Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.
Kiefernmonokulturen im Spreewald werden zu lebendigen Allmenden – für Artenvielfalt, essbare Landschaften und eine Zukunft jenseits der Verwertungslogik.
erzählt von Shan Metz, aufgeschrieben von Luisa Kleine und Anja Marwege
Wer seid ihr und wie viele?
Ene Waldhegerin mit gelegentlicher Unterstützung von Freiwilligen
Seit wann gibt es euch?
2021
Wie seid ihr verfasst?
Verein
Wo seid ihr zu finden?
Bei Lübben im Spreewald
Stöbern im Oya-Archiv?
Shan Metz, »Wald befreien«, in: Oya-Commoniebrief 3/2024.
Stell dir vor, das Land und die Wälder gehörten keinem außer sich selbst. Stell dir vor, du kannst in den Wald gehen und Äpfel, Gemüse und Beeren ernten, weil dort nicht nur Forstpflanzen stehen, sondern alles wachsen darf, auch das, was Nahrung für Mensch und Tier trägt. Statt der trockenen Kiefernmonokultur, in der die Hitze des Sommers glüht, empfängt dich die feuchte Kühle und Vielfalt gesunder Wälder, Heimat von Tieren und Menschen. Das ist es, was hier an diesem Ort, auf diesen fünf Hektar Land entstehen soll.
Freiwald steht für freie Wälder, befreit dadurch, dass der Verein Flächen freigekauft hat. Befreit auch durch die Satzung, die besagt, dass das Land nicht mehr verkauft werden darf und dass nichts, was dort gepflanzt wird, aus wirtschaftlichen Gründen gefällt werden darf. Somit sind sie auch befreit von der ausbeuterischen Kapitallogik. So versuche ich, diesem Ort durch juristisch-bürokratische Strukturen den Schutz zu geben, den er grundsätzlich haben sollte.
Vielleicht ist es naiv, aber mir scheint das ein Weg zu sein, der aus dem zerstörerischen Kapitalismus und der Klimakatastrophe herausführen kann. Dazu bedarf es Menschen, die sich um Land kümmern, die ihre Zeit und Energie ins Pflanzen von Wäldern und Gärten stecken, in die Heilung dessen, was jahrhundertelang ausgebeutet wurde, und die wieder damit beginnen, direkt von dem Land, für das sie sorgen, zu leben.
Wir können viel darüber diskutieren, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll: Wie wir miteinander umgehen, unsere Vereinzelung überwinden und als Gemeinschaft stark werden. Sicher, das ist wichtig, haben wir doch oft verlernt, wie es geht, gemeinschaftlich zu sein und so zu entscheiden, dass alle mitbedacht werden. Dann aber fallen mir folgende Worte Bill Mollisons, des Mitbegründers der Permakultur, ein: »Den größten Wandel, den wir vollziehen müssen, ist jener vom Konsum zur Produktion. Wenn nur zehn Prozent von uns das täten, dann gäbe es genug für alle. Hier zeigt sich die Vergeblichkeit von Revolutionären, die keine Gärten haben, die ebenjenem System abhängig sind, das sie angreifen, die Worte […] statt Nahrung und Unterkunft produzieren.«
Es ist einfach, die Vision lebendig zu halten, wenn sie mich jeden Tag daran erinnert, was sie braucht. Vor meinem inneren Auge sehe ich diesen Ort, wie er vor der Zeit der absoluten Verwertungslogik aussah. Vor tausend Jahren, als dieser Teil der norddeutschen Tiefebene von Menschen fast unberührt und von Eichenwäldern bedeckt war. Der Boden bestand aus einer dicken humosen Schicht langsam verrottenden Laubs, anstatt des kargen mit Nadeln bedeckten Bodens, auf dem nichts außer ein bisschen Moos und Gras wächst, trocken und hart in der heißen Jahreszeit. Viele andere Bäume und Sträucher wuchsen dort gemeinsam mit den Eichen. Die Wälder beherbergten unzählige Tiere und die Allmenden der hier lebenden Menschen. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, aber es hilft, sich zu vergegenwärtigen, was dieses Land eigentlich sein möchte, und es dabei zu unterstützen, das wieder zu werden.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass einem Projekt, das sich dem Klima- und Naturschutz verschrieben hat, von amtlicher Seite so viel Widerstand entgegengebracht würde. Seit wir uns um das Land kümmern, legt uns das Bauamt einen Knüppel nach dem anderen in den Weg. Es fing damit an, dass wir unser kleines Hexenhäuschen, das auf der Freiwaldfläche steht, hätten abreißen sollen. Das konnten wir durch eine Petition glücklicherweise verhindern und Bestandschutz erwirken. Vor zwei Jahren hätten wir dann alles, was wir verändert hatten, rückbauen sollen, einschließlich der Totholzhecken und der Wildschutzzäune, welche die jungen Baumsetzlinge vor Wildverbiss schützen. Das hätte das Ende unseres Projekts bedeutet, da es sinnlos ist, einen Laubwald zu pflanzen, nur um ihn von Rehen auffressen zu lassen. Wir mussten einen Anwalt bezahlen, und siehe da: Die Forderungen stellten sich als haltlos heraus. Wir wissen inzwischen, dass das Bauamt in unserem Landkreis berüchtigt für seine Willkür ist. Es ist eine Verschwendung von Zeit, Kraft und Geld, wenn wir dafür kämpfen müssen, dieses Stück Land pflegen zu dürfen! Gerade, wenn es durch den ausbleibenden Regen immer schwieriger wird, die Bäume, die wir pflanzen, auch durchzubringen, wird mir zunehmend bewusst, dass wir uns in einem Wettlauf mit der Zeit befinden.
Ein Gutes hatte die Konfrontation mit dem Bauamt allerdings: Wir haben eine solidarische Baumschule gegründet, da eine Landwirtschaft baurechtlich privilegiert ist und dadurch Schutz genießt. Also ziehe ich nun Pflanzen für Klimawälder und Permakulturgärten heran. Dadurch kommt endlich auch ein bisschen Geld in den Verein, wodurch der Freiwald e.V. bald eine weitere, derzeit noch gepachtete Fläche kaufen kann.
Ein weiteres Scheitern muss ich mir eingestehen, denn ich hätte nie gedacht, dass ich die Vision allein würde umsetzen müssen. Wir waren anfangs zu mehreren gewesen, doch sich um einen Ort zu kümmern, verlangt viel Verbindlichkeit. Ich hatte immer gehofft, dass sich eine Gemeinschaft um den Freiwald herum bilden würde und wir gemeinsam dafür Sorge tragen und die Früchte genießen würden. Ab und zu, wenn gepflanzt wird, kommen Leute vorbei, und das ist schön, doch Menschen, die die Vision gemeinsam dauerhaft tragen, haben sich noch nicht gefunden. Dennoch ist es gut, dass das Land einem Verein gehört und so weiterhin Gemeingut bleibt. Für eine Person ist es viel Arbeit, eigentlich zu viel. Es ist eine Aufgabe für sich, damit einverstanden zu sein und nur das zu tun, was eine Person eben tun kann.
Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/










