der den anderen etwas sagen kann, der sich selber von seiner eigenen Last befreit hat. Ist es hingegen vielleicht eher so, dass man gerade durch das Annähern an die anderen seine eigenen Wunden heilen kann?

Rumi, der große türkische Prophet, der um 1200 herum in Tadschikistan geboren wurde, sagt in einem seiner Gedichte:

Die Wunde ist der Punkt, an dem das Licht in dich eindringt.

Wenn wir also, anstatt unsere Wunden zu verwünschen, anstatt sie zu ignorieren und weiterzumachen wie vorher, anstatt es unbedingt schaffen zu wollen, wir uns einen Augenblick still verhalten und ihnen zuhören, sie vernehmen, sie lesen und sie sprechen lassen, dann werden wir zu Schülern der Wunden; dann werden sie sich, auch wenn es schmerzhaft ist und lange dauert, auflösen und zu Staub zerfallen. Und dann kann das Licht der Erkenntnis eindringen. Ich habe über Jahre hinweg unter dem schweren Gewicht einer unverzeihlichen Kindheit gelitten, mein Leiden hatte keinen Namen, was konnte ich schon sagen? „Ich habe meine Kindheit überlebt?“ Alle hätten gelacht, oder besser mich ausgelacht. Aber es ist so, und als ich das Leid angenommen habe und mich vom Leid orientieren ließ, habe ich es als legitim und echt empfunden. Ich habe aufgehört, es ignorieren zu wollen oder „trotzdem“ leben zu wollen, stattdessen habe ich „mit“ dem Leid gelebt, und so begann ich den Weg der Schulung und Alphabetisierung. Ich habe mir eine neue Grammatik beibringen lassen, ein Wörterbuch der Wunden. Und weißt Du, was passiert ist, seitdem ich Stück für Stück meine Wunden respektierte? Ich habe die der anderen kennengelernt. Man kann kein Stück des Weges auslassen, man kann nicht die Wunden der anderen aufnehmen, wenn man nicht die eigenen aufgenommen hat. Und man kann noch nicht einmal erwarten, geheilt zu werden, das wird nie passieren. Wir sind unsere Wunden und durch diese Wunden kommt das Licht der Erkenntnis zu uns. Und die Erkenntnis bedeutet Freude, immer. So wie wir sagen: „Es freut mich, Dich kennenzulernen“. Ja, Freude, sich selber kennenzulernen und sich neu, vibrierend und offen in die Welt zu begeben. Das Wort ist ein großes Risiko, es bringt uns aus unserem Versteck heraus und das brauchen wir so sehr. Ich treffe auf Boxer-Kinder, auf Kinder, die darum kämpfen, zu überleben, und seitdem ich mir eingestehe, dass ich es auch bin, habe ich meine schönen mir selber auferlegten Masken abgenommen und bin aus dem Spiel der Welt ausgeschieden und in das Spiel meines eigenen Lebens eingetreten: man erkrankt, man wird älter, man stirbt. Und diese drei Boten, die Krankheit, das Alter und der Tod, sind drei engelhafte Besucher. Wenn ich sie annehme und sie nicht leugne und mich nicht von der kollektiven Vision der Verneinung und der Flucht all dessen, was verletzt, erschlagen lasse, dann kommt durch unsere Wunden das Licht. Genau sie sind der Weg und die Art, durch die das Licht in uns eindringt. Am Leben zu sein, wenn man einmal geboren wird, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern man muss wieder und wieder geboren werden. Ich kann die Härte des Lebens nicht von seiner Großartigkeit trennen. Ich bin ein gesamtes Mysterium. Und davor verbeuge ich mich.

Adrienne Rich, eine amerikanische Dichterin, sagt: „Der Moment des Wandels ist die einzige Poesie“.

Und welcher Moment ist nicht auch Wandel, wenn wir wach sind? Jetzt ist jetzt ist jetzt. Genau jetzt, während ich schreibe, während Du liest. „Atme, du lebst!“, wie Thich Nhat Hanh sagt.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter