Die Angst in Macht verwandeln – ein Interview mit der unbewaffneten Peacekeeperin Linda Sartor

20.10.2014 - Waging Nonviolence

Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar.

Die Angst in Macht verwandeln – ein Interview mit der unbewaffneten Peacekeeperin Linda Sartor

Stephanie Van Hook für Waging Nonviolence

Linda Sartor hat keine Angst zu sterben. Sie verbrachte zehn Jahre nach dem 11. September 2001 damit, als unbewaffnete Peacekeeperin durch Konfliktgebiete in der ganzen Welt zu reisen mit Rollen, die von beschützter Begleitung bis zu direktem Eingreifen zwischen Parteien, wenn die Spannungen hochkochen, wechselten. Sie dokumentierte ihre Arbeit in der ganzen Welt – in Israel/Palästina, Irak, Afghanistan, Sri Lanka, Iran und gerade erst in Bahrain – in ihrem neuen Buch, Turning Fear into Power: One Woman’s Journey Confronting the War on Terror (übersetzt: Die Angst in Macht verwandeln: Die Reise einer Frau, die dem Krieg gegen den Terror entgegentritt). Innerlich ruhig und geradezu übertrieben bescheiden (sie schlief freiwillig draussen für acht Jahre ihres erwachsenen Lebens), sind ihr Mut und ihre Überzeugung nicht nur erfrischend, sie sind ansteckend. Ich hatte kürzlich das Privileg, mit ihr einen Tag zu verbringen, um ihre Reisen zu diskutieren und die Art, wie sie sie geprägt haben als Individuum, sowie ihre Beziehung zur gewaltfreien Aktion.

Gibt es eine gewaltfreie Antwort auf Terrorismus?

Ich glaube, dass George W. Bush das Wort “Terrorismus” so sehr mißbraucht hat, dass es eigentlich keine richtige Bedeutung mehr hat. Wenn Protestierende der Occupy Bewegung als Terroristen dargestellt werden, dann verändert das ebenfalls die Bedeutung von Demokratie. Wenn es so etwas wie echten Terrorismus gibt, dann denke ich, ist das oft ein Aufschrei nach Hilfe als letzter Ausweg von Menschen, die schwerwiegend mißbraucht und mißhandelt werden und die keinen anderen Weg haben, um von jenen gesehen und gehört zu werden, die Gerechtigkeit in einer Situation herbeiführen könnten.  Eine gewaltlose Antwort auf Terrorismus ist alles, was mehr Gerechtigkeit in die Welt bringt, inklusive mehr Gleichheit in unserem globalen Wirtschaftssystem, damit alle Menschen ihre Bedürfnisse stillen können und niemand jemand anders für seinen eigenen wirtschaftlichen Nutzen mißbrauchen kann.

Was bedeutet Aktivismus für Dich?

Ich glaube das Wort Aktivismus bedeutet meistens, gegen etwas zu protestieren. Aber persönlich begeistert mich die Idee Gandhi’s eines konstruktiven Programmes mehr. Ich ziehe es vor, den Fokus auf das Schaffen neuer Modelle von dem, was wir wollen, zu legen, anstelle dagegen zu protestieren, was wir nicht wollen, weil ich glaube, dass, wenn wir Energie gegen etwas einsetzen, wir ihm in Wahrheit damit mehr Macht geben.

Du hast für eine Organisation gearbeitet, die konstruktive Programme aufgebaut hat. Diese ist an vorderster Front des internationalen unbewaffneten Peacekeeping, Gandhis Traum der Shanti Sena oder Friedensarmee. Kannst Du eine Geschichte erzählen, die diese Art Gewaltlosigkeit in Aktion illustriert?

Am Tag nach einem Massaker in einem christlichen Tamilischen Dorf auf einer Insel in Sri Lanka, wurden wir gewaltfreien, unbewaffneten, zivilen Peacekeeper von einem Priester begrüsst, der uns die Leichname zeigte. Die Menschen des Dorfes wollten uns alle aufgeregt erzählen, was sie in der letzten Nacht, in der die elf Menschen getötet worden waren, erlebt hatten. Jede der Geschichten bestätigte, dass die Killer zu der Sri Lanka Navy gehörten. So wie es in Sri Lanka gehandhabt wird, müssen die Leichname liegen bleiben bis der Richter sie besehen hat. Als der Richter ankam, die Strasse herunter lief, wurde er von der Navy und der Polizei begleitet. Sobald die Dorfbewohner die Gruppe kommen sahen, gingen die Frauen und Kinder schnell auf das Kirchengelände und die Männer traten neben der Strasse auf der Seite der Kirche näher zusammen. Die Spannung war greifbar.  

Ich positionierte mich auf der Seite der Männer, so dass die Navy, die Polizei und der Richter zuerst an mir vorbeiliefen und dann an den Männern. Als sie vorbeigingen lächelte ich und winkte und dies bewirkte ein totales Entwaffnen der Spannungen. In diesem Moment hatte ich ein körperliches Wissen, dass ich sicherer war, weil ich unbewaffneten war, als wenn ich bewaffnet gewesen wäre. Niemand hatte irgendeinen Grund, vor mir Angst zu haben, daher war ich persönlich nicht in Gefahr. Von diesem Morgen an bis die Dorfbewohner sich entschieden, in ein Flüchtlingscamp zu übersiedeln, konnten wir den Menschen eine schutzgebende Präsenz bieten und sie fühlten eine Sicherheit, die die Navy, welche eigentlich für ihre Sicherheit veranwortlich war, ihnen nicht geben konnte.

