Tanzprojekt für Kinder in Uganda, um die Vielfalt zu feiern

30.04.2015 - Kampala, Uganda - Johanna Heuveling

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Italienisch verfügbar.

Tanzprojekt für Kinder in Uganda, um die Vielfalt zu feiern
Tanzen am Bunyonyi See in Uganda (Bild von Arthur Conrad Kisitu)

Interview mit Arthur Conrad Kisitu

Arthur Kisitu ist ein Künstler in Uganda, der für einige Zeit in einem Slum in Kampala gelebt hat, Katanga – Niemandsland. Als Fotograf baute er schnell Beziehungen zu seinen Nachbarn auf, vor allem zu den Kindern, und fing an, ihre Geschichten zu dokumentieren.

2013 kam er nach Berlin für ein Kunstaustauschprojekt zwischen deutschen und ugandischen Kindern, genannt Peace Matters. Zurückgekehrt nach Uganda, setzte er seine Arbeit mit den Kindern in Katanga fort, bezog nun aber auch Kinder ein, die auf dem Land lebten, oder in verdrängten Gemeinschaften. Nun hat er mit anderen ein Tanz-Austausch Programm zwischen Kindern des Katanga Slums und Kindern der Minorität des Stammes der Batwa Pygmäen, welche aus ihrem angestammten Gebiet vertrieben worden waren, entwickelt. Pressenza hat ihn über die Situation der Kinder und die Idee des Projektes interviewt.

Bitte erzähle uns, mit welchen speziellen Schwierigkeiten die Kinder in Katanga und diejenigen des Batwa Stammes zu kämpfen haben.

Die Batwa Pygmäen sind eine indigene Gruppe von Jägern und Sammlern, Waldbewohnern. Seitdem sie in den 90er Jahren aus ihrem Gebiet vertrieben wurden leben sie in Camps und ihnen wird der Zugang zu ihrer Heimat von den Behörden untersagt.

Ihre Geschichte ist eine traurige. Sie stammen aus Bakiga in Kabale. Die Gemeinschaft war gewaltsam aus den Wäldern von Kisoro und dem Berg Mufumbira vertrieben worden, wo sie als Jäger und Sammler überleben konnten. Sie machen weniger als 1% der Bevölkerung um den See Bunyonyi aus, wohin sie von der Regierung umgesiedelt worden waren.

Die Wahrnehmung von ihnen als Menschen zweiter Klasse bestimmt weiterhin ihr Leben. Die Geburten der Batwa werden nicht registriert und sie sind daher ohne legalen Status. Daher haben sie keinen Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie der Gesundheitsversorgung. Lange Zeit war es ihnen nicht erlaubt, die Häuser anderer Leute zu betreten. Man sah sie als rückständig, wertlos. In ihren Siedlungen wurden sie zu Touristenattraktionen reduziert. Bis vor kurzem gab es keine Mischehen mit ihnen. Die Batwa, die einst als Jäger und Sammler abhängig von ihrem Wald waren sind nun meist Gelegenheitsarbeiter.

Sie wollen, dass ihre Rechte anerkannt werden und fordern den gleichen Zugang zu Land, Bildung, und Gesundheitsversorgung.

Die 25 000 Bewohner des Katanga Slums leben ebenfalls in extremer Armut. Die Rate der Schulgänger ist niedrig und es gibt nur wenige Möglichkeiten, aus dem Teufelskreis der Armut herauszukommen.

Warum tanzen? Man könnte denken, es gäbe wichtigere Dinge zu tun für die Kinder, wie zur Schule zu gehen, eine Gesundheitsversorgung zu bekommen…

Nachdem ich mehr als vier Jahre im Slum verbracht hatte, fing ich an, die Gedanken vieler verschiedener Bewohner zu sammeln. Häufig beschwerten sich die Slumbewohner über die ungerechte Präsentation ihrer Geschichte in den Mainstream Medien. Aus diesem Grund fing ich an, die Leute zu interviewen und zu fotografieren.

Ich habe dabei auch gelernt, dass Menschen, selbst die in den düstersten Lebensumständen, nicht einfache „Nahrungsaufnahmemaschinen“ sind, die nur auf das nächste Essen warten. Natürlich braucht man Schulen, ein Obdach, Essen zum Überleben, aber das trägt nicht zu der emotionalen, mentalen und spirituellen Nahrung bei, welche ein ganzes menschliches Wesen ausmacht.

Einer der Aspekte, die normalerweise vernachlässigt werden, wenn man die Lebenssituation von Menschen in extremer Armut untersucht, ist Erholung [Muße, Freizeit, engl.leisure, Anm. d.Übersetzerin]. In meinem Land sind die Spielplätze, die ich als Kind kennengelernt habe, alle an kommerzielle Investoren weggegeben worden. Kinder tendieren dazu, so wie sie eben sind als Kinder, auf diesen Hunger nach Freizeit auf kreative Art zu antworten, besser als die Erwachsenen, die sich manchmal in selbstzerstörerischer Weise einer suchtmachenden Erholung hingeben.

