Ein streng geheimes Leben

24.01.2015 - Silvia Swinden

Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar.

Ein streng geheimes Leben
(Bild von Alan Turing, Quelle: Wikipedia)

Aus Anlass des deutschen Kinostarts des Films „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ über das Leben von Alan Turing veröffentlicht die deutschsprachige Sektion von Pressenza nun die Übersetzung eines englischen Pressenza-Artikels vom 9. Juni 2014 zum gleichen Thema, damals unter dem Titel „Computer passes the Turing Test“ (Computer besteht den Turing-Test, Übersetzung: Harald Freyer).

Alan Turing, 1912–1954, war ein britischer Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker, Informatiker und Philosoph.Er hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der Informatik. Er schuf eine Formalisierung der Konzepte „Algorithmus“ und „Berechnung“ durch seine sogenannte „Turing-Maschine“, die ein allgemeines Modell eines Computers darstellt. Turing wird weithin als der „Vater der theoretischen Informatik und der Künstlichen Intelligenz“ betrachtet.

Während des 2. Weltkriegs arbeitete Turing in Bletchey Park, dem Sitz der britischen Militärdienststelle, die erfolgreich den Code von Enigma – der Verschlüsselungsmaschine der deutschen Wehrmacht – knackte. Nach dem Krieg wirkte er am National Physical Laboratory, wo er den ACE entwarf – einen der ersten programm-gesteuerten Computer. 1948 ging er zur von Max Newman geleiteten Computerabteilung an der Universität von Manchester und war an der Entwicklung der sogenannten Manchester-Computer beteiligt. Dort begann er auch, sich für Biomathematik zu interessieren. Er schrieb eine Arbeit über die chemischen Grundlagen der Morphogenese und sagte oszillierende chemische Reaktionen heraus, die dann – wie z.B. die Belousov–Zhabotinsky-Reaktion – zum ersten Mal in den 1960-er Jahren beobachtet wurden.

Turing wurde 1952 wegen seiner Homosexualität strafrechtlich verfolgt, als diese in Großbritannien immer noch kriminalisiert war. Er akzeptierte eine Behandlung mit Östrogen-Injektionen (chemische Kastration) als Alternative zu einer Gefängnisstrafe. Turing starb 1954, 16 Tage vor seinem 42. Geburtstag, an einer Zyanid-Vergiftung. Eine Untersuchung bestimmte Selbstmord als Todesursache, während seine Mutter und einige andere glaubten, es habe sich um einen Unfall gehandelt (weitere biographische Informationen im Wikipedia-Artikel zu Alan Turing). Er wurde 2013 posthum begnadigt.

Im Jahre 1950 schrieb er seine Arbeit „Computing Machinery and Intelligence“ (Computer-Maschinen und Intelligenz), die mit folgendem Satz beginnt: „Können Maschinen denken ?“. Von dieser Frage ausgehend entwirft er den sogenannten Turing-Test, der von einem Gesellschaftsspiel inspiriert war, das als „Imitation Game“ (Nachahmungsspiel) bekannt ist, Bei diesem gehen ein Mann und eine Frau in zwei getrennte Räume und die anderen Gäste müssen versuchen, sie voneinander zu unterscheiden, in dem sie ihnen Fragen stellen, deren Antworten sie auf mit Schreibmaschine geschriebenen Blättern zurück bekommen. Bei diesem Spiel versuchen der Mann und die Frau, die anderen Gäste davon zu überzeugen, der jeweils andere zu sein.

Die Tatsache, dass Turing homosexuell war und die Notwendigkeit, dies um jedem Preis geheim halten zu müssen, da er sonst seine Sicherheitsfreigabe verloren hätte (was nach seiner Verurteilung auch passierte) sowie die Eigenheit des Spiels, dass es mit Geschlechterfragen zu tun hatte, mag eine besondere Bedeutung für ihn gehabt haben. Sein Turing-Test ist ähnlich aufgebaut: Ein Computer und ein Mensch erhalten Fragen von einem Publikum, das sie nicht sehen kann, und sie antworten beide in mit Maschine geschriebener Form. Wenn das Publikum nicht unterscheiden, wer Mensch und wer Maschine ist, wird angenommen, dass der Computer „denken“ kann.

Mitte letzten Jahres hat nun zum ersten Mal ein speziell entwickeltes Programm eine Gruppe von Testern erfolgreich hinters Licht geführt, in dem es sie glauben machte, es wäre ein 13-jähriger Jugendlicher. Noch nie zuvor hatte ein Computer-Programm den Turing-Test bestanden, auch wenn der Anteil der zu überzeugenden Fragesteller bei dem von der Universität von Reading ausgerichteten Wettbewerb nur 30% betrug. „Eugene Goostman“, so der Name des von dem Programm simulierten Teenagers, gelang es, 33% der Tester davon zu überzeugen, er wäre ein Mensch (weitere Informationen mit auch kritischen Anmerkungen hier).

Sei es, wie es sei – in jedem Fall ist die Lebensgeschichte von Alan Turing für Pressenza von Bedeutung, suchen wir doch nach Wegen, um alle Formen von Diskriminierung zu überwinden. Und man darf nicht vergessen, dass einvernehmliche Homosexualität zwischen Erwachsenen in Großbritannien erst 1967 entkriminalisiert wurde.

Dass jetzt zum ersten Mal Computer entwickelt werden, die fähig sind, einen geeignet definierten Turing-Test zu bestehen, würde Alan Turing sicher ein leises Lächeln entlocken – war doch sein Leben geprägt von der Suche nach künstlicher Intelligenz im Angesicht der menschlichen Dummheit.

Kategorien: Europa, Menschenrechte, Vielfalt, Wissenschaft und Technologie

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