Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.

Ein alter Ofen, frischer Teig und viel Gemeinsinn: In der Uckermark bringt monatliches Brotbacken Menschen aus Dorf und Stadt zusammen – zum Teilen, Lernen und Beisammensein am Feuer.

erzählt von Julia Klinh, aufgeschrieben von Luisa Kleine

Wer seid ihr und wie viele?

20-40 Menschen, die einmal monatlich gemeinsam Brot backen und essen

Seit wann gibt es euch?

2023

Wie seid ihr verfasst?

Loses Nachbarschaftstreffen

Wo seid ihr zu finden?

Greiffenberg, Uckermark

backen@pfhau.org

Greiffenberg, ein Ortsteil von Ackermünde in der Uckermark, steht beispielhaft für viele ländliche Orte in strukturschwachen Regionen: Wo vor 40 Jahren noch Geschäfte, Gasthäuser und eine Schule das Leben bestimmten, ist es heute still geworden. Viele Häuser stehen leer, das gemeinschaftliche Leben hat sichtbar nachgelassen. Doch Greiffenberg ist kein Ort ohne Zukunft – das zeigen Initiativen wie das »Delikat Greiffenberg«, die »Freie Draußenschule« oder das PFHAU, das alte Pfarrhaus unterhalb der Dorfkirche. Eine Gruppe befreundeter Menschen aus Berlin gründete eine Genossenschaft und kaufte dieses Pfarrhaus samt Grundstück (in Erbpacht) mit dem Ziel, einen Ort für Austausch, Experimente und Begegnung zu schaffen. Teil des Geländes ist auch eine alte Scheune – und in ihr: ein großer Lehmbackofen.

Ich war schon ein paar Mal dort gewesen, doch im Sommer 2022, nach meinem Ausstieg aus dem Job in einem Stadtentwicklungsbüro, war ich erschöpft und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Da kamen die Bauwochen im PFHAU wie gerufen. Statt im Büro stand ich in Shorts und Sport-BH auf der Baustelle, schippte Bauschutt, kochte große Schüsseln Pasta – und aß sie mit anderen nach dem obligatorischen Sprung in den See. Erste gemeinschaftliche Erfahrungen, die bleiben sollten: Neben den sechs Genossenschaftsmitgliedern unterstützen inzwischen 32 Kollektivmitglieder das Projekt – durch etwa 1000 Euro jährlich, aktive Mitarbeit und Programmgestaltung. Niemand lebt dauerhaft im PFHAU, doch mit dem RE3 wird fleißig aus Berlin gependelt.

Von Anfang an war klar: Der Pfarrhof soll seine Rolle als halböffentlicher Ort wieder aufnehmen und das Dorfleben bereichern. Erste Kontakte mit Nachbarsleuten gab es, aber immer wieder fragten wir uns: Wie erreichen wir auch jene, die dem Projekt noch fern oder skeptisch gegenüberstehen?

Gemeinsam gutes Brot erkunden

Als die Bäckerei an der Hauptstraße schloss, fiel ein weiterer Ort der Begegnung und Versorgung in Greiffenberg weg. Und so lag die Idee schnell auf der Hand, diese Lücke gemeinsam zu füllen. Die alte Mühle am Ortseingang wird liebevoll vom Mühlenverein betrieben und das nahe Gut Wilmersdorf baut Getreide an – was also lag näher, als neue Begegnungen rund ums Brot zu schaffen? Zu fünft, in einem kleinen Kreis aus Genossenschaft und Kollektiv, gestalteten wir einen Flyer, verteilten ihn im Dorf und luden persönlich ein. Wir hatten kein fertiges Konzept – bewusst. Es sollte gemeinsam überlegt werden, was gebacken, wie gestaltet und wie weitergemacht wird.

Eine Vielfalt an Brot entsteht einmal monatlich beim Backtreff (Foto: Leona Lynen)
Der traditionelle Lehmofensorgt für eine knackige Kruste (Foto: Leona Lynen)
Die Brote bieten Anlass für einen gemeinsamen Schmaus, zu dem Jung und Alt, Neuzugezogene und Alteingesessene leckere Köstlichkeiten mitbringen. (Foto Leona Lynen)

Der erste Abend war aufregend. Manche brachten Teiglinge mit, andere halfen dabei, die Brote in den Ofen zu schieben. Später wurden die frischen Brote angeschnitten – und daraus wurde eine üppige Abendbrot-Tafel. Brotbacken wirkt auf den ersten Blick simpel: Mehl, Wasser, Salz, Hefe oder Sauerteig. Alles vor Ort verfügbar – und doch stellten sich viele Fragen: Wie heizen wir den Ofen auf die richtige Temperatur? Wann ist der Teig reif? Wie klingt ein durchgebackenes Brot? Da uns das Fachwissen fehlte, luden wir eine Bekannte ein, die uns in die Praxis einführte. Sie brachte Focaccia, Sauerteigbrot und Porridgebrot mit. Wir lernten gemeinsam, tauschten Rezepte und Erfahrungen aus.

Der Backtreff etablierte sich schnell. Immer mehr Menschen kamen an den letzten Donnerstagen im Monat, und mit jedem Mal wuchs unsere Tafel. Dank einer Förderung konnten wir die Küche in der Scheune ausbauen und einen Ofenbauer einladen, der uns half, das Innenleben des alten Ofens zu verstehen. Sogar der pensionierte Bäcker kam vorbei – eigentlich wollte er nichts mehr mit Backen zu tun haben -, und zeigte uns durch ein Klopfen seiner erfahrenen Hände, wie gutes Brot klingen muss.

Seit über zwei Jahren wird der Ofen regelmäßig angeheizt. Zwischen 20 und 40 Menschen kommen bei den Treffen zusammen: Manche mit Teiglingen – oft zwei, eines für die Tafel, eines zum Mitnehmen. Andere bringen Salate oder Aufstriche. Was zählt ist, dass alle kommen dürfen, wie sie sind. Niemand muss etwas leisten. Im Mittelpunkt steht das Beisammensein – beim Warten am Feuer, beim Geschirrspülen oder beim Schnacken an der langen Tafel.

Backen verbindet

Neben dem offiziellen Verteiler hat sich eine zweite Signalgruppe gegründet: »Back und Schnack«. Hier werden Rezepte, Veranstaltungen und Hilfsgesuche geteilt. Und es wird längst nicht nur Brot gebacken: Im Winter haben wir Stollen in Babybadewannen geknetet, zu Ostern Zöpfe geflochten, einmal experimentierten wir mit Lauge und Brezeln – und einer Skibrille zur Sicherheit auf der Nase. Aus dem Kreis entstand eine monatliche Küfa (»Küche für alle«), bei der eine Greiffenbergerin mit helfenden Händen jeden dritten Donnerstag im Monat zum gemeinsamen Abendessen lädt. Ich selbst backe inzwischen einmal monatlich auf Bestellung – so dass es nun zweimal monatlich frisches Brot im Dorf gibt.

Wenn ich heute den Ofen anschüre, die Glut im Blick und den Teig in den Händen, dann habe ich richtig viel Spaß – und spüre die Wärme, nicht nur vom Feuer, sondern auch zwischen den Menschen. In Berlin, wo ich aktuell (noch) lebe, habe ich diese Freude am Brot nie so erlebt. Dort zerstreut sich vieles wieder, hier aber bleibt etwas. Ich habe das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der echte Begegnung zählt. Hier macht es einen Unterschied, ob ich da bin oder nicht. Und das fühlt sich gut an.

Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/