Für die Ukraine, dringend: Nein zum Krieg, wir alle sind Ukrainer!

09.05.2014 - Oleg Yasinsky

Für die Ukraine, dringend:  Nein zum Krieg, wir alle sind Ukrainer!
(Bild von Bild: Ilya Schurov | Junge Frau mit Transparent "Nein zum Krieg" )

Dieser Artikel ist auch verfügbar auf: Italienisch, Spanisch, Portugiesisch

Ein dringender Brief an mein Land, zum Unterzeichnen, Teilen und Ergänzen

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Von einem Tag zum anderen hat sich mein Land, die Ukraine, für mich in einen unbekannten Planeten verwandelt. Zuerst dachte ich, das einzige, was ich verstehe, ist die Sprache, aber später mit etwas mehr Aufmerksamkeit wurde mir klar, dass ich selbst die Sprache nicht mehr verstehe. Hinter den Wörtern stehen nicht mehr dieselben Dinge wie vorher, von denen ich naiverweise glaubte, sie seien für immer.

Jenseits der Regierung und den Kräften hinter der Macht hat sich die Ukraine verändert, weil ihre Menschen sich verändert haben. Meine Zuneigung für meine Freunde und Familie ist die gleiche wie immer, aber ich weiß nicht mehr, wie ich sie ausdrücken soll. Bis vor kurzem konnten wir über unsere politischen Differenzen lachen. Jetzt weiß ich, dass ich mit meinen engsten Freunden nicht mehr an demselben Tisch sitzen kann. Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tage solche Worte von ihnen hören würde, wie ich sie jetzt höre.

Was passiert mit uns?

Aus der Ferne betrachtet sehe ich mein Land von großen imperialistischen Raubtieren in ihrem ewigen Kampf um die geopolitische Kontrolle zerfleischt werden. Es schmerzt mich, die Ukraine in einen Kriegsschauplatz zwischen dem dekadenten und überheblichen Imperium USA/EU auf der einen und der zynischen und berechnenden Arroganz des kapitalistischen Russland auf der anderen Seite verwandelt zu sehen.

Ich weiß auch, dass die wirkliche Macht in der Ukraine, die so viel von Legitimität und Unabhängigkeit spricht, in den Händen von oligarchischen Gruppen liegt, immer verbündet mit einigen ausländischen Mächten.

Der militärische und wirtschaftliche Druck Russlands auf die Ukraine ist nicht zu rechtfertigen, genau so wenig wie der IWF-Kredit, der den Gnadenstoß für die im Sterben liegende nationale Unabhängigkeit sein wird. Die Nationalhymne und Fähnchen mit den richtigen Farben wird alles sein, was von der Unabhängigkeit bleiben wird.

In dem Konflikt in der Ukraine wirkte schon immer eine unsichtbare Hand, die die Menschen gegeneinander aufhetzte, um unsere Aufmerksamkeit und Energie von den wahren Schuldigen der Tragödie, die wir erleben, abzulenken. Den Tod säend haben sie unsere Emotionen vereinnahmt, unsere Empörung kanalisiert und uns dorthin geschupst, wo sie uns haben wollten. Der nächste Schritt ist ein Bürgerkrieg, bei dem die Menschen wie immer die Toten zu beklagen haben werden, während die Verantwortlichen mit neuen politischen Ämtern belohnt werden und die Beute ist ein geteiltes Land.

Vielleicht – während die Toten von morgen noch atmen und lachen, diesen Text ironischerweise als „naiv und unwissend bezügliche der ukrainischen Realität“ betrachten – vielleicht bleibt uns noch etwas Zeit, um etwas zu unternehmen. Trotz der schlechten Vorzeichen und den Verfälschungen der offiziellen Presse, vielleicht können wir uns dazu bringen etwas gemeinsam zu unternehmen.

Bevor wir Ukrainer, Russen, Australier, Linke, Rechte, Christen, Muslime, Atheisten, Männer, Frauen usw. sind, sind wir vor allem eins: wir sind Menschen. Niemals, unter keinem Vorwand, rechtfertigen wir das Töten oder dieses schändliche Zelebrieren des Todes.

Was sind Jahrtausende der menschlichen Zivilisation wert, wenn in diesen dunklen, prähistorischen Tagen wir den anderen physisch zerstören wollen, nur weil er anders denkt oder fühlt?

Das Schicksal der Ukraine darf nur von seinem Volk entschieden werden und nicht von den Regierungen ausländischer Mächte. Die Macht und die traditionellen politischen Parteien vor, während und nach der Regierung Janukowitsch zeigen weiterhin völlige Hilflosigkeit und Kurzsichtigkeit. Abgesehen von der Einmischung der beteiligten ausländischen Mächte hat die aktuelle ukrainische Regierung nicht mehr getan, als die Macht auf die alten und neuen Wirtschaftsgruppen zu verteilen, ohne etwas am Wesen des Systems zu ändern.

Wenn wir über Heimat und Unabhängigkeit sprechen, ist die erste und wichtigste Voraussetzung für das Erreichen dieses Ziels, die wahre Volkssouveränität, eine demokratisch gewählte Regierung und die nationale Kontrolle über die Ressourcen des Landes. Die Flaggen, Hymnen und Worte sind nebensächlich.

Rufen wir die Weisheit des Volkes an, weil an sie glauben wir aufs Tiefste. Nur von den Menschen und nicht von oben können die wahren Antworten kommen.

Der Volksaufstand gegen die Regierung von Viktor Janukowitsch war eine Rebellion gegen die Lüge, Korruption und den weit verbreiteten Zynismus der Macht durch oligarchische Gruppen. Meine ganze Bewunderung gilt den Menschen, die friedlich auf die Straße gingen. Ich bin überzeugt, dass die Menschen, die jetzt in den südöstlichen Regionen rebellieren, dies aus den gleichen Gründen tun als sie erkannten, dass die neue Macht in Kiew sie nicht vertritt.

Auf beiden Seiten der tief gespaltenen Gesellschaft gibt es bewaffnete Gruppen, die ihre Vision dem Rest des Landes mit Gewalt aufzwingen wollen. Einige bewaffnete Gruppen auf beiden Seiten haben Verbrechen begangen. Beide Seiten sind politisch und militärisch von dem russischen und westlichen Imperialismus manipuliert und weit entfernt von den Interessen des ukrainischen Volkes. Aber auf beiden Seiten des geteilten Volkes besteht die große Mehrheit aus guten und ehrlichen Menschen, die ihr Land lieben und aufrichtig verteidigen, was ihnen als richtig erscheint.

Und diese Leute, das wahre ukrainische Volk, kann aufwachen, sich vereinen und diesen Alptraum verhindern.

Ein kurze und einfaches „Nein zum Krieg!“ nützt vielleicht rein gar nichts, aber es gibt nichts Kohärenteres, Dringenderes und Wichtigeres, was wir heute sagen können.

Oleg Yasinsky
Mai 2014

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Anmerkung der Redaktion: Oleg Yasinsky ist ein ukrainischer Journalist, der seit 20 Jahren in Chile lebt.

Übersetzung aus dem Spanischen von Reto Thumiger

Kategorien: Europa, Frieden und Abrüstung, International, Meinungen
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