Du bist eine Person. Was gibt Dir Hoffnung, dass Du etwas verändern kannst?

Nach 9/11, konnte ich nicht mehr still sitzen. Ich fühlte eine Sehnsucht, aktiv zu werden, einen festeren Standpunkt einzunehmen, als ich jemals zuvor getan habe. In den zehn Jahren meines Lebens, die ich in meinem Buch beschreibe, weiß ich nicht konkret, wieviel meine Aktionen im größeren Zusammenhang bewirkten. Wie die Afghanische Friedensfreiwilligen, verbrachte ich Zeit in Afghanistan. Ich erwarte nicht unbedingt, die Veränderungen, für die ich mich einsetze, während meiner Lebenszeit zu sehen. Aber ich glaube, dass ich trotzdem an diesen Veränderungen arbeiten muss. Es ist wie die Strophe in dem Lied „The impossible dream“, welche besagt, „Und ich weiß, dass wenn ich nur standhaft bin in diesem herrliche Bestreben, mein Herz friedlich ruhen wird, wenn ich beerdigt werde; und die Welt wird besser sein.“

Auf anderer Ebene, wenn ich etwas in der Welt sehe, was ich nicht okay finde, dann glaube ich, dass wenn ich in mich schaue und etwas frage wie: “Wo ist diese Gewalt in mir?”, dann habe ich in mir einen Ort, an dem ich an der Heilung arbeiten kann. Vielleicht ist dies der einzige Ort, wo ich wirklich die Kraft habe, etwas zu verändern. Ich glaube, dass dieses kleine bißchen Heilung zu der Heilung beiträgt, die die Welt braucht.

Ich wurde inspiriert von den Worten des Poeten Clarissa Pinkola Estes, “Es ist nicht an uns, die gesamte Welt auf einmal zu reparieren, sondern uns auszustrecken, um den Teil der Welt, der in unserer Reichweite liegt, zu flicken. Jedes kleine, ruhige Ding, das eine Seele tun kann, um einer anderen Seele zu helfen, um einen Teil der armen leidenden Welt zu unterstützen, wird immens helfen…Wir wissen, dass es nicht jeden auf der Erde braucht, um Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen, sondern lediglich eine kleine entschlossene Gruppe, die nicht aufgibt.“

Dein Buch geht um die Transformation von Angst in gewaltfreie Macht. Angstlosigkeit war für Gandhi eine der Schlüsselcharakteristiken der gewaltlosen Seele oder Satyagrahi. In seiner Arbeit von 1928 „Satyagraha in Südafrika“ sagte er, „ein Satyagrahi sagt Lebewohl zur Angst.“ Was für eine Rolle spielt Angst Deiner Meinung nach bei der endlosen Fortsetzung der Gewalt in unserer Welt?

Ich sehe, dass die domierenden Mächte, welche in Kontrolle der Welt zu sein scheinen, heutzutage gedeihen durch das Schaffen und Aufrechterhalten einer Kultur der Angst. Angst ist ansteckend und durch unsere Vorstellungskraft leicht über jede Proportion hinaus aufzublasen. Ich sehe das vor allem, wenn es auf Distanz passiert. Zum Beispiel haben Menschen, die nicht in Kalifornien leben, Angst vor Erdbeben und da ich niemals einen Tornado erlebt habe, ängstigt mich das. Mir wurde klar, als ich mich für meine Reise nach Israel/Palästina vorbereitete, dass es für alle Zuhause so war, als ob ich mich permanent in Gefahr befinden würde. Aber in Wirklichkeit gab es nur ein paar Momente, welche beängstigend waren, und der Rest der Zeit war es nicht.

Wir können lernen, dass Ängste unsere Lehrer werden und wenn wir eine Angst akzeptieren oder sogar annehmen, und uns davon lehren lassen, was sie uns sagen möchte, hat sie weniger Kontrolle über uns. Es ist nicht so, dass wir jemals frei von Angst sind, es ist nur so, dass wir mit der Angst unterschiedlich umgehen können. Umso mehr ich fähig bin, mit meinen Ängsten zu leben, umso mehr Freiheit habe ich zu tun, was mein Herz mir aufträgt, und umso lebendiger fühle ich mich.

Empfiehlst Du jedem, in Konfliktgebiete zu reisen, so wie Du es getan hast?

Ich ermutige Menschen, dass sie erkennen, dass sie nicht tun müssen, was ich getan habe, sondern dass ihre eigenen Herzen einzigartige Berufungen haben, die für sie richtig sind. Ich vertraue darauf, dass wenn jeder von uns das tut, es zu Lösungen führen kann, die wir nicht finden können, wenn wir nur mit unseren Köpfen über Probleme nachdenken und aus der Perspektive, was wir bereits getan haben.

 

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