Im Almanach 2026 von Oya erzählen Menschen in 21 Geschichten, wie sie vorauslieben – an Orten des guten Lebens, auf Wanderschaft, in Widerstands- und Suchbewegungen. Die Einführung dazu ist hier zu finden.
Ein Kreis von Menschen definiert miteinander neu, was es heißt, rund um die Uhr für einen anderen Menschen da zu sein. Dabei wird vor allem sehr viel gelacht.
erzählt vom Assistenzkollektiv, aufgeschrieben von Andrea Vetter
Wer seid ihr und wie viele?
15-20 Menschen, die abwechselnd 24-Stunden-Assistenz bei einer Person leisten
Seit wann gibt es euch?
April 2024
Wie seid ihr verfasst?
Selbstverwaltetes Kollektiv
Wo seid ihr zu finden?
In verschiedenen Städten in Deutschland
Wir wollen Sorge füreinander kollektiver organisieren und mit der Selbstbestimmung der Assistenz-nehmenden Person verbinden. »Assistenz« ist für uns ein Gegenkonzept zu »Pflege“. Assistenz ist die Unterstützung von Personen mit Einschränkungen im Alltag auf die Art und Weise und in dem Umfang, wie die Person selbst das braucht. Dadurch wird ihr ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Pflege hingegen ist oft bevormundend und mit vielen Auflagen verknüpft. Wir stellen die Bedürfnisse der Assistenz-nehmenden Person in den Vordergrund und versuchen, Bevormundung abzubauen. Das hat große praktische Konsequenzen, beinhaltet es doch auch, dass wir die Person unterstützen, wenn sie auf Demos gehen, an aktivistischen Camps teilnehmen, zivilen Ungehorsam leisten oder spontan auf Reisen gehen möchte.
Im Alltag sind immer nur eine oder zwei Personen gleichzeitig bei dem Menschen, den wir unterstützen. Auf Reisen haben wir herausgefunden, dass mindestens drei Leute notwendig sind. Wir versuchen in unserem Kollektiv noch über das klassische Assistenz-Konzept hinauszudenken und uns Assistenz-gebende auch gegenseitig mit einzubeziehen. Dadurch wird die Beziehung eine andere, wir begegnen uns alle auf Augenhöhe. Jeden Monat halten wir online zwei Orga-Plena und ein Emo-Plenum ab, bei dem wir über unsere Gefühle sprechen. Dazu gibt es derzeit fünf bis sieben Arbeitsgruppen mit jeweils eigenen Plena. Vierteljährlich treffen wir uns alle gemeinsam an einem Ort, einem Seminarhaus oder Projekt. Wir versuchen, unsere Prozesse und Strukturen laufend in Richtung der geteilten Vorstellungen und Wünsche weiterzuentwickeln. Und wir spinnen auch viel herum. Wir versuchen mit der nötigen Ernsthaftigkeit an die Sachen ranzugehen, pflegen aber dennoch einen lockeren, humorvollen Umgang miteinander.
Sich den gesellschaftlichen Normen nicht zu beugen, erfordert auch Geduld und Durchhaltevermögen. Dabei helfen uns wertschätzende Beziehungsweisen untereinander und auch, dass wir durch unser Tun Querverbindungen zu anderen Bewegungen schaffen, die in ihren jeweiligen Feldern die Gesellschaft verändern wollen: indem sie Geschlechterrollen und andere Hierarchieverhältnisse reflektieren und antikapitalistische, antiabelistische, antifaschistische und klimagerechte Strukturen aufbauen wollen.
Derzeit gelingt es uns noch nicht, uns allen für unsere Arbeit einen guten Lohn zu ermöglichen. Aber inwieweit können wir eine finanzielle Absicherung für alle Mitglieder gewährleisten? Eine weitere Frage, auf die wir gestoßen sind: Für wen sind wir überhaupt zugänglich? Mitarbeit bei uns ist extrem voraussetzungsreich – im Kollektiv ist etwa niemand mit Kindern -, und es braucht viel Lernbereitschaft hinsichtlich Selbstorganisation. Gerade die Entkopplung von Leistung und Bezahlung, die wir ausprobieren, wird mitunter als herausfordernd empfunden. Das haben wir jetzt ein Jahr lang ohne klare Regelungen praktiziert. Was aber immer besser klappt, ist, dass wir mehrsprachig sind und auch übersetzen können.
Wir finden laufend heraus, was Care und Sorge in kollektiver Arbeit eigentlich für uns bedeuten und wie Selbstorganisation im Sinn geteilter Verantwortung überhaupt funktionieren kann. Und so hoffen wir, im Rahmen unserer Möglichkeiten gesellschaftliche Strukturen zu verändern und auf dem Weg dorthin das Leben zumindest für die beteiligten Menschen besser, selbstbestimmter und heiterer zu machen.
Obwohl wir schon viel geschafft haben, ist die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit immer noch groß.
Die folgenden Tipps können wir aus Erfahrung teilen:
– Eine Wertschätzungskultur pflegen, die nicht nur leistungsorientiert ist
– Rotationsprinzip
– Wissen und Fähigkeiten verständlich vermitteln und gute Leitfäden entwickeln
– Kritik und Selbstkritik üben
– üben, um Hilfe zu bitten
– Realistisch einschätzen, was wir schaffen können und was nicht
– Anerkennen, dass Menschen unterschiedlich viel tun können
– Privilegien sichtbar machen und reflektieren
– Psychische Gesundheit sichtbar machen und reflektieren
– Arbeitspakete klein schnüren und delegieren
– Geduld mit uns selbst und miteinander haben
– Humor!
Der Almanach 2026 ist hier zu finden: https://lesen.oya-online.de/texte/browse/almanach/










