Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

Rückblick auf den Versuch, regenerative Landwirtschaft mit Gemeinschaftssinn am »Hof Lebensberg« zu realisieren – zwischen Idealismus, Krisenfestigkeit und dem langen Atem der Bäume.

erzählt von Ragna Tiemann, aufgeschrieben von Luisa Kleine

Wer wart ihr und wie viele?

15-20 Erwachsene und Kinder

Wann gab es euch?

2020-2024

Wie wart ihr verfasst?

GmbH

Wo wart ihr zu finden?

Obermoschel im Nordpfälzer Bergland

Von der Vision, auf dem Hof Lebensberg gemeinschaftlich zukunftsfähige Landwirtschaft zu schaffen, hörte ich zum ersten Mal 2020. Ich studierte damals Umweltwissenschaften in Lüneburg und war – wie viele andere – begeistert zu hören, dass Menschen das umsetzen wollten, worüber an der Uni alle redeten: Bodenaufbau durch Holistic Grazing, Agroforstsysteme, Gründüngung, pfluglosen Anbau, dazu ein diverser Marktgarten und eine Baumschule für essbare Pflanzen – endlich gemeinsam ins Tun kommen!

Die geplanten Schritte, das gepachtete Land umzugestalten, wirkten so offensichtlich wie notwendig für ökologischen Wandel. Vielversprechend war auch die Erfahrung, die eine Gründerin aus Brasilien mitgebracht hatte: Sie hatte bei Ernst Götsch gelernt, der dort syntropische Agroforstsysteme anlegt. Bei ersten Kennenlern- und Visionstreffen entstand eine schöne Stimmung. Mir gefiel, dass es nicht allein Menschen mit landwirtschaftlichem Hintergrund dorthin zog, sondern auch Dichterinnen, Körpertherapeuten, Soziokratie-Expertinnen, Menschen, die musikalisch und pädagogisch arbeiteten. Wir schrieben: »Unsere Vision ist es, gemeinschaftlich einen lebendigen Ort der Kooperation, Vielfalt und Fruchtbarkeit zu schaffen, der zeigt, dass ein Leben in Fülle möglich ist. Unsere Mission ist es, innovative Methoden der regenerativen Landwirtschaft anzuwenden, weiterzuentwickeln und zu verbreiten, ein resilientes, vielfältiges, schönes und produktives Ökosystem zu schaffen, Menschen mit hochwertigen und gesunden Lebensmitteln zu versorgen und die Kraft von Gemeinschaft und Kultur zu erkennen, wertzuschätzen und zu nutzen.«

Auf dem Hof entstand schon in den ersten Monaten eine starke Gemeinschaft. Wir teilten nicht nur die Arbeit, sondern auch das gemeinsame Lernen zukunftsfähiger landwirtschaftlicher Methoden – und die Sehnsucht nach Perspektiven auf das gedeihliche Zusammenwirken der Menschen und diesem ergrünenden Ort. Wir lebten gemeinsam, teilten Schlafräume und nahmen uns Zeit für Gemeinschaftsprozesse. Noch nie hatte ich ein so tiefes Gefühl von Sinnhaftigkeit – und es tat gut, im Angesicht des Klimakollaps etwas so Naheliegendes zu tun wie: Bäume pflanzen.

Nach einer der größten mir bekannten Crowdfunding-Kampagnen pflanzten wir mit den 214544 Euro Spenden 30000 Bäume und Sträucher auf 11 Hektar. Doch während wir mitten im Winter die Bäume in die Erde setzten, wurde auf dem Hof immer klarer, dass die Entscheidungen nicht gemeinschaftlich getroffen wurden. Das Paar, das den Hof gegründet hatte und durch eigene Investitionen und die Entwicklung der Vision besonders viel Verantwortung trug, erkannte zunehmend, dass ihnen eine gemeinschaftliche Betriebsführung nicht entsprach. Wir alle rangen mit unterschiedlichen Vorstellungen von Gemeinschaftlichkeit – mich hielten jedoch weiterhin Freundschaften und das sinnvolle Tun. Eine große Herausforderung war das Wasser. Der Hof liegt auf einem Berg, und die Leitung, die uns und die Pflanzen versorgen sollte, wurde von ortsansässigen Bauern, die Angst vor Bäumen auf Äckern hatten, verhindert. So mussten wir immer wieder Wasser in Tanks aus dem nächsten Dorf holen. In den Sommern dieser Jahre regnete es fast gar nicht, und es dauerte lange, bis wir einen eigenen Teich anlegen konnten, aus dem schließlich ein Teil der Baumschule bewässert wurde.

(Foto: Tobias Hoppe

Herausfordernd war auch das ständige Gefühl zeitlicher Dringlichkeit. Die kollabierenden Ökosysteme waren allgegenwärtig – jeder Baum schien zu spät gepflanzt. Vor lauter Hast schafften wir es nicht, rechtzeitig Regenrinnen anzubringen. Es blieb keine Zeit fürs Aufräumen und Reparieren. Angesichts der Klimakrise schien es wichtiger, möglichst schnell möglichst viel zu pflanzen.

Wir arbeiteten alle viel. Ständig kamen Menschen, die aus Idealismus ein paar Wochen bei diesem Mammutprojekt mithelfen wollten. Doch obwohl so viel Arbeit, Spenden, Privatdarlehen und Land eingebracht wurden, trug sich der Betrieb nicht. Der Druck, auch unter den Bedingungen des aktuellen Wirtschaftssystems zu bestehen, war enorm. Unsere Gemeinschaft wurde immer mehr zum Betrieb. Irgendwann wurden wir auch offiziell zu Angestellten und verhandelten mit der Leitung über Arbeitsverträge. Später wurde sogar ein Koch angestellt, damit wir effizienter arbeiten konnten.

In dieser turbulenten Zeit wurde ich schwanger und bekam ein Kind. Schnell wurde klar, dass wir umziehen würden – auch viele andere gingen: zwar desillusioniert und erschöpft, doch reich an Erfahrungen und Freundschaften. Auch das Gründungspaar verließ den Hof 2024. Der letzte Plan, sich an dem Ort auf die Baumschule zu konzentrieren und damit wirtschaftlich arbeiten zu können, scheiterte an der mangelnden Wasserversorgung und der schwierigen Anfahrt. Sie nahmen den Betrieb mit nach Westfalen, wo er schließlich endgültig insolvent ging.

Was bleibt, sind die Bäume. Vor kurzem ging ich über den großen Acker – dort, wo jetzt Pappeln, Eichen, Esskastanien, Nussbäume wachsen und weiterhin von jenen, die den Hof heute pachten, gepflegt werden. Ich bin gern dort, freue mich über die Vielfalt und all die Hände, die mit uns gemeinsam Zukunft gepflanzt haben. Heute denke ich, dass Ökosysteme, wie sie dort entstanden, so aufwendig zu pflegen sind, dass wir auch unsere Beziehung zum Land verändern müssten. Es können keine Flächen sein, die uns fremd bleiben und durch die nur große Maschinen preschen. Ich träume von Waldgärten, die zwar pflegeintensiv, aber so schön und vertraut sind, dass wir dort gern Zeit verbringen – pflückend, quatschend, schneidend, gemeinschaffend, eine künftige Landschaft vorausliebend.


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