In ihrer Unschuld können Kinder uns eine Menge beibringen. Katanga war einer der ersten Slums, welcher seinen Kinderspielplatz verlor, der an dieser Stelle von Kampala geplant war. Während die meisten Erwachsenen sich Trinkgelagen oder anderen mißbräuchlichen Arten der Freizeitgestaltung hingeben, haben sich die Kinder eine eher kreative Weise angeeignet, um ihr Bedürfnis nach spielen, tanzen und recyclen zu stillen; trotz ihrer sonstigen Herausforderungen.

Was wird passieren, wenn diese beiden an den Rand gedrängten Gemeinschaften sich treffen?

Während der Dokumentation der Katanga Geschichte bin ich manchmal den Kindern vom Slum in Kampala zurück in ihre Dörfer gefolgt, wenn sie für Weihnachten oder kulturelle Feste dorthin gingen. Bei einer Gelegenheit habe ich dabei beobachtet wie Kinder sich darum stritten, welchen Song sie spielen wollten, um dazu zu tanzen. Die aus der Stadt wollten gerne zu moderner Popmusik tanzen, während die Dorfkinder traditionelle Volksmusik und –tanz bevorzugten.

Meine Hoffnung ist es, dass wenn die Kinder sich treffen, wir sie dazu ermuntern können, sich gegenseitig die verschiedenen Tanzstile beizubringen. Nachdem sie gegenseitig den Tanz gelernt haben, wird unser Team aus professionellen Choreographen die Bewegungen miteinander verbinden zu einer harmonischen Tanzabfolge, welche die Diversität der Kulturen feiert; dort, wo das Traditionelle das Städtische trifft.

Wenn Zeit und Ressourcen es erlauben, hoffen wir, dass dieses Programm in Zukunft zu anderen Ländern und Kontinenten reisen wird als ein Zeugnis dafür, dass Tanzen eine universelle Sprache ist, die Grenzen überschreitet.

Wie kam es zu Deinem Engagement mit den Kindern in Katanga und denen des Batwa Stammes?

Katanga, früher ein grüner Gürtel, war einer der wenigen Plätze, die in den ersten Plänen der Stadt Kampala, mit einem Spielplatz ausgestattet werden sollte. Aber als die momentane Regierung an die Macht kam schenkte sie das Land, das für die Kinder bestimmt war, den Kriegsveteranen, die im „Befreiungskrieg“ gekämpft hatten.

Mit wenig Platz zum Spielen fingen die Kinder, die die Mehrheit der Slumbewohner ausmachen, an, alternative Räume zu entwickeln. In ihrer Unschuld wurde Tanzen eines der Spiele, die sie gerne spielten, um die Zeit zu verbringen und ein bißchen Vergnügen bei all den Mißlichkeiten zu haben.

Vor dem Hintergrund des ersten Katanga-Berlin Kinder-Kunst-Austausches, welchen wir 2013 realisiert haben, nachdem wir von den Erfolgen und Schwierigkeiten gelernt haben, fühlte ich mich überzeugt, dass der kulturelle Dialog, den wir interkontinental erfahren hatten, auch notwendig war, um die Kultur- und Generationenkluft zu überbrücken, welche durch interne Konflikte und gewaltsame Vertreibung zwischen den verschiedenen lokalen Gemeinschaften in Uganda entstanden war.

2014 wurde Tanzen in unser Programm aufgenommen. Ich fing ein kulturelles Austauschprogramm mit Kindern im Katanga Slum und ihren Verwandten in Kabale um den See Bunyonyi herum, an. Der Schwerpunkt liegt nun erstmal darin, auch die Kinder der Batwa Community einzubeziehen, welche von den lokalen Anwohnern in Kabale diskriminiert werden.

Der Ekizino Tanz ist eines der wenigen Dinge, das von beiden, den Bakiga (welche die Mehrheit der Bunyonyi Bevölkerung ausmachen) und den Batwa geteilt wird. Es sind die einzigen Momente, in denen die beiden Gemeinschaften sich harmonisch miteinander vereinigen, wenn sie diesen traditionellen Tanz zusammen tanzen.

Die Entfernung zwischen Kabale und Kampala beträgt ungefähr 8 Stunden Busfahrt. Dann noch eine zweistündige Fahrt im Boot auf dem Bunyonyi See, um die Batwa Gemeinschaft zu erreichen, mit der ich arbeite. Streitigkeiten über den Besitz von Land, die wegen der Wiederansiedlung existieren, stören weiterhin die Beziehungen der Batwa und der umliegenden Dörfer.

Während diese Streitigkeiten nur einen Aspekt der Herausforderungen darstellen, die existieren, hoffen wir, Musik und Tanz zu nutzen, um die Beziehungen zu reparieren, und den Stolz und den Einbezug der Batwa zu stärken. Ich sah ihre gemeinsame Leidenschaft für den Tanz als eine Möglichkeit, um sie zusammen zu bringen. Es könnte auch zukünftige Zusammenarbeiten anregen, lokal und global.

Wenn Du noch mehr über das Projekt erfahren möchtest, oder es unterstützen, dann kontaktiere Arthur Kisitu bitte direkt über Email: theportraithome@gmail.com

Kategorien: Afrika, Kultur und Medien, Nichtdiskriminierung
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